Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert.

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert.
München: Droemer Knaur Verlag 2019, 304 Seiten.

Digitalisierung ist in aller Munde. Hierzulande meist mit defizitärem Beigeschmack: in unseren Betrieben, Schulen und Universitäten hätten wir bezüglich Digitalisierung jede Menge Nachholbedarf. Kaum aber wird über Konsequenzen gesprochen, die die damit einhergehenden Veränderungen mit sich bringen.

Speziell mit den Werthaltungen beschäftigt sich Sarah Spiekermann, Professorin für Wirtschaftsinformatik und Informationsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie fragt, wie echter Fortschritt bei zunehmender Digitalisierung verläuft. Sie meint damit wertvollen Fortschritt – eine Wertschöpfung, die sich nicht in Geld misst, sondern gefühlte menschliche und gesellschaftliche Werte wie humanes Wissen aufbauen, Freundschaften fördern, Freiheit und Privatheit ausbauen oder zum gegenseitigen Respekt beitragen.

Die Fragestellung der Professorin ist für die Erwachsenenbildung, aber natürlich für alle Bildungsbereiche, die intensiv von Digitalisierung beeinflusst werden, von Bedeutung. Bildungsangebote, die mehr sind als unhinterfragte Lernalgorhithmen, werden anregen, zu erörtern, zu analysieren und zu reflektieren, in welchem Kontext die jeweiligen Folgen von Digitalisierung wirken – ob im Rahmen von Gestaltungsmodellen ein neoliberales Denken dominiert oder ob sich Alternativen im ökonomischen Ansatz und somit im Menschenbild abzeichnen.

Die Autorin konstatiert für die Gegenwart ein negatives Menschenbild. Aufbauend auf Thomas Hobbes (1588 – 1679) habe sich das Leitbild eines Homo oeconomicus durchgesetzt. Sie geht den Wurzeln und Auswirkungen dieses Denkens nach, wehrt sich aber auch gegen ein Denken, das den Menschen als „antiquiertes Wesen“ (Günther Anders, 1902–1992) definiert. Dies führe nämlich zur Auffassung, der Mensch sei suboptimal gelungen und müsse in jeder Hinsicht verbessert werden, z. B. durch künstliche Intelligenz. Diesen sogenannten Transhumanismus bezeichnet die Autorin als eine „Ideologie der Lieblosigkeit“.

In ihrer Analyse hebt Spiekermann die Bedeutung der Wertethik für menschengerechten Fortschritt hervor. Sie meint, Fortschritt beruhe nicht nur auf Produkten und Erfindungen, sondern auf erfolgreicher Selbstkultivierung. Technik kann sehr wohl ein unterstützendes Mittel sein, aber letztlich gehe es darum, wie Digitalisierung genutzt werden kann, damit sie Menschen stärkt, ihre Tugenden zu schulen. In diesem Sinne urteilt die Autorin, die sich auf Werte des klassischen Altertums beruft, der Fortschritt zeige sich im „Erschaffensprozess“ eben darin, welche Wertqualitäten für die Menschen entstehen. Nicht die Rendite, sondern das Gemeinwohl sollte im Vordergrund stehen.

Als positives Modell bezeichnet sie das Unternehmen Apple unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Steven Jobs, der sich aber auch im Konflikt von Kostendruck und Qualität sah. Spiekermann diskutiert in ihrem Buch die „Natur des Digitalen“, zeigt seine Fehleranfälligkeit, sein Eigenleben und die Verstrickungen, die das Netz mit sich bringt. Fortschrittsdenken und digitale Ethik in der Praxis, Freiheit im digitalen Zeitalter sowie die Möglichkeiten, wie sich Individuen dem Fortschritt stellen, werden behandelt. Was man als Einzelner tun kann? Die Autorin empfiehlt drei Schritte: Wertebewusstsein entfalten, Werte verstehen und priorisieren, die Prioritäten umsetzen.

Die Professorin propagiert auch eine pädagogische Idee. Sie spricht sich für die Ausbildung und den Einsatz einer neuen Berufsgruppe aus: Sie nennt sie „Hüter des Wissens“. Im Rückgriff auf die Antike schlägt Spiekermann Schulen für Wissenshüter als Orte der Muße vor. Die AbsolventInnen sollten über einen Fachbereich Kenntnis haben, eine Art interdisziplinäre Allgemeinbildung, Lebenserfahrung mitbringen und Lebenssinn stiften. Sie sollten in lokale Gemeinschaften hineinwirken und, so wünscht es sich Sarah Spiekermann, mehr Weisheit in unserer Gesellschaft verankern. Hoffnung auf Bildung als Gegensteuerung zur Macht der Profiteure!?

Das Buch liefert fundamentale Argumentationen und Analysen zur vor sich gehenden Digitalisierung und bezüglich der dabei sich verändernden Werthaltungen. Für Lehrende, die sich professionalisieren, lesenswert! Für öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken empfehlenswert. //

Lenz, Werner (2020): Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Winter 2019/20, Heft 269/70. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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