Intro
Von dem, was wir heute lernen, wissen und für richtig halten, nehmen wir Bausteine, um daraus Zukunft zu formen. Heutige Entscheidungen, Glaubenssätze, Überzeugungen oder Erfahrungen empfehlen wir als Gerüst für die Zukunft.
„Wir“ sind die gegenwärtige Generation Erwachsener. Können wir uns für unseren Einfluss auf die Zukunft besser qualifizieren?
Teil I beschäftigt sich deshalb mit den Wirkungen des Bildungswesens. Universität, an der Spitze der Bildungshierarchie, und das Konzept „lebensbegleitendes Lernen“ bekommen besondere Aufmerksamkeit.
Teil II bietet Anregungen, wie die heutige Generation Erwachsener durch politische Bildung „zukunftsfähig“ werden könnte.
Der Beitrag gestattet sich den Luxus, Gegensätzliches nicht zu glätten, Widersprüchliches nicht zu beseitigen und Zukunft nicht herbeizuwünschen.
Wie Lernen zu Bildung wird
„In letzter Zeit habe ich so viel gelernt!“ „Hast du auch etwas über dich gelernt?“
„Ja, sehr viel!“ „Dann hast du dich selbst gebildet!“ (Gespräch zweier 16jähriger Gymnastinnen).
Von gestern nach morgen
„Morgen“ sollen die Vorstellungen verwirklicht werden, die wir „gestern“ gelernt haben und „heute“ noch für richtig halten. Der Anteil des „Gestrigen“ an Entscheidungen und Überzeugungen, wie die Zukunft gestaltet werden soll, wird weitgehend unterschätzt.
Teil I Lernen von heute
Lernen für das Leben
Lernen ist ein existentieller Teil menschlichen Lebens. Wir lernen, um zu überleben, um gut zu leben, um länger zu leben. Wir lernen Gelerntes weiterzugeben und zu vermitteln, wodurch andere lernen zu überleben, gut zu leben, länger zu leben.
In dem Ausmaß, wie menschliche Gemeinschaften und Gesellschaften im Laufe der Geschichte komplexer wurden, entstand der Bedarf, Wissen zu sammeln, nützliche Erfahrungen und hilfreiches Verhalten an die Heranwachsenden weiterzugeben. Sie sollten Bewährtes der älteren Generation übernehmen, ehren und schätzen sowie schließlich daraus eine neue Zukunft schaffen. Genau übertragen, wäre dann die Zukunft die weitererzählte und fortgeführte Geschichte machtvoller Wortführer der älteren Generation geworden.
Bedarf entstand in sesshaften Gesellschaften nach vorgebildeten Menschen, die sich in der Welt des Heilens, des Krieges und der Führerschaft, der religiösen Gebräuche, in den Geheimnissen der Natur, aber auch des Handels, der Verwaltung, der Rechtsprechung und der Verträge, mit Buchstaben, Zahlen und fremden Sprachen auskannten. Es entstanden Einrichtungen, um Wissen weiterzugeben, sich Wissen anzueignen und um sich verlässliche Gefolgschaft für Machterhaltung und gemeinsames Überleben zu sichern: Schulen, Klöster, Akademien, Meisterlehre, Wanderlehrer, berufliche Lehranstalten, allgemeinbildende Gymnasien, Universitäten, Hochschulen und – historisch ziemlich spät – sogar Kindergärten.
Schulbildung wurde ab dem 18. Jahrhundert für Kinder verpflichtend, Volksbildung ein Angebot, um versäumte Lernmöglichkeiten nachzuholen und sich aktuelles, neues Wissen anzueignen. Die Alphabetisierung in europäischen Ländern, ein Beispiel für „gesellschaftliches Lernen“, setzte sich ab dem 16. Jahrhundert aufgrund von Buchdruck und Reformation, dann wegen der Schulpflicht langsam durch. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte sie im Schnitt etwa 80 Prozent der europäischen Bevölkerung.
Bildung und Lernen waren nie zweckfrei, nie unpolitisch!
Studieren für morgen
„We work for tomorrow!“ Das irritierende Logo ziert seit 2018 die Universität Graz. „Wir arbeiten morgen“, ätzten Insider bald. Universitäten unterhalten Abteilungen für „Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit“, um sich am bestehenden Bildungsmarkt, womöglich mit Alleinstellungsmerkmalen, bemerkbar zu machen. Deshalb erscheinen Logos. Konkurrenz und Wettbewerb liegen dem akademischen Alltagsgeschäft zugrunde.
Gegründet wurde die Universität Graz 1585. Anfangs mit acht Professoren ausgestattet, sollte sie die Gegenreformation unterstützen. Ziel war es deshalb, den katholischen Klerus auszubilden. Eine grobe historische Zuordnung lässt drei Phasen in den Aufgabenstellungen der Hohen Schulen erkennen, jeweils dominiert von den Interessen der stärksten gesellschaftlichen Kraft (Zimmerli: 2010, S. 37):
- vom Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts: konfessionellen Klerus ausbilden;
- vom 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts: Beamtenschaft qualifizieren;
- ab Mitte des 20. Jahrhunderts: ökonomischen Erfordernissen folgen und durch Lehre und Forschung zu Konkurrenz und Wettbewerb befähigen.
Im Jargon des sich seit den 1970er-Jahren durchsetzenden und dominierenden Neoliberalismus kam ein neuer Slogan in Gebrauch:
Bildung ist Investition in die Zukunft!
Homo oeconomicus
Die ökonomisierte Bildung cancelte das bestehende humane, humanistische, solidarische, menschenfreundliche, emanzipatorische Menschen- und Gesellschaftsbild. Dem aufgeklärten, humanen Menschen wurde der „homo oeconomicus“ entgegengestellt: Menschen werden als egoistische, auf den eigenen Vorteil bedachte, bloß an Gewinnmaximierung interessierte, wenig rücksichtsvolle oder wenig empathische Wesen charakterisiert. „Homo oeconomicus“ bezeichnet aber nicht real existierende Menschen, sondern fungiert als Leitbild und generalisiert Verhaltensweisen, die sich mit dem Neoliberalismus durchgesetzt haben.
