Manifest für Erwachsenenbildung im 21. Jahrhundert

Manifest für Erwachsenenbildung im 21. Jahrhundert
Macht und Freude des Lernens

Der Europäische Verband für Erwachsenenbildung (EAEA) ruft mit diesem Manifest zur Schaffung eines Lernenden Europas auf: ein Europa, das mit allen notwendigen Fertigkeiten, Kenntnissen und Kompetenzen ausgestattet ist, um die Zukunft positiv zu bewältigen. Wir plädieren für eine europaweite Anstrengung zur Verbesserung der Bildungs- und Lernmöglichkeiten für Erwachsene, zur Entwicklung einer Wissensgesellschaft, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Dazu bedarf es umgehender nachhaltiger Investitionen im Bereich der Erwachsenenbildung auf europäischer, nationaler, regionaler und lokaler Ebene, welche sich langfristig in vielerlei Hinsicht auszahlen werden: Wettbewerbsfähigkeit, Wohlbefinden, Gesundheit, Wachstum, Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und vieles mehr.

Erwachsenenbildung ist ein Menschenrecht und ein Gemeingut, sie kann das Leben Einzelner und ganze Gesellschaften verändern. EAEA ist der Überzeugung, dass Erwachsenenbildung auf europäischer Ebene gestärkt werden muss. Dieses Manifest erläutert, wie Erwachsenenbildung zu einer positiven Entwicklung Europas beiträgt. Dies gelingt jedoch nur mithilfe von soliden öffentlichen Investitionen, sowohl in die Erwachsenenbildungsorganisationen als auch in die Lernenden selbst. Erwachsenenbildung muss obendrein klar in eine gesamtheitliche Strategie des lebensbegleitenden Lernens eingebettet sein, die alle Bereiche und Lernformen (formal, non-formal und informal) berücksichtigt und als gleichwertig ansieht.

Mit vorliegendem Manifest möchten wir sowohl das Potential der Erwachsenenbildung für Veränderungen als auch die positive Lernerfahrung an sich unterstreichen. Der Wert des Lernens wird nicht immer gesehen, z.B. wegen schlechter Schulerfahrungen oder Geld- und Zeitmangel. EAEA möchte die positiven Auswirkungen und Vorteile hervorheben, da wir wissen, dass dies der beste Weg ist, um diejenigen anzusprechen, die vom Lernen noch weit entfernt sind.

Herausforderungen und Lösungen

Mit Erwachsenenbildung lassen sich viele der derzeit größten Herausforderungen in Europa bewältigen. Europa sieht sich mit wachsenden Ungleichheiten konfrontiert, nicht nur zwischen Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch zwischen Regionen und Ländern innerhalb Europas. Immer mehr EU-Bürgerinnen und -Bürger scheinen die europäischen Werte und die liberale Demokratie infrage zu stellen, indem sie fremdenfeindliche und anti-europäische Parteien wählen. Es ist daher von großer Bedeutung, die Menschen durch Erwachsenenbildung in eine deliberative Demokratie2 einzubinden.

Der demografische Wandel verändert die Bevölkerung Europas. Die Menschen werden immer älter und wollen länger aktiv und gesund bleiben. In vielen Regionen und Ländern, in denen sich die Beschäftigungsmöglichkeiten signifikant geändert haben und es nur geringe Umschulungsmöglichkeiten gibt, ist die Arbeitslosigkeit vor allem bei den jüngsten und ältesten Erwachsenen sehr hoch. Die zunehmende Digitalisierung erfordert von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Bürgerinnen und Bürgern sowie Konsumentinnen und Konsumenten neue Fertigkeiten und Kompetenzen. Europa sieht sich einem hohen Ausmaß an Migration gegenüber, das für die Regierungen Europas und den europäischen Zusammenhalt eine immense Herausforderung darstellt. In diesem Zusammenhang formierte sich unter den europäischen Bürgerinnen und Bürgern eine Welle der Unterstützung, aber es kommt auch immer wieder zu abwehrenden und hasserfüllten Reaktionen von Kritikern. Klimawandel und Umweltbelastung bedrohen weiterhin (nicht nur) die Zukunft Europas, und daher benötigen wir mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und im Alltag3.

