Weiterbildung als Wachstums- und Innovationstreiber

Schaut man auf den Mainstream der ökonomischen bzw. wissenschaftlichen pädagogischen Literatur, dann haben sich in den letzten Jahren folgende Erkenntnisse durchgesetzt und erheblichen Einfluss auf die Bildungspolitik genommen: Zum einen ist die frühkindliche Bildung als zentraler Anker der Bildungsbiografie identifiziert worden. Der in den letzten zehn Jahren in Deutschland vorangetriebene Ausbau des Kita-Systems wurde jedoch interessanterweise nicht so sehr durch die Bedeutung der frühkindlichen Bildung für den Lebensverlauf, sondern die Verfügbarkeit der Mütter für den Arbeitsmarkt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf begründet. Die Behauptung, dass frühkindliche Bildung die höchsten Erträge aller Bildungsbereiche einbringt, trifft zudem nur zu, wenn unterstellt wird, dass die Kosten in allen Bildungsphasen gleichhoch sind. Letzteres ist aber nicht der Fall: spätere Bildungsphasen sind i.d.R. mit deutlich geringeren Kosten als die frühkindliche Bildung verbunden. Und noch viel wichtiger: Frühkindliche Investitionen führen nur dann zur voller Blüte, wenn auch die nachfolgenden Phasen durchgängig von hoher Qualität sind – das ist aber vielfach nicht der Fall. Und zu guter Letzt sind die Bildungserträge von Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien besonders hoch, sodass eigentlich sie im Fokus stehen müssten, was aber nicht der Fall ist.

Zum anderen determiniert, neueren Studien zufolge, die Qualität schulischer Allgemeinbildung das Wirtschaftswachstum (siehe etwa Hanushek & Woessmanns: „The Capital of Knowledge“). Danach haben Länder, in denen die SchülerInnen besser bei internationalen Leistungsvergleichen abgeschnitten haben ein höheres Wirtschaftswachstum als Länder mit schlechteren Bildungsleistungen. Die folgende Grafik fasst das zentrale Ergebnis zusammen:

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Auch wenn beide Phasen der Grundbildung zweifellos wesentliche Bausteine und zentrale Weichenstellungen für die nachfolgenden Bildungsphasen und den Lebensverlauf darstellen, liegt die Vermutung nahe, dass ihre volkswirtschaftliche Bedeutung für Wachstum und Innovation überschätzt wird und damit der nahezu ausschließliche Fokus auf die frühen Bildungsphasen – und insbesondere die Vernachlässigung der Weiterbildung – sachlich nicht gerechtfertigt ist.

Warum ist der Blick auf die früheren Bildungsphasen verkürzt?

Erhebliche Zweifel an der übergreifenden These, dass es insbesondere die frühen Bildungsphasen sind, die wirtschaftlich bedeutsam sind, werden geweckt, wenn man sich die Kompetenzentwicklung des Geburtsjahrgangs 1985 zwischen PISA 2000 und PIAAC 2012 anschaut. PISA und PIAAC sind internationale Vergleichsstudien, die das Ziel verfolgen, die zentralen Kompetenzen von 15-jährigen SchülerInnen bzw. der erwachsenen Bevölkerung zu erheben. An diesen beiden genannten Studien haben die 1985 Geborenen als 15- bzw. 27-Jährige teilgenommen. Die folgende Abbildung zeigt, wie die Länder, die an beiden Studien teilgenommen haben, im Verhältnis zum internationalen Durchschnitt abschneiden; sie sind jeweils entsprechend der Rangfolge sortiert.

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Das durchschnittliche Kompetenzniveau verändert sich zwischen dem 15. und 27-. Lebensjahr

Die Pfeile zeigen, wie sich die Position bzw. der Abstand der Länder zum internationalen Durchschnitt zwischen den beiden Erhebungen verändert hat. Da einige Pfeile nach oben und andere nach unten weisen, wird deutlich, dass sich die durchschnittlichen Kompetenzen der 1985 Geborenen in diesen Ländern innerhalb von zwölf Jahren erheblich – im Verhältnis zum internationalen Durchschnitt – verändert haben. Nur Japan und Finnland gehören weiterhin zur Spitzengruppe, allerdings vergrößert sich der Abstand von Finnland zum Durchschnitt, während sich der Abstand für Japan leicht verringert. Bei allen anderen Ländern, die bei Pisa 2000 noch zur Spitzengruppe zählten, hat sich der Abstand zum internationalen Durchschnitt erheblich verringert. Dies gilt z. B. auch für ein Land wie Korea, dessen extrem positive Entwicklung in Bildung und Wirtschaft eine der großen „success stories“ ist und bei der die Qualifizierung der Bevölkerung eine ganz zentrale Rolle gespielt hat.

