Die Welt um uns herum besser zu verstehen, fasziniert am meisten! Sepp Hochreiter beschreibt in seinem Buch Grenzen und Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz – der KI. Zugleich gibt er autobiografisch Einblick in seinen Weg als KI-Forscher vom Verfassen seiner Diplomarbeit (1990) bis zum gegenwärtigen Status als Unternehmer und Universitätsprofessor für Artifical Intelligence am „Institute for Machine Learning“ an der Johannes-Kepler-Universität in Linz.
Wozu KI gut ist? Das menschliche Denken kommt beim Erfassen sehr komplexer Systeme an seine Grenzen. KI kann als Werkzeug helfen, das Vermögen, Komplexität zu erfassen, zu erweitern. Sie kann Systeme modellieren, komplizierte, vielschichtige Muster erkennen, die für Menschen zu komplex und daher nicht verstehbar sind. Als Beispiel dient der Klimawandel. Um ihn zu „verstehen“, müssen u. a. Daten über Meeresströmungen, Verschmutzung der Luft oder Wetterphänomene zusammengeführt werden, um Modelle zu generieren, aus denen sich ein Handeln gegen den Klimawandel ableiten lässt.
Sepp Hochreiter beschreibt die Geschichte der KI in den letzten Jahrzehnten in Verbindung mit seiner Forschungstätigkeit und seinen folgenreichen Erkenntnissen auf diesem Sektor. Von Anfang an stellt der Autor sein Forschungsinteresse klar. Er sucht nach einer KI, „die unsere Welt versteht und modellieren kann“ (S. 11). Letztlich geht es um „eine entscheidende neue Idee“, setzt der Autor fort, „wie man Probleme löst, die man nie zuvor gesehen hat“.
Nach Grundlagenforschung und Skalierung (Erweiterung des Potenzials unter begrenzten Kosten) befindet sich KI nun in der Phase der Industrialisierung. Nun soll die Kooperation zwischen Unternehmen und Forschungsinstitutionen intensiviert werden. Das Ziel sei, meint Sepp Hochreiter, mit Hilfe von KI u. a. Klimawandel zu bekämpfen, Krebs zu besiegen oder Energieprobleme zu lösen. Der Autor sieht KI ganz in den Diensten des Menschen stehend.
In inhaltlicher Reihenfolge beginnt das Buch mit „Lernende Netze“. Neurale Netze, häufig aber fälschlich mit den Vernetzungen des menschlichen Gehirns gleichgesetzt, verfügen durch mehrere aufeinander gelagerte Schichten über ein „Deep Learning“.
Zugleich berichtet der Autor, welche Haltungen ihm als jungen Wissenschafter Kraft gaben, ihn aber auch später als renommierten Forscher motivierten: sich längere Zeit auf ein Problem zu konzentrieren; sein logisches, strategisches im Schachspiel geübtes Denken einzusetzen; mit Freude und Neugier ungelöste Probleme zu bearbeiten; Mut sich mit anderen Fragestellungen als mit denen des Mainstreams zu beschäftigen; theoretische Erkenntnisse in praktische Folgerungen umzusetzen; an wissenschaftlichen Ideen festzuhalten, auch wenn sie unmittelbar in der „scientific community“ nicht geschätzt werden. Sein Durchhaltevermögen und seine beständige Forschungsintensität lohnten sich – er konnte zum globalen Erfolg der neuronalen Netze beitragen.
Im Kapitel „Mensch versus Maschine“ hebt der Autor die Besonderheiten menschlichen Lebens gegenüber der KI hervor. Während letztere tausende Beispiele braucht, um eine Aufgabe zu lernen und zu generalisieren, braucht das menschliche Gehirn nur wenige. Im Gegensatz zur KI kann sich das menschliche Gehirn an neue Situationen anpassen, zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln oder komplexe Entscheidungen treffen. Da das Gehirn nicht gleich der KI lernt, sei es nach Sepp Hochreiter notwendig, die Forschung zu adaptieren – „weg vom reinen Optimieren hin zu einer flexibleren, menschenähnlichen Denkweise“ (S. 81).
Im Weiteren wird das Potential der durch KI möglichen Simulationen vorgestellt. Simulationen bilden reale Systeme oder Personen nach, aber ohne die Kosten und Risiken physikalischer Experimente. Inzwischen haben sich durch Verwendung der KI in Simulationen Innovationsplattformen mit dem „Potential unsere Welt zu transformieren“, entwickelt. Das betrifft, beschreibt Sepp Hochreiter exemplarisch, „intelligente“ Landwirtschaft, neue Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen der Industrie, „schlaue“ Autos, Pharmaindustrie, Klimawandel, Medizin und nicht zuletzt die Wissenschaft.
Damit Europa den offensichtlichen Rückstand in der KI-Entwicklung gegenüber anderen „globalen Playern“ aufholt, sei ein neues Denken, das Entscheidungsstrukturen, Hierarchie und politische Steuerung betrifft, notwendig. Der Autor erhofft sich viele Impulse durch Innovationen von einer neuen Generation an Fachkräften, für die KI „ein integraler Bestandteil ihres Werkzeugsatzes ist“ (S. 147).
Das Buch wirkt als Plädoyer, sich in allen Berufs- und Bildungsbereichen mit der neuen Technologie KI vertraut zu machen. In diesem Sinne ist das Buch für die Professionalisierung von Erwachsenenbildner*innen und für alle, die die Transformation „der Welt“ – im größeren oder kleineren Umfeld – aktiv oder passiv erleben, empfehlenswert. //












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