Einleitung
Die digitale Transformation ist die prägendste gesellschaftliche Entwicklung unserer Zeit. Technologien wie das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz, Big Data oder virtuelle Realitäten verändern nicht nur Arbeitsprozesse und Kommunikationsformen, sondern greifen tief in Kultur, Politik und Bildung ein. Längst ist klar: Digitalisierung ist nicht nur eine technische Innovation, sondern ein umfassender sozialer, ökonomischer und kultureller Wandel. Sie formt die Art und Weise, wie wir Wissen erwerben, wie wir uns austauschen und wie wir an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben.
Vor diesem Hintergrund wird der Begriff der digitalen Kompetenz immer zentraler. Wer sie besitzt, kann souverän mit digitalen Medien umgehen, Informationen kritisch einordnen und selbst Inhalte gestalten. Wer sie nicht hat, droht von wesentlichen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, sei es am Arbeitsmarkt, in der Bildung oder im demokratischen Diskurs. Doch digitale Kompetenz meint weit mehr als die Fähigkeit, Geräte zu bedienen oder Software zu nutzen: Sie umfasst kritisches Denken, ethische Reflexion und die Bereitschaft, Technologien in den Dienst menschlicher Werte zu stellen.
Um diesen Anspruch mit Leben zu füllen, entwickelte die Europäische Kommission 2013 den Digital Competence Framework (DigComp), der seither kontinuierlich fortgeschrieben wurde (Carretero et al.: 2017; Europäische Kommission: 2022). Er beschreibt die Fähigkeiten, die nötig sind, um digitale Souveränität zu erlangen: Informations- und Datenkompetenz, Kommunikation und Zusammenarbeit, digitale Inhaltserstellung, Sicherheit sowie Problemlösung. Jeder Bereich ist mit Lernzielen unterlegt, sodass der Rahmen als praktisches Instrument für Bildungsinstitutionen, Arbeitgeber und Politik dient. Seine Stärke liegt darin, digitale Kompetenz nicht auf technisches Know-how zu verkürzen, sondern als Zusammenspiel von Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen zu verstehen.
In Österreich wurde der Rahmen in der Version DigComp 2.3 AT umgesetzt, die ihn um einen sechsten Kompetenzbereich (Grundlagen, Zugang und Verständnis) erweitert (Nárosy et al.: 2022). Dieser Bereich berücksichtigt, dass viele Lernende zunächst grundlegende Unterschiede zwischen analogen und digitalen Prozessen verstehen müssen. Er umfasst zudem die sichere Bedienung digitaler Geräte und den Zugang zu digitalen Infrastrukturen. So trägt DigComp 2.3 AT den unterschiedlichen Vorkenntnissen in der Erwachsenenbildung Rechnung und ermöglicht eine wirklich inklusive digitale Bildung, die auch Menschen mit geringen Vorerfahrungen den Einstieg in die digitale Welt eröffnet.
Hier setzt die Idee des digitalen Humanismus an. Sie betont, dass die digitale Transformation nicht allein von ökonomischen Interessen oder technischer Machbarkeit geleitet werden darf, sondern sich an den Grundwerten menschlicher Würde, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit orientieren muss (Werthner et al.: 2019; Nida-Rümelin & Weidenfeld: 2018). Digitaler Humanismus bedeutet, Technologien so zu gestalten, dass sie den Menschen stärken, nicht ihn ersetzen oder entmündigen.
Gerade die Erweiterung von DigComp zeigt, wie eng Kompetenzmodelle und humanistische Leitbilder miteinander verknüpft sind. Digitale Bildung erschöpft sich nicht in technischer Exzellenz, sondern beginnt mit der Gewährleistung von Zugang und Teilhabe für alle. Im Zusammenspiel mit den Ideen des digitalen Humanismus wird digitale Kompetenz zu einer modernen Form von Mündigkeit, zur Fähigkeit, Technologien kritisch, kreativ und verantwortlich zu nutzen, unabhängig von Vorwissen, Herkunft oder sozialem Status.
Digitale Kompetenzen als Grundlage moderner Gesellschaften
Die Rede von digitalen Kompetenzen ist heute allgegenwärtig. Doch oft wird sie auf das bloße Bedienen von Geräten oder Programmen reduziert: Texte schreiben, Tabellen kalkulieren, E-Mails versenden. Diese technisch-funktionale Dimension ist zweifellos wichtig, bildet aber nur die Grundlage für einen souveränen Umgang mit digitalen Technologien.
Digitale Kompetenz im umfassenden Sinn meint die Fähigkeit, sich in einer komplexen Informationsgesellschaft orientieren zu können. Dazu gehört, Informationen zu finden, zu verstehen, kritisch zu bewerten und sinnvoll zu nutzen, in digitalen Räumen zu kommunizieren und zu kooperieren, Risiken wie den Verlust der Privatsphäre oder Cyberangriffe zu erkennen und sich wirksam davor zu schützen sowie digitale Werkzeuge kreativ einzusetzen und neue Technologien kritisch einzuschätzen.
