Charles King: Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand.

Charles King: Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand.
München: Carl Hanser Verlag 2020, 479 Seiten.

Sexualität, Geschlecht, Nationalität, Ethnizität u.a. gelten als kulturelle Kategorien. Kulturell bedeutet, es handelt sich um sozial hervorgebrachte Kategorien, keine natürlichen, biologisch unumstößlich festgelegten, sondern auf menschlichen Vorstellungen beruhende. Eine Gruppe von US-KulturanthropologInnen mit ihrer Theorie der „kulturellen Relativität“, brachten zwischen 1880 und 1960 traditionelle Anschauungen, die ein lineares Geschichtsbild und hierarchisches Menschenbild vertraten, ins Wanken.

Charles King, Professor für Internationale Politik an der Georgetown University in Washington D. C., verdichtet diese intellektuellen Prozesse in seinem spannenden Buch zu einer Historie über Wissenschaft und WissenschaftlerInnen. Vielleicht hilft der Titel der Originalausgabe, sich den Intentionen des Autors zu nähern: „Gods of the Upper Air. How a Circle of Renegade Anthropologists Reinventend Race, Sex and Gender in the Twentieth Century.“

Es ist ein Buch über ForscherInnen, die eine „Wissenschaft der Menschheit“ begründen wollten. Charles King schreibt nicht nur über die Wissenschaft, sondern auch über die agierenden Persönlichkeiten. Er behandelt Ideologien, politische Aktivitäten und wie US-Amerika sein Verhältnis zur Welt gestalten wollte. Die detailreiche – teils schon intim zu nennende Berichtslegung – schildert, dass die kleine rebellische „scientific community“ selbst ein Beispiel für kulturelle Abweichung war. Wir erfahren eingangs über die junge Forscherin Margaret Mead, die sich von New York auf die Reise nach Samoa begibt: eine 23-Jährige, Nichtschwimmerin, mit gebrochenem Knöchel und Bindehautentzündung, chronisch erkrankt, was ihren rechten Arm manchmal nutzlos werden ließ. Im modernen Paparazzi-Stil heißt es weiter: „Sie hatte in New York einen Ehemann zurückgelassen und in Chicago ihren Freund und die Zugfahrt quer durch die USA in den Armen einer Frau verbracht.“ (S. 9). In ihrem Gepäck befand sich das Foto eines älteren Mannes, den sie „Papa Franz“ nannte.

„Papa Franz“, das ist Professor Franz Boas, 1858 in einer assimilierten jüdischen Familie in Minden, Nordrhein-Westfalen, geboren. King schildert die Anfänge von Boas als Forscher bei den kanadischen Inuit. Seine Erkenntnis der Relativität aller Bildung und sein Erleben von Herzensbildung – „die Ausbildung des eigenen Herzens, damit man die Menschlichkeit anderer Menschen erkennt.“ (S. 43).

Boas wurde Anthropologe an der New York Columbia Universität, Doyen, Mastermind und wissenschaftlicher Mentor einer neuen Richtung innerhalb der Sozialwissenschaften. King sieht Margaret Mead und die anderen „Rebellen“, alle StudentInnen und MitarbeiterInnen bei Franz Boas, in diesen Jahren mitten in einer Revolution, von der sie selbst nichts wusste. Es geht um die Vorgeschichte gesellschaftlicher Bewegungen, die u.a. das Frauenwahlrecht, Bürgerrechtsbewegungen, sexuelle Revolution mit sich brachten, aber auch die Gegenkräfte des Chauvinismus und der Bigotterie weckten.

Margaret Mead (1901–1978) und Ruth Benedict (1887–1948) sind nur zwei der namhaften Persönlichkeiten der Ethnologie, die in den USA, aber letztlich weltweit zu einem Denken beitrugen, dass die jeweilige Erscheinungsform einer Gesellschaft nur einen Bruchteil von vielen Möglichkeiten ausmache. Das Besondere an der Gruppe dieser KulturanthropologInnen, urteilt Charles King, war ihre herausfordernde Leidenschaft, andere Menschen zu verstehen, sowie ihr Forschungsergebnis: Keine Gesellschaft – auch nicht die eigene – ist am Endpunkt ihrer Entwicklung angelangt, letztere führt auch zu keinem Ende hin. Es gibt kein Endziel und keine abgeschlossene Einheit. Darin ist impliziert, alle Gesellschaften sind als Teile einer gemeinsamen Menschheit aufzufassen. In den damaligen (und heutigen?) USA ein Affront: Die USA sind keineswegs das großartigste Land – sie sind eines unter vielen.