Die Wirtschaftswissenschaften selbst, deren Repräsentanten*innen hohe mediale Aufmerksamkeit genießen, haben diese neoliberale Charakterisierung hervorgebracht. Kritik und Mahnung zu zurückhaltender Expertise sowie stärkere Kooperation mit anderen Sozialwissenschaften, um nicht als fast alleinige Ratgeber monopolistisch für gesellschaftspolitische Entscheidungen zu agieren, ist leise aber bestimmt vorhanden (Stähr: 2026; Aldred: 2020).
In aktuellen Reden und Aussendungen leitender Funktionäre an Universitäten bleibt die neoliberale Zielsetzung allerdings unüberhörbar, wenn es beispielhaft heißt: Universitäten sollen noch näher an die Wirtschaft herangeführt werden, um den Wirtschaftsstandort zu stärken, möglichst viele Start-ups gründen, um Forschungsergebnisse schneller in den Markt zu transportieren und neue Arbeitsplätze zu erzeugen (iHub: 2026).
Wofür will die Universität Vorbild sein? Ist ein neues Zukunftslogo in Arbeit?
„Heute studieren, morgen kassieren!“
Transformationen unterwegs
Nichts bleibt, wie es ist, lautet eine Erfahrung in unserem Dasein. Alles fließt.
Das Beratungsgremium der Bundesregierung für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung ist up to date: „Weltweit befinden sich Hochschulen an einem Wendepunkt: Technologische Entwicklungen, demografische Veränderungen und geopolitische Umbrüche stellen neue Herausforderungen an Hochschulen“ (FORWIT: 2026).
Von wirtschaftlicher Seite, ein verlässliches Sprachrohr ist die OECD, kommen schon die neuen Anforderungen. In „Bildung auf einen Blick – Indikatoren 2022“, dem Jahrbuch mit statistischen Daten und programmatischen Aussagen, liegt der Schwerpunkt auf dem Tertiärbereich. Das begründet sich, weil ein Abschluss im Sekundarbereich oder postsekundär „für die erfolgreiche Teilhabe an einer modernen Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend geworden“ ist (OECD: 2023, S. 50).
Zugleich lässt sich ein Konnex zu Erwachsenenbildung/Weiterbildung herstellen. Aufgrund des demographischen Wandels treten immer weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt ein – Digitalisierung und Automatisierung erleichtern die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Deshalb ist es dringend notwendig, die Kompetenzen der vorhandenen Arbeitskräfte zu erweitern. Vordringliches Ziel der Mitgliedsländer, empfiehlt die OECD, sollte es sein, neue Bildungssysteme zu entwickeln, die sich durch Kooperation mit Arbeitgebern und mit Unternehmen von Bildungstechnologie auszeichnen. Besonders die traditionellen tertiären Ausbildungsmodelle eignen sich nicht länger.
Sogenannte Microcredentials, kurze Lehrgänge (bis zu 200 Stunden) sollen Qualifikationen in neuen Formaten – in neuen Lernarchitekturen – anbieten.
Weiters wird hervorgehoben, dass aufgrund der Pandemie digitale Kompetenzen inzwischen Voraussetzung geworden sind, um an Bildungsangeboten teilzunehmen. Dabei geht es nicht nur um Berufsbezug, sondern auch um persönlichkeitsbildende Aspekte. „Erwachsene ohne Abschluss im Tertiärbereich sind am wenigsten auf den Nutzen durch digitalen Wandel vorbereitet“ (ebd., S. 141). „Digital Austria“ (2026), getragen vom Bundeskanzleramt Österreich, scheint bemüht, solche Defizite zu verringern.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass Personen mit geringerer formaler Bildung oder generell ab einem Alter von etwa vierzig Jahren weniger an Weiterbildung teilnehmen. Neue Bildungsmodelle, innovative Strategien traditioneller Anbieter oder neue Anbieter werden gefordert.
Ohne allzu viel Fantasie kann die aktuelle Strategie, das Bundesbudget zu sanieren, mit dem Hinweis, „Sparen ist auch in Universitäten angesagt“, kombiniert werden. Eine klare Aufforderung: Änderungen im universitären Bereich sind notwendig, um die gewandelten Anforderungen der Wirtschaft zu erfüllen. Die Wissenschaftsministerin (2026) hat schon reagiert, ihre Äußerung bekommt dadurch programmatisches Gewicht: z. B. mehr Teilzeitstudien, Wissenschaftsregionen mit abgestimmtem Lehrangebot, mehr Kooperationen zwischen Universitäten sind erwünscht (UNIS: 2026).
Für folgsame Umorientierung wird es Geld geben!
Unangenehme Fragen
Ungleich sanfter als im „Mai 68“ in Frankreich, fiel im Mai 2026 Widerstand gegen mögliche Budgetkürzungen an Universitäten in Österreich aus. Ermuntert und begleitet von Rektorinnen und Rektoren wurde an einem „Protest-Streik-Tag“ vor einem Sparbudget gewarnt – es würde unweigerlich die wissenschaftlichen Leistungen in Zukunft schwächen. Die nahende dreimonatige lehrveranstaltungsfreie Zeit (von Anfang Juli bis Ende September) brachte eine Cooling-out Phase – im Herbst will man weitersehen.
Ein paar unangenehme Fragen schafften es doch an die Öffentlichkeit. Wenn alle sparen müssen, warum dann nicht auch die Universitäten? Brauchen wir 77 akademische Einrichtungen mit entsprechend vielen Leitungskräften? Sind die Gehälter von Rektoren*innen nicht überhöht? Mit medialem Gespür für Unruhe wurde ein Dutzend Gehälter – sie bewegen sich zwischen 300.000 und 400.000 Euro pro Jahr – von aktiven Rektoren*innen publiziert.
Kaum erwähnt wurde die Situation wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen, die sich in großer Zahl, etwa 34.000 Personen von insgesamt knapp 40.000 (Netzwerk: 2026), in prekären Arbeitsverhältnissen befinden. D. h. sie haben nur befristete Verträge, Unsicherheit bezüglich weiterer Anstellung, Karriere und Finanzierung.