Digitale Kompetenz ist damit keine isolierte Fähigkeit, sondern eine kulturelle Schlüsselqualifikation. Sie entscheidet darüber, ob Menschen in einer zunehmend digitalisierten Welt selbstbestimmt handeln können. In der Arbeitswelt ist sie längst eine Grundvoraussetzung, doch auch in Bildung, Politik und Alltagskultur wird sie zur Bedingung gesellschaftlicher Teilhabe. Diese Erkenntnis führt zu einer normativen Frage: Wenn digitale Kompetenz so zentral ist, welche Werte sollen ihr zugrunde liegen? An dieser Stelle tritt der digitale Humanismus auf den Plan.
Digitaler Humanismus: Ethik, Würde und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Während der DigComp die praktischen Dimensionen digitaler Kompetenz beschreibt, liefert der digitale Humanismus den normativen Rahmen (Werthner et al.: 2019). Sein Kernanliegen: Die digitale Transformation darf nicht allein durch technologische Möglichkeiten oder wirtschaftliche Interessen bestimmt werden. Sie muss sich an den Grundwerten der Aufklärung orientieren, an Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Solidarität.
Digitaler Humanismus stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Digitalisierung. Technologien sollen nicht entmündigen, sondern befähigen; nicht manipulieren, sondern Autonomie stärken; nicht spalten, sondern gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Damit richtet er sich kritisch gegen gegenwärtige Tendenzen wie die Vermarktung persönlicher Daten, intransparente algorithmische Entscheidungsprozesse oder digitale Monopole, die demokratische Kontrolle unterlaufen.
Im Kontext digitaler Kompetenzen bedeutet digitaler Humanismus, dass Wissen und Fähigkeiten nicht nur technischer, sondern auch ethischer und politischer Natur sind. Digitale Mündigkeit verlangt, die sozialen Folgen technologischer Entwicklungen zu verstehen, Risiken abzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen (Floridi: 2014).
Die Verbindung von Kompetenzrahmen und Humanismus
Wenn man DigComp 2.3 AT und digitalen Humanismus zusammendenkt, entsteht ein umfassendes Konzept digitaler Mündigkeit. Die Kompetenzbereiche des DigComp geben die Struktur, der digitale Humanismus liefert die ethische Orientierung.
Ein Beispiel: Informations- und Datenkompetenz bedeutet nicht nur, Informationen im Internet zu finden, sondern auch, deren Glaubwürdigkeit kritisch zu prüfen. Im humanistischen Sinn heißt das, Desinformation entgegenzutreten und zur Stärkung einer informierten Öffentlichkeit beizutragen. Ebenso erweitert der Humanismus das Sicherheitsverständnis des DigComp: Neben Passwortschutz oder technischer Sicherheit (Carretero et al.: 2017) rückt er das Recht auf Privatsphäre als Ausdruck der Menschenwürde in den Vordergrund. Der Schutz von Daten ist damit nicht nur eine technische, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.
So werden digitale Kompetenzen nicht als bloße „Employability Skills“, sondern als Ausdruck demokratischer Kultur und persönlicher Verantwortung verstanden.
Implikationen für Bildung, Politik und Gesellschaft
Die Verbindung von DigComp 2.3 AT und digitalem Humanismus hat weitreichende Konsequenzen. Für das Bildungssystem bedeutet sie, dass digitale Bildung über funktionale Fertigkeiten hinausgehen muss. Bildungseinrichtungen sollen Lernräume schaffen, in denen technische Fähigkeiten ebenso vermittelt werden wie Reflexion, Kreativität und Gestaltungsfreiheit. Digitale Bildung ist damit immer auch politische Bildung.
Für die Politik folgt daraus, dass digitale Kompetenzen nicht allein in Arbeitsmarktprogrammen verankert werden dürfen, sondern als Bürgerrecht gelten müssen.
Zugang zu Infrastruktur, Förderung digitaler Mündigkeit und Schutz vor digitaler Ausbeutung sind Aufgaben des Staates im Sinne des Gemeinwohls.
Auch die Gesellschaft insgesamt steht vor der Aufgabe, digitale Räume als öffentliche Räume zu begreifen, deren Gestaltung demokratische Teilhabe ermöglicht. Nur wenn Bürger*innen befähigt werden, diese Räume kritisch und kreativ zu nutzen, kann digitale Demokratie gelingen.
Ein praktisches Beispiel liefert ein laufendes Erasmus+-Projekt, an dem die Wiener Volkshochschulen gemeinsam mit Partnerinstitutionen aus Deutschland, Schweden, Frankreich, Italien, der Slowakei und Ungarn beteiligt sind (Die Wiener Volkshochschulen GmbH/Erasmus+, 2023–25). Ziel des Projekts ist es, den DigComp-Rahmen in der Erwachsenenbildung zu verankern – also in Einrichtungen, die traditionell für lebenslanges Lernen und gesellschaftliche Teilhabe stehen.