Erwachsenenbildung hält für viele dieser Themen gute Lösungsansätze parat. Nicht nur der oder die Einzelne, sondern ganze Gesellschaften und Wirtschaftsräume profitieren von ihr. Wollen wir ein innovatives, gerechteres, nachhaltiges Europa, in das sich die Bürgerinnen und Bürger aktiv und demokratisch einbringen können und in dem die Menschen aller Altersgruppen über die Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen, gesund und produktiv zu leben und zu arbeiten und an kulturellen und bürgerlichen Aktivitäten teilnehmen? Im Folgenden illustriert und verdeutlicht EAEA seine Position durch Argumente, Studien, Beispiele und persönliche Erfahrungen einzelner Lernender (die Themenbereiche sind in beliebiger Reihenfolge angeführt).4

Grundprinzipien der (non-formalen) Erwachsenenbildung

  • Erwachsenenbildung ist ein öffentliches Gemeingut, das das Leben Einzelner und ganze Gesellschaften verändert.
  • Jeder Mensch sollte das Recht und die Chance auf Zugang zu hochwertiger Erwachsenenbildung haben.
  • Jeder Mensch kann lernen, ungeachtet seines Alters und Werdegangs.
  • Alle Lernenden – und vor allem jene mit geringen Grundfertigkeiten – werden zur aktiven Teilnahme ermutigt.
  • Eine zentrale Aufgabe der Erwachsenenbildung liegt darin, benachteiligte Lernende zu erreichen, um den sogenannten „Matthäus-Effekt“5 zu bekämpfen
  • Bei Entwicklung, Methodik, Prozess und Ergebnissen von Lernangeboten steht stets der Lernende im Mittelpunkt.
  • Mithilfe befähigender non-formaler Methoden und Methodiken machen Lernende anregende Lernerfahrungen, bei denen sie Kreativität, vorhandenes Wissen und vorhandene Fertigkeiten anwenden.
  • Professionelle TrainerInnen, Lehrende und Fachpersonal sind notwendig, um passende Methoden anzuwenden und den Lernenden ein hochwertiges Angebot sowie Erfolgserlebnisse zu bescheren.
  • Kapazitätsaufbau und Innovation in Erwachsenenbildungsorganisationen sind wichtig, um Veränderungen der Lern-, Lehr- und Lernenden-Bedürfnisse zu erkennen und sich ihnen anzupassen. Dies trifft auch auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen zu.
  • Zusammenarbeit (auf regionaler, europäischer, globaler und institutioneller Ebene) ist unabdingbar für die Sichtbarkeit von Erwachsenenbildung, aber auch für kollegiales Lernen (Peer Learning) und den Innovationstransfer.

Aktive Bürgerschaft und Demokratie

EAEA und seine Mitglieder setzen sich tatkräftig für Europa und europäische Werte ein. Wir sind der festen Überzeugung, dass Demokratie, interkultureller Dialog, soziale Gerechtigkeit und Zusammenarbeit Voraussetzungen für ein Europa des gegenseitigen Respekts, Zusammenhalts sowie der Teilhabe seiner Bürgerinnen und Bürger sind. Demokratie und Erwachsenenbildung in Europa haben gemeinsame Wurzeln und teilen sich eine gemeinsame Geschichte. Die Erwachsenenbildung wurde wesentlich von der Entwicklung der demokratischen Gesellschaften in Europa beeinflusst und gleichzeitig wurde die Entwicklung der Erwachsenenbildungsinstitutionen von den demokratischen Bewegungen geprägt. Viele Erwachsenenbildungsorganisationen wurden als Folge emanzipatorischer Bewegungen (z. B. der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Frauen oder religiöse Bewegungen) gegründet.

