Schwerpunkt Bildungsbenachteiligung

Die Volkshochschulen sind angetreten, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Zur Zeit des Entstehens der österreichischen Volkshochschulen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatten zumeist nur Menschen aus privilegierten Schichten bzw. Klassen Zugang zu Bildung. Volksbildung durch Volkshochschulen verstand sich daher als „Bildung für alle“ und als Beitrag, die Bildungsungleichheit bzw. Bildungsungerechtigkeit zu überwinden. Diesem Anspruch fühlen sich die Volkshochschulen auch heute noch verbunden. Aber können sie ihn auch erfüllen? 

In dieser Ausgabe haben wir uns für den Schwerpunkt das Ziel gesetzt, auch zu zeigen, wie die Volkshochschulen und die Erwachsenenbildung Bildungsbenachteiligungen entgegenwirken und wie sich das bei den einzelnen Menschen darstellt. Anhand von Geschichten von TeilnehmerInnen und mittels Bildungsbiografien zeigen Nadja Pospisil und Stefan Vater in zwei Beiträgen, welchen Stellenwert Volkshochschulen beim Abbau von Bildungsbenachteiligungen haben und was Bildung an Volkshochschulen für viele Menschen attraktiv macht. 

Eine Alternative zu den herkömmlichen Schulungen des AMS stellt Karl Immervoll vor. Im nördlichen Waldviertel waren Langzeitarbeitslose in einem AMS-Projekt tätig, sie durften sich ausprobieren und ihre Potenziale entfalten, verpflichtend war nur die Teilnahme an monatlichen Plenarsitzungen und die Führung eines Tagebuchs. In einer Atmosphäre ohne Druck und Rechtfertigung wurde Anerkennung geschaffen und Eigenverantwortung unterstützt. 

Die Initiative Erwachsenenbildung mit den beiden Programmteilen Basisbildung und Pflichtschulabschluss ist ein wichtiger Meilenstein der Erwachsenenbildungspolitik, die auch international viel Anerkennung erfährt. Damit der derzeitige Bedarf in überschaubarer Zeit gedeckt werden kann, bedarf es einer deutlichen Ausweitung der Kursplätze. Dafür setzt sich der VÖV ein und argumentiert dies in einem Policy-Brief. 

In einem grundlegenden Beitrag setzen sich ­Elisabeth Brugger und Gerhard Bisovsky mit Bildungsbenachteiligung auseinander. Die wesentlichen Faktoren im Kontext von Erwachsenenbildung werden beschrieben, darunter finden sich auch Beeinträchtigungen und Behinderungen, von denen einige im Zuge der Covid-19-Krise deutlich sichtbar geworden sind. Barrieren im Zugang zum Erwachsenenlernen werden benannt und diskutiert. Abschließend werden Vorschläge zur Diskussion gestellt, wie Benachteiligungen und Barrieren entgegengewirkt werden kann. 

Peter Schlögl von der Universität Klagenfurt diskutiert in seinem Artikel den Beitrag von beruflicher Aus- und Weiterbildung zum Abbau von Bildungsbenachteiligung und zeigt beispielhaft auf, welche arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und bildungspolitischen Programme zu einer verbesserten Chancengerechtigkeit beitragen. 

Martin Klemenjak, Fachhochschule Kärnten, schließt an und analysiert die Arbeitsmarktintegration von benachteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Beispiel der überbetrieblichen Lehrausbildung, der verlängerten Lehre und der Berufsausbildungsassistenz. Weiters befasst er sich mit den Wirkungen dieser Maßnahmen. 

Annette Sprung von der Universität Graz diskutiert Bildungsbenachteiligung aus migrationswissenschaftlicher Perspektive und spricht sich gegen eine Überbetonung des Merkmals „Migrationshintergrund“ aus. Die Hauptverantwortung für soziale Ungleichheiten kann nicht dem Bildungssystem zugeordnet werden. Essenzielle gesellschaftspolitische Themen erfordern breite, partizipative und kritische Diskursräume, die den Austausch darüber ermöglichen in welcher Gesellschaft wir schließlich leben wollen.

Einen solchen Diskursraum vermisst Monika ­Kastner, Universität Klagenfurt, die sich mit den Entwicklungen in der Basisbildung und der fehlenden Einbeziehung von ExpertInnen beim neuen Curriculum auseinandersetzt. Weiters kritisiert Kastner die zunehmende Ökonomisierung, die sich unter anderen auch darin zeigt, dass Basisbildung verstärkt an der Beschäftigungsfähigkeit ausgerichtet werden soll. Schließlich plädiert sie für eine Einbeziehung der TeilnehmerInnen in die Programm- und Angebotsplanung. 

Wolfgang Moser, Geschäftsführer des steirischen Landesverbandes und der Urania Steiermark, diskutiert die Benachteiligung älterer Menschen und plädiert für die Erweiterung bestehender Förderinstrumente und dass diese von der Orientierung auf die Beschäftigungsfähigkeit befreit werden müssen. 

Angelika Hrubesch von den Wiener Volkshochschulen analysiert in ihrem Beitrag die Auswirkungen des Umstiegs von Präsenz- auf digitales Lernen im Zuge der Covid-19-Krise und welche Schlussfolgerungen für die Zeit nach der Krise gezogen werden können. Die Bedeutung der Volkshochschule sieht sie im Ort des Zusammenkommens und in informellem Austausch und Vernetzung. Nur ein breites und ganzheitliches Bildungsverständnis ist die Grundlage für die Umsetzung von „Bildung für alle“ auch im Bereich der digitalen Kompetenzen. //

Bisovsky, Gerhard (2021): Schwerpunkt Bildungsbenachteiligung. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2021, Heft 273/72. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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