Chance Qualifikation (CH-Q) – Kompetenzanerkennung an Volkshochschulen

Im Kompetenzanerkennungszentrum der Volkshochschule Linz (KOMPAZ) wird das Kompetenzmanagement nach CH-Q („Chance Qualifikation“) seit dem Jahr 2003 verwendet. Auch die Burgenländischen Volkshochschulen haben seit vielen Jahren CH-Q, das zu den formativen Verfahren der Validierung gehört, im Programm. Das Hauptaugenmerk von CH-Q liegt im Sichtbarmachen von Kompetenzen. Es ist daher ein Verfahren mit Identifizierungsfunktion, durch das auch informelle erworbene Kompetenzen sichtbar werden. CH-Q dient der Unterstützung im Beruf und der Stärkung des Selbstbewusstseins.

Im Rahmen eines europäischen Projektes, an dem auch der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) teilgenommen hat, wurden die TeilnehmerInnen auf CH-Q aufmerksam. Die ersten TrainerInnen wurden ausgebildet und an der VHS Linz wurde 2004 das Kompetenzanerkennungszentrum eingerichtet (Schildberger: 2010).

1993 forderten in der Schweiz AkteurInnen der Weiterbildung, der Berufsberatung, aus Frauenorganisationen und aus der Politik die Flexibilisierung der Bildungswege, die Gleichwertigkeit von formal und informell erworbenen Kompetenzen und die Schaffung von Nachweisinstrumentarien. Diese als „Motion Judith Stamm“ (Stamm: 1993) bekannt gewordene Aktion führte zur Entwicklung des schweizerischen modularen Baukastensystems, mit dem auch modulare Teilqualifikationen geschaffen wurden sowie ein „Angebotssystem zur Erfassung, Beurteilung, Anerkennung von nicht formalen und informellen Kompetenzen samt Begleitinstrumenten“ . 1999 erfolgte die Gründung des Vereins „Gesellschaft CH-Q – Schweizerisches Qualifikationsprogramm zur Berufslaufbahn“. Der Verein übernimmt als Träger die Verantwortung für die Betreuung und Weiterentwicklung der verschiedenen Ansätze und Vorarbeiten zum Kompetenzmanagement. 2017 wurden die Agenden in den Verein „VALIDA.Suisse“ überführt, der die Verfahren von CH-Q mit einem Branchenabschluss „Kompetenzmanager/Kompetenzmanagerin“ verknüpfen will.2

Zu Beginn der Strategien und Maßnahmen zur Anerkennung von nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen, die in der Schweiz 2004 gesetzlich verankert wurden, standen „Organisationen, die sich für die Überwindung blockierter Zugänge zu qualifizierten Ausbildungen und beruflichen Positionen einsetzten. Betroffen von diesen Lücken waren insbesondere bildungsbenachteiligte Personengruppen und Frauen.“1

Ablauf

Das CH-Q Kompetenzmanagementsystem ist mehrstufig aufgebaut und validiert „grundlegende Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen im Umgang mit Prozessen des Kompetenzmanagements“ auf folgenden Stufen:

  • Zertifikat CH-Q 1: AnwenderInnen gestalten ihre Laufbahn eigenverantwortlich;
  • CH-Q 2: Lern- und Prozessbegleitende leiten TeilnehmerInnen an, Stärken darzustellen und nachzuweisen. Sie begleiten und beraten sie auf Basis der von ihnen entworfenen methodisch-didaktischen Planung;
  • CH-Q 3: Bildungs- bzw. Beratungsverantwortliche sind für die Schaffung und Verbreitung von Ausbildungs- und Beratungsangeboten zuständig und bilden Lern- und Prozessbegleitende aus und sind in Institutionen für die Systemqualität im CH-Q Kompetenzmanagement zuständig.