Erwachsenenbildung ist das Instrument, das Lernende zu kritischem Denken und Ermächtigung führt, eine lebendige und inspirierte Zivilgesellschaft sowie Kompetenzen und Fachwissen generiert. Erwachsenenbildung schafft auch den Raum für die Entwicklung einer aktiven Bürgerschaft. Wir brauchen die Erwachsenenbildung, um gesellschaftliche Situationen und Herausforderungen zu reflektieren, um von aktuellen europäischen Themen, wie z. B der zunehmenden Radikalisierung, Migration und sozialen Ungleichheit, zu lernen. Diese Themen haben gezeigt, dass demokratische Haltungen, Toleranz und Respekt gestärkt werden müssen. Kritisches Denken liegt auch jedem Verständnis der digitalen Welt zugrunde, die ein hohes Maß an Medienkompetenz erfordert.

Erwachsenenbildung stärkt und erneuert die Zivilgesellschaft, indem sie Verantwortlichkeiten und ein Zugehörigkeitsgefühl zu Europa und zur demokratischen Tradition aufbaut. Partizipatorische Demokratie kann nur durch eine breite Teilhabe und bedeutende Beiträge zur Entscheidungsfindung sowie eine kritische Bewertung politischer und gesellschaftlicher Themen durch alle Beteiligten gelingen.

Gesundheit und Wohlbefinden

In puncto Gesundheit und der damit verbundenen Lebenserwartung herrschen erhebliche Ungleichheiten. Das ist selbst in Ländern mit der höchsten Gleichberechtigung der Fall; hier fällt lediglich der Unterschied geringer aus. Gesundheit und Bildung sind miteinander verknüpft: Damit wir uns Zeit unseres Lebens um unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden kümmern können, benötigen wir Wissen, Fertigkeiten, Verhaltensweisen und Einstellungen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. Die Gesundheit unserer Gesellschaften hängt vom lebenslangen Lernen ab.

Lernende sind selbstbewusster, selbstwirksamer und sich ihrer eigenen Kapazitäten und Fertigkeiten bewusst, was sich in einer stärkeren Fähigkeit äußert, ihr Leben und ihre Gesundheit zu steuern. Erwachsenenbildungkurse bieten Gelegenheiten, Menschen in direkten Kontakt zu bringen und damit deren soziale Netzwerke, die das Um und Auf für unser Wohlbefinden darstellen, zu stärken. Diese Vorteile tragen nicht nur zur persönlichen Entwicklung und Erfüllung bei, sie haben auch einen äußerst positiven Einfluss auf das Arbeitsleben.

Gesundheitsbildung zeigt sich sehr positiv durch erhöhte Gesundheitsniveaus der Bevölkerung und niedrigere Kosten für das öffentliche Gesundheitswesen sowie durch finanzielle Erträge, da eine gesündere Bevölkerung besser und länger arbeitet. Aus diesem Grund geht Gesundheitsbildung jeden etwas an, nicht nur die direkt Betroffenen (z. B. Patientinnen und Patienten oder Lernende), sondern auch die Anbieter (z. B. Gesundheitsfachkräfte, pädagogische Fachkräfte). Gesundheitsbildung steht nicht nur für sich alleine da. Es handelt sich dabei um ein Thema, das sich mit anderen Politikbereichen überschneidet und entsprechende Anerkennung erfahren muss.

Lebenskompetenzen

Es ist richtig und angemessen, dass jeder Mensch die notwendigen Fertigkeiten und Fähigkeiten besitzt, die er/sie für das Leben und Arbeiten im 21. Jahrhundert braucht. Dies beinhaltet auf jeden Fall Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Schlüsselkompetenzen, wie sie im überarbeiteten Europäischen Referenzrahmen zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen6 definiert sind, der 2018 vom Rat der Europäischen Union verabschiedet wurde. Erwachsenenbildung bietet Fertigkeiten und Lernerfahrungen mit vielfältigen Vorteilen und Nutzen und hält viele Angebote bereit, die Menschen im Laufe ihres Lebens und ihrer Karriere unterstützen.

Gemeinsam mit seinen Mitgliedern und Partnern hat EAEA einen „Rahmenplan für Lebenskompetenzen“7 entwickelt, der die Notwendigkeit des lebenslangen und lebenumspannenden Lernens für alle Menschen aufzeigt. Neue Entwicklungen in Wirtschaft, Technik und in der Gesellschaft machen es unerlässlich, dass wir unsere Lebenskompetenzen ständig aktualisieren.