Diese Situation ist Tätigen in der Erwachsenenbildung allerdings auch nicht fremd (Atypisch Beschäftigte: 2018).
Der kurze Blick auf Bildungsträger und -anbieter – die Universität ist zu wissenschaftlicher Weiterbildung gesetzlich verpflichtet – zeigt sie auf prekären Beinen. Hat Bildung zu wenige Fürsprecher*innen, hat Bildung keine politisch wirksame Lobby?
Denkt man an die Ansagen der OECD, ist davon auszugehen, dass sich der Tertiärbereich neu aufstellt. Teilweise abwehrend, teilweise anpassend geschieht das in besorgter Unruhe, die hierarchische Spitzenposition preiszugeben. Gewünschte Kooperationen seitens der Erwachsenenbildung müssen damit rechnen, mit einem bedrängten Partner keine kritisch-innovativen oder provokativen gemeinsamen Projekte in Gang zu bringen.
Für die universitäre Lehre gilt: In wissenschaftlicher Weiterbildung werden berufsorientierte Intentionen lanciert, die sogenannte allgemeine – demokratieorientierte, politische oder kulturelle – Bildung bleibt vorläufig weiterhin außen vor.
Demokratien sterben langsam!
Bildungswesen unbewegt
Unser Bildungswesen wurde seit dem 18. Jahrhundert ausgebaut, erst ab etwa 1900 allmählich auch für Frauen zugänglich. Wer es bis in seine höheren Stufen durchläuft, wird in der Berufswelt (meistens) in leitende Positionen – mit sozialem Ansehen und attraktivem Einkommen, mit einem Wort „wohlbestallt“ – aufgenommen.
In Österreich bestehen seit Jahren, sogar seit Jahrzehnten, empirisch belegte bildungspolitische Aussagen, stets von „neuen Studien“ bestätigt (Aumeir & Theißl: 2026; Weiß: 2026). Daraus lässt sich eine relativ konstante Beurteilung der Bildungsqualität samt bekannter Mängelliste kurzgefasst ableiten:
- Der Bildungsgrad ist von sozialer Herkunft abhängig: „Bildung wird vererbt“. Bildungserfolg hängt sehr stark von einem bildungsaffinen, unterstützenden Elternhaus und extern gebotener „Nachhilfe“ ab.
- Leseschwäche: Etwa 20 Prozent (15.000 Kinder pro Jahr) haben am Ende der Schulpflicht nur sehr geringe Schreib-, Rechen- und Lesefähigkeiten. Geringe Lesefähigkeit wird bei knapp 30 Prozent der Erwachsenen, etwa eineinhalb Millionen der erwachsenen Bevölkerung, nicht nur mit Migrationshintergrund, diagnostiziert.
- Mangelnde Sprachförderung: Institutionalisierten Formen der frühen Deutschförderung wird zu wenig positive Wirkung attestiert. Integration betrifft mehr, als nur Deutschkenntnisse zu vermitteln.
- Hohe Drop-Out-Rate an Universitäten: Etwa die Hälfte von Studienanfänger*innen an Universitäten verhalten sich „prüfungsinaktiv“. „Drop-outs“ umfassen etwa 20.000 bis 25.000 Studierende pro Jahr.
- Weiterbildung vergrößert soziale Ungleichheit: Erwachsenenbildung, Weiterbildung, Fortbildung können strukturell bedingte Effekte der Ungleichheit von Bildung nicht verhindern – verstärken sie eher. Es gilt: „Wer hat, dem/der wird gegeben.“
Die sachlich belegten, schon lange bekannten Kritikpunkte verweisen auf strukturelle Dissonanzen im österreichischen Bildungssystem. Allerdings sind kaum bildungspolitische Anstrengungen zu vernehmen, die sie beseitigen könnten. Unbedingt ist aber anzumerken: Negative Aspekte und Ergebnisse bezüglich der Qualität des Bildungswesens gehen nicht zu Lasten der täglichen Bemühungen von Lernenden und Lehrenden. Positive Erfolge – und die sind ja auch zu registrieren – lassen sich eben auf das ständige Engagement und Bemühen aller Beteiligten und Betroffenen zurückführen. Aber es bleibt ein Ungenügen aufgrund „feudaler“, d.h. Abhängigkeiten verursachender, hierarchischer Strukturen.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“
Aktuelle Kritik
Aus nächster Nähe und als Zeitzeuge hat ein hochrangiger Beamter im Unterrichtsministerium, Christian Dorninger, ein Zeitbild des österreichischen Bildungssystems publiziert. Der Titel des Buches urteilt: „Große Herausforderungen, kleine Erfolge, viele Barrieren“ (2025). Der Autor bedauert den Stillstand in der Bildungspolitik, besonders fehlen Innovationen zu gelingender Integration. Das Bildungswesen ist im internationalen Vergleich sehr teuer, die Distanz zu pädagogischen Entwicklungen in der Europäischen Union wächst. Letztlich vermisst Christian Dorninger einen umfassenden Bildungsdialog, der sich mit der Entwicklung des gesamten Bildungswesens und seiner Zusammenhänge beschäftigt.
Seine warnende Stimme erhebt auch der österreichische Zeithistoriker Oliver Rathkolb. In seiner Publikation, „Ökonomie der Angst“ (2026), vermisst der Zeithistoriker eine tragfähige politische Bildung in Österreich. Die bestehende konzentriert sich nämlich nur auf ein Bildungswesen, „bei dem die Regierenden in Österreich zeigen, wie es möglich ist, alle internationalen Studien zu ignorieren und mit einem Bildungskonzept aus dem 19. Jahrhundert weiterzuwurschteln [sic!!!]“ (Rathkolb: 2026, S. 252). Rathkolb regt die politisch Verantwortlichen an, „in eine umfassende gesellschaftsübergreifende politische Bildung“ (ebd., S. 253) zu investieren. Das inhaltliche Angebot sollte über autoritäre Entwicklungen sowie über die Folgen von Diktaturen und Totalitarismen aufklären, aber auch die bemerkenswerten Erfolge der Demokratie im 20. Jahrhundert umfassen.
