Thomas Edlinger: Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik. 

Thomas Edlinger: Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik. 
Bielefeld: Bertelsmann Verlag 2015, 317 Seiten.

Kritisches Denken und Aufklärung sind Bestandteile des Selbstverständnisses gemeinnütziger Erwachsenenbildung, sowohl emanzipatorische Bildungsarbeit als auch politische Bildung oder kritische Erwachsenenbildung nehmen auf die Wichtigkeit von kritischem Denken Bezug. Ein Buch, welches ein „Unbehagen an der Kritik“ thematisiert, lässt hier aufhorchen.

Vorauszuschicken ist, dass sich Edlinger als Kulturjournalist und Kurator in seinem Kritikbegriff nicht auf Protest- und Oppositionsformen wie Revolutionen, Streiks und Ähnliches bezieht, sondern auf einen im Hochschulbereich und im Medien- und Kulturbetrieb fußenden „Kritizismus, der aus dem Geiste westlicher Aufklärung geboren ist“. Er verarbeitet dabei wohl auch seine persönliche Enttäuschung darüber, dass viele in den 1960er-Jahren hochgehaltenen Ideale nicht umgesetzt werden: „Wie konnte Kritik, die ursprünglich emanzipatorisch gemeint war, zu etwas werden, was heute als lähmendes Herrschaftswissen empfunden wird?“ lautet die Frage Edlingers.

Scheinbar nimmermüde und unglaublich informiert werden LeserInnen vom Autor mit medialen und im Wissenschaftsbetrieb auftretenden Formen fehlgeleiteter Kritik konfrontiert und diese wiederum ihrer eigenen Wirkungslosigkeit im „Realen“ gegenübergestellt: Kapitalismuskritik fällt auf staatlicher und organisatorischer Ebene dem Effizienzgedanken zum Opfer; Kunst und Kultur verzichten im Rahmen ihrer erfolgreichen Kommerzialisierung entweder auf Kritik bzw. instrumentalisieren diese als „dekorative Pseudokritik“; Lobbyisten spielen die Kritik an der Umweltverschmutzung herunter, indem wissenschaftliche Ergebnisse zum Klimawandel relativiert werden; die Verteidigung von marginalisierten Gruppen und Minoritäten verabsäumt es Unterprivilegierte zu kritisieren, auch wenn dies geboten wäre. Gründe für Letzteres ortet Edlinger in schlechtem Gewissen, Mitleid und Fürsprechertum. Die „Fehlstellungen und Szenarien des Unbehagens an der Kritik“ typisiert Edlinger zwar nicht systematisch und trennscharf, dafür aber anschaulich, tiefgründig und höchst eloquent – in bester Essay-Tradition: Der Autor identifiziert hier beispielsweise die „volkstümliche Kritik“, die nicht notwendigerweise falsch ist, sich typischerweise jedoch zwischen Paranoia und dem, was man als gesunden Menschenverstand bezeichnet, bewegt, und wie in vielen Beispielen Edlingers kommt auch hier der Medien- und Politikbetrieb ins Spiel: „In der volkstümlichen, oft impulsiven Kritik tobt sich der Überdruck der Meinungen aus. Diese werden von den Medien systematisch herausgekitzelt und der Lektüre der politischen Klasse zugeführt, die aus ihnen Programme destilliert, mit denen sie ihre Wahlzielgruppen ködern will.“ (S. 58).

Eine weitere Fehlstellung ortet der Autor in der „Hyperkritik“. Laut Edlinger ist Hyperkritik dadurch gekennzeichnet, dass sie vor lauter Unterscheiden keine Unterscheidung mehr zwischen dem macht, wozu sie sich bekennt und dem, was sie dekonstruieren will: „Mit Hyperkritik meine ich nicht eine Kritik, die sich ständig dynamisch verbessert, sondern vielmehr eine zu Überreiztheit und Selbstgerechtigkeit neigende Dynamik der Kritik. Sie wird dann problematisch, wenn sie die Verhältnismäßigkeit verliert, blind gegenüber den eigenen Motiven wird und andere Kritikansätze delegitimiert und verdrängt.“ (S. 48).

Eines von zahlreich vorgebrachten Beispielen zum Unbehagen an der Kritik findet sich im Kapitel zur „Ideologiekritik“: An der Diskussion über die Ganztagsschule macht Edlinger sichtbar, wie auch echte Kritik heutzutage nicht durchkommt: „Wer heute Ganztagsschulen in Österreich einfordert, bekommt von bürgerlichen Bildungspolitikern postwendend per Medien ausgerichtet, man soll endlich seine ideologischen Scheuklappen abnehmen und sachorientierte Vorschläge machen – als ob das Gegenteil, nämlich auf keinen Fall über Ganztagsschulen diskutieren zu wollen, seinerseits nicht sogar einen besonders eklatanten Fall von ideologischer Starrsinnigkeit darstellen würde. Doch die Sachorientiertheit ist der (selbst hochideologische) Joker, der den Ideologieverdacht heute in der Öffentlichkeit sticht.“ (S. 226 f.).

Das Buch bietet notwendige und feinsinnige Einsichten in die oft gänzlich widersprüchlichen und paradox werdenden Umgangsweisen der westlichen Welt mit Kritik. Die Sprache Edlingers ist mitunter verschlungen, sie scheint in überschäumenden Sätzen zu perlen wie bunte Brause im Wasserglas. Lässt man sich darauf ein, erfährt man Genuss und Genugtuung anhand der scharfsichtigen Erkenntnisse Edlingers. Wer nicht täglich Stunden mit Fernsehen, Kultur und Web 2.0 verbringt, erhält darüber hinaus Informationen über aktuelle Tendenzen im Medien-, Kultur- und Wissenschaftsbetrieb. Ganz bewusst verschweigt Edlinger nicht seine persönlichen Bezüge, seine Betroffenheit und Ratlosigkeit, womit er sympathisch und angreifbar bleibt. Im letzten Kapitel zum postkritischen Leben riecht es sogar nach Weisheit: „Vielleicht muss man mehr beobachten und benennen als kritisieren und dekonstruieren.“ //

Steiner, Petra H. (2015): Thomas Edlinger: Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Dezember 2015, Heft 257/66. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien

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