Lernen vor Ort
Unterstützende Lernnetzwerke für Menschen in peripheren Regionen

Die Volkshochschule Steiermark ist mit ihren Zweigstellen eine wichtige Bildungsgrundversorgerin in ländlichen Regionen. Mit ihrem vielfältigen Angebot1 sichert sie interessierten Erwachsenen den Zugang zur allgemeinen Erwachsenenbildung und ist in diesem Sinne ein Garant für die Sicherstellung eines leicht zugänglichen Bildungsangebots. Die jüngsten Statistiken der Volkshochschulen verweisen allgemein auf die Aktualität und die Erfolge der Volkshochschule in der Erwachsenenbildung (vgl. Vater & Zwielehner: 2017; Huntemann & Reichert: 2016). Ob dies in der Steiermark allerdings auch in Zukunft tatsächlich regional, sozial und angebotsadäquat durchgeführt werden kann, ist aufgrund der demographischen und finanziellen Entwicklungen in manchen Regionen fraglich. Gleichzeitig sind die derzeit noch geringe Zielgruppenorientierung (die Kursstruktur ergibt sich beinahe ausschließlich über direkte Rückmeldungen aus dem Markt), die eher noch bescheidene systematische Professionalisierung der Lehrenden und die derzeit unterentwickelten Fortsetzungsstrukturen (z. B. hin zum NQR, zu den Schlüsselkompetenzen der EU, zum Berufsbildungssystem oder in den tertiären Sektor) Handicaps auf einem professionellen Weg in die Zukunft. Diese Schwachstellen werden im Zuge einer neuen Qualitätsoffensive sukzessiv bearbeitet. Um hier allerdings auch in den einzelnen Standorten tatsächlich etwas bewirken zu können, ist eine redliche Bestandsaufnahme anhand konkreter Daten über die Zugänglichkeit und die Qualität von Lerngelegenheiten in den Regionen als zentrales Element der Sicherstellung einer kommunalen Daseinsvorsorge notwendig. Im folgenden Beitrag werden diesbezüglich erste Teilergebnisse des Projekts „Lernen vor Ort. Aufbau eines unterstützenden Lernnetzwerkes für Menschen in peripheren Regionen“ (eine Zusammenarbeit der Volkshochschule Steiermark und der Karl-Franzens-Universität Graz) in Bezug auf die regionalen Entwicklungen am Beispiel der Volkshochschule in der Region Liezen bzw. ihren sieben Zweigstellen kurz vorgestellt.

Projektziele

In diesem Projekt sollen deshalb ausgewählte Regionen der Steiermark einer sorgfältigen Analyse der Bedarfe und Angebote unterzogen werden, um daraus Ableitungen für die konkrete Entwicklung der VHS-Angebotsstruktur zu ermöglichen. Die VHS wird hierbei als wesentlicher Motor in einer bildungsspezifischen Regionalisierungsentwicklung gesehen und ist deshalb nicht nur ein Akteur unter vielen, sondern sie ist vielmehr wie ein Kapillarsystem zu sehen, das bis in die kleinsten Kommunen „Bildungsnährstoffe“ führt. Dieses Kapillarsystem gilt es stärker zu erkennen und mit den es umgebenden Bereichen von Politik, Sozialraum, Kultur und Freizeit abzugleichen. Hier sind konkret die Rahmenbedingungen (Ressourcen, Rollen und Aufgaben) für ein Lernen vor Ort jeweils zu bestimmen und mit den Zielen der VHS vor Ort zu verbinden. Konkret geht es um folgende Kernelemente des programmatischen Anspruchs der VHS als Initiatorin von „Lernen vor Ort“:

  • Erhebung der Grundbedingungen in den Regionen: Um Schritte in eine mögliche Entwicklungsstruktur festlegen zu können, ist es essentiell, die Angebote und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens, die in den Kommunen existieren, in einem kommunalen Bildungsmonitoring abzubilden und mit den demographischen Variablen in Bezug zu bringen. Gerade im Bereich der non-formalen Bildung ist dies vor dem Hintergrund der Datenlage schwierig. Veranstaltungsorte erheben und sehen, wie hier die Dynamik ist.
  • Entwicklung von Modellen für ein zukünftiges Lernen vor Ort durch die VHS: Periphere Regionen sind in der Regel davon betroffen, dass eine Spirale des Verlusts ihnen immer stärker Handlungsmöglichkeiten raubt (der Mangel an spezifizierten Arbeitsplätzen und demographische Entwicklungen führten zu multiplen weiteren Verlusten). Hier wird es nun darum gehen, Bedingungen des Lernens vor Ort im Lebenslauf zu analysieren und erfolgskritische Faktoren zu erarbeiten, um neue Möglichkeiten der VHS in der Unterstützung der Prozesse eines Lernens vor Ort zu entwickeln. Die Frage wird dabei sein, wie die Stärken der VHS (Begegnungen organisieren und moderieren oder das Gefühl einer persönlichen Note in Lernprozessen ermöglichen, mit neuen Formen des Lernens (kooperativ oder digital und online unterstützt) in neuen Formaten ermöglicht werden können. Dazu sind vier Phasen vorgesehen:
  • Phase 1: In einer ersten Projektphase werden Daten aus den Standorten zu den Bereichen Demographie, Bildungsverhalten und Sozialraum analysiert. Zusätzlich werden Gespräche mit ExpertInnen der einzelnen Standorte zum regionalen Umfeld und Gespräche mit nationalen und internationalen ExpertInnen zur Erkundung von Best-Practice-Beispielen geführt.
  • Phase 2: Basierend auf den Ergebnissen dieser Analysen werden einzelne Regionen in der Steiermark ausgewählt, die in einer zweiten Projektphase genauer untersucht werden. Um die Bildungsbedürfnisse von Menschen, Verwaltungs- und Vereinseinheiten in den Regionen zu ermitteln, werden standardisierte (Online-)Befragungen durchgeführt.
  • Phase 3: In der dritten Projektphase sollen auf der Grundlage der bisher erhobenen Daten bzw. Analysen Fallstudien mit unterschiedlichen Schlüsselakteuren durchgeführt werden.
  • Phase 4: Die entwickelten Modelle und Lernformate für die einzelnen Regionen werden schließlich in einer vierten Projektphase in den Regionen umgesetzt und im Rahmen einer formativen und summativen Evaluation wissenschaftlich begleitet.

Lebensnahes Lernen an der Volkshochschule

Gesellschaftliche Teilhabe in ländlichen Räumen zu realisieren, ist nicht erst in den letzten Jahren zu einer Herausforderung für zivilgesellschaftliche und politische AkteurInnen geworden. Soziodemographische Entwicklungen in den Regionen erschweren es zudem, wirtschaftlich und sozial erfolgreiche Strukturen aufrecht zu erhalten. Bildung ist ein einflussreicher Faktor, wenn es darum geht, Perspektiven für die Bevölkerung und wirtschaftliche Akteure in einer ländlichen Region wie Liezen zu schaffen und einer immer älter werdenden Bevölkerung auch zukünftig lebenslanges Lernen und Partizipation zu ermöglichen. Der Volkshochschule gelingt es besonders, Personen der Bevölkerungsgruppe 50+ zur Weiterbildung zu motivieren. Im Gegensatz zum österreichweiten Trend hat in den Volkshochschulen in Liezen keine „`Verjüngung´ des Volkshochschulpublikums“ (Vater & Zwielehner: 2017) eingesetzt.

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Abbildung: TeilnehmerInnen am VHS-Kursprogramm in Liezen nach Alter

Kursteilnahmen nach Fachbereichen

Hinsichtlich der Fachbereiche können altersstrukturelle Unterschiede ausgemacht werden. Die Fachbereiche „Sprachen, Deutsch und Integration“ und „Digitale Kompetenz“ sind bei den Unter-20-Jährigen am häufigsten nachgefragt. Auch die Nachfrage nach Deutschkursen ist gestiegen. Im Kursjahr 2017/2018 wurden zwölf Deutschkurse in den Volkshochschulen der Region Liezen angeboten. Nach wie vor ist der Bereich „Gesundheitskompetenz, Ernährung und Bewegung“ insgesamt der stärkste Fachbereich. Im Kursjahr 2017/2018 haben 44,7 Prozent aller KursteilnehmerInnen einen Kurs in diesem Bereich belegt. Dieser Fachbereich erfreut sich vor allem innerhalb der Altersgruppen 40 bis 49 sowie 50 bis 59 besonderer Beliebtheit. Die Über-60-Jährigen sind hingegen in den Bereichen „Politik, Gesellschaft und Selbstkompetenz“ und „Kulturelle, künstlerische und kreative Kompetenz“ überdurchschnittlich vertreten.

