Erle C. Ellis: Anthropozän. Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung.

Erle C. Ellis: Anthropozän. Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung.
München: Oekom Verlag 2020, 256 Seiten.

„Anthropozän“ fungiert als wissenschaftliche Hypothese. Sie weist Menschen eine zentrale Rolle zu – als Gestaltende des Planeten. Gibt es genug wissenschaftliche Belege und Beweise, die dafür sprechen, den Menschen seit Auftreten als Homo sapiens vor 60.000 bis 100.000 Jahren diese Rolle zuzuschreiben? Von dieser Suche nach Beweisen handelt das Sachbuch von Erle C. Ellis, Professor für Geographie und Umweltsysteme an der Universität Maryland, Baltimore College in den USA.

In die wissenschaftliche Diskussion kam der Begriff Anthropozän erst zu Beginn dieses Jahrtausends. Der Meteorologe und Nobelpreisträger Paul Crutzen, Forschungsschwerpunkt Atmosphärenchemie, initiierte dies. Doch andere WissenschaftlerInnen verhalten sich reserviert. Würde die Akzeptanz dieses Konzepts nämlich auch bedeuten, die bislang erzählte Geschichte vom Menschen völlig umzuschreiben.

Bisher waren es Erdsystemwissenschafter, die Prozesse der Veränderung des Erdsystems erforschten und Menschen zunehmend als Ursache der Veränderungen diagnostizierten. Umfassendes Beweismaterial dafür liegt seit Mitte der 1990er-Jahre vor. Das betrifft z. B. die Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlendioxid, den dadurch nachweisbaren Angriff auf die schützende Ozonschicht und den global spürbaren Klimawandel. Der Mensch wird nun eindeutig als „große Kraft der Natur“ bezeichnet, der „eine nie dagewesene Veränderung in der Funktionsweise der Erde als System hervorruft.“ (S. 50).

Das Buch folgt der Beweisführung der WissenschaftlerInnen, die ein „Anthropozän“ als neues geologisches Intervall einführen wollen. Bisher markierte das Holozän („völlig Neues“) den Wechsel zum gegenwärtigen warmen interglazialen Intervall. In jüngerer Vergangenheit zählen als Beweis für menschlichen Einfluss auf das Erdsystem die Folgen der industriellen Revolution etwa ab 1750, oder der radioaktive Fallout von Atomwaffen ab 1945.

Mit der Diskussion um ein „Anthropozän“ ergibt sich ein Spektrum an Fragen. Z. B.: Warum der Mensch als einzige Spezies den Planeten umgestalten kann? Bis hin: Was bedeutet Menschsein und dessen Verhältnis zur Natur?

Archäologen, sie beschäftigt die Anthropozän-Frage erst seit einem Jahrzehnt, stellen fest, dass Eingriffe der Menschen in das Erdsystem immer schon – in der jüngeren Geschichte aber mit zunehmender Bedeutung – nachweisbar sind. In mehreren Wanderungswellen breiteten sich Menschen der Gattung „Homo“ als Jäger-Sammler-Gesellschaften von Afrika in die Welt aus und verursachten Artensterben. Doch erst mit den Agrargesellschaften und damit einhergehenden dichteren Besiedlungen vor über 10.000 Jahren begann eine systematische Veränderung der Umwelt. Aufgrund von ausgedehntem Reisanbau, ab etwa 7000 vor unserer Zeitrechnung, lassen sich stetig erhöhende Methan- und Kohlendioxid-Emissionen in der Atmosphäre nachweisen.

Wissenschaftliche Einigkeit besteht insofern: Seit es Menschen gibt, ist die Welt anthropogen. Aber Prozesse, in denen sich menschliche Gesellschaften und ihre Umwelt verändern und entwickeln, sind immer „kumulativ, anhaltend, heterogen, diachron und komplex“. (S. 144).

Was ist zu tun, wenn Menschen dem Erdsystem schaden?

Im Kapitel „Politikos“ diskutiert Ellis die Frage der Verantwortung für den Wandel des Planeten. Er bearbeitet diverse Ansätze, z. B. das (sich selbst erklärende) „Kapitalozän“ sowie in Kooperation von Kunst und Wissenschaft angelegte Versuche, ein neues Denken unserer nicht mehr zeitgemäßen Naturauffassung zu erforschen. Symbolisch nennt der Autor die Aufschrift eines in diesem Zusammenhang gestalteten T-Shirts: „When are We?!“

Im letzten Kapitel „Prometheus“ stellen sich Fragen, wie sich Menschen, auch angesichts der in den letzten Jahrzehnten beschleunigt vor sich gehenden Veränderungen des Erdsystems verhalten sollen. Ellis schlägt im Hinblick auf das seit einem Jahrzehnt bestehende Forschungsinteresse bezüglich Anthropozän eine „neue Erzählung über unseren Platz in der Natur und unser Verhältnis zum Rest des Planeten“ (S. 203) vor.

Pragmatisch richtet sich das auf Bildung. Menschen sollten über sich hinausschauen lernen, die Welt anders als bisher wahrnehmen, und zwar: das Gesamtökosystem Erde und seine Veränderungen als „Big History“ – vom Urknall bis zur Gegenwart – betrachten. Dafür sollte ein Curriculum entstehen, das Ereignisse vom Big Bang bis in die Gegenwart und in die Zukunft verbindet.

Was spricht dagegen, in der Erwachsenenbildung ein solches Projekt zu platzieren? Was spricht dagegen, Bildungsanlässe zu gestalten, die Menschen als „gestaltende Kraft der Natur“ Gelegenheit geben, ihre Sicht auf die Welt zu prüfen, zu erweitern und zu erneuern? //

Lenz, Werner (2020): Erle C. Ellis: Anthropozän. Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung. München: Oekom Verlag 2020, 256 Seiten. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2020, Heft 271/71. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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