Zarah Bruhn: Wer, wenn nicht wir? Unsere Zukunft neu denken.

Zarah Bruhn: Wer, wenn nicht wir? Unsere Zukunft neu denken.
Berlin: Rowohlt 2025, 284 Seiten.

Handeln ist notwendig, handeln ist möglich. Die Wege in eine positive Zukunft werden schon jetzt auf innovative Weise beschritten.

Zarah Bruhn, politische Aktivistin, Start-up-Gründerin, versierte Spezialistin für soziale Innovationen, hat ihr Buch in motivierender Absicht geschrieben. Es besteht kein Grund, schreibt die Autorin, sich in lähmende Ohnmacht zu flüchten. Mit zahlreichen anregenden Beispielen und mit Rückgriff auf eigene Erfahrungen als Sozialunternehmerin schildert sie Chancen für eine bessere Zukunft.

Unsere Gefühle der Ohnmacht steigern sich, erklärt die Autorin schon in der Einleitung ihres Buches, weil die Krisen nähergekommen sind. Täglich lesen und hören wir von ihnen. Krisen zu bewältigen, setzt voraus, diese, die verursachten Probleme und die Gründe unserer Ohnmacht zu kennen. „Mit diesem Wissen können wir ins Handeln kommen, unsere Welt selbst gestalten.“ (S. 11).

Die Autorin empfiehlt, Staat und Wirtschaft als komplementäre Kräfte zu verstehen, „um auf unternehmerische Weise soziale und ökologische Ziele zu erreichen“ (S. 15). Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Innovationskraft sowie neue Beziehungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Staat gehören noch dazu, um gemeinsam eine „bessere Zukunft“ zu gestalten. Ermutigend fügt Zarah Bruhn noch hinzu, dass wir nicht alleine und nicht am Anfang stehen. In ihrem Buch berichtet sie nicht nur von vorbildhaften „Changemakern“, sondern gibt auch hoffnungsvollen Einblick in die bereits weltweit bestehende und teilweise miteinander vernetzte Vielfalt an sozialen Innovationen und Strategien der Problemlösung.

Die Analyse einer „gelähmten Gesellschaft“ findet sich im ersten Teil des Buches. Zarah Bruhn konstatiert zu viel Sorge um Absicherung – „denn da könnte etwas schieflaufen“. Wunsch nach Sicherheit behindert Innovationen. Auch vermisst sie tragfähige Versuche beim Kernproblem, nämlich neue Beziehungen zwischen Gesellschaft, Staat und Wirtschaft herzustellen. Als Ausweg schlägt sie eine „Kultur der Neugier“ vor. Wir haben täglich die Wahl, meint sie, statt nur zu schimpfen und alles schlecht zu reden, neugierig und zuversichtlich den Mut des Handelns zu beweisen.

Im zweiten Teil des Buches werden in Form einer kleinen Weltreise sechs „Changemaker“ mit ihren innovativen Sozialprojekten vorgestellt. Die tragenden Personen sind bezüglich der genannten drei zu verbindenden Ebenen „Grenzgänger*innen“: „Sie sind optimistisch und voller Tatendrang, sie sehen Probleme als Chancen und unlösbare Herausforderungen als spannende Abenteuer.“ (S. 93). Diese Beispiele, vermutet die Autorin, geben als bestes Mittel gegen Ohnmacht ein Gefühl der Selbstwirksamkeit weiter.

Porträtiert werden zunächst zwei Persönlichkeiten aus dem Sektor Politik und Staat. Die eine ist die taiwanesische Digitalministerin. Zu ihren Aufgaben gehört es, mittels neuer Technologien mehr Partizipation an der Demokratie zu ermöglichen. Die zweite ist der „Banker der Armen“ in Bangladesch. Er hat die Mikrokredite erfunden und dafür 2006 den Friedensnobelpreis erhalten. Durch diese Kredite konnte eine Vielzahl an Sozialunternehmen ihr Geschäftsmodell entwickeln.

