Niels Birbaumer: Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst.
Ullstein: Berlin 2014, 269 Seiten.

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Alles fließt, hatte schon der griechische Philosoph Heraklit (520–460 v.d.Z.) festgestellt. Wir verändern uns ständig. Wir sind nicht, wir werden. Doch besonders was Psyche und Verhalten betrifft, gestehen wir anderen die Chance, sich zu verändern, kaum zu. Kontrollieren, isolieren, wegsperren, um Ruhe zu haben, sind Antworten von Medizin und Therapie auf Menschen in besonderen Situationen, seien sie depressiv, ängstlich, aufmerksamkeitsgestört oder im Wachkoma – sie werden dadurch in ihren Zuständen „eingefroren“.

Gegen diese falschen Fixierungen wurde das Buch verfasst. Es thematisiert die „Neuroplastizität“. Es schildert Ergebnisse langjähriger Forschungen über Vorgänge im Gehirn, die dessen „fast unbegrenzte Lernbereitschaft“ belegen. Niels Birbaumer eröffnet uns einen Blick in sein Tübinger Laboratorium, in dem Hirnvorgänge untersucht werden, die beim Erlernen und beim Verlust von Selbstkontrolle bedeutsam sind. Er erforscht u. a. den Austausch von Informationen zwischen Gehirn und Maschine, damit trotz Lähmung Gliedmaßen genutzt werden können und Kommunikation mit der Umwelt möglich ist. Birbaumer will das Gehirn mit Lernprozessen, nicht mit Medikamenten heilen.

Der Autor, Professor für Psychologie und Neurobiologie, leitet an der Universität Tübingen das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie. Beim Schreiben wurde er vom Wissenschaftsjournalisten Jörg Zittlau unterstützt. Das Resultat – eine spannende Lektüre über menschliche Schicksale, ihre medizinische Betreuung sowie über mutige und humane Forschung, die unsere Lernfähigkeit belegt.

Dem Buch liegt eine spezielle „Persönlichkeitstheorie“ zugrunde: Wir haben kein Wesen, keinen unveränderlichen Charakter, keine von Anfang an festgelegte Persönlichkeit. Sie entwickelt sich in der ständigen Interaktion mit der Umwelt. Die lässt eben radikale Veränderungen zu, die wir als „komplette Veränderung der Persönlichkeit“ bezeichnen. Gerade dies, meint Niels Birbaumer, sei ein Beweis, dass es gar keine Persönlichkeit gibt.

Niels Birbaumer schildert anschaulich und einfühlsam Schicksale seiner Patienten/innen sowie die zum Teil erfolgreichen therapeutischen Methoden. Letztere zeichnen sich durch innovative, unkonventionelle und für jeden „Fall“ eigens entwickelte Formen aus, die der Autor teilweise der „Konfrontationstherapie“ zuordnet.

Unser Gehirn tut immer das, erklärt Niels Birbaumer aus langjähriger Erfahrung, was den besten Effekt vermittelt. „Unveränderlich“ in seinem Verhalten erscheint der Mensch nur dann, wenn keine Veränderungsreize auf ihn wirken. Alle Bewegung, auch Denken ist letztlich Bewegung, will Effekt. Kein Effekt, kein Handeln!

Eine wichtige Erkenntnis stellt Niels Birbaumer mit Nachdruck vor (S. 128 f.): „Das Gehirn kann sich selbst von schwersten Schäden wieder erholen, indem es sich quasi ‚neu erschafft‘, neu strukturiert und neue Verschaltungen etabliert. Das gelingt zwar nicht immer gleich gut, doch die Potentiale sind größer, als weithin vermutet wird.“

