Franz Kolland, Anita Brünner, Julia Mülleger & Vera Gallistl (Hrsg.): Bildung in der nachberuflichen Lebensphase. Ein Handbuch.

Franz Kolland, Anita Brünner, Julia Mülleger & Vera Gallistl (Hrsg.): Bildung in der nachberuflichen Lebensphase. Ein Handbuch.

Bildung in der nahberuflichen Lebensphase ist ein sehr wichtiges Thema für die Erwachsenenbildung und insbesondere für die Volkshochschulen. Dabei geht es um eine große und sehr heterogene und diverse Zielgruppe mit verschiedenen Interessen und Bedürfnissen, die bisher nur schwer zu erreichen ist. Umso wichtiger sind Publikation wie diese sowohl für Praktiker*innen wie auch für Forschende.

Die Herausgeber*innen sind alle seit langem in diesem Arbeits- und Forschungsfeld als Wissenschaftler*innen und zum Teil auch praktisch tätig. Mit diesem Sammelband ist es gelungen, das Thema in einer umfassenden Art und Weise abzudecken.

Gewidmet ist der Sammelband der umtriebigen Elisabeth Hechl, die seit dem Jahr 2000 bis zu ihrer vor kurzem erfolgten Pensionierung im Sozialministerium für Fragen älterer Menschen und für Bildung im Alter zuständig war. Ministerialrätin Dr.in Elisabeth Hechl hat viel bewirken können: Das Thema „Bildung im Alter“ wurde in den Bundesseniorenplan aufgenommen und in der Strategie zum lebensbegleitenden Lernen in Österreich gibt es eine eigene Aktionslinie zur nachberuflichen Lebensphase. Die Aktivitäten des Sozialministerium für Bildung im Alter sind im Anhang angeführt. Sie reichen von zahlreichen wissenschaftlichen Studien, Factsheets, Leitfäden, Materialen für die Weiterbildung, Filmen, Tagungen bis hin zu den vielen Workshops, Lehrgängen und Bildungsveranstaltungen.

Im ersten Kapitel Kapitel befasst sich Franz Kolland, Gerontologe an der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems, mit dem Thema Bildung und Lernen in der nachberuflichen Lebensphase. Anton Amann, Soziogerontolge, diskutiert soziale Teilhabe und Bildung von älteren Menschen. Das zweite Kapitel widmet sich den Zielgruppen der Bildung im Alter. Die Bildungswissenschaftlerin an der Universtität Salzburg, Julia Mülleger, diskutiert das Konstrukt „Zielgruppe Ältere“ und Gertrud Simon, ebenfalls Bildungswissenschaftlerin (bis zu ihrer Pensionierung an der Universität Graz) und ehemalige Leiterin eines einschlägigen Universitätslehrganges, befasst sich damit wie Bildungsangebote für Frauen über 60 zu gestalten sind. Im dritten Kapitel werden Bildungs- und Lernkonzepte im Alter reflektiert. Gertrud Simon und Claudia Stöckl von der Pädagogischen Hochschule Steiermark befassen sich mit der Geragogik; Franz Kolland, Vera Gallistl, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems, Katrin Reiter, Projektleiterin bei der Salzburger Erwachsenenbildung und Danielle Bidasio, Leiterin des Lehrgangs „Aktiv im Alter – Gemeinsam Gestalten“ beschreiben die Bildungsberatung für ältere Menschen. Solveig Haring, selbstständige Wissenschaftlerin und Videografin diskutiert Methodik und Didaktik für Lernprozesse älterer Menschen. Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema der Qualität der Bildung im Alter. Franz Kolland, Vera Gallistl und Anna Teufel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann Institut für Digital Health and Patient Safety, schreiben über Qualitätskriterien der Bildung im Alter. Elke Gruber, Universitätsprofessorin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz und Anita Brünner, freiberufliche Bildungswissenschaftlerin, befassen sich mit Qualitätssicherung und -entwicklung in der Erwachsenenbildung.
Anita Brünner und Edith Simöl von der Servicestelle digitale SeniorInnen des ÖIAT (Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation), beschreiben die Qualitätssicherung im Bereich der digitalen Bildung von älteren Menschen. Im fünften Kapitel geht es um verschiedene Lernfelder im Alter. Eine theoretische Bestimmung von Lernorten nimmt Anita Brünner vor, über digitale Bildung und entsprechende Kompetenzen schreibt Rebekka Rohner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Karl Landsteiner Universität Krems. Kulturelle Bildung und soziale Teilhabe werden von Franz Kolland, Vera Gallistl und Viktoria Parisot, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Wien bearbeitet. Mit Bibliotheken als sozialer Lernraum für Ältere befasst sich Reinhard Ehgartner, Geschäftsführer des Österreichischen Bibliothekswerks und über das Thema Bildung und Freiwilligenengagement schreibt Martin Oberbauer, Leiter des Freiwilligen-Managements und der Ehrenamtsbörse des Wiener Hilfswerks. Mit wissenschaftlicher Weiterbildung am Beispiel des Grazer Modells „vita activa“ befassen sich Marcus Ludescher vom Zentrum für Weiterbildung der Universität Graz und Andrea Waxenegger, Leiterin dieses Zentrums. Schließlich werden im sechsten und abschließenden Kapitel einige Zukunftsfragen für die Bildung im Alter diskutiert.