Die „Demokratiepolitische Bildung im Internet“ (2026) vom Verband Österreichischer Volkshochschulen geht innovative Wege. „Demokratie als Lebensform“ (Vater: 2026) heißt der aktuelle Onlinekurs.
Alles ist politisch!
Lebensbegleitendes Lernen
In der Hochzeit des Neoliberalismus wurde um das Jahr 2000 von OECD und EU ein „Memorandum über Lebenslanges Lernen“ (2000) als bildungspolitisches Leitmodell vorgestellt.
Lernen in allen Lebensphasen galt als wichtiges Element, um sich für Wettbewerb und Konkurrenz gegen Global Players, wie China, USA, Russland zu stärken. Zudem wurde eine geopolitische Zielsetzung auf Basis der „Theorie der Interdependenz“ verfolgt: Länder erreichen friedliche Annäherung durch Handel, Verträge, Austausch von Studierenden. Die Erkenntnis, dieser Theorie aufgrund der heutigen autokratischen und diktatorischen Systeme nicht mehr folgen zu können, erlebt Europa gerade.
Materielle militärische Aufrüstung und gesellschaftliche Wehrfähigkeit gegen mögliche Aggressoren haben „Frieden durch Annäherung“ oder „Frieden durch Interdependenz“ abgelöst.
Österreich hat sich 2011 mit breiter politischer Zustimmung zu einer „Strategie zum lebensbegleitenden Lernen“ (BMUK: 2011) bekannt. Neben der Zielsetzung fachlicher (Weiter-)Qualifizierung wurde hervorgehoben: Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen, den gesellschaftlichen Wandel in der Gegenwartsgesellschaft und geopolitisch zu verstehen, mitzugestalten sowie die Fähigkeit zur demokratischen Teilhabe auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu fördern.
Ein entscheidendes Merkmal des Konzepts liegt darin, dass es alle Bildungssektoren, also das gesamte Bildungswesen, in den Blick nimmt. Die Spaltung in konkurrierende Einrichtungen mit „Alleinstellungsmerkmal“ ist im Bildungsbereich nicht unbedingt produktiv.
Jeder Bildungssektor soll im Gegensatz zur aktuellen hierarchischen Struktur gleichwertig gelten. In jeder Lebensphase soll Zugang und Teilnahme an Bildungs- und Lernangeboten auf allen Ebenen des Bildungswesens möglich sein – von der Grundbildung bis zur Bildung im hohen Alter.
Zurzeit wird noch immer der Schwerpunkt von Bildung und Ausbildung auf die ersten zweieinhalb Lebensjahrzehnte gelegt. Mit der „Strategie“ kommt alternativ die gesamte Lebenszeit als „Bildungszeit“ in Betracht. Lebensbegleitenden Lernerfordernissen soll damit Rechnung getragen werden. Außerdem soll der frühen Festschreibung von Bildungserfolgen oder -misserfolgen, auch ausgedrückt mit „Bildung wird vererbt“, entgegengewirkt werden.
Auch in Hinblick auf die sich abzeichnende Langlebigkeit in der Gegenwartsgesellschaft – Longevity – liegt es nahe, Bildungsaktivitäten nicht nur auf eine frühe Lebensphase zu konzentrieren, sondern lebensbegleitend und lebensintegriert gemäß den Lebensphasen zu verteilen. Für in diesem Jahrhundert geborene Kinder liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bereits bei etwa einhundert Jahren.
Der dadurch verlängerte Zeitraum für Erwachsenenbildung erfordert, ihren Stellenwert im Bildungssystem neu zu bewerten. Außerdem ist eine verlässliche staatliche Verpflichtung notwendig, um Teilnahme an Bildungsangeboten in der gesamten Lebensspanne finanziell zu sichern.
Mehr Zeit für Bildung – lebensbegleitend und lebensintegriert!
Bildung wertbewusst
Die „Strategie lebensbegleitendes Lernen“ richtet sich gegen soziale Ungleichheit, gegen sozial bedingte ungleiche Bildungschancen und fordert demokratische Teilhabe am Bildungs- und Gesellschaftssystem. Konkret beabsichtigte das Konzept, Bildungsdefizite – z. B. geringe Lesefähigkeit, Drop-out von Schule und Hochschule, Fehlen von Schulabschlüssen – zu reduzieren.
Die Idee eines kooperativen Bildungssystems wirkt in Kombination mit Bildungszielen der EU bis 2030 (Education and Training: 2026) sowie mit der globalen Nachhaltigkeitsagenda der UNO (Bildung: 2030) in gewisser Weise weiter.
Allfällige aktuelle „Anpassungen“ sollten nicht übersehen, dass in den letzten Jahren die Sorge um den Erhalt der liberalen Demokratie immens gewachsen ist. Die Forderung nach fundierter politischer, kultureller, gemeinnütziger Bildung für Erwachsene, mit staatlich garantierter finanzieller Absicherung, scheint sich in Bildungsreformen nicht, oder noch nicht, niederzuschlagen.
Die Neufassung der „Weiterbildungszeit“ (zuvor „Bildungskarenz“) beschränkt sich z. B. darauf, den unmittelbaren Nutzen für den Arbeitsmarkt zu beachten.
Zu wenig verdeutlicht wird auch, dass kulturelle, politische, allgemeine Bildung einen wirtschaftlichen Wert erzeugen. Gemeinnützige Erwachsenenbildung vermehrt soziales und kulturelles Kapital. Zarah Bruhn, politische Aktivistin, Start-up-Gründerin, versierte Spezialistin für soziale Innovationen, schlägt aufgrund ihrer eigenen Praxis vor, Wirtschaft, Soziales und Bildung stärker zu verbinden, wirtschaftliche Effekte zu berechnen und gegenüber Politiker*innen ins Treffen zu führen. Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Innovationskraft sowie neue Beziehungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Staat gehören noch dazu, um gemeinsam ein „bessere Zukunft“ zu gestalten. In ihrem Buch, „Wer, wenn nicht wir?“ (2026), gibt sie attraktive Beispiele.
