Sabine Stövesand/Christoph Stoik/Ueli Troxler (Hrsg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden.
Berlin – Toronto: Budrich 2013, 457 Seiten

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Die beiden Herausgeber und die Herausgeberin sind aktiv in der Lehre, Fortbildung und Praxis der Gemeinwesenarbeit tätig. Über die „Sektion Gemeinwesenarbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und andere Netzwerke in den Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland konnten sie eine Vielzahl von Autorinnen und Autoren zur Mitarbeit an diesem Handbuch gewinnen. Die 44 AutorInnen sind selbst Lehrende oder PraktikerInnen in der Gemeinwesenarbeit oder blicken aus benachbarten Disziplinen und Professionen auf dieses Arbeitsprinzip bzw. auf das Konzept Sozialer Arbeit.

Die Idee zum Handbuch ist im Arbeitszusammenhang der „Sektion Gemeinwesenarbeit“ von PraktikerInnen und Lehrenden der Gemeinwesenarbeit entstanden. Dort gab es seit der Gründung 2001 etliche Anregungen zu Workshops, Tagungen und Veröffentlichungen. Mit dem Film Gemeinwesenarbeit (www.fel-verlag.de/dvd) und diesem Handbuch werden vielfältige Fachdiskurse zur Gemeinwesenarbeit angestoßen.

Das Handbuch ist nach einer differenzierten Einleitung in fünf Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel „Meilensteine der Gemeinwesenarbeit“ werden zeitgeschichtliche Ausprägungen dieses Arbeitsprinzips in seiner 120-jährigen Geschichte aufgezeigt. Die Beiträge reichen von der Darstellung von Auszügen der Lebenswerke Jane Addams, Friedrich Siegmund Schultzes, Saul D. Alinskys bis zu beachtenswerten Fachbeiträgen der jüngeren Geschichte.

Das zweite Kapitel „Positionierungen“ stellt theoretische Bezüge her zwischen Gemeinwesenarbeit und Lebenswelt, Lebensbewältigung, Sozialraumarbeit, Systemtheorie, Sozialem Kapital, Gemeinwesenökonomie, Sicherheit und Kontrolle.

Im dritten Kapitel „Internationales Fenster“ wird die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in Deutschland, der Schweiz und Österreich nachgezeichnet, um weitere Blicke auf Belgien und die Niederlande sowie auf Community Development, zivilgesellschaftliches Engagement, Entwicklungszusammenarbeit und zivile Konfliktbearbeitung in anderen Ländern zu werfen.

Die „Handlungsfelder der Gemeinwesenarbeit“ werden im vierten Kapitel behandelt. Es wird deutlich, dass abhängig vom sozialen und politischen Kontext der Fachleute mit unterschiedlichen Themen, Zielgruppen, Stadtteilen bzw. Regionen gearbeitet wird. Die Beiträge bieten einen guten Überblick über Berührungspunkte der Gemeinwesenarbeit mit Stadtteilentwicklung, Wohnen, ländlicher Regionalentwicklung, Lokaler Agenda 21, Psychiatrie, Gesundheit, soziokultureller Arbeit, Bildungsnetzwerken, Neuen Medien, Arbeit mit älteren Menschen, offener Kinder- und Jugendarbeit, Arbeit mit Frauen.

Das fünfte Kapitel „Professionelles Handeln in der Gemeinwesenarbeit“ gibt praxisbezogene Hinweise zu typischen Methoden und Verfahren. Diese sind Sozialraumanalyse, Community Organizing, Aktivierende Befragung, Runde Tische, Kleingruppen- und Großgruppenarbeit, Forumtheater, Zukunftswerkstatt, Gemeinwesenmediation, Netzwerkarbeit, Arbeiten in und mit der Öffentlichkeit, Projektarbeit.

Die Einleitung von Stövesand und Stoik bietet eine komplexe Einführung in das Thema. Es wird hervorgehoben, dass Gemeinwesenarbeit im Handbuch unter dem disziplinären und professionellen Rahmen der Sozialen Arbeit steht. Die zentralen Begriffe Gemeinwesen und Sozialraum werden geklärt und verschiedene fachliche Positionen dazu vorgestellt. Die unterschiedlichen Definitionen der Gemeinwesenarbeit sind durch historische und bezugswissenschaftliche Erläuterungen gut nachvollziehbar. Das von Stövesand und Stoik im Handbuch definierte „Konzept Gemeinwesenarbeit“ zeigt sich mit vielfältigen Erscheinungsformen in der Praxis der Gemeinwesenarbeit durch die Ausrichtung auf unterschiedliche Zielgruppen, Themen oder räumlich-geographische Bezüge. Die Leserinnen und Leser werden angeregt, eigene fachliche Standpunkte zu überprüfen. Hilfreich dafür sind die umfassenden und differenzierten Darstellungen historischer und aktueller Diskussionen und Positionen zur Gemeinwesenarbeit.

Dieser einleitenden wissenschaftlichen Komplexität folgen nicht alle Beiträge. Gleichwohl werden in einigen Artikeln Fachdiskurse zur Wissenschaft der Sozialen Arbeit aufgegriffen, Verbindungen hergestellt und ein weiterführender Transfer geleistet. In etlichen Artikeln fehlt die Anschlussfähigkeit zu Theorien der Sozialen Arbeit und Diskursen der Fachdisziplin Soziale Arbeit. Es stehen Beiträge zu der Geschichte, den Methoden oder Projektthemen mit Verknüpfungen ausgewählter Objekttheorien (der Soziologie oder Politologie) im Vordergrund der Betrachtung. Wissenschaftlich und fachlich wird gestritten über die passenden Begriffe, Konzepte und Gesellschaftstheorien zur Analyse von Macht und Herrschaft und die Bedeutung für die Praxis von Gemeinwesenarbeit.