In den einzelnen Beiträgen finden sich wichtige Hinweise auf neue Herausforderungen. In der Bildung älterer Menschen hat ein Paradigmenwandel stattgefunden. Es geht nicht mehr so sehr um kompensatorische Bildung zum Beispiel in Form des Gedächtnistrainings, sondern vielmehr um Entwicklung und um persönliches Wachstum oder auch um Interesseentwicklung. Sozial und wirtschaftlich benachteiligte Ältere sind stärker zu beachten, ebenso die Unterschiede zwischen Stadt und Land. Hingewiesen wird auf Ergebnisse von Befragungen, wonach etwa Frauen im ländlichen Raum ein höheres Interesse haben als Männer, versäumte Bildung nachzuholen (S. 76). Ältere Menschen werden idealerweise in die Planung von Bildungsprozessen einbezogen.

Als eine wesentliche Zukunftsfrage zu Bildung im Alter wird das Empowerment benannt. Auch älteren Menschen ist zu „ermöglichen, die eigene Stimme selbstbestimmt zu erheben“ (S. 269). Nach wie vor bestehen Altersbilder, die defizitgeleitet sind. Bildungseinrichtungen sind gefordert, gemeinsam mit den Wissenschaften an der Veränderung dieser Altersbilder zu arbeiten. Neben dem bereits erwähnten Thema Stadt/Land und der sozialen und wirtschaftlichen Situation älterer Menschen sind noch weitere Schnittstellen bei der Bildung im Alter zu beachten: Mobilität und Gesundheit. Der Bildungsberatung im Alter wird eine wichtige Rolle zukommen. Die Bildungsarbeit ist gendersensibel und alterssensibel auszurichten und Bildung hat immer den Anspruch auf eine gesellschaftskritische Position (S. 271). Forschung wird viel stärker als bisher inter- und transdisziplinär auszurichten sein, auch Psycholog*innen werden einzubeziehen sein und insbesondere noch häufiger als bisher Praktiker*innen.

Fazit: Ein lesenswerter Sammelband, der einen guten Überblick zum Thema bietet. Geeignet für Studierende und für Praktiker*innen in der Erwachsenenbildung. //

Bisovsky, Gerhard (2023): Franz Kolland, Anita Brünner, Julia Mülleger & Vera Gallistl (Hrsg.): Bildung in der nachberuflichen Lebensphase. Ein Handbuch. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr/Sommer 2023, Heft 279/74. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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