Um eine sozial nachhaltige Bildung zu realisieren, bedarf es eines strukturell reformierten Bildungswesens und adäquater Denkweisen. Die bestehende hierarchisch gegliederte Form ist zu überwinden. Es geht darum, die Kooperationen zwischen Erwachsenenbildung, Schule und Hochschule organisatorisch deutlich zu stärken – es geht um ein demokratisches Bildungskonzept mit internationaler Vernetzung.
Bildungspolitik ist Sozialpolitik!
Wer soll lernen?
Wissen wird nicht weniger, auch wenn man mehr weiß und mehr lernt. Es ist ein sich ausdehnender Kosmos.
Herausforderungen werden nicht weniger, auch wenn man die eine oder andere bewältigt. Von Krisen schon gar nicht zu reden.
Die Dynamik der Gesellschaft, die Unsicherheit im individuellen Alltag und der stete Wandel sozialer und politischer Beziehungen sind Konstanten in unserem Dasein.
Mit Lernen lassen sich neue Informationen erfassen, Wissen aufbauen und Verhaltensweisen erproben. Bildungsprozesse verwandeln Gelerntes in die Fähigkeit, sich im Denken und Handeln zu orientieren, Urteile und Entscheidungen zu treffen sowie mit anderen zu kommunizieren, um individuelles oder gemeinsames Handeln zu begründen. (Lenz: 2012).
Die heutigen Erwachsenen, die wahlberechtigte Bevölkerung, gestaltet Zukunft bereits mit. Es kommt darauf an, „sich einzumischen“ – ein Recht und eine Pflicht –, um liberale Demokratie zu erhalten. Dies gilt auch regional für das Grätzel, für die tägliche Mobilität, für Spielpark und Hundezonen.
Wir brauchen dringend aufgeklärte, lernende, sich bildende Erwachsene, die sich mit „der Lage der Welt“ im Fernen und Nahen, mit aktuellen Herausforderungen in Gemeinschaft und Gesellschaft beschäftigen, um sich der Tragweite ihres Lebensstils, ihres Urteils oder ihrer Entscheidungen bewusst zu werden.
Dies betont die Rolle von Erwachsenen- und Weiterbildung, von lebensintegrierter Bildung, um Erwachsene in ihren „Gegenwartskompetenzen“ zu stärken, um ihre Selbstwirksamkeit und Urteilskraft zu fördern.
Today matters!
Vielfältige Didaktik
Einen Kanon des „wichtigen und richtigen“ Wissens, von einheitlichen Haltungen und entsprechenden Programmen für „Gegenwartskompetenzen“ zu erstellen, wird nicht angestrebt. In Fachsprache ausgedrückt, handelt es sich um „situative Bildung“, d.h. Bildungs- und Lernprozesse entstehen aufgrund realer Situationen, verbunden mit aktuellem Bedarf und konkreten Herausforderungen, sich Wissen anzueignen, Zusammenhänge zu erkennen, ein Urteil zu bilden, um sich „selbstwirksam“ und „entscheidungsfähig“ zu bewähren. Kurz gesagt: sich selbst als verantwortungsvoll und erwachsen zu erleben.
Mit welchen didaktischen Formen und in welchem sozialen Rahmen Bildung und Lernen vor sich gehen, soll nicht eingeschränkt werden. Es gilt das Motto des österreichischen Philosophen und Erwachsenenbildners Paul Feyerabend (1924–1994) für den Einsatz wissenschaftlicher Methodik: „Anything goes!“
Ein wichtiges Kriterium besteht darin, Daten, Fakten, Programme und Lehrinhalte zu beurteilen, ob sie „für wahr“ zu halten sind. Daraus ergibt sich, dass individuell Lernende immer wieder Rückmeldungen oder Austausch mit anderen Individuen oder Gruppen suchen werden. Sie bewegen sich dann im „sozialen Lernen“. Das bedeutet, die eigenen Kenntnisse und Urteile zur Diskussion zu stellen und gemeinsam zu überprüfen.
Beim Lernen öffnet sich ein Tor zur Bildung.
Teil II Bildung für morgen
Was soll gelernt werden?
Was sollen wir lernen, um unsere Gegenwart, mit ihren Problemen, Gefahren und Annehmlichkeiten, mit ihren sozialen Ungleichheiten besser zu verstehen? Um sich gegen negative Tendenzen zu wehren, um positive Entwicklungen zu stärken? Oder lernen, um Wissenshunger zu stillen, um Neugier zu befrieden, um vor sich gehenden Wandel, Veränderungen oder Transformationen zu erklären? Lernen, um sich etwas sicherer zu fühlen und um nicht alles glauben zu müssen, womit andere drohen oder verlocken?
So unterschiedlich wie Erwachsene sind, so differenziert können auch ihre Motive, sich zu bilden und zu lernen, sein. Über bestehende Angebote an Kursen und Vorträgen hinaus sollten Einrichtungen der Erwachsenenbildung mehr Möglichkeiten für individuelles, autonomes Lernen schaffen. Ähnlich wie „personalisierte Medizin“ Rücksicht auf die Individuallage von Personen nimmt, sollte „personalisierte Bildung“ persönlichem Bildungs- und Lernbedarf gerecht werden. Individualisiert, aber nicht isoliert, können sich, mit beratendem Personal, Anlässe für gemeinsame Aktivitäten wie Exkursionen, Lesekreise, Diskussionsrunden ergeben.
Daher ist ein Charakteristikum des „situativen Lernens mit Erwachsenen“, Inhalte und Ziele gemeinsam auszuhandeln und didaktisch Raum zu geben, dies auch im Verlauf von Lernprozessen stets tun zu können.
Inhaltlich haben die folgenden Themen eine Nähe zu politischer Bildung. Zielsetzung: Wie lässt sich ein attraktives soziales Miteinander gestalten? Was fördert „Zukunftsfitness“? Darüber nachzudenken und zu diskutieren, das eine oder andere Thema mit bereits vorhandenen Angeboten, auch anderer Institutionen, zu verbinden, macht vielleicht klar, wieviel Potenzial, wie viele thematische Hotspots schon vorhanden sind, und welche Energie daraus entstehen kann, sich mit anderen weiterzubilden.