Erwachsenenbildung verändert unser Leben und bietet neue Gelegenheiten. Sie eröffnet neue Arbeitsmöglichkeiten, gewährt einen Einstieg ins Lernen, hilft Schulabbrecherinnen und Schulabbrechern bei deren Rückkehr zur Bildung, fördert kulturelle und künstlerische Passionen in Menschen und führt zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden.

Sozialer Zusammenhalt, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

Der Bildungsgrad eines Menschen hat immensen Einfluss auf dessen Chancen im Leben – von Jobmöglichkeiten bis hin zur Lebenserwartung. Viele internationale Forschungsstudien heben hervor, dass jene Menschen, die sich aufgrund ihrer Erstausbildung verbesserten und höhere Qualifikationsniveaus vorweisen konnten, mit höherer Wahrscheinlichkeit weiterlernen.

Erwachsenenbildung fördert soziale Mobilität. Erwachsenenbildung unterstützt sowohl jene Menschen, die ihre Erstausbildung nicht in vollem Umfang nutzen konnten, als auch jene, die davon profitiert haben und nun als Erwachsene weiterlernen wollen. Von Kursen zur Erlangung von Grundfertigkeiten über die Angebote des zweiten Bildungswegs bis hin zu Sprachunterricht – Erwachsenenbildung bietet zahlreiche Möglichkeiten für ein besseres Leben. Zudem mindert sie Unterschiede in der Bevölkerung insgesamt, sie fördert fairere Gesellschaften und wirtschaftliches Wachstum.

Outreach-Arbeit, durch die bildungsferne Gruppen erreicht werden können, ist unabdingbar für mehr soziale Inklusion. Werden die richtigen Methoden angewandt, so können die Menschen mehr Teilhabe erlangen: an der Gesellschaft, der Demokratie, der Wirtschaft, der Kultur und der Kunst.

Erwachsenenbildung ist besonders effektiv, wenn es darum geht, Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten und Lebensphasen zusammenzubringen, gegenseitiges Verständnis und Respekt zu entwickeln und zu aktiver Bürgerschaft, Persönlichkeitsentwicklung und Wohlbefinden beizutragen. All dies kommt der Gesellschaft, der Demokratie und dem sozialen Frieden zugute.

Beschäftigung und Beruf

Der Vorteil, der sich aus einer Verknüpfung von Bildung und Beruf ergibt, ist klar ersichtlich: Wer kontinuierlich lernt – sei es als Arbeiterin und Arbeiter, Mitarbeiterin und Mitarbeiter, Unternehmerin und Unternehmer oder als Ehrenamtliche und Ehrenamtlicher – ist innovativer und produktiver, und das macht wiederum Unternehmen wettbewerbsfähiger und erfolgreicher. Digitalisierung, Internationalisierung, Dienstleistungsorientierung, Flexibilisierung – all diesen Mega-Trends am Arbeitsmarkt ist eines gemeinsam: Sie erhöhen und verändern die Kompetenzanforderungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei handelt es sich keineswegs um eine neue Entwicklung. Neu ist jedoch die noch nie dagewesene Geschwindigkeit, mit der sich die Anforderungen heutzutage verändern und erhöhen.

Diese Trends entwickeln sich gleich schnell wie das Tempo, mit dem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den ständigen Wandel anpassen und neue Kompetenzen aneignen müssen. Professionelle Kompetenzen sind regelmäßig zu aktualisieren und Meta-Kompetenzen, darunter fallen z. B. soziale oder kommunikative Fähigkeiten, werden unerlässlich. Es ist daher logisch, dass fast jede Studie zu Arbeitsmarktentwicklungen und der Zukunft der Arbeit zum selben Schluss kommt: Die laufenden Veränderungen können nur durch fortwährende Ausbildung und ständiges Lernen am Arbeitsplatz bewältigt werden – das betrifft nicht nur geringqualifizierte, sondern alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Gleichermaßen gilt auch für Arbeitslose, dass Erwachsenenbildung deren Resilienz erhöht und die Auswirkungen jenes Selbstwertverlusts mindert, der mit Arbeitslosigkeit über einen Zeitraum von über 3 Monaten assoziiert wird.