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Abbildung: TeilnehmerInnenstruktur in Liezen nach VHS-Fachbereichen und Alter

Das Bildungsprogramm der Volkshochschulen im Bezirk Liezen ist vor allem für die weibliche Bevölkerung von Interesse.

Während laut einer Studie zum „Einfluss der kommunalen Steuerung auf die Weiterbildungsbeteiligung“ (Martin u.a. 2016) Programme, deren Fokus auf beruflicher Weiterbildung liegen, in Zusammenhang mit dem regionalen Kontext in erster Linie positiv auf die Weiterbildungsbeteiligung von Männern wirken, nehmen am vielfältigen Kursangebot der Volkshochschulen im Bezirk Liezen vorrangig Frauen teil.

Der Anteil der weiblichen KursteilnehmerInnen in den Kursen der VHS ist seit dem Kursjahr 2000/2001 in Liezen um 46 Prozent, der Anteil der männlichen KursteilnehmerInnen ist hingegen um nur acht Prozent gestiegen.

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Abbildung: TeilnehmerInnen im Kursjahr 2000/2001 nach Geschlecht und VHS-Standorten

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Abbildung: TeilnehmerInnen im Kursjahr 2017/2018 nach Geschlecht und VHS-Standorten

Die Volkshochschule als Grundversorgerin für Bildung und Lernen vor Ort wird u. a. deutlich, wenn man einen Blick auf das Einzugsgebiet einzelner Zweigstellen in der Region wirft.

Während die VHS in der Stadt Liezen auch KursteilnehmerInnen aus anderen Gemeinden anlockt, versorgen die anderen sechs Zweigstellen vor allem BewohnerInnen aus der direkten Umgebung mit Kursangeboten aus allen Fachbereichen.

Bei all diesen hier nur skizzenhaft vorgestellten Punkten gilt es aus Sicht der Volkshochschule zu fragen, wie durch gezielte Maßnahmen kreative Lernmilieus in den Regionen entwickelt werden können, um auf gesellschaftliche und ökonomische Herausforderungen reagieren zu können. Die bisher vorliegenden Daten zeigen auch, welche weiten Wege zur Stärkung der Zukunftsfelder der Volkshochschule in der Steiermark diesbezüglich noch zurückzulegen sind. Dennoch zeigt sich jetzt schon, dass der Anspruch der Volkshochschule, Begegnungen inhaltlich und sozial kompetent zu organisieren und zu moderieren, kaum an Bedeutung verloren hat. Die Schwankungen in den Anmeldezahlen haben dabei viele unterschiedliche gesellschaftliche und mediale Gründe, auf die nicht hektisch zu reagieren sein wird, denn eines steht ebenso fest. Die TeilnehmerInnen werden sicherlich weiterhin dort ihre Präsenz zeigen, der Mix aus qualitätsvollen Angeboten, persönlicher Ansprache und guter Infrastruktur für sie passend ist. Die Aufgabe der Volkshochschule ist es, sie dabei vor Ort (in verstärktem Maße auch online) zu unterstützen. //

Literatur

Huntemann, Hella & Reichart, Elisabeth (2016): Volkshochschul-Statistik: 54. Folge. Arbeitsjahr 2015, Bonn 2016. Verfügbar unter: http://www.die-bonn.de/id/34421 [11.6.2018].

Martin, Andreas, Schömann, Klaus & Schrader, Josef (2016): Der Einfluss der kommunalen Steuerung auf die Weiterbildungsbeteiligung. Ein Mehrebenen Modell mit Daten des Mikrozensus in Deutschland. In: Zeitschrift Erziehungswissenschaften (2016). Online publiziert. Springer Fachmedien: Wiesbaden.

Vater, Stefan & Zwielehner, Peter (2017): VHS-Rekordstatistik 2017. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Verfügbar unter: http://magazin.vhs.or.at/magazin/2017-2/262-november-2017/aus-den-volkshochschulen/vhs-rekordstatistik-2017/ [11.6.2018]

Aldrian, Sarah/Fließer, Karin/Egger, Rudolf/Bauer, Martin (2018): Lernen vor Ort. Unterstützende Lernnetzwerke für Menschen in peripheren Regionen. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2018, Heft 264/69. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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