Vorurteile über die Volkshochschule und ihre Angebote halten sich noch immer hartnäckig. Dabei ist die Volkshochschule1 eine Institution, die ihre Bildungsarbeit sehr professionell durchführt und – immer noch – ihr Herz auf dem sprichwörtlich richtigen Fleck hat. Denn die Volkshochschule ist keine reine Lernfabrik. Zugegeben, der Grad der Professionalität kann von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich sein, denn er hängt neben anderem auch davon ab, wie viel und welches Personal für Programmplanung, für das Programm-Management und für die Beratung zur Verfügung steht.
Jedenfalls haben wir es heute mit professionell tätigen Volkshochschulen zu tun, die in den Regionen sehr nahe an den dort lebenden und arbeitenden Menschen tätig sind, Interessen sowie Bedürfnisse aufgreifen und diese mit gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Bedarfen abstimmen und dabei immer Bildung und Lernen und das Wohl der Menschen in den Vordergrund stellen. Und ja, auch der lange Zeit viel belächelte und heute trendige Nähkurs beinhaltet viel Lernen und Bildung. Denn das gemeinsame Sprechen über das Gelernte, die Reflexion darüber in der Gruppe, macht viel aus und ist durchaus prägend. Darüber hinaus sind solche Kurse oft auch der Einstieg in weiterführende Bildungsprojekte.
Umso schwerer wiegt die Feststellung in der Ausgabe der Wochenzeitschrift Profil vom 5. September 2026, die der Volkshochschule unterstellt, dass sie „vor allem ein Life-style-Angebot für gesundheitsbewusste und kulturaffine Bildungsbürger geworden sei.“2 Der Lifestyle-Faktor wird mit den Angeboten im Fachbereich „Gesundheit und Bewegung“ argumentiert.
Wenn wir die Fakten betrachten, ergibt sich allerdings ein differenziertes Bild. „Gesundheit und Bewegung“ ist österreichweit mit 42 Prozent der am stärksten nachgefragte Fachbereich. Rund 200.000 Teilnahmen sind hier zu verzeichnen.3 Die Statistik zeigt uns aber noch viel mehr. Denn neben den Kursen mit rund 490.000 Teilnahmen gibt es noch zahlreiche Einzelveranstaltungen mit etwas mehr als 180.000 Teilnahmen. Hier entfallen 58 Prozent auf den Fachbereich Naturwissenschaften, Technik und Umwelt und 22 Prozent auf Politik, Gesellschaft und Kultur. Sieben Prozent der Teilnahmen an Vorträgen finden sich in Gesundheit und Bewegung.
Der Fachbereich Gesundheit und Bewegung ist in den vergangenen 30 Jahren gewachsen und spiegelt ein zunehmendes Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung wider, aber auch, dass vielen Institutionen dieses Thema immer wichtiger geworden ist. Ein gutes Beispiel dafür sind die Kurse zur Gesundheitsbildung, die von der Österreichischen Gesundheitskasse ausgeschrieben wurden und bei denen die Volkshochschulen zu den wichtigsten Anbietern zählen.
Ein genauer Blick in die Programmatik der Volkshochschulen zeigt, dass die Volkshochschulen mit ihren Angeboten zur Gesundheitskompetenz beitragen. Diese wird wie folgt definiert:
„Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit des Einzelnen, im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die eigene Gesundheit auswirken – zu Hause, am Arbeitsplatz, im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft. Dazu gehört auch, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden.“ Gesundheitskompetenz gehört zur Bildung, denn sie „umfasst Wissen, Motivation und Anwendung von gesundheitsfördernden Maßnahmen. Sie wird in der Volkshochschule in der Prävention und der Gesundheitsförderung für das eigene Wohlbefinden und für Menschen, für die man Verantwortung trägt, vermittelt. Der Erwerb von Gesundheitskompetenz stärkt die Bereitschaft zur Selbsttätigkeit, ermöglicht die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern, trägt zur Steigerung des allgemeinen Gesundheitsniveaus bei und hat positive volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen.“4
Die Volkshochschulen waren die ersten, die sich gegen Mitte der 1990er-Jahre intensiv mit Basisbildung für Erwachsene befasst haben, damals unter dem Aspekt des „funktionellen Analphabetismus“. An der VHS Floridsdorf in Wien wurde ein Lehrgangskonzept umgesetzt,5 das die folgende Entwicklung der Basisbildung in Österreich wesentlich beeinflusst hat und für einen eigenständigen „österreichischen Weg“ steht. Der Fokus wurde neben Lesen und Schreiben auf Alltagsmathematik, digitale Kompetenz und politische Bildung gelegt.6 Mit Hilfe mehrerer Projekte und österreichweiter Netzwerke gelang es schließlich, das Programm „Initiative Erwachsenenbildung“ (heute: „Level-up Erwachsenenbildung“) zu entwickeln, das ab 2012 österreichweit umgesetzt wurde. Wesentlich für die Entwicklung des Programms war ein gutes Zusammenspiel auf Augenhöhe von Pädagog*innen und Forschenden aus der Erwachsenenbildung mit Verwaltung und Politik7 sowie der gesamtösterreichischen Vertretung der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ).8
Die Volkshochschule war immer bestrebt, sich einen Rahmen für ihre Bildungsarbeit zu geben. Dazu wurde 1994 vom Verband Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) nach einem österreichweiten und breit angelegten Diskussionsprozess die „Empfehlung zur Gestaltung der Bildungsarbeit an Volkshochschulen“ herausgegeben, in der unter anderem die Grenzen und Ränder von Volkshochschularbeit definiert wurden:
„Prinzipiell ist die Volkshochschule offen gegenüber allen Angebots-Inhalten und Formen von Bildungsaktivitäten, sofern sie mit ihrem Selbstverständnis und der dargelegten Auffassung von Bildung vereinbar sind. Sämtliche Inhalte von Veranstaltungen haben in einem begründeten und nachvollziehbaren Sinnzusammenhang zu stehen (auch Methoden müssen begründbar sein), Standpunkte und ihre Voraussetzungen sind deutlich zu machen, Meinungen zu deklarieren. Unterschiedliche Positionen müssen nicht nur möglich, sondern sollen Ausgangspunkt für die Reflexion sein.