Bei Veränderungen am Arbeitsmarkt sind Menschen ohne geeignete Fertigkeiten am meisten gefährdet. Es bedarf daher fortwährender Investitionen in Bildung und Ausbildung. EAEA unterstreicht in diesem Zusammenhang, wie wichtig Höherqualifizierung und Umschulung sind, und betont, dass jede Art von Lernen der Beschäftigung zugutekommt.

Digitalisierung

Die heutige Gesellschaft befindet sich in einem Reaktionsprozess auf die vierte industrielle Revolution, die Digitalisierung. Diese wirkt destabilisierend auf Arbeitsmärkte und verändert grundlegend das Wesen und die Zukunft von Arbeit, Bildung und Ausbildung. Jeder Erwachsene, der/die an lebenslangem Lernen teilnimmt, muss sich der Chancen, Herausforderungen und Auswirkungen der Digitalisierung auf seine Arbeit und sein Lernen bewusst werden. Dieses Bewusstsein ist entscheidend für die persönliche Entfaltung und Entwicklung, Beschäftigungsfähigkeit, soziale Teilhabe und aktive Bürgerschaft. Ein ausreichendes Maß an digitaler Kompetenz muss heutzutage jede/r mitbringen, um aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

EAEA zeigt sich zutiefst besorgt über die Tatsache, dass 43 % der europäischen Erwachsenen keine digitalen Grundfertigkeiten aufweisen. Erwachsene, die nicht in ausreichendem Maß über solche Fertigkeiten verfügen, sind stark von sozialer Ausgrenzung bedroht. Im Jahr 2024 wird sich die Anzahl der Funktionen, für die digitale Kompetenzen benötigt werden, um 12 % erhöht haben. Die Fähigkeit, digitale Werkzeuge zu bedienen, wird in den nächsten fünf Jahren von zentraler Bedeutung sein.8 Die Fähigkeit, Chancen, die sich durch Digitalisierung ergeben, auch zu nutzen, ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Gefährdete und marginalisierte Erwachsene könnten sich in Zukunft einem doppelten Nachteil gegenüber sehen, ausgelöst durch das mangelnde Bewusstsein über oder die fehlenden Anpassungsressourcen an diese Veränderungen. Der EAEA erkennt an, wie wichtig es ist, dass alle Erwachsenen Zugang zum Erwerb digitaler Fertigkeiten auf Grund- und mittlerem Niveau haben.

Die Technologie wird auch die Zukunft des Lehrens und Lernens verändern und uns eine Unzahl an Werkzeugen zur Verbesserung unserer Art der Ausbildung, des Unterrichts und des Lernens bringen. Es ist wichtig, dass pädagogische Fachkräfte diese Werkzeuge auch nützen, und zwar um ihre Arbeit zu optimieren, um Anwendergemeinschaften zu schaffen und um Wissen und Fertigkeiten auszutauschen. Dazu braucht es erweiterten Zugang zu Infrastruktur und Ausbildung.

Die Digitalisierung wird nicht aufhören, unsere Lebensumstände, Mobilität, Umwelt, Kommunikation und die meisten anderen Lebensbereiche auch weiterhin zu verändern. Dabei werden sich ebenso jene Lebenskompetenzen wandeln, die man für die Bewältigung dieser Veränderungen benötigt, sowie die Bedürfnisse der Lernenden, damit sie an der Gesellschaft teilnehmen können. Erwachsenenbildung stellt die notwendigen Lebenskompetenzen zur Verfügung und antizipiert und gestaltet gleichzeitig zukünftige Entwicklungen.

Migration und demografischer Wandel

Bei der aktuellen Migrations- und Flüchtlingssituation in Europa spielt Erwachsenenbildung eine wesentliche Rolle. Was bei dieser Diskussion fehlt, ist ein Fokus auf die öffentliche Politik (inklusive Bildung), um die Vorteile der Migration zu maximieren, die Menschen bei ihrer Eingliederung in die Gesellschaft zu unterstützen und die Spannungen am Dienstleistungs- und Infrastruktursektor vor Ort aufzulösen.