Die Ansätze sind vielfältig: In einigen Ländern werden bestehende Kurse nachträglich mit DigComp-Kompetenzbereichen gekennzeichnet, um Lernziele transparent zu machen; andere planen ihre Kurse von Anfang an anhand des Kompetenzrasters. Besonders wichtig war den Projektpartnern die Entscheidung, die österreichische Adaption DigComp 2.3 AT als Referenz zu nutzen, da der zusätzliche sechste Bereich Grundlagen, Zugang und Verständnis für eine inklusive Erwachsenenbildung entscheidend ist. Gerade an Volkshochschulen treffen sehr unterschiedliche Vorkenntnisse aufeinander, von geübten digitalen Nutzer*innen bis zu Menschen, die erst den Unterschied zwischen analogen und digitalen Prozessen kennenlernen. Die Einbeziehung dieses Bereichs ermöglicht allen einen niedrigschwelligen Zugang zur digitalen Welt.
Darüber hinaus richtet das Projekt den Blick auch nach innen: Mit Selbsteinschätzungstests auf Basis des DigComp reflektieren Mitarbeiter*innen ihre eigenen digitalen Kompetenzen. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für gezielte Fortbildungen, die als konkretes Beispiel dafür gelten, dass digitale Kompetenzentwicklung immer institutionell und individuell zusammengedacht werden muss.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie der DigComp 2.3 AT in der Praxis umgesetzt werden kann: flexibel, kontextsensibel und zugleich mit klarer Struktur. Es verdeutlicht, wie der Kompetenzrahmen im Sinne des digitalen Humanismus nutzbar wird, nicht als technisches Raster, sondern als Werkzeug zur Stärkung von Selbstbestimmung und Teilhabe. Die europäische Zusammenarbeit steht dabei selbst für humanistische Werte: Vielfalt, Austausch und das gemeinsame Ziel, digitale Bildung als Recht für alle zu verwirklichen.
Auch auf nationaler Ebene zeigt sich, dass diese Themen an Bedeutung gewinnen. Ein aktuelles Beispiel ist die Fachtagung „Digitalisierung 2025“, die Anfang Oktober 2025 in Hannover von der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (AEWB) Niedersachsen ausgerichtet wurde. Mitarbeiter*innen aus unterschiedlichen Bildungsinstitutionen und in unterschiedlichen Funktionen diskutierten dort, wie Weiterbildungseinrichtungen digitale Kompetenzen systematisch fördern können, ohne den Menschen und seine Lernbiografie aus dem Blick zu verlieren.
Die Tagung machte deutlich, dass Fragen der digitalen Kompetenzentwicklung eng mit den Leitideen des digitalen Humanismus verbunden bleiben: Wie lässt sich digitale Teilhabe sichern? Welche ethischen Leitlinien braucht die Erwachsenenbildung in einer zunehmend KI-geprägten Lernumgebung? Und wie können Rahmenwerke wie DigComp helfen, diese Herausforderungen strukturiert anzugehen? Die Diskussionen in Hannover zeigten, dass Einrichtungen in ganz Europa ähnliche Fragen bewegen wie jene, die im Erasmus+-Projekt bearbeitet werden und dass Kooperation, Austausch und ein humanistisches Verständnis von Digitalisierung zentrale Voraussetzungen für eine menschengerechte Zukunft sind.
Fazit
Digitale Kompetenzen sind die Schlüsselqualifikation unserer Zeit. Doch sie erschöpfen sich nicht im Bedienen von Geräten oder Programmen. Sie umfassen kritisches Denken, kreative Gestaltung, verantwortungsvolles Handeln und die Fähigkeit, Technologien im Sinne des Menschen einzusetzen. Der DigComp 2.3 AT bietet dafür einen praxisnahen Rahmen; der digitale Humanismus ergänzt ihn um den ethischen und politischen Anspruch, Digitalisierung an Würde, Freiheit und Gemeinwohl auszurichten (Werthner et al.: 2019).
Die Verbindung beider Ansätze schafft Orientierung und Sinn: DigComp liefert Struktur, der Humanismus Werte. Gemeinsam machen sie deutlich, dass digitale Bildung weit über Arbeitsmarktfähigkeit hinausgeht. Sie ist ein Projekt gesellschaftlicher Selbstermächtigung, das Menschen befähigt, Technologien kritisch zu reflektieren, aktiv zu gestalten und in den Dienst einer offenen, gerechten und solidarischen Gesellschaft zu stellen.
So wird die digitale Transformation nicht zur Bedrohung, sondern zur Chance, die Ideale der Aufklärung ins 21. Jahrhundert zu übersetzen. Technik und Humanität müssen kein Gegensatz sein. Sie können sich gegenseitig stärken, wenn digitale Kompetenzen als Ausdruck moderner Mündigkeit verstanden und im Sinne eines digitalen Humanismus gelebt werden. //











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