Jetzt Bildungsgeschichte schreiben!

Als spannend erscheint darüber hinaus der Wechsel der Erwachsenenbildungsagenden vom Bildungsressort zum Frauen- bzw. Wissenschaftsministerium. Fakt ist, dass die Volkshochschulen hier ganz besondere Schnittmengen aufweisen. Während die Weiterbildungsteilnahme in Österreich männlich dominiert ist, sind 71 Prozent der Teilnehmenden an VHS-Angeboten Frauen. Mehrheitlich weiblich sind nicht zuletzt die VHS-Teilnehmenden in den Bereichen Natur und Technik oder Bildungsabschlüsse – wohl ein Alleinstellungsmerkmal der Volkshochschulen. Gerade bei der Ausrollung einer verstärkten frauenpolitischen Agenda in der Erwachsenenbildung bietet sich die „VHS“ somit mit ihrer langen Tradition und Praxis in der emanzipatorischen Bildungsarbeit an. Gleiches gilt im Bereich Wissenschaftskommunikation bzw. im Kampf gegen Wissenschaftsfeindlichkeit. Mit dem „Science-Programm“ der Wiener Volkshochschulen, den „Science Village Talks“ der burgenländischen Kolleg*innen, dem Programm uni•com der VHS-Tirol, aber auch mit dem gemeinsamen VHS-Projekt „Ruth Maier – Ausstellung in Einfacher Sprache & Workshops“ liegen Paradebeispiele bzw. Projekte vor, die zeigen, was Volkshochschulen als Partner der Wissenschaft leisten können. 

Allerdings: Das meistverwendete Schlagwort im Regierungsprogramm lautet weder Bildung noch Demokratie oder Nachhaltigkeit, sondern „Evaluierung“. Auch beim Unterkapitel Erwachsenenbildung ist zu lesen: „Evaluierung der derzeitigen Verwaltungsstrukturen in der Erwachsenenbildung und Weiterentwicklung mit dem klaren Ziel einer Bündelung zur Verbesserung der Effizienz, Qualitätssicherung und stärkeren strategischen Ausrichtung.“ Doch in welche strategische Richtung soll „evaluiert“ und „gebündelt“ werden?

Inklusion in der Erwachsenenbildung erhöhen und Grundkompetenzen stärken! 

Die Weiterbildungsteilnahme ist in Österreich zwar vergleichsweise hoch, aber extrem ungleich verteilt. Nur 6,6 Prozent der 25- bis 64-Jährigen, die aktuell an außerschulischer Bildung mit Arbeitsbezug – zum Beispiel an einer Personalschulung, aber auch einem Sprachkurs teilnehmen – besitzen laut Berechnung der Statistik Austria maximal einen Pflichtschulabschluss. Eine Evaluierung und Bündelung der strategischen Anstrengungen des Bundes in Richtung höherer Inklusion bei der Weiterbildungsteilnahme wäre bildungspolitisch zu begrüßen. Gerade vor dem Hintergrund der PIAAC-Ergebnisse gewinnt dieser Aspekt besonders an Bedeutung. Die Studie hat bekanntlich aufgezeigt, dass rund 1,7 Millionen Menschen Probleme beim Lesen im Alltag haben; die Werte bei anderen Grundkompetenzen waren ebenso alarmierend. Tatsächlich sind die passenden Lösungskonzepte im Grunde bereits vorhanden. Das staatliche Programm für Grund- bzw. Basisbildung (Level Up) – die Volkshochschulen sind der größte Träger – wurde gerade umfassend evaluiert. Das Ergebnis: hohe Abschlussquoten, positive Bildungseffekte, aber auch ein steigender Bedarf an Angeboten. Seit Jahren thematisieren die Volkshochschulen genau dies: den hohen Verwaltungsaufwand v. a. im Bereich der Dokumentation, die unsichere, projektförmige Finanzierung und die viel zu geringen Fördermittel sowie die fehlenden Sensibilisierungsmaßnahmen. Hier wäre eine gemeinsame Anstrengung aller Akteure im Sinne eines „großen Wurfes“, der das Programm fest in der Bildungspolitik des Bundes etabliert, ein echter Meilenstein. 

Das Netz der Erwachsenenbildung stärken und nutzen

Nachweislich tragen die Volkshochschulen zur Stärkung der Grundkompetenzen, zur Erhöhung der Weiterbildungsteilnahme gerade unter formal Niedrigqualifizierten und nicht zuletzt insgesamt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Gleichzeitig verbuchen die Volkshochschulen für ihre gesamte Arbeit (700.000 Teilnahmen pro Jahr!) gerade einmal ein Prozent ihrer Einnahmen über direkte Bundesförderungen (vergeben werden diese Förderungen übrigens nach klaren Qualitäts- und Leistungskriterien). Die Volkshochschulen fordern hier schon lange eine Stärkung des einzigartigen Netzwerks der gemeinnützigen Erwachsenenbildung in Österreich und auch stärkere Nutzung dieses Netzes für bestimmte bildungs- und gesellschaftspolitische Schwerpunkte (Demokratiebildung, Wissenschaftskommunikation etc.). Eine in diesem Sinne stärkere strategische Ausrichtung der Erwachsenenbildung wäre zu begrüßen. In diesem Kontext sei allerdings auch darauf hingewiesen, dass die wesentlichen Ausgaben im Bund für die Erwachsenenbildung Ermessensausgaben sind. Gerade in Zeiten der „Konsolidierung“ ist diese Form der Finanzierung besonders prekär und kann schnell zur Disposition stehen. Zu wünschen ist daher im Zuge der „Evaluierung“ auch, den Fokus auf eine Beendigung des „Dauer-Prekariats“ der Erwachsenenbildung zu legen. Das bedeutet, die verbindliche Finanzierung dieses Bereich endlich gesetzlich abzusichern. 

Evers, John (2025): Jetzt Bildungsgeschichte schreiben! In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2025, Heft 284/76. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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