„Unter‘m Führer hätt‘s des net geb‘n!“ – Politische Bildung in der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB)

„A g’sunde Watschn hat noch keinem geschadet!“, „Frauenhäuser zerstören Familien!“, „Unter‘m Führer hätt‘s des net geb‘n!“ – Stammtischparolen wie diese waren Thema beim zweitägigen Argumentationstraining für MultiplikatorInnen in der Wiener Volkshochschule (VHS) Ottakring im März 2017. Regelmäßig bietet die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) die Gelegenheit, sich in diesem „Train the trainer“-Seminar mit Totschlagargumenten auseinanderzusetzen: Wie lässt sich mit solchen Aussagen umgehen? Ignorieren, mit Humor nehmen oder zurückreden? Während eines solchen Trainings werden Argumente, auf die man sonst nur schwer eine Antwort findet, gesammelt und von den Teilnehmenden auf Stichhaltigkeit geprüft. In mehreren Rollenspielen können verschiedene Kommunikationsstrategien ausprobiert werden: Womit erreiche ich meine GesprächspartnerInnen am ehesten? Durch Konfrontation, interessiertes Nachfragen oder doch eher mit Fakten und Statistiken? Auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge werden dabei zum Thema. Ausgerüstet mit neuen Argumenten und Strategien steht man der nächsten Stammtischparole nicht mehr ganz so unvorbereitet gegenüber.

Die konkrete Bereitschaft für demokratisches Denken und Handeln anregen, ähnlich wie in einem Argumentationstraining, ist ein zentrales Element der Demokratiebildung. Demokratie soll nicht bloß ein Lippenbekenntnis sein, sondern erfahrbar werden. In dem Buch „Demokratie Lernen“ entwirft Gerhard Himmelmann, der an der Technischen Universität Braunschweig lehrt, eine neue Perspektive für die politische Bildung, indem er fordert, dass diese lebensnah und niederschwellig sein soll, quasi „Lernen als Erleben“: „In der Weckung der Motivation, der Bereitschaft und des aktiven Engagements, in denen dann auch die vielen praktisch-instrumentellen Fähigkeiten, die ‚demokratischen Handlungskompetenzen‘, erprobt, experimentell getestet und durch konkrete Erfahrung interaktiv gelernt und kooperativ gefestigt werden können, darin sehe ich die wohl wichtigste Aufgabe eines Demokratie-Lernens“1.

Andererseits gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, ob Demokratie-Lernen alleine ausreichend sei und das Feld der politischen Bildung nicht breiter sein müsse. Sollten nicht auch andere Staatsformen reflektiert werden, wie die Demokratie an sich? So warnt der Politologe Colin Crouch beispielsweise in seinem Buch „Postdemokratie“ vor einem „Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, […] in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben.“2

Um sich in Debatten wie dieser zurechtzufinden, bietet die ÖGPB als Grundkurs der politischen Bildung die Weiterbildung „Basics – Inhalte und Methoden der politischen Erwachsenenbildung“ an. Bildungsangebote für MultiplikatorInnen („train the trainer“) wie dieses gehören neben Projektförderungen zu den Hauptaufgaben der ÖGPB. Weitere Workshopangebote sind „Politische Basisbildung“ und „In Gleichheit verschieden – politische Erwachsenenbildung und Pluralität“. 2016 wurde auch eine Serie an „Lernvideos zu politischen Systemen und zum politischen Basiswissen“ begonnen, mit Folgen zu „Politik in Österreich“ und „Wahlen in Österreich“, die TrainerInnen und Interessierten online zur Verfügung stehen.3

Der Workshop „Flucht und Asyl: aus der Perspektive der politischen Erwachsenenbildung“ ist aufgrund der Aktualität des Themas entwickelt worden und wurde 2016 das erste Mal von ReferentInnen der Asylkoordination und von BAOBAB durchgeführt. Der Workshop zu Flucht und Asyl fand unter anderem an der Wiener VHS Mariahilf mit MultiplikatorInnen statt, die sich an zwei Tagen mit der Vermittlung dieses Themas beschäftigten. Es gab eine inhaltliche Auffrischung zu aktuellen Zahlen und Fakten sowie zur Entwicklung von Fluchtbewegungen und rechtlichen Fragestellungen. Im Bereich Methodik wurde u.a. ein Quiz zum Thema Flucht und Asyl vorgestellt sowie die „Stationen einer Flucht“ im Rollenspiel nachempfunden und die Teilnehmenden in die Lage eines Flüchtenden versetzt. Dabei kamen viele Fragen auf, die im anschließend stattgefundenen „Zeitzeugengespräch“ mit einem Jugendlichen aus Afghanistan näher erläutert wurden. Dieser berichtete von seiner eigenen Fluchterfahrung, was von vielen Teilnehmenden als besonders eindrücklich empfunden wurde.

Neben den eigenen Bildungsangeboten unterstützt die ÖGPB im Rahmen der Projektförderung jedes Jahr etwa 150 Projekte der Erwachsenenbildung anderer Bildungseinrichtungen und NGOs mit bis zu 4.500 Euro pro Projekt. Die Förderungen werden je zur Hälfte finanziert vom Bundesministerium für Bildung und von den Mitgliedsbundesländern der ÖGPB: Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg. Bevorzugt berücksichtigt werden Projektanträge zu den fünf jährlichen Schwerpunktthemen. Für den Projektzeitraum August 2017 bis August 2018 sind das beispielsweise Populismus, Religion & Frauen, das Internet als politischer Ort, das politische Erbe Europas im europäischen Jahr des Kulturerbes und die „8er-Jahre“ als Gedenkjahre.