Lernende respektieren und sich an ihren Bildungswünschen orientieren.
Demokratie
„Democracy Dies in Darkness“, lautet der Wahlspruch der „Washington Post“. Damit unterstreicht die Tageszeitung seit 2017 ihren Anspruch, sich für aufklärende Berichterstattung und für Demokratie einzusetzen. „Demokratien sterben leise“ bestätigen nicht nur Politikwissenschaftler (Levitsky & Ziblatt: 2018), sondern fällt vielleicht beim Anhören von Nachrichten, bei Urlaubs- oder Geschäftsreisen oder Studienaufenthalten im Ausland auf.
Wer den Frieden will – wird nun oft zitiert –, muss sich auf den Krieg vorbereiten. Wehrhaftigkeit wird zu einem aktuellen gesellschaftlichen Wert in Europa, um liberale Demokratien zu schützen. Erhöhte Verteidigungsbudgets, Reform des Wehrdienstes, militär-technologische Innovationen, Konstruktion von Feindbildern bestimmen die Diskussion, um die Demokratie zu retten.
Doch um Demokratien zu erhalten, bedarf es auch viel Investition in ein waches politisches Bewusstsein. Der Politikwissenschafter Herfried Münkler (2022, S. 10) vertritt eine klare Position: „An den engagierten Bürgerinnen und Bürgern, ihrer Bereitschaft zum Engagement, ihrer Sachkompetenz und ihrer politischen Urteilskraft, entscheidet sich die Zukunft der Demokratie.“ Im Beteiligen an demokratischen Prozessen liegt die Chance, die Machthabenden, die Vermögenden, die Regierenden zu kontrollieren und mittels Wahlen politische Richtungsentscheidungen mitzubestimmen.
Deshalb, meint Münkler, ist es nicht ausreichend, allein in der Schule politisches Wissen zu erwerben. Eine große Verantwortung ergibt sich für Weiterbildung und Erwachsenenbildung Lerngelegenheiten zu schaffen, um an politischen Prozessen kompetent teilnehmen zu können.
Die Zukunft von Parteien steht im Buch „Demokratie sucht Zukunft“ (Guwak u. a.: 2026) zur Diskussion. Sie bleiben auch künftig wichtige Elemente im politischen System. Sie sollten sich aber erneuern und „neubalancieren“, um den Anforderungen wegen des Wettbewerbs mit anderen Parteien sowie der Kooperation mit der Zivilgesellschaft zu entsprechen. Anstelle einer „liberalen Demokratie“, die durch den Trend zur Autokratie gefährdet ist, wird im Buch eine „vitale Demokratie“ vorgeschlagen.
Parteien, als Think-Tank für innovative gesellschaftliche Entwicklungskonzepte und als Drehscheibe demokratiepolitischer Grundbildung, sollen zu neuen Lernorten und zu „lernenden Organisationen“ werden. Neue Lernfelder sind für die Parteien entstanden. Sie sind gefordert, in Koalitionen zu kooperieren, produktiv zusammenzuarbeiten, ein neues, klares Profil zu entwickeln und zu bewerben sowie ihre Fähigkeit, Probleme zu analysieren und zu lösen, unter Beweis zu stellen. Dazu gehört, Kompromisse einzugehen und qualifizierte, professionelle Mitarbeiter*innen zu rekrutieren.
Nachwuchs und Quereinsteiger*innen werden aus der Zivilgesellschaft und von in Gemeinderäten erfahrenen Personen (etwa 40.000 in Österreich) erhofft. Letztere gelten als „Schulen der Demokratie“ oder wie der Politikwissenschafter Herfried Münkler (2022, S. 162) dazu meint: „An den Graswurzeln der Demokratie wächst politischer Sachverstand.“
Sich bilden umfasst, Widersprüche, Mehrdeutiges und Spannungen auszuhalten.
Klima
„Warum gibt es noch immer viel zu wenig herausragende Klimakunst, die uns Mut macht?“ fragt der Kulturmanager Christoph Thun-Hohenstein (2026) provokant. Aus der Sorge um den Schutz der Umwelt, um das Artensterben, um die Ausbeutung der Natur (auch Menschen sind ein Teil davon!) ist ein Kampf gegen mächtige Staaten und Politiker*innen geworden. Plötzlich soll nicht mehr gelten, wofür es so viele wissenschaftliche Nachweise gibt? Es ist zu bemerken: Weil sich aus der Leugnung Profit schlagen lässt. Ohne Rücksicht auf Bedürfnisse, Lebensgrundlagen, Zukunftshoffnungen anderer Menschen. Verachtet werden das Wissen um die Ursachen von Klimakatastrophen, die Menschen, die das erforscht haben und all die Menschen, die darunter leiden.
Das Wissen, wie lange schon Leben auf unserer Erde existiert, wird weggespült. Das Verständnis, wie es wohl als erster Forscher Alexander von Humboldt (1769–1859) in seinem Hauptwerk „Kosmos“ formuliert hat, „alles hängt mit allem zusammen“, soll gelöscht werden. Speziell die Einsicht, dass alles Leben einer Evolution unterliegt, wird mit Ablehnung, oft sogar mit Lehrverbot belegt.
Was kann man lernen und wie verstehen, dass menschliche Existenzen Glieder in einer sozialen Kette sind, die ein langes Vorher und vielleicht ein Nachher haben? Lernen, um zu verstehen, dass nicht der Größenwahn, das Durchsetzen von Machtinteressen, sondern Geduld, Nachsicht, Barmherzigkeit als Strategien, um menschliches Leben zu schützen, Vorrang genießen sollten?
Sich bilden umfasst, rücksichtsvoll, fröhlich, geduldig und wehrhaft mit Menschen und Natur zusammenzuleben.
