Tobias Glück: Erwachsen. Die Muster, Prägungen und Erwartungen aus unserer Kindheit – und wie wir uns von ihnen befreien können.

Tobias Glück: Erwachsen. Die Muster, Prägungen und Erwartungen aus unserer Kindheit – und wie wir uns von ihnen befreien können.
Wien: Christian Brandstätter Verlag 2025, 198 Seiten.

Erwachsen werden, erwachsen sein – es ist gar nicht so leicht, den Status des Erwachsenen auf die Schnelle festzulegen. Der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen zeichnet sich durch vielfältige Stationen, weniger durch eine klare Grenze aus.

Tobias Glück, Psychologe und Psychotherapeut, stellt sein Verständnis vom Erwachsensein zu Beginn des Buches an einen befreienden Akt gekoppelt vor: sich nicht mehr „den Wünschen und Erwartungen der Eltern verpflichtet fühlen“ (S. 7). Der Autor verwendet den Begriff des „inneren Kindes“. Dieser umfasst die kindlichen Anteile von Erwachsenen, „also frühere Erfahrungen, Gefühle, Bedürfnisse und Verletzungen, die das heutige Verhalten und Erleben unbewusst beeinflussen“.

Das Buch ist vom Autor nicht als Ratgeber konzipiert – vielmehr als Mutmacher. Es will anregen, über verschiedene Aspekte des Lebens nachzudenken und Änderungen, wenn angebracht, zu wagen. Begleitet wird es von einer Prise Hoffnung: Es ist nie zu spät, „erwachsen“ zu werden.

Aus diesem Ziel erklärt sich der Stil des Buches. Es beinhaltet keine Verweise auf Fachliteratur in wissenschaftlicher Diktion, sondern präsentiert aus dem Erfahrungsschatz des Autors als Berater und Vortragender – als Weiterbildner – Gedanken und Wissen in lockerer Form.

Dem Aufbau des Buches folgend nähert sich der Autor zunächst begrifflich dem „Erwachsensein“ als Zustand an. Rechtliche, biologische, soziale, neurologische und andere Aspekte geben unterschiedliche ­Grenzen zum Erwachsensein an. Tobias Glück sieht in Zeiten zunehmender Unsicherheit und kurzfristigen Wandels sowie aufgrund aller Relativität im Leben Stabilität als erwünschtes Charakteristikum für Erwachsensein. Er definiert es deshalb, „ein Wissen von Zukunft zu haben und das eigene Leben auf etwas Beständiges hin auszurichten“ (S. 13).

Aus seiner Praxis als Psychologe und Psychotherapeut sind ihm negative Gefühle vieler Menschen bekannt, die sich im Erwachsenenalter noch immer „ähnlich ausgeliefert fühlen, wie in ihrer Kindheit“ (S. 16). Der Autor erörtert, wie Kindheit nachwirkt und welche Rolle Eltern noch im Leben ihrer erwachsenen Kinder einnehmen können. In diesem Zusammenhang finden auch „Trauma“ und „Bindung“ seine Aufmerksamkeit. Letztlich meint er, kommt es auf das Individuum an, selbstkritisch und freundlich zu sich selbst eine innere Stimme zu entwickeln und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Wiederholt weist Tobias Glück auf sein Verständnis hin, wie ein erwachsenes Leben zu führen ist. Für ihn besteht es darin, eigenverantwortlich und bewusst Entscheidungen zu treffen. Dies auch unter Beachtung eines sozialen und persönlichen Wertekanons. Da bei jeder Entscheidung gewisse Unsicherheiten nicht auszuschließen sind, hält es der Autor für wichtig, Angst vor Entscheidungen abzubauen. Dazu kommt, das hält er ebenfalls für ein Kriterium des Erwachsenseins, die Entscheidungen anderer zu akzeptieren und zu respektieren.

In diesem Sinne erörtert er, wie bedeutsam es ist, sich über Kontrollmechanismen, oft noch aus der Kindheit vorhanden, klar zu werden und Grenzen – auch als Selbstschutz – zu achten. Für die individuelle Balance ist es schließlich nicht unwesentlich, ein den jeweiligen Beziehungen anpassbares Verhältnis von Nähe und Distanz zu entwickeln.

Nicht zuletzt verweist der Autor noch auf die gesellschaftliche Dimension des Erwachsenseins. Er wendet sich gegen den Gebrauch starrer Weltbilder und plädiert für die Fähigkeit zum Dialog, zur Selbstreflexion und zur Akzeptanz anderer.

Die von Tobias Glück geschilderten Erfahrungen aus individuellen Gesprächen und Beratungssituationen in Organisationen bieten ein breites Spektrum, um Gedanken und Diskussionen über das Erwachsenwerden als lebenslangen Prozess in Gang zu bringen.

In den Volkshochschulen ist das Buch vornehmlich für die Programmbereiche Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeitsentwicklung geeignet. //

Lenz, Werner (2025): Tobias Glück: Erwachsen. Die Muster, Prägungen und Erwartungen aus unserer Kindheit – und wie wir uns von ihnen befreien können. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2025, Heft 285/76. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zurück nach oben