Die Einrichtung eines (inter-)kulturellen Dialogs kann den Austausch zwischen den einheimischen und den zugewanderten Bürgerinnen und Bürgern fördern. So hilft er den Migrantinnen und Migranten, die Kultur und das Gesellschaftssystem ihrer neuen Heimat zu verstehen, und gibt den Bürgerinnen und Bürgern des Gastgeberlandes die Möglichkeit, neue Verhaltensweisen schätzen zu lernen und eine deliberative Demokratie zu entwickeln.

Wir müssen zugängliche und bezahlbare Lernmöglichkeiten gewährleisten, früher erworbene Kenntnisse anerkennen und validieren sowie Sprachkurse für Migrantinnen und Migranten anbieten, damit diese als aktive Bürgerinnen und Bürger am Leben in ihrem neuen Heimatland teilnehmen können. Die Rolle der Erwachsenenbildung ist wichtig bei der Gewährleistung, dass Einzelne und die breite Gesellschaft die Fähigkeiten von hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten zum allgemeinen Vorteil voll ausschöpfen, während sie Einzelne und Gemeinschaften, die sich durch die Migration als Vertriebene fühlen, beim Erwerb von jenen Fertigkeiten unterstützt, die sie für die Teilhabe an der Gesellschaft benötigen.

Eine alternde Bevölkerung, die länger lebt und arbeitet, verursacht immense demografische Veränderungen in Europa. Ältere Menschen machen einen großen und wachsenden Teil der Bevölkerung aus, und dieser Umstand bewirkt fundamentale und wichtige Veränderungen in unserer Gesellschaft. Zur Bewältigung dieses demografischen Wandels braucht Europa Bürgerinnen und Bürger, die so lange wie möglich gesund und aktiv bleiben.

EAEA engagiert sich für aktives Altern und ruft zu einer gemeinsamen Vision von der aktiven Teilhabe älterer Menschen auf. Durch das Lernen werden viele dieser Möglichkeiten eröffnet, und aktives Altern kann nur dann garantiert werden, wenn für Lernmöglichkeiten im späteren Erwachsenenalter gesorgt ist. Untersuchungen belegen, dass lernende Ältere aktiver sind, mehr soziale Kontakte haben, sich öfter ehrenamtlich engagieren, länger arbeiten und gesünder sind. Daher ist es unumgänglich, qualitativ hochwertige Lernmöglichkeiten für alle älteren Menschen anzubieten. Dies bedingt wiederum notwendige politische, finanzielle, strukturelle und zugangstechnische Rahmenbedingungen. Auch noch im sehr hohen Alter profitieren wir von der positiven Wirkung des Lernens.

Ein generationsübergreifendes Lernen ermöglicht sowohl älteren, erfahreneren als auch jungen Menschen vom Wissen der jeweils Anderen zu profitieren. Solch gemeinsame Aktionen stärken obendrein die Generationensolidarität in Europa.

Nachhaltigkeit

Heutzutage ist Nachhaltigkeit eine globale Herausforderung mit wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Dimensionen. Erwachsenenbildung trägt auf allen Ebenen zur Nachhaltigkeit bei, vor allem durch die Vermittlung von Fertigkeiten, Wissen und Kompetenzen. Soziale Inklusion, aktive Bürgerschaft, Gesundheit und persönliches Wohlbefinden zählen obendrein zu den häufigsten Zielsetzungen. Erwachsenenbildung schafft Information, Raum für Diskussionen und Kreativität, um neue Lebensweisen, neue Projekte und neue Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten.

Laut der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung trägt Erwachsenenbildung zur Erreichung aller 17 Ziele der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) bei, indem sie die Grundlagen für Veränderungen im sozialen, politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Bereich schafft. In jedem der 17 Ziele dreht sich zumindest eine Vorgabe um Lernen, Ausbildung, Bildung oder wenigstens um das Bewusstmachen von Bildung. Gleichzeitig handelt es sich bei Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen nicht nur um ein transversales Ziel oder eine Methode, um die 17 Ziele zu erreichen, sondern auch um ein spezifisches Ziel. Gemäß dem 4. Ziel der nachhaltigen Entwicklung (SDG4) müssen hochwertige inklusive und gleichberechtigte (lebenslange) Bildungsmöglichkeiten für alle sichergestellt werden.

