Erwachsenenbildung und gesellschaftliche Transformation

Wir leben in höchst bewegten Zeiten einer rasanten gesellschaftlichen Transformation und wir wissen heute noch nicht was morgen kommen wird, wie unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generationen aussehen wird. Diese Ungewissheiten lassen einfache Antworten auf komplexe Probleme in den Vordergrund rücken, populistische Bewegungen und Gruppierungen gewinnen an Attraktivität, Menschenrechte und Demokratie werden in Frage gestellt usw. usf. Ängste werden geschürt, „fake news“ werden verbreitetet und Algorithmen schreiben uns vor, was wir zu denken haben – vieles geschieht aus politischen Überlegungen.

Erwachsenenbildung hat sich in Österreich und in aller Welt sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart in Zeiten von Veränderungen besonders bewährt. Sie bietet Qualifizierung, sie fördert die Reflexion, sie trägt zur Sinnstiftung bei, sie unterstützt die Menschen beim Zusammenleben und trägt zum sozialen Zusammenhalt bei.

Die Volkshochschulen fördern die Entwicklung von Perspektiven. In vielen Bildungsveranstaltungen arbeiten wir mit unseren TeilnehmerInnen an der Entwicklung von Perspektiven. Dabei werden Ziele gesetzt, die mit vorwärts gerichteten Strategien verfolgt werden können. Wir können das, weil wir davon ausgehen, dass jeder Mensch lernen kann und grundsätzlich alles lernen kann. Wichtig ist nur, dass das gewollt wird. Die Freiwilligkeit der Teilnahme und die Orientierung an den Interessen der Menschen wirkt unterstützend.

Die allermeisten Menschen, die in die Volkshochschule kommen und Veranstaltungen besuchen, tun dies aus freien Stücken. Sie haben Lerninteressen, sie wollen mehr erfahren über einen Gegenstand und sie wollen sich mit anderen darüber austauschen, wollen hinterfragen und diskutieren. Im Gegensatz zur Schule herrscht in den Volkshochschulen – von einigen Ausnahmen abgesehen – keine Verpflichtung, auch die Regulative beschränken sich auf das Notwendigste und wir ermöglichen einen Freiraum, in dem sich die Menschen ausprobieren können.

Diese Freiheit in der Volkshochschule bietet die Gelegenheit der Entwicklung, beispielsweise für jüngere Menschen, also etwa jene, die sich in der Phase der „emerging adulthood“ befinden als auch für Menschen in Phasen des Übergangs von der Erwerbsarbeit in die nächste Lebensphase. Für die Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen, in allen Altersgruppen und unterschiedlicher Herkunft bieten wir gemeinsame Lernräume, in denen es keine Hierarchien, keinen Zwang, keine Anwesenheitspflicht gibt und in denen Respekt für die spezifischen Situationen, in denen sich die Menschen befinden, vorherrscht.

In Zeiten komplexer Anforderungen und unsicherer Zukünfte gewinnen einfache Lösungen an Attraktivität. So scheint es bei der Frage der Basisqualifikationen von Erwachsenen durchaus logisch zu sein, die offensichtlichen Defizite beim Lesen, Schreiben, Rechnen und bei der Verwendung des Internets und von Computern zur Lösung von Problemen dadurch zu beheben, dass gezielte darauf fokussierte Trainings durchgeführt werden. In den meisten europäischen Ländern wird der Schwerpunkt nur auf diese Defizitbehebung und auf Beschäftigungsfähigkeit gelegt. Österreich ist eines von wenigen Ländern, das mit der „Initiative Erwachsenenbildung“ einen breiteren Ansatz verfolgt und damit auch den vielfältigen Bedürfnissen der Menschen näher kommt als verengende Strategien.

Gerade heute ist es mehr denn je notwendig, dass eine breite Bildung für alle Bevölkerungsgruppen und insbesondere auch für Erwachsene zu leistbaren Bedingungen und gut erreichbar angeboten wird. Breiter Raum ist der Entwicklung von Perspektiven und Zielen zu geben, was mehr ist als bloße Orientierung an Beschäftigungsfähigkeit. Schließlich geht es ja auch noch darum, dass wir von all den gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen nicht fremdgesteuert und überrannt werden, sondern dass wir sie bewusst gestalten. Es wird immer wichtiger, dass die Wirtschaft nicht einem Selbstzweck folgt, der sich nur allzu rasch gegen die Menschen richtet, sondern dass die Menschen sie selbst gestalten. Gleiches gilt für die digitale Transformation wie auch für alle Fragen, die die Umwelt betreffen. Eine Engführung, die sich ausschließlich auf die berufliche Verwertbarkeit bezieht, wäre eine Themenverfehlung.

Wir brauchen daher gerade in der gesellschaftlichen Transformation eine Erwachsenenbildung, die mit einem breiten Angebotsspektrum auf die Interessen und Bedarfe der Menschen reagieren kann und sie in ihrer Entwicklung und bei der Gestaltung von gesellschaftlichen Veränderungen unterstützen kann. Aufgabe der Politik ist es, die Transformationsprozesse soweit zu gestalten, dass die Menschen damit zurechtkommen und folgerichtig ist es daher auch Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen für Erwachsenenbildung derart zu gestalten, dass die Menschen nicht nur unterstützt sondern auch ermächtigt werden. //

Bisovsky, Gerhard (2019): Erwachsenenbildung und gesellschaftliche Transformation. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2019, Heft 267/70. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

Kommentare

  1. Alfred Weidlich sagt:

    Die Volkshochschulen sind eine hervorragende Einrichtung für die gesamte Bevölkerung. Jung und Alt finden Veranstaltungen zu allen möglichen Bereichen. Beruf, Freizeit und gesellschaftspolitische Herausforderungen finden Beachtung und das zu leistbaren Preisen. Die Politik ist gefordert in Zeiten der Veränderungen diese Einrichtungen verstärkt zu unterstützen um den Menschen eine Bildungs-, Kommunikations- und Diskussionsplattform zur Bewältigung neuer Herausforderungen zu bieten.

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