Interreligiöser Stammtisch: Dialog auf Augenhöhe

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2012 holte das Bildungszentrum gemeinsam mit dem Salzburger Bildungswerk die Ausstellung „Kommt zusammen! Kirche, Moschee, Synagoge“ des Tübinger Grafikers und Autors Jochen Gewecke nach Saalfelden. Die Ausstellung von Fotozyklen zu Innenräumen, Außenaufnahmen und Menschen aus Moscheen, Kirchen und Synagogen folgte der Idee, dass die BesucherInnen den Bildern der Gotteshäuser in den jeweils anderen Räumen begegnen, also den Bildern der Kirche in der Moschee und umgekehrt. Dieser Idee folgte auch die Ausstellungseröffnung in Saalfelden: Nicht nur die Chöre wanderten in andere Häuser, auch die Religionen präsentierten sich an den jeweils anderen Orten. 200 begeisterte Saalfeldnerinnen und Saalfeldner nahmen zur Eröffnung an einem Rundgang / einer Rundfahrt zu den Gotteshäusern (Evangelische Kirche, Serbisch-Orthodoxe Kirche, ATIB-Moschee, Katholische Kirche) teil.

Immer wieder wurde der Wunsch an uns herangetragen, diese Tradition der Begegnung der Religionen fortzusetzen. Im herrschenden Klima des Missbrauchs von Religionen durch MeinungsmacherInnen und PolitikerInnen beschlossen wir schließlich im vergangenen Herbst, den interreligiösen Stammtisch ins Leben zu rufen. Das Format wurde gemeinsam mit den christlichen Pfarrern und je einem/einer VertreterIn des Buddhismus und der Bahai entwickelt. Das Anliegen ist zum einen, den Religionen und den Gläubigen Raum und Ort zu geben, sich kennenzulernen und auszutauschen, andererseits Religion und Alltagsleben näher zusammenzubringen. Der Stammtisch findet drei Mal jährlich rotierend in den Räumen der Glaubensgemeinschaften statt und wird als großer Sesselkreis und Tischen in der Mitte mit Essen und Getränken stilisiert. Der Stammtisch ist für jede und jeden Interessierte/n offen.

Jeder Stammtischtermin steht unter einem bestimmten Thema, das gemeinsam festgelegt wird. Die Themen sollen sich an Alltagsfragen orientieren. Auch die TeilnehmerInnen an den Stammtischen können ihre Wünsche deponieren. Der erste Stammtisch im Jänner 2018 widmete sich dem Thema „Zusammenleben“. Dieser entstand aus dem Wunsch, dem suggerierten Gegeneinander der Religionen in der aktuellen Situation etwas entgegenzustellen. Ein Prinzip des Stammtisches ist es, dass die VertreterInnen der Religionen Standpunkt zum jeweiligen Thema beziehen und im Anschluss daran zunächst miteinander in Diskussion kommen. Im Anschluss daran wird bei Essen und Trinken in kleineren Gruppen diskutiert. In einer ausführlichen Abschlussrunde kann noch einmal nachgefragt, die eigenen Gedanken dargelegt, die Diskussionsergebnisse mit den anderen geteilt werden. Weil ihm die Idee so gut gefiel, kam sogar der serbisch-orthodoxe Bischof in Österreich, Bischof Andrej, extra aus Wien zu Besuch, um dabei zu sein und sich für die Initiative zu bedanken.

Leider ist es nicht gelungen, einen Vertreter der Moschee miteinzubinden. Es wurde uns mitgeteilt, dass sie durch die Behörden stark unter Druck stehen, sehr viele Termine wahrzunehmen haben und einfach keine Energie und Zeit verbleibe, um mitzumachen. Wir konnten jenen Vertreter, mit dem wir bereits im Rahmen der Ausstellung „Kommt zusammen!“ zusammengearbeitet hatten, für ein Vorbereitungstreffen gewinnen. Allerdings kam er mit einer Absage. Für uns wurde deutlich, dass der Druck auf die muslimischen Glaubensgemeinschaften dazu führt, dass sich die Institutionen und auch die dort aktiven Menschen zurückziehen. Der Rückzug ist nachvollziehbar, allerdings wäre gerade in so einer Situation das Betonen des Gemeinsamen von Bedeutung. Die Stimmungsmache gegen MuslimInnen und die damit einhergehende Polarisierung wirkt also auch auf der lokalen Ebene unmittelbar auf das Zusammenleben und den Spielraum dafür, das Gemeinsame im Auge zu behalten.

Allerdings nehmen durchaus Musliminnen und Muslime am Stammtisch teil! Vor allem bringen sich viele neu zugezogene ehemalige Flüchtlinge aus Syrien mit ihren Standpunkten zum jeweiligen Thema ein. Die meisten TeilnehmerInnen lauschten fasziniert den Erzählungen aus dem früheren Syrien, in dem die unterschiedlich Gläubigen durchaus auch miteinander die jeweiligen Fest- und Feiertage der jeweils anderen Religion mitfeierten!

Im April 2018 traf sich der Stammtisch – mittlerweile auf 42 TeilnehmerInnen angewachsen – zum Thema „Dankbarkeit“. Hier holten wir uns zunächst Input über den Dokumentarfilm „Erfülltes Leben – Wenn die Schale überfließt“ des Saalfeldners Hans Fuchs und erst im Anschluss kamen die ReligionsvertreterInnen zu Wort.

Die bisherigen Rückmeldungen der TeilnehmerInnen motivieren uns, den Stammtisch weiterzuführen. Am 17. Oktober steht das Thema „Die Frauen in den Religionen“ am Programm. Hierfür haben wir die ReligionsvertreterInnen gebeten, nicht nur vor dem Hintergrund der Praxis der religiösen Institutionen zu berichten, sondern auch den Standpunkt der jeweiligen Schriften mit einzubeziehen. Wie werden sich die jeweiligen VertreterInnen positionieren? Welche Anmerkungen und Forderungen werden von den anwesenden Frauen formuliert werden? Es ist auch bei diesem Thema davon auszugehen, dass durchaus die Gemeinsamkeiten überwiegen werden. Es erwartet uns ein spannender Abend! //

Aschauer-Smolik, Sabine (2018): Interreligiöser Stammtisch: Dialog auf Augenhöhe. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2018, Heft 264/69. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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