Erwachsenenbildung kann einen enormen Beitrag zu intelligentem, nachhaltigem und integrativem Wachstum im Sinne der Lissabon-Strategie leisten. Sie verbessert die Beschäftigungslage und kurbelt sowohl die Wirtschaft als auch den digitalen Binnenmarkt an. Indem sie Nachhaltigkeit fördert, trägt Erwachsenenbildung zur Energieunion und zu einer vorausschauenden Klimapolitik bei. Sie stärkt den Binnenmarkt, zum Beispiel durch Vermittlung von Fertigkeiten für die Arbeitnehmerfreizügigkeit, und fördert europäische Werte und politisches Vertrauen.

Erwachsenenbildung, europäische und internationale Politik

Dieses Manifest zeigt auf, dass Erwachsenenbildung für die Umsetzung der meisten Schwerpunkte in der europäischen und internationalen Politik unumgänglich ist:

  • Erwachsenenbildung leistet Outreach- und Empowerment-Arbeit, mit der sie sich unterstützend an jene wendet, die am weitesten vom Lernen und Arbeiten entfernt sind und am wenigsten von der Erstausbildung profitiert haben.
  • Erwachsenenbildung ist notwendig, um die hohe Zahl an Menschen mit geringen Grundfertigkeiten in Europa zu senken.
  • Erwachsenenbildung vermittelt jene Kompetenzen, die aus europäischen Bürgerinnen und Bürgern gut informierte und kritisch denkende Menschen werden lässt.
  • Erwachsenenbildung eröffnet Möglichkeiten zur Anhebung des Selbstvertrauens und der sozialen Inklusion sowie zur Erlangung von Arbeit oder von Fortschritten am Arbeitsplatz.
  • Erwachsenenbildung erhöht die europäische Beschäftigungsquote durch eine (Wieder-)Eingliederung der Menschen in den Arbeitsmarkt mithilfe von Validierung und/oder einer Verbesserung ihrer Fertigkeiten und Kompetenzen.
  • Erwachsenenbildung implementiert die europäische Säule sozialer Rechte, und hier besonders den ersten Grundsatz der Bildung, Ausbildung und des lebenslangen Lernens, aber auch die anderen Grundsätze, indem sie Lernende und ihre Bedürfnisse (z. B. Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, Sozialschutz) ihn den Mittelpunkt stellt.
  • Erwachsenenbildung legt den Fokus auf die Werte der europäischen Strategie, wie Gerechtigkeit, sozialer Zusammenhalt, aktive Bürgerschaft, Kreativität und Innovation.
  • Erwachsenenbildung erzielt Fortschritte bei den Zielen der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) und betont, dass sich alle Menschen um diese Ziele bemühen müssen. Erwachsenenbildung gewährleistet das notwendige Wissen und die notwendigen Einstellungen.
  • Erwachsenenbildung stärkt die Zivilgesellschaft und ihre aktiven Bürgerinnen und Bürger durch die Förderung und das Angebot von sozialen und politischen Kompetenzen in Zusammenarbeit mit anderen NGOs.

Politikempfehlungen

Der EAEA empfiehlt europäischen und nationalen Entscheidungsträgerinnen und -trägern

