So könnte es gewesen sein. Vielleicht ein wenig anders. Sicherlich noch vielfältiger. Wir erkunden den historischen Lebensraum des Homo sapiens. Höhlenzeichnungen, Begräbnisstätten, Steinwerkzeuge, Jagdwaffen, Menschen- und Tierknochen, Figurinen – kleine Statuen – aus Knochen, Stein und gebranntem Ton geben Zeugnis. Wir interpretieren.
Die mehrfach ausgezeichnete österreichische Comic-Zeichnerin, Autorin und Professorin für Visuelle Kommunikation an der Hochschule Hannover, Ulli Lust, bringt uns Urgeschichte nahe. Sie fasst archäologische Befunde zusammen und verbindet den Text mit ihren Zeichnungen/Comics zu eindrucksvollen, verständlichen Geschichtsbildern. Dafür nutzt sie eine seit den 1980er Jahren anerkannte literarische Gattung: Graphic Novel. https://de.wikipedia.org/wiki/Graphic_Novel
Der Titel des Buches ist Botschaft und Signal. Ulli Lust will der Rolle der Frau in ihrer frühen Geschichte neue Konturen geben. Das betrifft einen Zeitraum vor etwa 100.000 bis vor etwa 12.000 Jahren sowie Lebensräume, die von Klimaschwankungen betroffen waren. Spuren von zumeist bedrohten noch existierenden „Naturvölkern“ – indigene Völker oder traditional orientierte Ethnien – führen bis in unsere Gegenwart.
Die Autorin wählt zwei persönliche Zugänge zu ihrem Thema. Der erste bezieht sich auf ihr Heranwachsen in der 1960er- und 1970er-Jahren und den Bezug zur „Scham“. Diese zu verbergen, war strenges Gebot in ihrer Kindheit. Erstaunt nahm sie bei Besuch von Museen wahr, dass dies bei Fundstücken weiblicher Darstellungen aus der Steinzeit keinesfalls der Fall war. Zudem gab es wesentlich mehr weibliche als männliche Artefakte. Die Figurinen, z. B. die Venus von Willendorf etwa 25.000 Jahre alt, erwiesen sich oft auch als Muttergöttinnen: selbstbewusst, aufrecht und unbedeckt. Schamvoll, in geknickter Haltung, sich bedeckend erscheinen weibliche Statuen erst in und seit der griechisch-römischen Antike. Behutsam klärt Ulli Lust darüber auf, dass die weiblichen Figurinen der Vorzeit die Kategorie Mensch repräsentieren. Mit höflicher Eleganz stellt sie die „Legende von der natürlichen Dominanz des Mannes“ in Frage.
Den zweiten persönlichen Zugang öffnet die Autorin anhand einer Flugreise. Ihre Selbstbehauptung gegenüber einem sich allzu breit machenden Sitznachbarn nutzt sie im Kapitel „Sozialverhalten bei Menschenaffen“ zu einem kleinen Lehrstück aus der Evolutionsforschung. Empathie, Kooperationsbereitschaft und Vertrauen waren offensichtlich nützliche Eigenschaften, die die relativ kleine Population Homo sapiens in ihrer damaligen Umwelt – gegenüber zahlreichen, sehr großen, aggressiven, beutehungrigen Raubtieren – entwickelte, um zu überleben.
Hinzu kamen noch die Fähigkeiten, voneinander zu lernen, und Wissen weiterzugeben. Wissen hüteten die Alten und die Schaman*innen. Letztere stellten, oft auch mittels des Feuers, eine Verbindung zum Jenseits, zur „Anderswelt“, her. Masken, ebenfalls Fundstücke, verbargen die Gesichter auf schamanischen „Geistreisen“ vor den ihnen begegnenden Geistern.
