Resilienz – eine Strategie für die Erwachsenenbildung?

Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/08 und nun auch im Zuge der Covid-19-Krise ist das Thema Resilienz in den Vordergrund gerückt. Stresstests werden bei Banken gemacht, resiliente Systeme und Demokratien werden angesprochen. Im Regierungsprogramm 2020–20241 findet sich das Thema Resilienz mehrere Male in den Kapiteln Sicherheit und Landesverteidigung: Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung sollen unterstützt werden in der Entwicklung von Lebensperspektiven und Resilienz. Vor allem Frauen, Mädchen und Kinder werden genannt. Durch staatliches Krisen- und Katastrophenmanagement soll die Resilienz Österreichs gesteigert und auch die Resilienz des Österreichischen Bundesheeres verbessert werden. Für die Elementarbildung ist neben anderem der „Aufbau von Resilienz“ vorgesehen. 

Auch in der Erwachsenenbildung geben Begriffe wie „Stress“ oder „Resilienz“ Jahrzehnten Grundlage für VHS-Angebote ab, wie Käpplinger und Falkenstern (2018)2  in ihrer lesenswerten Programmanalyse deutscher Volkshochschulen zeigen. Gegenwärtig finden sich Resilienztrainings in vielen Bildungseinrichtungen. Über die Weiterbildungsdatenbanken der österreichischen Bundesländer lassen sich auch Ausbildungen zum Resilienz-Coach, zu Resilienz-Practitioners, in weiterer Folge zu Resilienz-ExpertInnen, und schließlich zu diplomierten Resilienz-TrainerInnen finden. Wobei über die Qualität solcher Ausbildungen hier kein Urteil abgegeben werden kann.

„Gesundheit Österreich“, das öffentliche Gesundheitsportal Österreichs, sieht Resilienz im Kontext von Stress, Krankheit oder Krisen. Resilienz wird als seelische Widerstandskraft definiert, die es erleichtern soll, „negativen Einflüssen standzuhalten und sich im Lauf des Lebens weiterzuentwickeln, ohne dabei seelisch zu erkranken“.3 Resilienz beruht auf diesen Säulen: Akzeptanz, Optimismus, Selbstwirksamkeit (Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit), Verantwortung tragen, Networking (ein Beziehungsnetz aktiv aufbauen und erweitern), Zukunftsplanung und Orientierung an Lösungen. Auf der Website wird gleich anschließend vermerkt, dass das nicht heißen soll, dass man dem Leben ständig mit einem Lächeln begegnet. 

Wir können sehen, dass die Machbarkeit und Gestaltbarkeit des eigenen Lebens im Vordergrund stehen und somit der Fokus ausschließlich auf dem Individuum liegt. Resilienz verspricht ein besseres Durchkommen durch Krisen, sie handelt aber nicht von der Veränderung der Ursachen und schon gar nicht der Verhältnisse. Das Konzept der Resilienz ist daher als die „Kunst der Anpassung“ zu interpretieren.4 Sie erleichtert dem Individuum das Leben, in dem dieses das Beste daraus macht, sich aber auch bewusst ist, dass das allermeiste im Leben nicht geändert werden kann. Resilienz ist somit ein Konzept, das in weiterer Folge eine entpolitisierende Funktion hat und in Widerspruch gerät zu anderen Strategien, die eine Stärkung des „Citoyen“ intendieren bzw. zu Strategien, in denen Bildung als ein Vehikel der Transformation gesehen wird. 

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Das Konzept der Resilienz eignet sich für die individuelle Stärkung der Menschen, damit sie mit krisenhaften Situationen umgehen können. Es ist allerdings grundsätzlich zu hinterfragen ob Resilienz als Strategie zur eigenen Veränderung, zur eigenen Transformation geeignet ist. Denn eine solche geht zumeist auch damit einher, dass ich die Bedingungen um mich herum verändere und neu gestalte. Erwachsenenbildung setzt daher bewusst im Interesse der Menschen auf Empowerment und auf die Interaktion des Individuums mit anderen Menschen und mit der Gesellschaft. Somit ist Resilienz auch nur in einem sehr eingeschränkten Maß als Strategie für die Erwachsenenbildung geeignet. 

1   Siehe: https://www.bundeskanzleramt.gv.at/bundeskanzleramt/die-bundesregierung/regierungsdokumente.html [17.6.2021].

2   Käpplinger, Bernd & Falkenstern, Anastasia (2018): Wann und wie kam der „stress“ in die deutschen Volkshochschulprogramme? Eine Programmanalyse von 1947 bis 1987. In: Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung. 27. Jg. S. 155-167

3   Siehe: https://www.gesundheit.gv.at/leben/psyche-seele/praevention/resilienz [17.6.2021].
Die Website von Gesundheit Österreich ist übrigens ausgezeichnet gemacht und bietet für viele Lebenslagen ein breites Informationsangebot, das auch Selbsttests und Zugang zu Beratungen beinhaltet. 

4   Siehe: https://www.derstandard.at/story/2000122671694/soziologin-graefe-resilienz-ist-ein-alternativangebot-zur-kritik [17.6.2021].

Bisovsky, Gerhard (2021): Resilienz – eine Strategie für die Erwachsenenbildung? In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2021, Heft 273/72. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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