  • die Anerkennung der Vorteile und Bedeutung von non-formaler Erwachsenenbildung – nicht nur für das Individuum, sondern auch für die Demokratie, Gesellschaft, die Arbeitsmärkte, Gesundheitssysteme und andere infrastrukturelle Bereiche.
  • die Anerkennung des Erwachsenenlernens und der Erwachsenenbildung als Schlüsselstrategie für Europa.
  • die Nutzung des Europäischen Semesters als Schlüsselinstrument in der Förderung und Entwicklung von Erwachsenenlernen.
  • die Verwandlung des europäischen Bildungsraumes in einen echten Europäischen Raum des lebenslangen Lernens, in dem alle Sektoren gleichberechtigt und gleich wichtig sind.
  • die Umsetzung der europäischen Säule sozialer Rechte aus einer auf die Bürger gerichteten Perspektive mit starkem Fokus auf lebenslanges Lernen.
  • die Förderung der Zusammenarbeit mit und Unterstützung des lebenslangen Lernens in den europäischen Nachbarstaaten und anderen Teilen der Welt.
  • die Stärkung der (non-formalen) Erwachsenenbildungsstrukturen, -politik und -initiativen auf europäischer, nationaler, regionaler und lokaler Ebene.
  • die Einbettung lebenslangen Lernens in andere öffentliche Maßnahmen und Programme (z. B. Nachhaltigkeit, Gesundheit, Beschäftigung, Migration).
  • die Erweiterung der Zusammenarbeit und des Lernens zwischen Politik, Praxis und Forschung.
  • die Schaffung und/oder Erweiterung des zivilen Dialogs für die Erwachsenenbildung.
  • die Entwicklung und Implementierung von adäquaten Verwaltungs- und Finanzierungssystemen, wie sie für die Outreach-Arbeit, Qualitätssicherung und Erhöhung der Teilnahme an lebenslangem Lernen nötig sind.
  • (finanzielle) Investitionen in (Erwachsenen-)Bildung, die auch als solche und nicht als Ausgaben gesehen werden.
  • die Schaffung von kohärenten Systemen des lebenslangen Lernens, die Fortschritt ermöglichen, auch durch Validierung und Anerkennung.
  • die Finanzierung und Unterstützung von Lernen in Gemeinschaften. Ob Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum, digitaler Binnenmarkt und Klimaschutz, Migration und Globalisierung oder demokratischer Wandel – Erwachsenenbildung befördert die Umsetzung der europäischen und internationalen Strategien. Erwachsenenbildung ist unabdingbar für ein gefestigtes, wohlhabendes, friedliches Europa, das künftige Herausforderungen auf positive Weise meistern wird. //

1   https://eaea.org/wp-content/uploads/2019/04/eaea_manifesto_final_web_version_290319.pdf
Übersetzung: Übersetzungsbüro 
Mag.Andrea Kraus, M.A., Graz.

2   Deliberative Demokratie bezeichnet demokratietheoretische Konzepte, in denen die öffentliche Beratung und und deren praktische Umsetzung im Mittelpunkt steht. Der öffentliche Diskurs über alle politischen Themen, der auch als „Deliberation“ bezeichnet wird, ist ein wesentliches Kennzeichen.

3   Wir wollen diese Herausforderungen nicht nach Wichtigkeit reihen, da sie für uns gleichermaßen wichtig sind. Die Reihenfolge, in denen sie in diesem Artikel erscheinen, impliziert keinerlei Präferenz.

4   Die Ergebnisse von Studien, Beispiele guter Praxis und Statements von Lernenden wurden nicht übersetzt, sie können im englischsprachigen Original nachgelesen werden: https://eaea.org/wp-content/uploads/2019/04/eaea_manifesto_final_web_version_290319.pdf

5  Dieser von dem amerikanischen Soziologen Robert K. Merton so genannte Effekt bezieht sich auf die Tatsache, dass Menschen mit geringerem Bildungsniveau tendenziell weniger Möglichkeiten haben, an Erwachsenenbildung teilzunehmen.

6   https://eur-lex.europa.eu/resource.html?uri=cellar:395443f6-fb6d-11e7-b8f5-01aa75ed71a1.0010.02/DOC_2&format=PDF

7   https://issuu.com/eaeapublications/docs/lse_learning_framework_final-to_pub

8 Accenture New Skills now. Inclusion in the digital economy https://www.accenture.com/_acnmedia/PDF-63/Accenture-New-Skills-Now-Inclusion-in-the-digital.pdf

Europäischer Verband für Erwachsenenbildung (2019): Manifest für Erwachsenenbildung im 21. Jahrhundert. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2019, Heft 267/70. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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