Grundbildung für jugendliche Flüchtlinge in der Volkshochschule: Zweiter Start ins Leben

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Foto: VHS/Bitsche

Freitag Vormittag am Beginn des Jahres 2017 in der Innsbrucker Volkshochschule am Marktgraben: Seit einigen Monaten gehören sie zum gewohnten Bild, jene jugendlichen Burschen mit dunklerem Teint, die darauf warten, dass endlich ihr Unterricht losgeht in der „großen Schule“, wie sie das Volkshochschul-Haus nennen. Normalerweise überbrücken sie die Wartezeit, indem sie sich einen Tee zubereiten, ihr Mobiltelefon studieren oder eine Zeitung durchblättern. Doch heute ist alles anders. Heute stehen sie in kleinen Gruppen beisammen, gestikulieren und reden lebhaft aufeinander ein. Dabei werfen sie den einen oder anderen selbstbewussten oder auch zweifelnden Blick auf die Schikleidung, die für sie bereitliegt. Heute ist nämlich Rodeln angesagt, für viele eine nur dem Hörensagen nach bekannte Beschäftigung, die sie nun erstmals selbst ausprobieren dürfen. Auch das hat einen festen Platz im Projekt: lernen, wie man bei uns in Österreich lebt und was man in einem Tiroler Alltag so macht.

Mittlerweile besuchen 15- bis 19-jährige Flüchtlinge, die nie richtig lesen, schreiben und rechnen gelernt haben, in vier Gruppen zu je zehn bis vierzehn Jugendlichen täglich einen für sie maßgeschneiderten Unterricht an der Volkshochschule. Begonnen hatte alles im März vergangenen Jahres, als die Volkshochschule zum ersten Mal mit der Notwendigkeit konfrontiert wurde, einen derartigen Lehrgang einzurichten. Die dafür notwendigen Gelder stellte das Bildungsministerium bereit. So konnte bereits einen Monat später die erste Gruppe starten. Vormittags findet der Unterricht großteils in Räumen des Innsbrucker Jesuitenkollegs statt, am Nachmittag werden volkshochschuleigene Unterrichtsräume verwendet.

Auf dem Lehrplan steht vorwiegend Deutsch, Lesen, Schreiben, Rechnen und der richtige Umgang mit dem Computer. Aber auch kreative Bildung und wie man sich in Tirol verhält, welche Chancen es bei uns gibt, werden vermittelt, etwa im Rahmen einer Exkursion zum Berufsinformationszentrum des AMS. Durch Letzteres bekommen die Jugendlichen mögliche Ziele aufgezeigt, die ihnen vor Augen führen, wohin ihr Weg führen kann und was sie alles erreichen können. Die Jugendlichen sind mit großer Motivation und, wie es scheint, viel Freude bei der Sache – und sie lernen schnell. Dabei ist zu Beginn eines Kurses nicht unbedingt allen die Bedeutung der vorgegebenen Inhalte klar. Dass es wichtig und richtig ist, möglichst schnell Deutsch, Lesen und Schreiben zu lernen, das steht noch außer Frage. Dass man wertvolle Unterrichtszeit, in der man ja auch weiter an den Deutschkenntnissen arbeiten könnte, für das Rechnen lernen aufwenden soll, muss zumindest erklärt werden. Fast ausschließlich skeptische Minen waren die Reaktion auf den Beginn der ersten Stunde zur bildenden Kunst. Doch mit viel Einfühlungsvermögen, Konsequenz und dem einen oder anderen Museumsbesuch konnten die Lehrpersonen auch hier Zweifel hinsichtlich der Bedeutung kreativer Bildung für die persönliche Entwicklung rasch ausräumen. Mittlerweile beschäftigen sich die Jugendlichen einer Lehrgruppe mit dem Thema „Perspektive“.

Fleiß, Motivation und das Bewusstsein um die Bedeutung von Bildung prägen die Haltung fast aller Teilnehmer an diesem speziellen Grundbildungsprojekt. Sie wissen, dass Einsatz und ernsthaftes Arbeiten gefragt sind. Denn bei Weitem nicht alle, die möchten, können kurzfristig einen Grundbildungsplatz ergattern, der ihnen weitere Perspektiven wie beispielsweise den Beginn in einem Lehrberuf eröffnet. Sie wissen aber auch, dass Halbherzigkeiten nicht geduldet werden. Wer beispielsweise trotz Ermahnung mehrmals unentschuldigt und ohne triftigen Grund fehlt, muss seinen Platz für einen anderen freimachen, was erfreulicherweise nur selten notwendig ist. Umgekehrt erfüllt es alle Beteiligten mit Stolz, wenn eine Deutschprüfung gut bestanden wird, was immer häufiger vorkommt.

An diesem Freitag werden viele der jugendlichen Grundbildungsteilnehmer nach dem ungewohnten, körperlich anstrengenden Rodelerlebnis ziemlich erschöpft sein, wenn sie am Abend in ihren Unterkünften ankommen. Vor allem diejenigen, die im Ober- und Unterland oder auch im Bezirk Außerfern wohnen, nehmen mitunter beachtliche Fahrstrecken auf sich. Doch auch wenn an diesem Tag kein „normaler“ Unterricht mit Lese-, Schreib- und Rechentraining stattgefunden hat, lehrreich war er allemal: Denn einmal mehr haben die Jugendlichen dazugelernt, wie das Leben in Tirol abläuft, weshalb es sich lohnt, an sich zu arbeiten, unsere Kultur, unsere Werte und unsere Lebensweise zu begreifen und sich anzueignen und letztendlich Teil unserer Gesellschaft zu werden. Gelungene Integration ist weder von heute auf morgen noch ohne den Einsatz der nötigen Mittel möglich. Wenn man aber bereit ist, Zeit und Geld sowie – auf allen Seiten – die richtige Motivation aufzubringen, zeigt gerade die Grundbildung für jugendlich Flüchtlinge, dass gelungene Integrationsarbeit durch Bildung wesentlich zur Entwicklung der jungen Menschen beiträgt und somit viele Gewinner hat: die Wirtschaft, die junge Arbeitskräfte gewinnt, die Gesellschaft, die neue, gut integrierte Mitglieder gewinnt, und schließlich die jungen Flüchtlinge, die völlig neue Lebensperspektiven gewinnen. //

Zecha, Ronald (2017): Grundbildung für jugendliche Flüchtlinge in der Volkshochschule: Zweiter Start ins Leben. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Juni 2017, Heft 261/68. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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