Die Volkshochschule ist somit kein Ort für die Verbreitung von Heilslehren und von antidemokratischen Weltbildern. Sie bietet keine Plattform für Propaganda, Agitation, Produktwerbung oder für die Rekrutierung von „Klientel“ durch politische, religiöse oder andere Gruppierungen. Der Offenheit und Vielfalt – im Sinne von Beliebigkeit – sind somit Grenzen gesetzt.“9
2013 hat der VÖV-Vorstand die „Richtlinie der Österreichischen Volkshochschulen zum Umgang mit Esoterikangeboten“10 beschlossen. Eine solche wurde einige Jahre zuvor von den Wiener Volkshochschulen beschlossen und vom VÖV mit wenigen Ergänzungen übernommen. Diese Richtlinie hat im Qualitätsrahmen der Erwachsenenbildung „Ö-Cert“ eine Diskussion angestoßen, die in Folge zu einer Definition von Bildung geführt hat, die in mehreren Punkten auf die Esoterikrichtlinie zurückgeht und als grundlegende Richtlinie für Ö-Cert gilt. 11
Ein wichtiger Meilenstein war die Erstellung eines Rahmencurriculums für das Gesamtprogramm,12 das vom Pädagogischen Referat der Wiener Volkshochschulen in mehreren Fokusgruppen unter breiter Beteiligung von Programmplanenden und Direktor*innen entwickelt wurde und im Jahr 2009 erschienen ist. Das „Weißbuch Programmplanung“ nimmt auf einen europäischen Rahmen Bezug, nämlich auf die Schlüsselkompetenzen für das lebenslange Lernen und die Beschreibung der Schlüsselkompetenzen erfolgte durch Lernergebnisse. Damit stellt das Weißbuch eine Planungsgrundlage dar, die sowohl vertikal wie auch horizontal Anschlussangebote ermöglicht.13 Die Autor*innen des Weißbuchs wurden mit dem Ludo-Hartmann-Preis des VÖV ausgezeichnet. Die Schlüsselkompetenzen stellen auch heute noch einen brauchbaren Rahmen dar, in den das VHS-Angebotsspektrum integriert werden kann. Im VÖV wurden diese um die „Gesundheitskompetenz“14 erweitert.
Schließlich sei noch auf die sehr erfolgreiche „Unterrichtsreflexion“ verwiesen, die in den Wiener Volkshochschulen im Jahr 2011 eingeführt wurde und an der seitdem mehr als 2000 Kursleitende teilgenommen haben. Die Unterrichtsreflexion wird von eigens ausgebildeten Beobachter*innen durchgeführt, die Unterrichtssequenzen werden nach offen gelegten Kriterien dokumentiert und im Anschluss an die Beobachtung mit den Lehrenden reflektiert und besprochen. Die Ergebnisse der Beobachtungen münden in interne Weiterbildungen und sind auch eine Grundlage für Entwicklungsgespräche mit den Kursleiter*innen. Die Unterrichtsreflexion versteht sich explizit nicht als Kontrollinstrument und sie hat den Effekt, dass das Unterrichtsgeschehen für die Institution sichtbar wird. Darüber hinaus liefert sie brauchbare Ergebnisse zur Evaluation von guter Praxis.15
Die Volkshochschule ist eine der größten Institutionen der österreichischen Erwachsenenbildung, sie sollte im Sinne einer motivierenden und positiven Berichterstattung als Bildungseinrichtung unterstützt werden, die für die persönliche und berufliche Entwicklung vieler Menschen wichtig war und ist und die wesentlich für ein gelingendes lebensbegleitendes Lernen ist. //











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