Existiert eine „Natur des Menschen“, gibt es „Menschenrassen“, was bewirkt „Evolution“, in welchem Verhältnis stehen „Religion und Wissenschaft“? Fragen und Themen, die, oft ideologisch umstritten, von gesellschaftlichen Interessengruppen unterschiedlich beantwortet und vereinnahmt werden.
Frank E. Zachos, Privatdozent für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Wien, Kurator für Säugetiere am Naturhistorischen Museum in Wien, will mit seiner Publikation beitragen, solche und weitere einschlägige, komplexe Fragestellungen aus biologischer Sicht sachlich zu erörtern. Er schreibt „gegen die Simplifizierung und für einen intellektuellen Pluralismus“ (S. 11), indem die Biologie ohne Überhöhung ernst genommen werden soll. Der Autor verspricht keine endgültigen Antworten, sondern will Problemlagen offenlegen und zugleich einladen, mitzudenken.
Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert, essayistisch verfasst und kann in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Im ersten Kapitel diskutiert der Autor „Die philosophische Dimension der Biologie“. Dies betrifft u. a. auch die Herkunft des menschlichen Erkenntnisvermögens. Der „Evolutionären Erkenntnistheorie“ zufolge hat sich stammesgeschichtlich ein „Schubladendenken“ mit klaren, abgegrenzten Begriffen entwickelt, damit Menschen sich rasch im jeweiligen neuen Umfeld orientieren können. Das daraus resultierende Einteilen der Welt in „feste Kategorien“ widerspricht aber der Natur, in der nur Weniges streng binär – aus zwei Einheiten bestehend – auftritt. Statt Schwarz-Weiß existieren Grauzonen. Frank E. Zachos urteilt, „dass die Realität fließender und vielfältiger ist, als simple Dichotomien und binäre Kategorien uns das glauben machen“ (S. 33). Deshalb tritt er mit seinem Buch für ein Denken ein, das Grauzonen und unscharfe Grenzen respektiert.
An den Themen „Menschenrassen“ und „Geschlecht“ wird das im Buch verdeutlicht. In diesem Sinn hält Frank E. Zachos fest, dass Art, Unterart oder „Rasse“ nicht objektiv existieren. Gruppen von Lebewesen können real sein, doch ihre Klassifikation bleibt willkürlich. Somit stellt er die Gültigkeit, Menschen nach „Rassen“ einzuteilen, in Abrede.
Analog zum Begriff „gender“, der die sozialen Aspekte des Geschlechts betont, verweist Frank E. Zachos in Zusammenhang mit „Rassen“ auf „race“. Dieser Begriff lenkt den Blick von biologischen Aspekten auf „gesellschaftlich konstruierte Kategorien, die soziale Ungleichheiten abbilden“ (S. 117). Der Autor betont diese Terminologie, weil wissenschaftliche Untersuchungen von „race“ („racial sciences“) klären könnten, „wie kulturelle, soziologische und politische Faktoren zu realem Rassismus beitragen“ (ebd.). Stammesgeschichtlich sind alle Menschen Afrikaner, von „Kontinentalrassen“ zu reden, hält Frank E. Zachos für „ein Hirngespinst ohne biologische Grundlage“ (S. 128).
Im Kapitel „Evolutionsbiologie in ihrem kulturellen Kontext“, dem das Kapitel „Zum Verhältnis von Evolution und Religion“ folgt, wird eine aktuelle, wissenschaftsbasierte Sicht auf den Menschen vorgestellt. Im historischen Ursprung erwies sich Darwins „survival of the fittest“ für die damalige politisch-ideologische Weltsicht (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) des imperialen Großbritanniens sehr nützlich. Im 20. Jahrhundert wurde das „Konzept Evolution“ von religiösen Kreisen angepasst und integriert. „Intelligent Design“ und „Kreationismus“ versuchen die Schöpfungsbasis beizubehalten, indem die Erschaffung einiger Lebens-Grundtypen (z. B. Adam und Eva, Ur-Ente) angenommen wird. Aus diesen sei in nur wenigen tausend Jahren dank einer „Hyperevolution“ die heutige Artenvielfalt hervorgegangen.
Frank E. Zachos legt Nachdruck darauf, dass Wissenschaft die Religion nicht zerstört. Er referiert auch empirische Untersuchungen, wonach Wissenschaft nicht automatisch zu Säkularisierung, zur Loslösung von der Kirche führt. Er sieht zwei getrennte, voneinander unabhängige Aufgaben: Wissenschaft erklärt, wie die Welt funktioniert, die Religion den Sinn und Zweck des Lebens. Frank E. Zachos lässt Galileo Galilei (1564 – 1642) mit einem ihm zugeschriebenen Aperçu zu Wort kommen, demgemäß „die Wissenschaft erkläre, wie der Himmel funktioniert, die Religion hingegen, wie man in den Himmel komme“ (S. 78).
Als Menschenbild hält Frank E. Zachos fest: Menschen sind, wie jede andere Art, Ergebnis eines evolutiven Prozesses. Da Evolution ein dynamischer Prozess ist, was ständige Veränderung mit sich bringt, widerspricht das „einer fixen unveränderlichen menschlichen Natur“ (S. 90).
Diese Auffassung wird auch im letzten Kapitel „Zur Biologie der menschlichen Sexualität“ vom Autor vertreten. Er diskutiert die Vieldeutigkeit des Begriffs „Geschlecht“ und die soziale Funktion von Sexualität. Am Beispiel Homosexualität belegt er ihre weite Verbreitung in verschiedenen Kulturen und im Tierreich. Auch hier wendet sich Frank E. Zachos gegen das Erfinden fester Kategorien, denn die belebte Welt ist ein Kontinuum. Er zitiert einen Kollegen, „dass die Natur Vielfalt liebt, die Gesellschaft sie aber leider hasst“ (S. 161).
Frank E. Zachos registriert den Wunsch der Menschen nach einer Sonderstellung und das Bedürfnis, „einzigartig auf einzigartige Weise“ zu sein. In Ergänzung dazu versteht der Autor die (Evolutions-)Biologie als Quelle für Erkenntnisse über die Vielfalt und Schönheit der Welt, als Wissenschaft von der Diversität.
Die Lektüre ermuntert zu freiem Denken und dazu, keine schnellen Urteile zu fällen. Besonders bei konkreten Erklärungen ist wegen der komplexen Überlagerung von Kultur und Biologie Vorsicht und achtsame Zurückhaltung geboten. Statt vereinfachende Dichotomien zu äußern – sie führen schnell zu Diskriminierung und Ausgrenzung – ist es ratsam, auf die „feinen Grade“ zu achten: auf die vielen Unterschiede in der belebten Welt, auf die Grauzonen und auf die Überlappungen. Bei Grauzonen geht es nicht, nach Meinung des Autors, um die eine korrekte Lösung, sondern um ein Kontinuum an Vorschlägen.
In der Erwachsenenbildung eignet sich das Buch für die Bereiche Naturwissenschaft und Politische Bildung. Aber auch in der Fortbildung von Lehrer*innen sowie in der Elternbildung kann es zu einem veränderten Blick auf die Welt und ihre Lebewesen anregen. //












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