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Abb. 1: https://www.valida-suisse.ch/de/ch-q-kompetenzmanagement-system.html

Mittels Selbst- und Fremdeinschätzung erarbeiten die TeilnehmerInnen in Kursform ihr individuelles Kompetenzprofil. Die Portfolioarbeit stellt das gesamte Spektrum an Fähigkeiten und Kompetenzen, die sich ein Mensch in unterschiedlichen Lebensbereichen und Lebensphasen angeeignet hat, in den Mittelpunkt. Damit wird über erworbene Bildungs- und Berufsabschlüsse hinausgegangen. In einem Assessmentcenter werden persönliche, soziale und kommunikative Kompetenzen beurteilt. Am Ende des Kurses erhalten die AbsolventInnen ein Zertifikat, das Auskunft über die bisher erworbenen Kompetenzen gibt.

Der Ablauf in der Volkshochschule gestaltet sich folgendermaßen:

  • Informationsabend.
  • Vier Workshops zu je fünf Unterrichtseinheiten mit ein bis zwei TrainerInnen. Im ersten Schritt erfolgt die Inventur, im zweiten Schritt die Potenzialerhebung und Kompetenzbilanz, im dritten Schritt werden das persönliche Profil und das Zielkonzept erarbeitet, im vierten Schritt werden die Ergebnisse in der Gruppe präsentiert und es folgen ein Umsetzungstraining und eine Schlussreflexion.
  • Über den Kursbesuch hinaus ist mit ca. 20 Stunden Eigenarbeit zu rechnen.
  • Ein eintägiges Gruppenassessment zur Beurteilung der sozialen und kommunikativen Kompetenzen wird zur Vertiefung angeboten.

Jeder Schritt wird mit einem Workshop begleitet. Die Portfolioarbeit erfolgt mit einem Ordner, der Musterbeispiele, Übungen, Formulare und Nachweisablagen enthält. Die Unterlagen werden auch elektronisch zur Verfügung gestellt. Es gibt zielgruppenspezifische Arbeitsblätter und Aufgaben. Die Gruppe hat eine wichtige Funktion, sie bietet wechselseitige Anregungen und Erfahrungsaustausch, gemeinsame Übungen und Reflexionen sowie Raum für Präsentationen. Der Abschluss erfolgt mit einem Zertifikat.

Evaluation

Dazu liegen zwei wissenschaftliche Arbeiten vor: Eine 2007 im Rahmen eines soziologischen Forschungspraktikums von Studierenden der Johannes-Kepler-Universität Linz erstellte Studie (Auer, Beyerl & Öhlmann: 2007) und eine Diplomarbeit, die an der Wirtschaftsuniversität Wien geschrieben wurde (Reumann: 2012).

Auer et al. (2007) befragten die TeilnehmerInnen der von 2002 bis 2006 durchgeführten Kursmodule und konnten 92 Fragebögen auswerten. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die Erfassung, Bewertung und Zertifizierung von Kompetenzen sowohl für den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit wie auch für Entwicklungschancen im beruflichen und im persönlichen Bereich bedeutsam ist. Das Verfügen über Kompetenzen hat einen positiven Einfluss auf die Lebensgestaltung und auf die Lebenschancen. Formal höher qualifizierte profitieren stärker als gering qualifizierte im Ausbau der Selbstorganisationsfähigkeit eigener Bildungsprozesse. Unter den AbsolventInnen stellten die ForscherInnen eine hohe Bildungsmotivation und Aufstiegsbemühungen fest.
Klarheit besteht hinsichtlich persönlicher Bildungsbedürfnisse und Entwicklungserfordernisse. Die Erfolgsquote der AbsolventInnen von KOMPAZ bei der Arbeitsplatzsuche ist sehr hoch. Mit dem Prozess der Kompetenzprofilerstellung geht eine deutliche Steigerung des Selbstbewusstseins und der Selbstpräsentationsfähigkeit einher, und der ganzheitliche Blick auf berufliche und persönliche Entwicklungen wurde als sehr bereichernd bewertet.

