Die Vorteile einer umfassenden Allgemeinbildung verlieren nicht an Aktualität
Die Auffassung, dass Lernen mehr auf berufsspezifisches Wissen ausgerichtet sein soll, ist ein Missverständnis1

Wir können uns unser Leben ohne digitale Suche und das Internet nur sehr schwer vorstellen. Das trifft nicht nur auf mich zu, sondern auch auf alle anderen: Die größere Leichtigkeit, mit der wir heute einschlägige Fakten und Daten erhalten und überprüfen, hat auch das Leben der Kolumnisten und Kolumnistinnen verändert. Beim Hervorziehen von Büchern aus Bibliotheksregalen und derem Durchblättern hat es sich noch nie um eine effiziente Suchtechnik gehandelt, auch wenn sie manchmal unterhaltsam und lehrreich war. Suchaktivitäten, die früher zu stundenlangen Aufenthalten in Bibliotheken geführt haben – und nicht selten unproduktiv waren –, können nunmehr normalerweise mit ein paar Mausklicks erledigt werden.

Diese Veränderung, die innerhalb der letzten 20 Jahre seit meiner ersten Kolumne für die Financial Times stattgefunden hat, unterstreicht weitgehende Verschiebungen auf dem Gebiet des Wissens und den dazugehörigen Unterrichtsmethoden. Heutzutage ist es nicht so wichtig zu wissen, sondern wichtiger zu wissen, was gewusst wird. Der Optionenhändler muss sich nicht mit Black-Scholes-Gleichungen auskennen, doch er muss wissen, dass diese existieren und dass andere ihnen Bedeutung zumessen; die Rechtsanwältin muss sich nicht an die Urteilsbegründung der Richterin im Fall „Bloggs vs Bloggs“ erinnern, aber über jenes übergeordnete Wissen verfügen, das sie in ihrer Suche nach einschlägigen Fällen leitet.

Der Finanzexperte, der ein besseres Optionspreismodell finden möchte, oder die Richterin, die den Fall unter Anwendung von „Bloggs vs Bloggs“ entscheidet, müssen in den zukünftigen Gebieten des Wissens noch immer eine persönliche Beurteilung aller relevanten Informationen treffen. Das Schreiben von Zeitungskolumnen, das Führen von Unternehmen, das Verwalten von Vermögen und die Beratung von Klienten in Rechtsstreitigkeiten sind Aktivitäten, die vor allem nach Synthese verlangen. Die Fähigkeit, Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Informationsquellen herzustellen, ist wichtiger als die detaillierte Kenntnis einer bestimmten Quelle. Und genau diese Aufgabe hat die moderne Technik so viel einfacher gemacht.

Aus diesem Grund ist die weitverbreitete Ansicht, dass sich Bildung mehr auf die Aneignung berufsspezifischen Wissens konzentrieren sollte besonders im 21. Jahrhundert ein Missverständnis. Jene, die argumentieren, dass dem Unterrichten von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) mehr Ressourcen gewidmet werden sollten, haben recht – aber es ist nicht der springende Punkt. Es ist nämlich mehr als skandalös, dass so viele Menschen in einflussreichen Positionen – vor allem in Großbritannien und in den USA – nicht nur nicht rechnen können, sondern sich für ihre Rechenschwäche auch gar nicht schämen. Und das geschieht aus dem Grund, weil Bildung übermäßig spezialisiert ist, und nicht, weil sie nicht ausreichend berufsbezogen ist. In England ist es möglich und üblich, im Alter von 15 Jahren das Studium jeglicher wissenschaftlicher Fächer aufzugeben. Und eben dieses Wissen, dass sie aus sämtlichen mathematischen Disziplinen aussteigen können, ermöglicht es den jungen Menschen, sich schon früh nicht auf diese Fächer einzulassen.

Fareed Zakarias diesjähriges Buch zur Verteidigung einer umfassenden Allgemeinbildung – eine Tradition, die Schüler und Studierende vor ihrem ersten Abschluss mit einer Vielzahl von Fächern und Wissensansätzen in Berührung bringt – trifft den Nerv der Zeit sehr gut. Und so verhält es sich auch mit seiner Ablehnung der kulturlosen republikanischen Gouverneure (googeln Sie einfach nach Rick Scott, Rick Perry oder Patrick McCrory), die billige Lacher auf Kosten von Philosophie und Anthropologie einheimsen. Schon ein wenig Reflexionsvermögen dürfte offenbaren, dass Moral nicht einfach eine Frage von gesundem Menschenverstand oder der Lektüre heiliger Texte ist, und dass das Verständnis für andere Kulturen – oder schlicht die Akzeptanz, dass es andere Kulturen gibt – zu besseren Ergebnissen, z. B. im Irak, geführt hätte.

Es ist ein Fehler, die Grundausbildung auf berufsspezifische Fähigkeiten zu konzentrieren, die in einer sich ändernden Welt in ein paar Jahren redundant sein werden. Das Ziel sollte sein, Schüler und Studierende so auszubilden, dass sie ihre Berufe als bereichernd und ihre Leben als erfüllend genießen können – in einer Zukunft, deren Anforderungen wir weder erahnen noch voraussagen können. In 20 Jahren werden wir das Black-Scholes-Modell wahrscheinlich nicht verwenden, geschweige denn auf den Fall „Bloggs vs Bloggs“ verweisen. Aber die Fähigkeiten, kritisch zu denken, Zahlen einzuschätzen, Prosa zu verfassen und sorgfältig zu beobachten – Fähigkeiten, die Bildung entwickeln kann und soll – werden noch genauso nützlich sein, wie sie es heute sind. //

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1  Quelle: Kay, John (2015): The benefits of a liberal education do not go out of date, Financial Times/FT.com, August 26. Unter Lizenz der Financial Times verwendet. Alle Rechte vorbehalten.

Der Verband Österreichischer Volkshochschulen ist allein für die Bereitstellung dieser Übersetzung des Originalartikels verantwortlich und The Financial Times Limited übernimmt keinerlei Haftung für die Richtigkeit oder Qualität der Übersetzung.

Übersetzung aus dem Englischen von Andrea Kraus, Graz.

Kay, John (2016): Die Vorteile einer umfassenden Allgemeinbildung verlieren nicht an Aktualität. Die Auffassung, dass Lernen mehr auf berufsspezifisches Wissen ausgerichtet sein soll, ist ein Missverständnis. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. April 2016, Heft 258/67. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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