Zur Neuorientierung in der Gemeinwesenarbeit wäre für Leserinnen und Leser ein roter Faden hilfreich gewesen, der die Verbindungen zwischen Handlungstheorien, Bezugstheorien, Arbeitsfeldern und Methoden aufgezeigt hätte. Dies wäre bei den Beiträgen im ersten Kapitel (z.B. Staub-Bernasconi zu Addams; Stoik zu Hinte und Maier), im zweiten Kapitel (z.B. Bitzan zu Lebenswelt und Sozialraum; Böhnisch zu Lebensbewältigung; Martin zu Systemen) sowie im vierten Kapitel (z. B. Fehren zur Stadtteilentwicklung; Schnee zur Soziokulturellen Arbeit) möglich gewesen.

Im fünften Kapitel werden zwölf zentrale Methoden bzw. Verfahren der Gemeinwesenarbeit vorgestellt. Diese geben einen guten Überblick über professionelles Arbeiten mit Personen, Gruppen und Organisationen. Die handlungstheoretische Differenzierung und der Transfer zur Disziplin Soziale Arbeit stehen im Hintergrund, so stehen Methoden und Verfahren nebeneinander; eine Unterscheidung nach Funktionen (z. B. Beschreibung, Analyse, Intervention, Evaluation) im Kontext der Praxis wäre weiterführend gewesen.

Forschung in der Gemeinwesenarbeit scheint es kaum zu geben, schreibt Dieter Oelschlägel in seinem Beitrag zur Geschichte der Gemeinwesenarbeit in Deutschland. Er sammelt seit über 30 Jahren Veröffentlichungen zum Thema Gemeinwesenarbeit1 und forscht in historischen Quellen zum Thema. Nur vereinzelt kommt das Thema Forschung im Handbuch vor. Hier bestehen im Handbuch und darüber hinaus deutliche Lücken der Bestandsaufnahme empirischer Erkenntnisse zur Gemeinwesenarbeit. Erklärungen zum Sachverhalt bietet die bereits in der Einleitung ausgeführte Begriffsvielfalt als Ersatz für die Bezeichnung Gemeinwesenarbeit, sodass Forschungsergebnisse unter anderen Begriffen von Zielgruppen, Themen oder Stadtteilprojekten veröffentlicht sind. Hinzu kommen begrenzte Forschungsförderung und Forschungsstrukturen, in denen Ergebnisse zur Gemeinwesenarbeit gesammelt, dokumentiert und ausgewertet werden. Das Thema könnte ein neues Buchprojekt werden.

Insgesamt bieten die gründlich recherchierten und mit Quellen belegten Beiträge zur Geschichte der Gemeinwesenarbeit im ersten Kapitel „Meilensteine“ eine Fülle von Erkenntnissen, die fachlichen Positionen im zweiten Kapitel zeigen die Schnittpunkte Sozialer Arbeit mit benachbarten Disziplinen auf. Handlungsfelder weisen im vierten Kapitel auf die thematische Bandbreite der Gemeinwesenarbeit hin, und die Bearbeitungen sozialer Probleme mit kreativen Projektideen und Methoden im fünften Kapitel bieten neue Anregungen für die Lehre und Praxis.

Dieses Handbuch ist durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Gemeinwesenarbeit, der Darstellung und Analyse der Entwicklung vom Arbeitsprinzip zum theoretisch fundierten Konzept und mit der Darstellung von Theorien und Modellen der Bezugsdisziplinen selbst zu einem Meilenstein der Gemeinwesenarbeit geworden. Der Sammelband mit 58 kurzen und prägnanten Artikeln und einer gehaltvollen und orientierenden Einleitung bietet eine wichtige fachliche Grundlage, liefert Argumente für die professionelle praktische Arbeit mit dem „Konzept Gemeinwesenarbeit“ als Teil der Sozialen Arbeit. Es bietet Ideen für Fort- und Weiterbildung sowie für Beiträge zur Lehre an Hochschulen. Die Zitate und Quellenangaben stellen eine reichhaltige Fundgrube zum Weiterlesen und zur vertiefenden Weiterarbeit dar. Der Herausgeberin Sabine Stövesand und den Herausgebern Christoph Stoik und Ueli Troxler ist es gelungen, ein beachtenswertes Handbuch vorzulegen. In einem Team von 18 Autorinnen und 26 Autoren haben sie dazu beigetragen, mit vielfältigen Beiträgen Gemeinwesenarbeit zu erfassen und umfassend zu diskutieren. //

Die obige Rezension ist ein Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Portals www.socialnet.de

Joachim Romppel. Rezension vom 02.12.2013 zu: Sabine Stövesand, Christoph Stoik, Ueli Troxler (Hrsg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-86649-411-4. Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit – 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15045.php, Datum des Zugriffs 07.01.2019.

1   Siehe: www.stadtteilarbeit.de/literatur-62/lit-gwa/gwa-literatur/2010-2014.html

Romppel, Joachim (2018): Sabine Stövesand/Christoph Stoik/Ueli Troxler (Hrsg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Winter 2018/19, Heft 266/69. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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