Als Verbindung zur Gegenwart zeichnet und beschreibt Ulli Lust das Schicksal der indigenen Bevölkerung in Botswana, der Khoisan-Buschleute, die älteste heute noch existierende Wildbeuter-Menschengruppe. Die Autorin schildert deren zunächst erfolgreichen Kampf um ein ihren Bedürfnissen entsprechendes Reservat. Aus diesem wurden sie aber bald wieder vertrieben. Sie standen dem Interesse der Regierung, kostbare Bodenschätze abzubauen, im Wege. Ihr Lebensraum und das ursprüngliche Ökosystem wurden dabei zerstört. So reicht die Geschichte der Urzeit-Menschen – unserer Homo sapiens Vorfahren – bis in unsere Gegenwart.
Weitere Schwerpunkte in der bildreichen Geschichtsdokumentation sind u. a. die „Farbe Rot“, deren Gebrauch sich bei den Menschen begleitend durch Jahrtausende nachweisen lässt, oder die „Rolle der Frau als Jägerin“. Der Körperbau gefundener Skelette und daraus ableitbare Muskelansätze lassen keine Zweifel aufkommen: Frauen waren als den Männern gleichwertige Jägerinnen tätig. Die herkömmliche Auffassung einer strengen Arbeitsteilung zwischen Männern, die auf die Jagd gingen, und Frauen, die Beeren sammelten, ist nicht mehr haltbar. Geschlechterrollen sind flexibel, ist aus der Geschichte zu erkennen, und nicht durch „die Natur“ festgelegt.
Aufgrund der Lebensbedingungen konnte auch das komplexe und langdauernde Aufziehen eines Kindes nicht nur durch eine Person erfolgen. Es war Aufgabe einer zusammengehörenden Gruppe. Beschützen, ernähren, Fähigkeiten für das Überleben zu erlernen oder Vertrauen zu sich selbst und zur Umwelt entwickeln, war sicherlich dem Mitwirken mehrerer Bezugspersonen zu verdanken.
Ulli Lust präsentiert keine durchgängige Geschichte der Frau. Aber sie vermittelt ihre fundierte Überzeugung: Frau zu sein war in der Geschichte des Homo sapiens (und ist noch immer) ein soziales Geschehen mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten, es zu gestalten. Der Forschung adäquat, die ja auf Basis von Ausgrabungen, Funden und Zeitbestimmungen an verschiedenen Orten der Erde ein unvollständiges Mosaik mit vielen offenen Fragen bietet, erzählt Ulli Lust nachvollziehbare Geschichten aus der Geschichte. Diese sind genau recherchiert und in einem umfangreichen Anhang mit interdisziplinärer wissenschaftlicher Literatur dokumentiert. Anthropologie, Archäologie, Archäogenetik, Evolutionsbiologie u. a. tragen zum Verständnis unserer Vergangenheit bei.
Ulli Lust betont eine feministische Sichtweise auf die, in den letzten Jahrzehnten besonders rasant zunehmenden Erkenntnisse über unsere Vorfahren. Die dafür kunstvoll angefertigten Zeichnungen und Bilder der Autorin erweitern beim Lesen die kognitive Dimension um die emotionale. Die Kombination von neuem Wissen und emotionalem Hintergrund erleichtert es, ein auf emanzipatorischer Bildung beruhendes, gegen Diskriminierung gerichtetes Verhalten im sozialen Geschehen zu entfalten.
In der Erwachsenenbildung kann dieses Buch als ansprechender, attraktiver, motivierender Lehr-/Lernbehelf in den Kategorien Gesellschaft, Persönlichkeitsbildung, Kultur und Elternbildung dienen. Darüber hinaus ermöglicht die Lektüre sicherlich lustvolle Selbstbildung.
Für ihren Sachcomic hat Ulli Lust den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Sachbuchpreis 2025 gewonnen. Die Auszeichnung wurde am 17. Juni 2025 in der Hamburger Elbphilharmonie überreicht. Den Deutschen Sachbuchpreis vergibt die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er geht an ein „herausragendes Sachbuch in deutschsprachiger Originalausgabe, das gesellschaftlich relevante Impulse setzt“ (https://orf.at/#/stories/3397058/). //












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