Aus dem Bereich der Wirtschaft wird eine leitende, hochrangige Managerin aus Deutschland vorgestellt, die in ihrem einflussreichen Berufsfeld Strategien zur Klimaneutralität und Investitionen in Klimatechnologien forciert hat. Eine weitere Persönlichkeit aus England, als „Vater des Impact-Investings“ bezeichnet, wird mit seiner Intention, die Stärke des Unternehmertums für den sozialen Sektor zu nutzen, sichtbar. Seine Idee, die finanzielle Basis, nachrichtenlose Bankkonten (mehrere Jahre ohne Kontobewegung) in „Social-Impact-Fonds“ überzuführen, entlastet den Staatshaushalt und lässt soziale Ziele erreichen. Gesellschaftlicher Impact (Wirkung) wird zu einem neuen Maßstab unternehmerischen Handelns.

Im Bereich Gesellschaft/Bildung wird die von einer indischen Digital- und Sozialaktivistin Anfang der 1990er-Jahre gegründeten „Childline India“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Childline_India), eine Hotline für Kinder in Notfällen, nähergebracht. Durch sie wurden bislang in etwa 150 Ländern 200 Millionen Kinder erreicht. Von der gleichen Protagonistin wurden Angebote für „finanzielle Bildung“ entwickelt. „Aflatoun“ (https://aflatoun.org/) stellt nicht Geld zu verdienen, sondern soziale Verantwortung für Menschen und Ressourcen in den Vordergrund.

Ein anderes international vernetztes Großprojekt, gegründet in Brasilien, „Centers for Digital Inclusion“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Recode_(non-profit_organization) bietet digitale Grundbildung für Kinder in sozial schwachen Communities. Für jugendliche Absolventen*innen erhöhen sich die Chancen auf Jobs oder Gründung von Unternehmen.

Im letzten Kapitel, „Die Kraft des Machens“, lädt die Autorin ein, den Aufbruch zu wagen und das Gefühl, „ich bin wirksam“ zurückzugewinnen. Die dabei von ihr angesprochenen Themen können auch als didaktische Anregungen für Diskussionsrunden in der Erwachsenenbildung fungieren: Auf die Haltung kommt es an, nicht die Lust auf Neues zu verlieren, groß denken – locker bleiben, den ersten Schritt gehen, vom Ich zum Wir, mit positiv Denkenden kooperieren u. a. m.

Das verbindet sich mit der Frage von Zarah Bruhn, „Was ist eigentlich zeitgemäßes Lernen?“ Sie verweist auf zahlreiche schon bestehende und noch zu erwartende Start-ups, die sich mit „digitalen Lernlösungen“ beschäftigen.

Insgesamt lenkt und konzentriert Zarah Bruhn die Aufmerksamkeit auf die gegenwärtigen entscheidungsbefugten Generationen. Sie stellt sie ins Zentrum der Verantwortung für die Zukunft, denn die aktuellen Entscheidungen entfalten ihre unmittelbaren Wirkungen. Jeder Schritt in der Gegenwart ist auch eine Bewegung in die Zukunft, gibt sich die Autorin überzeugt.

Diese Ansicht hebt den Wert und Impact von Erwachsenenbildung. Die jetzt angebotenen Bildungs- und Lerninhalte sind für Gegenwart und Zukunft von Bedeutung. Das traditionelle pädagogische Modell, künftige Generationen zu bilden, damit in ferner Zukunft alles besser wird, reicht nicht mehr aus.

„Wer, wenn nicht wir?“, fragt Zarah Bruhn mit ihrem Buch. In Bezug auf die aktuelle Weltlage und auf die Wirksamkeit von sich weiterbilden und weiterlernen kann man vielleicht noch eine Frage ergänzen: „Wann, wenn nicht jetzt?“ //

Lenz, Werner (2026): Zarah Bruhn: Wer, wenn nicht wir? Unsere Zukunft neu denken. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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