Warum verschieben sich die Kompetenzniveaus derart stark?

Die Veränderungen verweisen übergreifend auf ein systematisches Muster: Die Werte der anglo-amerikanischen Länder (USA, Australien, Kanada, Großbritannien, Irland) verschlechtern sich deutlich, während sich die Werte der nord- und westeuropäischen Länder (Schweden, Dänemark, Tschechien, Österreich und Deutschland) verbessern sich beträchtlich. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass das (weitgehende) Fehlen einer wesentlichen Qualifizierungsstufe jenseits der Universitäten hier ein zentraler Faktor ist. Umgekehrt spielt die Existenz umfassenderer Bildungskonzepte – und mit Blick auf Deutschland und Österreich insbesondere die duale Berufsausbildung – eine ganz wichtige Rolle bei der Verbesserung der Kompetenzen im internationalen Vergleich. Während sich die anglo-amerikanischen Länder fast ausschließlich auf die leistungsstärkeren Jugendlichen konzentrieren und die anderen vernachlässigen, bieten die umfassenderen Konzepte bzw. Systemstrukturen der europäischen Länder einem deutlich größeren Anteil an Jugendlichen eine Qualifizierungschance.
Dabei soll nicht übersehen werden, dass die Berufsausbildung sich nicht nur an leistungsschwächere Jugendliche richtet, sondern in gleichem Maße auch stärkere Schulabgänger adressiert. Bereits im Rahmen von Analysen der PISA-Ergebnisse zeigte sich, dass eine zu starke Leistungsstreuung guten Durchschnittswerten abträglich ist – die große Diskrepanz ist ein wesentlicher Faktor, warum Deutschland bei den Pisa-Studien – und letztlich auch bei PIAAC – nur im Mittelfeld abschneidet.

Im Ergebnis legen diese Ausführungen somit nahe, dass die frühkindliche und schulische Allgemeinbildung zwar wichtige Grundlagen für individuelle Bildungswege bieten, es aber unwahrscheinlich ist, dass sie von derart zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Volkswirtschaften sind. Schließlich würde dies zugespitzt bedeuten, dass die ersten fünfzehn Jahre relevanter sind als die nachfolgenden vierzig bis fünfzig. Dies ist auch angesichts der sich rapide verändernden Umweltfaktoren, wie etwa die Digitalisierung, unplausibel.

Dies wirft jedoch die Frage auf: Was determiniert wirtschaftliche Entwicklung und Innovation?

Der Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg: Lernen am Arbeitsplatz und Weiterbildung

Das FiBS hat in den vergangenen Jahren verschiedene Studien durchgeführt, die sich mit der Frage beschäftigten, welche Rolle Weiterbildung und das Lernen am Arbeitsplatz für die volks- und regionalwirtschaftliche Entwicklung spielen. Ausgangspunkt war dabei eine Studie, die wir zusammen mit VDIVDE-IT für die europäische Berufsbildungsagentur CEDEFOP erstellt haben und die zwischenzeitlich unter dem Titel „Learning and Innovation in Enterprises“ erschienen ist.

Im Rahmen der Studie stießen wir auf eine Studie der OECD, die zu dem Ergebnis kann, dass Ländern, in denen „deskretionäres Lernen“ am Arbeitsplatz vorherrscht, wesentlich innovativer sind als Länder, in denen andere Arbeitsformen vorherrschen. Demgegenüber sind alle anderen Arbeitsformen, wie Lean Management oder Taylorismus eher innovationsfeindlich.

Wir haben diese Analysen mit anderen, neueren Daten wiederholt und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Danach sind die Länder innovativer, in denen ein größerer Anteil der Arbeitsplätze lernfreundlich ist. Unternehmen haben es somit selbst in der Hand, ob sie innovativer sind oder nicht. Ein Arbeitsplatz wirkt dann innovationsfreundlich, wenn er sich durch komplexe und unterschiedliche Anforderungen auszeichnet. Wer immer die selbe Tätigkeit verrichtet, wird nicht gefordert, sondern kann sie irgendwann „im Schlaf“ verrichten. Wer mehrere Dinge gleichzeitig tut, wird immer wieder neu gefordert und muss sich immer wieder neuen Aufgaben stellen – und lernt gleichzeitig von den Kolleginnen und Kollegen (oder von externen Gesprächs- bzw. Geschäftspartnern wie Zulieferer oder Abnehmer etc., oder KundInnen).

