Die Werkstätte Gemeinwesenarbeit (GWA) am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) findet bereits seit 1979 statt und ist somit die älteste noch durchgeführte Veranstaltung am bifeb. Damals startete ein Team aus Vertreterinnen und Vertreter des bifeb (u. a. August Pöhn) und des Rings Österreichischer Bildungswerke (u. a. Hannelore Blaschek) die Werkstätte Gemeinwesenarbeit (GWA). Dieses Team erweiterte sich bald um Aktivistinnen und Aktivisten aus der Gemeinde- und Regionalentwicklung (u. a. Anton Rohrmoser), in der Folge um weitere Vertreterinnen und Vertreter aus Erwachsenenbildungs-Organisationen und der Sozialen Arbeit. Der Verband Österreichischer Volkshochschulen ist seit 1998 im Team der Werkstatt GWA vertreten.
Die Teilnehmer*innen im Zentrum
Im Zentrum der Werkstätte/Tagung Gemeinwesenarbeit stehen die Teilneh-mer*innen und ihre Praxen, ihre Arbeitsfelder, die von Erwachsenenbildung in Initiativen, Vereinen, Volkshochschulen über Sozialarbeit in den verschiedensten Feldern bis hin zu Kulturarbeit oder Regionalentwicklung reichen. Die Werkstatt beginnt nach einer Verortung der Anwesenden nach Arbeitsfeld, Herkunft usw. – mit einem Marktplatz der Projekte – rund die Hälfte der Teilnehmer*innen bringt ein Projekt ein. Der Marktplatz ist eine Methode, die einen Dialog der Teilnehmer*innen von Beginn an begünstigt, ein zu Wort kommen und es ist eine Methode, die die Arbeitsfelder der Teilnehmer*innen ins Zentrum rückt, aber auch einer gemeinsamen kritischen Reflexion aussetzt. Eine Methode ganz im Sinne Paolo Freires, der von einem Zirkel von Reflexion, Dialog und Aktion sprach. Die Teilnehmer*innen eint in ihren Praxen als Sozialarbeiter*innen oder Erwachsenenbildner*innen der Wunsch, das Ziel die Situation ihrer Klient*innen, ihrer Teilnehmer*innen zum Besseren und nach deren Interessen zu verbessern. Das ermöglicht und initiiert in der Werkstatt GWA den Dialog, die Kritik, zumal ja keine Einigkeit besteht, was „das Bessere“ sei. Und zumal das Teilnehmer*innenfeld gleichzeitig ein breites politisches Spektrum unterschiedlicher Ideen abbildet – die allerdings eint, nicht für den Markt, den Standort, den Bürgermeister oder sonst wen zu arbeiten, sondern für und mit den Teilnehmer*innen und Bewohner*innen.
Abb. 1: Werkstatt GWA 2025, Foto: SV
2025 nahmen rund 50 Interessierte an der Werkstatt Gemeinwesenarbeit teil. In der 46. Tagung standen die Dynamiken zwischen Stadt und Land im Fokus. Aus historischen und soziologischen Perspektiven wurden zentrale Fragen zu Gemeinwesenarbeit und Erwachsenenbildung diskutiert.
- Was meinen wir, wenn wir von „Stadt“ und „Land“ reden?
- Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zwischen städtischer und ländlicher Gemeinwesenarbeit und Erwachsenenbildung?
- Wie beeinflussen Förderlogiken, Arbeitsbedingungen und Auftraggeber die Praxis?
- Welche Rolle spielen Digitalisierung und Infrastrukturunterschiede?
- Welche Rolle spielen räumliche und soziale Zugehörigkeiten für das Engagement?
- Welche Gemeindestrukturen fördern oder verhindern Engagement?
An drei Tagen bot die Tagung Vorträge, Projektpräsentationen und Reflexionsrunden, die den Diskurs über Zentrum und Peripherie vertieften und Handlungsperspektiven für die Praxis aufzeigten.
Die Projekte, die am Marktplatz des ersten Tages und in intensiven Diskussionen in Arbeitsgruppen am zweiten Tag diskutiert wurden:
- Wirbelfeld Kunstresidenz – Projekt Wirbelfeld
- ÖBV Via Campesina – Bäuerinnenkabarett „Miststücke“
- VHS Burgenland – Wissenschaft für Alle: Science Village Talks, Kultur
- Land. Impulse – Stadt. Land. Inn.