Technologische Zivilisation
„Hart-Sein zu sich selbst“, oft als Ideal gepriesen, lässt auch hart und gleichgültig gegenüber den Schmerzen anderer werden. Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Theodor W. Adorno (1903–1969) warnte in einer Radiorede zu „Erziehung nach Auschwitz“ (1966), Technik als Fetisch, als Selbstzweck zu betrachten und warnte davor, „hübsche“ Apparaturen zu lieben, und unsere Liebesfähigkeit gegenüber Menschen zu verlieren. Erziehung, so Adorno, soll Autonomie vermitteln. Das beinhaltet Kraft zu Selbstreflexion, zu Selbstbestimmung, zu Widerstand und zum „Nicht-Mitmachen“. Dazu gehöre auch die Einsicht, dass unser „So-Sein“ nicht von Natur aus unabänderlich vorgegeben ist, sondern etwas Gewordenes, das wir in seiner Entwicklung beeinflussen können.
Gegenwärtig erschrecken wir über die Folgen technologischer Entwicklungen auf dem Sektor der Kommunikation. Auf gesetzlichen Weg versuchen wir den Zugang für Kinder zu diversen Plattformen und Informationen einzuschränken. Wie gegen Rauchen, Alkohol, gegen zu viel Zucker, gegen Asbest oder Drogen richten wir Schutzwälle auf. Wie Schaden für Kinder und Erwachsene vermieden werden kann, sollte im Programm „gesellschaftlichen Lernens“ an prioritärer Stelle stehen.
Die Wissensgesellschaft, in der wir leben, ist eigentlich eine Wissenschaftsgesellschaft. Die oft schon zum Überdruss gehörte Aussage, „Eine neue Studie sagt …“, verweist auf den ständigen Einfluss wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Zu lernen ist noch, wie die Prinzipien wissenschaftlicher Denkweisen auch das Alltagsleben bereichern können: Gründe anführen, Argumente abwägen, Urteile und Ergebnisse überprüfen, die Relativität von Erkenntnissen respektieren, Diskurse führen.
Schließlich sollte es ein gesellschaftliches Lernziel sein, die Folgeabschätzung von Innovationen intensiver zu berücksichtigen. Derzeit betrifft dies insbesondere Ausweitung und Ausbau von Künstlicher Intelligenz.
Sich bilden umfasst, widerstehen und sich einmischen zu lernen.
Medien
„Wir alle sind Nachricht“, erklärt der Medienmanager Clemens Pig (2026). Das erweitert den oft zitierten Ausspruch „Das Medium ist die Botschaft“ des Kommunikationstheoretikers Marshall McLuhan (1911–1980). Er meinte, die Art und Weise der Übertragung formt unsere Wahrnehmung stärker als die eigentliche Information. Nun, als Träger der Nachricht, sollten wir unsere Verantwortung für Informationen und ihren Wahrheitsgehalt erkennen.
Es liegt somit an uns selbst, der Wahrheit ein sicheres Fundament zu schaffen. Dazu sollten wir uns unserer jeweils persönlichen Sprache bedienen, mit der wir Komplexes entschlüsseln. D. h. Floskeln ablehnen, Vereinfachtes zurückweisen, Zusammenhänge erklären – sich nicht mundtot machen lassen!
Zu den professionellen Produzenten*innen und Überbringern von Information und Nachrichten gehören Journalisten*innen. 67 von ihnen wurden im Jahr 2025 in Ausübung ihres Berufs getötet, etwa 500 sind in Haft (Jahresbilanz der Pressefreiheit: 2025).
Journalisten*innen decken auf, recherchieren, berichten – sie zu achten, ihnen eine professionelle Aus- und Fortbildung zu ermöglichen, sie zu schützen, liegt in der Verantwortung liberaler Demokratien.
Zunehmend werden Informationen und Nachrichten durch Bilder transportiert. Wie das auf uns wirkt und wie das „Lesen“ von Bildern unsere Wahrnehmung beeinflusst, darüber wissen wir noch zu wenig. Ein neues Lernfeld eröffnet sich!
Sich bilden umfasst, eigene Worte zu wählen, Komplexes zu erklären und Zusammenhänge zu erläutern.
Kapitalismus
„Unsere abendländisch-christlichen Werte“ werden gerne hervorgekehrt, wenn versucht wird, einen Kern gesellschaftlicher Identität z. B. gegenüber Migranten*innen darzulegen. „Unsere Werte“ dienen als sichere Burg, als zu verteidigendes Gut, das sich andere erst erwerben sollen, bevor sie daran denken, sich in unserem Heimatland für länger niederzulassen. Aber entsprechend einer so alten Tradition wie dem Christentum benehmen und verhalten wir uns gar nicht. Die Werthaltungen, die uns im Wesentlichen bestimmen, leiten sich aus einer jüngeren gesellschaftlichen Formation ab.
Vor etwa fünf Jahrhunderten ist der Kapitalismus als Wirtschaftsform entstanden. Das Hauptziel des Kapitalismus ist Gewinnmaximierung, Kapitalvermehrung und wirtschaftliches Wachstum.
„Geht es der Wirtschaft gut…“, der Rest ist bekannt. Gemeint ist die nach kapitalistischer Logik organisierte Wirtschaft. Ihr Kern ist: Geld einsetzen, damit noch mehr Geld als Gewinn entsteht. In der ökonomischen Realisierung bedeutet dies, alles zu kommerzialisieren, alles zu einer Ware zu machen, alles zu „kommodisieren“, und auf einem Markt anzubieten. Seit noch nicht allzu lange gehören dazu: freier Wohnraum als Airbnb, ein Auto für Uber, der Fußball-Sport, die WM-26 als klingende Beispiele.
Der Historiker Sven Beckert (2026) bezeichnet den Kapitalismus als effektivste Weltrevolution, die sich seit etwa 500 Jahren in alle Lebensbereiche der Erde ausgedehnt hat. Keine Religion, keine Ideologie, keine Philosophie „war je so allumfassend wie die ökonomische Logik des Kapitalismus“ (S. 1032). Allerdings auch die von ihm erzeugten Ungleichheiten.
Kapitalismus „bohrt sich in die Köpfe und setzt sich in den engsten sozialen Beziehungen fest“ (ebd., S. 1033). Wir bewegen uns in Interaktionen auf Märkten, um zu kaufen, zu verkaufen und zu konsumieren. Bei neuen Jobs ist der Trend zu mehr „freiberuflich und befristet“ zu erkennen. Das führt zu intensiver Selbstvermarktung im steigenden Wettbewerb um Arbeitsplätze.