Mit seiner Wissenschaftsgeschichte zeigt King, wie Ideen, Erkenntnisse und Einsichten in die Welt kommen, welche Anstrengungen ForscherInnen auf sich nehmen, welche zufälligen Konstellationen und welche strategischen Organisationsformen neue wissenschaftliche Konzepte benötigen, um sich durchzusetzen; sicherlich aber vor allem – einen langen Atem. Denn Neues setzt sich gegenüber Altem nicht einfach durch, sondern muss den Abgang des Alten abwarten, dann aber in Form von wissenschaftlichem Nachwuchs bereitstehen, um frei werdende Positionen zu übernehmen und zu besetzen.

„Wissenschaftliche Schulen“ verändern ihren Einfluss in der Abfolge von Generationen. Dies wird in diesem Buch sehr deutlich, weil der Autor, methodisch die zahlreich vorhandenen Unterlagen in Archiven nutzend, die biografischen Details der ProponentInnen mit dem Fortschreiten wissenschaftlicher Erkenntnisse kombiniert. Auf diese Weise wird die Karriere von Franz Boas beleuchtet: von seinen ersten Begegnungen mit den Eskimos (1883), zum Spiritus Rector und Forschungsmanager der neuen Kulturanthropologie bis zu einem angesehenen Intellektuellen der USA, der sich schließlich bis zu seinem Tod (1942) gegen den Nationalsozialismus einsetzte. Boas meinte, Anthropologie sei eine hoffnungsvolle Wissenschaft, die Menschen helfen könnte, ein gutes Leben zu führen. Konsequent lehnte er ab, Amerikaner oder Europäer als Rasse zu verstehen, weigerte sich, am „Spiel der Verallgemeinerung“ mitzuspielen, und war überzeugt: Kulturen gibt es viele, der Mensch ist einzigartig.

Die gesellschaftspolitische Realität der USA stand dieser kulturanthropologischen Auffassung diametral entgegen. Die USA waren in diesen Jahren eine Gesellschaft mit obligatorischer Rassentrennung. Die beiden Weltkriege ließen sie gegen Feinde (z. B. Japan) kämpfen, die als unterlegene menschliche Spezies betrachtet wurden.

Margaret Mead und Ruth Benedict waren im Laufe der Jahre aufgrund ihrer Forschungen Autorinnen von Bestsellern und öffentliche Auskunftspersonen geworden. Kulturen sind Schneider von Kleidern, in die Menschen hineingepasst werden, schrieb Ruth Benedict. Margaret Mead fragte, wie sich Individuen befreien könnten, um die eigenen vielfältigen Möglichkeiten zu realisieren.

Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) waren beide Wissenschafterinnen aktiv im nationalen Propagandakrieg beteiligt, aber auch im genauen sozialwissenschaftlichen Analysieren der Feinde Amerikas.

Die Lektüre weckt wahrscheinlich bei schon ergrauten LeserInnen Erinnerungen an Diskussionen und Bücher, die in den 1960er- und 1970er-Jahren die Suche nach „besseren“ Gesellschaften und „freieren“ Lebensformen begleiteten. Sie macht aber auch aufmerksam, dass der Boden des Nationalismus und der nationalen Überheblichkeit noch sehr fruchtbar ist. Diskussionen und Maßnahmen gegen Einwanderung, nationale Abgrenzung oder Vorrang für das jeweilige eigene Volk sind wieder im Vordergrund politischer Diskussionen. Im Hintergrund bröckelt der neoliberale Markt.

Charles King hat indirekt ein Lehrbuch über die politische Dimension von Sozialwissenschaft geschrieben. Die Lektüre lädt ein, menschliches Dasein nicht in seiner einsamen Größe, sondern in seinen vielfältigen Beziehungs- und Gestaltungsformen zu verstehen und zu leben. //

Lenz, Werner (2020): Charles King: Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand. München: Carl Hanser Verlag 2020, 479 Seiten. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2020, Heft 271/71. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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