- Salzburger Bildungswerk – Soziale Gemeindeentwicklung
- Albert Schweitzer Haus-Forum der Zivilgesellschaft – FrauenLernRaum
- Bildungswerk Markt Piesting Dreistetten – Gemeinwesenorientierte Bildungsarbeit am Land
- Bildungszentrum Saalfelden – Wohnzimmer
- Wiener Hilfswerk nachbarschaftszentrum – Allein in Wien
- Caritas Stadtteilarbeit der Erzdiözese Wien – Kooperativ Ternitz
- Volkshilfe Oberösterreich – Wohnen im Dialog
Natürlich gibt es Keynotes auf der Werkstatt GWA und meist gute, sie bilden aber (nur) den wichtigen Hintergrund der Debatten und Auseinandersetzungen. Dies ermöglicht vielleicht auch eine barriereärmere Teilnahme, ein barriereärmeres sich zu Wort melden.
In den beiden Keynotes, Montag abend und Dienstag früh, beleuchtete Juri Kazepov (Uni Wien) den Begriff „Stadt“ bei Max Weber, als das Rationale und Dynamische und der Traditionalität und Beharrlichkeit des Landes Entgegengesetzte. Georg Simmel, ebenso ein Klassiker der Soziologie verband die Stadt mit Vergesellschaftung und das Land mit Gemeinschaft. Dies bleibt eine überaus gewichtige und nach wie vor bedeutsame Unterscheidung. Nur ist sie leider praktisch irrelevant aus der Perspektive der GWA, die sich in ihrer Praxis einfachen und statischen Gegenüberstellungen widersetzt. Theoretisch höchst interessant waren diese Gegenüberstellungen von Klassikern der Soziologie und deren Konzepten von Stadt um die historischen Entwicklungen, Bilder und Vorurteile über Stadt und Land zu diskutieren.
Mit Bildern der Lichtemission großer Städte, Visualisierungen der Tendenzen der Verstädterung, der Einwohner*innenstatistik und andere Bilder unterlegte Kazepov diese Charakterisierungen von Stadt.
Abb. 2: Lichtmuster über Städten
(Quelle: https://www.ardalpha.de/wissen/umwelt/nachhaltigkeit/lichtverschmutzung-lichtsmog-nacht-himmel-licht-sterne-tiere-insekten-100.html)
Im zweiten Teil seines Beitrages präsentierte Kazepov den Ansatz des Social-Investment, der ähnlich dem Humankapitalansatz versucht, Ökonomisierung und Profitmaximierung durch eine Art Imitation ökonomischer Sprache zu unterlaufen, um Investoren und auch dem Staat Finanzierung von Bildung oder auch Sozialarbeit oder GWA schmackhaft zu machen.
Anette Schlimm (Uni München) zeigte die historische Veränderlichkeit „des Landes“ und der Diskurse darum, mit Exkursen in Tourismuswerbung, zu Kitsch und Idylle des Landes. Entgegen diesen Diskursen ist der ländliche Raum keineswegs im Gegensatz zur Stadt Natürlichkeit oder Organisches. Die Vorstellung des Ländlichen als Organisches, Ewiges und Unveränderliches charakterisierte traditionalistische, aber auch faschistische Ideologien, die diese Natürlichkeit den Ideen der bürgerlichen Emanzipation und Demokratie entgegensetzten. Jeder Mensch hätte so seinen natürlichen Platz als Diener charismatischer Führer oder Herrn.
Abb. 3: Arbeitsgruppenergebnisse Zusammenführung und Synthese
Die Diskussionen waren vielgestaltig und ergiebig und sind in ihrer Dichte kaum zusammenzufassen, zumal Netzwerkbildung und Feedback der eigenen Projektpraxis vor dem Hintergrund eines Tagungsthemas den Reiz der Werkstatt GWA ausmachen.
Zusammengefasst werden könnte vielleicht Folgendes, wieder im Sinne Paolo Freires, der als methodisch charakteristisch für transformative Arbeit im Gemeinwesen oder Bildungsarbeit einen Zirkel von Aktion, Innehalten und Reflexion, sowie kritischen Dialogs entwarf: Klischees über Stadt und Land begleiten die gemeinwesenorientierte Arbeit, diese zu erkennen und in Frage zu stellen, in der Konkretheit des eigenen Tuns ist wohl das Ziel und Ergebnis der Werkstatt GWA. //














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