Darüber hinaus zeigte sich in weiteren Analysen, die die längerfristigen Einflussfaktoren auf Innovation untersuchten, ein zweiter Zusammenhang, nämlich, dass die Teilnahme an „formalisierteren“ Formen der Weiterbildung auch einen positiven Effekt auf Innovationen in Unternehmen bzw. Volkswirtschaften hat. Diese Rolle zeigte sich, als verschiedene Einzelindikatoren, wie z.B. die Weiterbildungsbeteiligung nach LFS, die Beteiligung der Unternehmen bzw. Beschäftigten an betrieblicher Weiterbildung, die Ausgaben der Unternehmen für betriebliche Weiterbildung, etc. zu einer Variable „Human Capital Formation“ zusammenfassten.

Da diese beiden Variablen sowohl kurzfristig als auch nachhaltig – statistisch signifikant – mit dem Innovationsoutput der Jahre 2012 bis 2015 korrelieren und sich geringfügige Unterschiede hinsichtlich der Korrelationskoeffizienten zeigen, d.h. sich die Wirkungsstärke verändert, spricht viel dafür, dass diese Kombination aus Lernen am Arbeitsplatz und formalisierten Formen der Weiterbildung Innovation und Wachstum treibt und nicht umgekehrt, Wachstum und Innovation die Weiterbildung „erzwingen“. Da ferner das Lernen am Arbeitsplatz bzw. die Aufgabenkomplexität sehr kurzfristig und die (formalisierte) Weiterbildung scheinbar erst etwas später an Bedeutung gewinnen, erscheint es möglich, dass sich die beiden Komponenten gegenseitig ergänzen. Oder mit anderen Worten: Lernen am Arbeitsplatz alleine führt zu einem kurzfristigen Innovationserfolg, für den längerfristigen Innovationserfolg muss es durch formalisierte Weiterbildung ergänzt werden. Interessant ist dabei, dass das Lernen am Arbeitsplatz über die längere Frist scheinbar an Bedeutung verliert.

In aktuellen Analysen haben wir untersucht, ob „Lernen am Arbeitsplatz“ und „formalisierte“ Weiterbildung auch in einem positiven Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum stehen. Das Ergebnis: Ja, stehen sie.

Im Ergebnis ist somit zu konstatieren, dass sowohl das Wirtschaftswachstum als auch das Innovationsverhalten kurz- und mittelfristig durch die Kombination von „Lernen am Arbeitsplatz“ und Weiterbildung determiniert werden. Dabei haben wir sowohl für die Kompetenzen der SchülerInnen nach Pisa sowie der Erwachsenen nach PIAAC kontrolliert, d.h. wir haben überprüft, ob diese beiden Faktoren einen Einfluss auf Wirtschaftswachstum und Innovationen haben. Unser Ergebnis lautet, dies ist nicht der Fall. Gleiches gilt auch für den Anteil der HochschulabsolventInnen.

Mit anderen Worten: Wir können mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die Weiterbildung im Verbund mit dem Lernen am Arbeitsplatz kurz- und mittelfristig wichtiger sind als die anderen Bildungsbereiche. Für die Politik bedeutet dies, dass sie die Weiterbildung stärker in den Blick nehmen sollte, als dies bisher der Fall ist – dies sollte aber nicht zulasten der anderen Bildungsbereiche geschehen, da diese langfristigen Einfluss auf Wirtschaftswachstum und Innovationen haben. //

Literatur

Cedefop (2012): Learning and Innovation in Enterprises, Luxemburg.

Dohmen, Dieter, Lopez, Victor Cristobal & Yelubayeva, Galiya (2017): Adult learning as a driver for economic growth and innovation (i.V.).

Lucas, Robert E. Jr. (1988): On the Mechanics of Economic Development. In: Journal of Monetary Economics, (22), 3–42.

Dohmen, Dieter (2017): Weiterbildung als Wachstums- und Innovationstreiber. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. November 2017, Heft 262/68. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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