Dies ist für ihn Grund, gegen Patientenverfügungen aufzutreten, die unter ganz anderen Lebensbedingungen getroffen werden, sowie gegen nur auf Medikamenten beruhenden Behandlungen. Dem Gehirn eine Chance geben, sich neu zu strukturieren bedeutet für Birbaumer und sein Team sensibel auf ihre Patienten/innen zu reagieren und stets neue Therapien zu erproben, zu denen Berührungen, Sprechen und Aufmerksamkeit genauso gehören, wie der Einsatz bildgebender Verfahren, die Messung von Gehirnaktivitäten oder die Implantation von Sonden ins Gehirn. Ziel der Bemühungen soll es sein, dem Gehirn das Lernen zu ermöglichen. Bei Psychopathen zum Beispiel, Menschen ohne Furcht und Skrupel, sollen mithilfe von Neurofeedback die funktionsschwachen Angstareale des Gehirns aktiviert werden.

Die einzelnen Kapitel des Buches befassen sich jeweils mit einschlägigen Problemen menschlichen Verhaltens. Dazu gehören u.a. Schizophrenie, Depression, Ängste, Zwangsstörungen, ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung), Folgen von Schlaganfällen, Demenz, Parkinson, Wachkoma.

Im letzten Kapitel, „Nirwana: Gibt es ein Leben jenseits von Gier, Sucht und allem Wollen?“, beschäftigt sich der Autor mit Fragen, die uns alle betreffen: Warum wollen wir mehr, als uns und unserer Umwelt gut tut? Warum können wir (die meisten von uns) nicht aufhören, unseren Begierden und Süchten zu folgen? Wir kriegen nicht genug vom Geld, Essen, Internet, Shoppen, Alkohol, Glücksspiel oder von Zigaretten, Drogen, Schlafmitteln. Niels Birbaumer erklärt: Nicht der Moment der Befriedigung, sondern die Antizipation und die Erwartung des Lustgefühls, die dadurch ausgelösten Signale des Gehirns, bedingen Abhängigkeiten. Das bezeichnet der Psychologe als die negative Seite der großen Plastizität des Gehirns, er nennt sie Segen und Verhängnis zugleich: Das Gehirn sucht nach Effekten und Belohnungen, wobei ihm  jedes Objekt, auch wenn gefährlich und lebensfeindlich, dafür recht ist. Entwöhnung und „Lösung“ sind langfristig nur möglich, wenn die mit der Sucht assoziierten Situationen beseitigt, die Zeitabstände zwischen dem Eintreten deutlich vergrößert, nach Möglichkeit regionale Veränderungen vorgenommen und neue Beschäftigungen sowie Gewohnheiten angenommen werden. Das Gehirn muss also etwas anderes finden, das Lustgewinn bietet. Diese dafür notwendige Plastizität besitzt aber unser Gehirn. Davon ist Niels Birbaumer überzeugt.

Es liegt an uns, unseren Willen zu steuern, ihn, im Sinne Schopenhauers, meint Birbaumer, „erlöschen“ zu lassen, einen künstlerisch distanzierten Blick zu entwickeln sowie Entsagung und Mitleid zu üben. Nicht das Ziel, sondern das Aufgehen in einer Tätigkeit – ein Bild malen, wandern, bergsteigen, im Garten arbeiten – soll „die Zeit vergessen“ lassen. Der Autor stellt die Verbindung zu Locked-in-Patienten her. Diese in ihrem Körper eingeschlossenen Menschen sieht er nicht in einer katastrophalen Lage, sondern von ihrem Willen befreit: Sie sind befreit vom Getriebensein und vom Gefühl des Entzugs.

Die Wollenden dürfen Menschen, die nicht mehr wollen können, nicht „abschalten“. Sie bewegen sich nämlich offensichtlich, so die Erkenntnis des Medizinpsychologen und Humanisten Niels Birbaumer, auf ihrem eigenen uns noch zu wenig bekannten Weg zum Glück. //

Lenz, Werner (2014): Niels Birbaumer: Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst. Ullstein: Berlin 2014, 269 Seiten. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Dezember 2014, Heft 254/65. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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