Am Beispiel Universität wurde das vorhin schon erwähnt.
Der Wirtschaft unter kapitalistischer Logik kann es allerdings nicht allzu gut gehen! Sven Beckert vermerkt in seiner globalen Analyse, die Hälfte der Menschheit existiert am Rande des Existenzminimums (Länder nach Armutsquote: 2026). Statistisch betrachtet stehen diesen Menschen weniger als sieben Dollar pro Tag zur Verfügung.
Gibt es Chancen für andere Wirtschaftsformen, die weniger soziale Ungleichheit verursachen? Heterodoxe Ökonomien suchen solche Wege, „ökonomische Bildung“, nicht bloß „Finanzwissen“, unterstützt dabei!
Sich bilden umfasst, unterschiedlichen Existenzbedingungen nahe zu kommen.
Integration ins Miteinander
Seit den 1970er-Jahren ist ein Bildungsmarkt entstanden, auf dem Bildung als Ware gehandelt wird. Treiber dieser Transformation, die Bildung in eine „Investition in die Zukunft“ verwandelt hat, war der Neoliberalismus. Menschen wurden und werden als Konsumenten*innen und Investitionen betrachtet. Auf dem Bildungsmarkt wurden Teilnehmer*innen zu Kunden*innen.
Aber auch der Neoliberalismus hat ein Ablaufdatum. Erschüttert wurde er, als 2008 nur aufgrund staatlicher Eingriffe das Finanzsystem nicht kollabierte. Proteste, wie z. B. „Occupy Wall-Street“, formierten sich unterschiedlich auf dem ganzen Globus. Zudem sind humanistische „Denkströme“ nicht völlig ausgetrocknet. Was ein „humaner Mensch“ ist, was „gutes Leben“ darstellen soll oder wie wir „soziales Miteinander“ gestalten können, gehört noch immer zu Grundsatzfragen der Sozialwissenschaften oder der Praxis von Bildung und Erziehung.
Die Nächstenliebe zu Menschen schließt auch die zu Tieren sowie zu allen Lebewesen der Natur ein. In diesem zusammenhängenden Kosmos sind wir Teil eines großen Ganzen. Somit ist auch unser Wohlbefinden davon abhängig, dass das natürliche Gleichgewicht erhalten bleibt und ein soziales Miteinander aller Lebewesen besteht.
Um unser Selbstverständnis zu weiten, hilft vielleicht auch „Big History“ (Christian: 2021). Darstellungen, die die Geschichte vom Big Bang bis zum voraussichtlichen Ende der Sonne schildern, lassen bescheidener auf unsere menschliche Größe blicken. Vielleicht liebevoller mit unseren Nächsten umgehen?
„Astronomie als Schulfach“ (2026) lautet ein curricularer Vorschlag. Positive Erfahrungen für den Aufbau eines „kosmischen Bewusstseins“ gibt es mit einem entsprechenden Angebot als Freifach im Kepler Gymnasium in Graz.
Sich bilden umfasst, Anstand gegenüber anderen Menschen und der gesamten Natur zu entfalten.
Ernst nehmen
Klaus Eckel, ein österreichischer Comedian, trägt in einem seiner letzten Bücher, „In meinem Kopf möchte ich nicht wohnen“ (2025), zur Diskussion über die Aktualisierung von Lehrplänen bei. Er schlägt das Schulfach „Selbstironie“ vor (S. 176): „Denn Menschen, die sich ernst nehmen, kann ich nicht ernst nehmen.“
Sich „ernst nehmen“ bedeutet für Klaus Eckel, keine andere Ansicht oder Denkrichtung zu akzeptieren, sondern nur die eigene Meinung gelten und herrschen zu lassen. Sollte sich das Schulfach noch etwas verzögern, kann man vielleicht als Eltern, Verwandte, Lehrende, Mitmensch vorzüglich in Selbstbildung beginnen, dem Humorberater zu folgen.
Nun meldet sich noch Holden Caulfield! Jerome D. Salinger (1919–2010) schuf den „Fänger im Roggen“, einen etwa 16-jährigen „Systemsprenger“ in den USA um 1950. Holden lässt gerade wieder eine Schule hinter sich und besucht zum Abschied seinen grippösen Geschichtelehrer, der ihn mit ernsten Fragen ein wenig nervt (Salinger: 2026, S. 25): „Machst du dir über deine Zukunft denn gar keine Gedanken, mein Junge?“
„Ach, ich mache mir schon Gedanken über meine Zukunft. [….] Nicht sehr viele, glaube ich.“
„Das kommt noch. Aber dann ist es zu spät.“
Doch Holden weiß, was er in Zukunft „richtig gern wäre“. Seiner Schwester Phoebe eröffnet er: Er will bei Kindern sein, die in einem Roggenfeld, am Rande eines Abgrunds, spielen. Er will den ganzen Tag lang auf alle Kinder aufpassen und sie fangen, damit sie nicht in den Abgrund stürzen. Kinder schützen – als Lebensaufgabe!
Sich bilden umfasst, mit allen Sinnen Mitgefühl gelassen und heiter zu üben!
Heute und morgen
Ich bin nicht sicher, ob die vielen Menschen, die sich bilden und etwas lernen wollen, genug Raum und selbstbestimmte Zeit haben, ihre Ziele sorgsam zu wählen. Aber darüber kann man sich Gedanken machen – heute und morgen!
Übrigens: Sind wir nicht alle Vermittler*innen von Zukunft? Unbewusst oder bewusst, behutsam oder schrill, en passant oder professionell, systematisch oder zufällig?
Ein Selbstversuch? Bei nächster Gelegenheit, wenn es Ihnen auffällt: Die Freiheit anderer, die sich ihre eigene Zukunft entwerfen, nicht einschränken. Nicht heute und nicht morgen!
Lernen heute wird zum Fundament der Bildung von morgen! //











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