Wer historische Entwicklungen erklärt, sollte es sich nicht zu einfach machen. Attribute wie „emanzipatorisch“ oder „neoliberal“ reichen nicht aus, um Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und dem sozio-politischen Beitrag von Erwachsenenbildung sowie ihren didaktischen Formen und inhaltlichen Angeboten zu verstehen. Solche trendigen Verkürzungen werden den oft widersprüchlichen Wirkungen erwachsenenbildnerischer Theorie und Praxis in der Geschichte – sei es mehr liberal oder mehr herrschaftsorientiert – nicht gerecht.
Differenzierte historische Forschung, wird in der Einleitung vermittelt, ist daher unabdingbar. Eine Gruppe renommierter Internationaler Forscher*innen legt als prononciertes Beispiel deshalb ihre auch auf gemeinsamer Diskussion beruhenden Ergebnisse in Buchform vor.
Das Buch umfasst – neben einer Absicht und Inhalt der Publikation erläuternden Einleitung – acht Beiträge, die ein internationales Spektrum der europäischen Erwachsenenbildung im Zeitraum der letzten beiden Jahrhunderte betreffen. Das in Englisch verfasste Buch entwirft ein differenziertes Bild soziopolitischer Bestrebungen der Erwachsenenbildung und einiger ihrer Protagonisten. Die Publikation bietet Mosaiksteine ambitionierter Forschung. Es regt den wissenschaftlichen Sektor an, der Historie der Erwachsenenbildung weiterhin womöglich sogar mehr Aufmerksamkeit zu widmen, und warnt davor – diskret, höflich aber bestimmt –, sich vom Zeitgeist eines „schwarz-weiß-Denkens und Urteilens“ vereinnahmen zu lassen.
Zum Inhalt:
Barry J. Hake, Hochschullehrer, Mitbegründer und langjähriger, inspirierender Proponent der „European Society for Research on the Education of Adults“ (ESREA), gibt Einblick in die Entwicklung der niederländischen Erwachsenenbildung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Deutlich herausgearbeitet werden Rolle der Religion im Widerstreit zwischen Katholiken und Protestanten, politische Konflikte, nationalstaatliche Bestrebungen, realpolitische Machtverteilung, konfessionelle Bildung sowie Positionierung von innovativer Erwachsenenbildung vor einem politischen Hintergrund von Aufklärung und Revolution.
Über Arbeiterbildung zwischen 1880 und 1910 in Finnland, damals autonome Region des Russischen Reiches, schreibt Kirsi Ahonen, Hochschullehrerin an finnischen Universitäten. Sie fokussiert auf den Wandel von liberaler zu sozialistischer Bildungsarbeit. Thematisiert wird die erste Wahlberechtigung von Frauen (1916) und die bis heute aktuelle Frage „Bildung oder Agitation?“.
Auf die ersten feministischen Aktivitäten im Ottomanischen Reich geht Zeynep Alica, Hochschul- und Gymnasiallehrerin in der Türkei, ein. Ihr Forschungsbericht legt den Schwerpunkt auf die informelle Bildung von Frauen – vermittelt durch eine Zeitung, „Newspaper for Ladies“, und andere an die Öffentlichkeit adressierte Publikationen im Zeitraum 1895 – 1908.
Annette Rasmussen und Karen E. Andreasen, akademische Forscherinnen aus Dänemark, berichten über emanzipatorische Einflüsse auf Frauen durch das „Danish Home Economics Movement“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nachteilig für Frauen erwies sich allerdings die Aufwertung der Tätigkeit im Haushalt zum Beruf. Dadurch blieben sie auf private, gering bezahlte Arbeit bezogen und wurden von der Teilnahme am öffentlichen Sektor weiterhin ferngehalten.
Francesca Baker, Universität Tübingen, analysiert die Professionalisierung von Erwachsenenbildner*innen in der Weimarer Republik. Damalige Konzeptionen der Erwachsenenbildung, wie z. B. „Arbeitsgemeinschaft“, „Volksbildung“, „Neue Richtung“ sowie entsprechend engagierte Institutionen, werden auch hinsichtlich ihrer politischen Dimensionen diskutiert.
Auf Volksbildung mit völkischer Intention geht Bernd Käpplinger, Professor an der Universität Gießen, ein. Sein Forschungsinteresse richtet sich u. a. auf die Bedeutung, die die Ideologie von „landwirtschaftlicher Kultur“ in ihrer dystopischen Aura bis in die Gegenwart mit sich bringt.
Simon Oehlers, Universität Tübingen, charakterisiert die „Deutsche Volkshochschule Brünn“ als letzte Bastion, von der bis Anfang 1928 kritische Einwände gegen Rassismus und Rassenideologie geäußert wurden. Widerstand gab es auch gegenüber einem Vertrauen in „politische Neutralität“ von Bildung, da dies als nicht zweckmäßig empfunden wurde, um Demokratie zu stärken und zu bewahren.
Der letzte Beitrag über die „verkümmerte“ Entwicklung der Erwachsenenbildung in Irland (1911 – 1973) stammt von Alan McCarthy. Der 2024 verstorbene, bis dahin am University College Cork in Irland tätige Forscher öffnet den Blick auf den politischen Umbruch und die Verwobenheit von „großer“ und nationaler Politik sowie von Religion und bildungspolitischer Orientierung von Institutionen.
Persistenz und Wandel, wie sie von heute aus zu beurteilen sind, bleiben, wie alle Beiträge zeigen, Aufgabe der historischen Betrachtung. Die Qualität der Texte und der Konnex zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterstützen das Plädoyer der Forschenden, ein „European Research Network“ weiterhin zu fördern und zu fordern. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu erarbeiten und sie zu kommunizieren, bedürfen eben einer tragfähigen Organisationsform.
Organisatorische Energie benötigte es auch, um den internationalen wissenschaftlichen Dialog und das Zustandekommen der vorliegenden Buchpublikation zu ermöglichen. Den österreichischen Erwachsenenbildner*innen Gerhard Bisovsky, Stefan Vater und Verena Springer danken die Autoren*innen des Buches dafür.
In der Erwachsenenbildung eignet sich das Buch für die Bereiche Politik, Gesellschaft, Kultur und für die Professionalisierung. In wissenschaftlichen Bibliotheken sollte es nicht fehlen. //












Kommentare