Rob Boddice: Die Geschichte der Gefühle von der Antike bis heute.

Rob Boddice: Die Geschichte der Gefühle von der Antike bis heute.
Darmstadt: Theiss Verlag 2020, 266 Seiten.

„Alles fließt“, lautet eine Kernaussage des griechischen Philosophen Heraklit (520–460). Eine repräsentative Ansicht, die sich in ihren Grundzügen vom Buddhismus bis zur Evolutionstheorie im Stammbuch der Menschheit nachlesen lässt. Die Welt und ihre Lebewesen, somit auch die Menschen, befinden sich in einem ständigen Wandel. Analog dazu urteilt Rob Boddice, Historiker an der Freien Universität Berlin und an der Universität Tampere, hat sich auch das Erleben der Menschen und die Art und Weise, wie sie ihren Gefühlen Ausdruck verliehen haben, verändert.

Die vorliegende „Geschichte der Gefühle“ folgt keiner kontinuierlichen Chronologie. Beschränkt auf den europäischen Zivilisationsraum bietet der Historiker Momentaufnahmen, wie sich das Erleben von Gefühlen verändert hat. Hervorzuheben ist die Absicht des Autors, nicht nur Unterschiede zwischen der affektiven Vergangenheit und der Gegenwart aufzuzeigen. Indem Gefühle, Leidenschaften und Emotionen in ihrem Kontext gezeigt werden, werden nicht nur die Unterschiede im Verlaufe der Geschichte, sondern auch von Ort zu Ort herausgestellt. Unbeständig und veränderlich erweisen sich affektive Sprache und affektives Erleben.

Ausgangspunkt ist das griechische Altertum und ihre schriftlich überlieferten Zeugnisse. Deutlich wird, das menschliche Wesen ist nicht festlegbar. Subjektivität bleibt unbeständig und unvorhersehbar. Das einzige Vorhersehbare ist, dass Menschen sich unberechenbar verhalten, wenn sie unter Druck stehen. Menschen haben – gewissermaßen als Zutat – eine affektive Schwäche, daher sind sie nicht rational zu beschreiben.

Sinn und Zweck der Emotionsgeschichte, hebt der Autor hervor, ist nicht nur zu zeigen, dass sich Emotionen verändern, sondern dass auch etwas verloren gehen könnte. Belegt wird dies am Begriff der „eudaimonia“ („gut zu sein“), den der Autor letztlich für unübersetzbar hält.

Andere vorgestellte Epochen betreffen das frühe Mittelalter oder die Zeit der Aufklärung, wobei in letzterer die Bedeutung der Anteilnahme wichtig war, damit ein moderner moralischer Staat funktionsfähig werden konnte.

Im Kapitel „Unverstand und Gefühllosigkeit“ verzeichnet der Autor am Beispiel der Medizin und speziell der Chirurgie ein Ertauben von Empfindungen. Das Mitleid mit den Schmerzen der PatientInnen wird dem zu erwerbenden Wissen über die Anatomie geopfert. Chirurgen erhielten dadurch den Ruf der Härte und Kälte. Im Zeichen der Humanität äußerten sie Gleichmut gegenüber den Schmerzen anderer. Erst die Fortschritte der Anästhesie ersparten den PatientInnen, den anwesenden Ärzten, Krankenschwestern und PflegerInnen den Schmerz. Den Chirurgen wurden keine Gefühle mehr abverlangt. Mitgefühl und soziales Engagement, folgert der Autor, wurden zu einer Angelegenheit von Frauen. Mitleid wurde weiblich.

Im letzten Abschnitt konstatiert Rob Boddice für die Gegenwart einen affektiven Analphabetismus. Der Autor untersucht die zurzeit regierende „Herrschaft des Glücks“. In der Moderne, stellt der Autor fest, erfolgte wieder ein Wandel in der Zuschreibung und Bedeutung von „emotional“ – früher war dies im Sinne von „berührend“ gemeint. Nun werden Emotionen außerhalb des Körpers angesiedelt und Institutionen vereinnahmen sie. Unternehmen und Regierungen nutzen sie ökonomisch und politisch, das private Ich wird öffentlich zur Schau gestellt.

Boddice erklärt dies am Beispiel der englischen Regierung, die mit ihrer Rekrutierungspolitik zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gewisses Schamgefühl für Männer ohne Uniform und ohne Kriegsbegeisterung erzeugte. Der Historiker stellt die Frage, wie und ob dieses „emotional regime“ – Bedingungen unseres persönlichen Glücks festzulegen – heute funktioniert. Am Beispiel der Glücksforschung, lanciert von der OECD, beweist sich die Koppelung von Glück („well-being“), sozialem Fortschritt und liberaler Demokratie. „Glücksökonomie“ und „emotionaler Kapitalismus“ sind Begriffe, die Emotion und Ökonomie in Verbindung bringen. Daraus resultieren begriffliche Verschiebungen wie Gesundheit bezüglich Arbeitseffizienz, Erfüllung hinsichtlich Berufsleben, Bildung als Ausbildung für Berufstätigkeiten oder alles umfassend: Work-Life-Balance. Glücksministerien, wie z. B. in Venezuela oder in den Emiraten erhalten entsprechende Aufgaben, um Glück (politisches Stillhalten) der Bevölkerung zu messen und zu „organisieren“, nicht zu vergessen ist auch das in Schulen des deutschen Sprachraums schon fallweise etablierte Unterrichtsfach „Glück“!

Der Wert der Lektüre geht über historische Einblicke, wie Erlebtes gefühlt wurde, weit hinaus. Deutlich wird im Sinne politischer Bildung, wie es politischen und ökonomischen Interessen in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, das aus ihrer Sicht „richtige Fühlen“ durchzusetzen.

Verständlich wird, welche geringen Chancen „richtiges Wissen“ – belastbare Fakten – gegenüber Botschaften hat, die dem „richtigen Fühlen“ entsprechen. Wissen ist nicht genug, es braucht die Verbindung zum gefühlten Erleben. Letzteres ist offensichtlich die starke Kraft, die menschliches Handeln und Entscheiden leitet.

Das Buch eignet sich besonders für Kurse, Lehrgänge oder Seminare mit gesellschaftspolitischen und historischen Zusammenhängen aber auch für Diskussionen über Menschenbilder und soziales Miteinander. //

Lenz, Werner (2020): Rob Boddice: Die Geschichte der Gefühle von der Antike bis heute. Darmstadt: Theiss Verlag 2020, 266 Seiten. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2020, Heft 271/71. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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