Die ÖGPB fördert generell ein breites Themenspektrum der politischen Bildung, hat aber immer wieder Schwerpunkte, die sich mit Themen rund um Demokratie auseinandersetzen wie beispielsweise „Autoritäre Tendenzen in Demokratien“ (2016), „Direkte Demokratie und politische Partizipation – Chancen und Gefahren“ (2014) oder „Postdemokratie und soziale Gerechtigkeit: Kritische Fragen nach Demokratie heute“ (2013). Im Folgenden wird eine subjektive Auswahl an Projekten vorgestellt, die diesen Themenkreis berühren und zum Teil über die ÖGPB finanziert wurden.

Ein regelmäßiges und breites Angebot in Richtung Demokratiebildung bietet beispielsweise der Verein SOS Menschenrechte in Linz. 2015 führte er mehr als 200 Workshops durch unter Titeln wie „Demokratie. Menschenrechte ermöglichen“ oder „Rechtsextremismus. Menschenrechte verteidigen“. Methodisch bietet der Verein unter anderem Interviews mit ZeitzeugInnen, Rollenspiele oder auch ein Planspiel. 2015 organisierte SOS Menschenrechte in der VHS Linz im Wissensturm auch die Fotoausstellung „Armut bekämpfen, nicht die Armen!“ Diese wurde von einer Vortragsreihe flankiert, bei der unter anderem die Situation der Roma und Sinti in Österreich beleuchtet wurde.

„wEBtalk: Demokratie lernen“  hieß eine Veranstaltung des Vereins CONEDU im November 2016, die, im Gegensatz zur Mehrheit der sonstigen Projekte, online abgehalten wurde. Eingeladene Fachleute diskutierten in einer 40-minütigen Videokonferenz miteinander und vertieften Themen wie Postdemokratie, Globalisierung und politische Bildung. Interessierte konnten sich in diese Diskussion kostenlos einloggen, diese mitverfolgen und sich selbst per Chat einbringen.

„Wie kann man eine Welt schaffen, die für alle funktioniert?“ – Das „Demokratie-Repaircafé“ in Waidhofen an der Thaya widmete sich neuen Formen von Wahlsystemen und demokratischen Lösungsfindungsmodellen. Als Ziel wurde „das gute Leben“ diskutiert, sowie Möglichkeiten, dieses zu erreichen: demokratische Prozesse auch jenseits der etablierten Institutionen sowie regionale Beteiligungsinitiativen wie BürgerInnenkonvente in Island und BürgerInnenräte in Irland und Vorarlberg.

Neue demokratische Ansätze wurden auch beim Elevate Festival in Graz behandelt. Bei Titeln wie „Klima.Krise.Kapitalismus“ und „Creative Response“ verschmolzen methodisch unkonventionell Kunst und politische Fragestellungen zu Klimawandel und Migration miteinander. In der Reihe „elevate the campus“ stand neben Diskussionsrunden und einer Filmvorführung auch eine Simulation der UNO-Klimaverhandlungen auf dem Programm, die einem internationale Politik nachempfinden ließ.

Unter dem Motto „Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen“ widmete sich der Verein JUKUS der Frage, welche Stellung MigrantInnen in einer Demokratie haben. Ihre Wanderausstellung „Avusturya! – Eine Dokumentation über 50 Jahre türkische Migration nach Österreich“ machte unter anderem in Graz und Innsbruck halt. Im Rahmenprogramm kamen ZeitzeugInnen wie Faslı Aktaş zu Wort. Dieser übersiedelte in den 1960er- Jahren von der Türkei nach Österreich und arbeitete zunächst im Straßenbau. Er gewährte praktische Einblicke in Wohn-, Arbeits- und allgemeine Lebensverhältnisse dieser Zeit und berichtete unter anderem: „Wir sind 1964 in einer Gruppe angekommen. Es war die bis dahin größte mit 1.000 Personen! Aber niemand – auch nicht das Konsulat – hat sich um uns gekümmert. Wir hatten keine Rechte.“ Die Facetten der türkisch-österreichischen Migrationsgeschichte wurden in der Ausstellung mithilfe von Interviews und Fotoporträts, aber auch mit Zitaten und Witzen aufgearbeitet. Ergänzt wurde die Ausstellung durch eine Buchpräsentation, Stadtrundgänge und eine Podiumsdiskussion, bei der es auch um den Umgang Österreichs mit Arbeitsmigration und um mögliche neue Einwanderungskonzepte ging.

Für WählerInnen in vielen westlichen Ländern werden autoritäre Kräfte in den letzten Jahren immer attraktiver. Diese locken mit starken Führungsfiguren und bieten vermeintlich einfache Antworten für komplexe Probleme. Demokratische Grundsätze wie unabhängige Gerichte und die Pressefreiheit werden zunehmend infrage gestellt. Für die politische Bildung bleibt also genug zu tun. Gemeinsam mit den ProjektpartnerInnen trägt die ÖGPB auch in den kommenden Jahren gerne dazu bei, Politik erfahrbar zu machen und zu ergründen, warum sich demokratische Institutionen lohnen. //

1   Himmelmann, Gerhard (2007): Demokratische Handlungskompetenz. „Standards für Mündigkeit“. In: Wolfgang Beutel, Peter Fauser (Hrsg.), Demokratiepädagogik. Lernen für die Zivilgesellschaft (S. 44). Schwalbach/Ts.: Wochenschauverlag. (Reihe Politik und Bildung. Bd. 43).

2   Crouch, Colin (2008): Postdemokratie (S. 10). Frankfurt a. Main: Suhrkamp .

3   Siehe: https://www.politischebildung.at/index.php?detail=81425 [9.7.2017].

4   Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=7lvAECWPjgw [9.7.2017].

Hübener, Tim (2017): „Unter‘m Führer hätt‘s des net geb‘n!“ – Politische Bildung in der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Juni 2017, Heft 261/68. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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