Reumann (2012) untersuchte die Kurse, die im Zeitraum von Jänner 2011 bis Juni 2012 an der VHS Linz und in den burgenländischen Volkshochschulen stattgefunden haben. Die Teilnahme an der Untersuchung war freiwillig. Die TeilnehmerInnen der Workshopreihen wurden jeweils zu Beginn und am Ende ersucht, einen Fragebogen auszufüllen, der sich mit Aussagen zum Selbstwert befasste. Ausgewertet werden konnten 64 Fragebögen. Die Auswertung zeigte einen signifikanten Anstieg des Selbstwertes am Ende der Workshops. Die AbsolventInnen konnten in einem hohen Ausmaß von der Dokumentation ihrer Lernleistungen, von den Analysen und den herausgearbeiteten persönlichen Zielen profitieren. Kein Zusammenhang konnte zwischen Alter und Höhe des Selbstwertes bzw. der Veränderung des Selbstwertes festgestellt werden. Auch Bildung und Beschäftigung üben auf die Höhe des Selbstwertes keinen Einfluss aus.

An den Workshopreihen, die in beiden Studien befragt wurden, haben überwiegend Frauen teilgenommen (ca. 90 Prozent), die meisten TeilnehmerInnen waren zwischen 35 und 45 alt, gefolgt von der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen, rund 30 Prozent verfügen über eine Berufsausbildung ohne Matura, ebenfalls ca. 30 Prozent hatten eine BHS- bzw. eine AHS-Matura. Knappe 60 Prozent waren zum Zeitpunkt der Befragung nicht in Beschäftigung und zwischen 20 und 30 Prozent waren in Beschäftigung. Mit Stand Ende Jänner 2018 haben seit 2003 in Linz und im Burgenland rund 1.500 Personen das CH-Q Zertifikat erworben.3

Die Wirkungen solcher formativer Validierungsverfahren zeigen sich sowohl im beruflichen wie auch im persönlichen Kontext. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Kompetenzen und Lernerfahrungen unterstützt sowohl die Beschäftigungsfähigkeit wie auch die persönliche Zielfindung. Viele Kompetenzerfassungen wurden und werden in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarktservice durchgeführt und sie unterstützen Menschen mit mittleren und niedrigeren Qualifikationen und fördern die Motivation und Bereitschaft zum Weiterlernen. //

1  Siehe: https://www.ch-q.ch/geschichte [7.2.2018].

2  Siehe: http://www.valida-suisse.ch/de/kompetenzmanagerin.html [9.2.2018].

3 Auskünfte der VHS Linz und der Burgenländischen Volkshochschulen.

Literatur

Auer, Monika, Beyrl, Xaver & Öhlmann, Gabriele (2007): Haben die Erfassung, Bewertung und Zertifizierung informell erworbener und bisher nicht sichtbarer Kompetenzen für die langfristigen Lebenschancen der Menschen Bedeutung? Verfügbar unter: http://www.kompetenzprofil.at/pdfs/studie.pdf [7.2.2018].

Reumann, Christa (2012): Kompetenzen und Selbstwert. Mögliche Auswirkungen der Kompetenzidentifizierung auf den Selbstwert am Beispiel des Kompetenzmanagements nach CH-Q an der Volkshochschule Linz. Diplomarbeit, Univ. Wien. Verfügbar unter: http://www.kompetenzprofil.at/pdfs/Diplomarbeit%20Selbstwert%2004022013.pdf [7.2.2012].

Schildberger Elke (2010): Kompetenzmanagement im Trend. Das Kompetenzprofil nach CH-Q an der Volkshochschule Linz. In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, ( 9), 12-1–12-7. Verfügbar unter: https://erwachsenenbildung.at/magazin/10-09/meb10-9_12_schildberger.pdf [7.2.2018].

Stamm, Judith & 53 Mitunterzeichner (1993): Motion zur Aus-, Fort- und Weiterbildung im Baukastensystem. Bern: Bundeskanzlei und Nationalrat.

Bisovsky, Gerhard (2017): Chance Qualifikation (CH-Q) – Kompetenzanerkennung an Volkshochschulen. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Winter 2017/18, Heft 263/68. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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