Einleitung: Die ganze Geschichte über das Lernen in der Basisbildung
Im Zentrum von Basisbildungsangeboten – in Deutschland wird für Basisbildung der Begriff „Grundbildung“ verwendet – steht die Alphabetisierung; Basisbildung geht jedoch weit darüber hinaus. Von 1990 bis 1995 pilotiert als Angebote für „Erwachsene mit deutscher Muttersprache“ an der Volkshochschule Floridsdorf in Wien von 1990 bis 1995 (Brugger, Doberer-Bey & Zepke: 1997), wird der Zugewinn an Lese- und Schreibfertigkeiten, an Sprachfähigkeiten (Hören, Verstehen), an alltagsmathematischen und digitalen Fähigkeiten mittlerweile viel beachtet und wurde bereits in (Rahmen-)Curricula, in programmspezifischen Vorgaben, in der Programmplanung, bei der Kursgestaltung oder bei der Evaluation von Angeboten bzw. Programmen aufgegriffen.
Solche Zugewinne zu messen, ist berechtigt, aber erzählt nicht die ganze Geschichte über das Lernen in der Basisbildung. Bewertungspraktiken konzentrieren sich meist auf anforderungsbezogene und häufig standardisierte Lernergebnisse und vernachlässigen dabei den Lernprozess selbst, d. h. die tiefgreifenden, hochgradig individuellen Lernprozesse, die die Biografie der Lernenden, ihre Identität und ihre soziale Teilhabe berühren können.
Mit dem hier vorgestellten PROFUND-Projekt wollen wir transformatives Lernen in der Basisbildung erstmals systematisch untersuchen. Unserem Kenntnisstand zufolge wurde transformatives Lernen im Handlungsfeld der Basisbildung zwar bereits mehrfach thematisiert (eine Literaturübersicht findet sich bei Kastner & Motschilnig: 2022, S. 227–229) und ist für Basisbildner*innen grundsätzlich anschlussfähig, da sie bei ihren Teilnehmer*innen vielfach tiefgreifende Veränderungsprozesse wahrnehmen können (Kastner: 2024), eine systematische Untersuchung fehlt für den deutschsprachigen Raum bislang aber. Die bildungswissenschaftliche Dimension dieser Forschungslücke wird in anderen Veröffentlichungen noch ausgeführt werden.
Im Zentrum dieses Beitrags steht die bildungspraktische Zielsetzung, nämlich einen innovativen Bewertungsrahmen zu entwickeln, der die ganze Geschichte über das Lernen in der Basisbildung erzählen kann. Mithilfe dieses Bewertungsrahmens können transformative Lernprozesse reflektiert und analysiert werden, wodurch eine profunde Validierung von Lernergebnissen erreicht werden soll. Dies hat das Potenzial, die Praxis der Erwachsenenbildung nachhaltig zu verbessern.
Das PROFUND-Projekt ist im erwachsenenpädagogischen Handlungsfeld der Basisbildung angesiedelt und wurde im Jahr 2023 im Rahmen einer Zusammenarbeit der Universität Klagenfurt mit den Kärntner und den Wiener Volkshochschulen sowie der Volkshochschule der Stadt Worms (Rheinland-Pfalz) ins Leben gerufen.1 Diese Zusammenarbeit wird im Rahmen des Erasmus+-Programms der Europäischen Union (Projektnummer: 2023-2-AT01-KA210-ADU-000178483, Laufzeit: 1. März 2024 bis 28. Februar 2026) kofinanziert.
Transformatives Lernen und Validierung: Fundamente des PROFUND-Projekts
Die „Transformative Learning Theory“, eine erwachsenenpädagogische Lerntheorie, wurde von Jack Mezirow Ende der 1970er-Jahre begründet und von ihm selbst und vielen anderen über die Jahre weiterentwickelt (Mezirow: 2006; Taylor & Cranton: 2012).
Diese Theorie erklärt, wie Lernen und Bildung im Erwachsenenalter zu einem tiefgreifenden, strukturellen und dauerhaften Wandel in den Grundvoraussetzungen des Denkens, Fühlens und Handelns führen können; eine Bewusstseinsveränderung, die unsere Art, in der Welt zu sein, erheblich und dauerhaft verändert (O’Sullivan: 2002, S. 11).
Im PROFUND-Projekt gingen wir davon aus, dass gute Basisbildungsangebote solche tiefgreifenden Lernprozesse und Lernergebnisse ermöglichen können (Abraham & Linde: 2018; Berndl et al.: 2018; Kastner: 2011, 2021, 2024; Kastner & Motschilnig: 2022; King & Heuer: 2009; Muckenhuber et al.: 2019). Zur Erfassung und Bewertung von Prozessen und Ergebnissen des transformativen Lernens identifizierten wir zwei Ansätze als entscheidend für das PROFUND-Projekt: (1) das Konzept von Stuckey, Taylor und Cranton (2013), das mit seinen prozessbezogenen Dimensionen die Richtung der Transformation vorgibt, die für das PROFUND-Projekt relevant ist, und (2) Hoggans 2016 veröffentlichte Typologie.
(1) Das Konzept von Stuckey, Taylor und Cranton (2013) basiert auf unterschiedlichen theoretischen Positionen der Theorie des transformativen Lernens. Es umfasst Ergebnisse und prozessbezogene Dimensionen und betont insbesondere den Anspruch auf eine machtkritische und befreiende Bildung, wie sie von Paolo Freire (1970) und anderen Autor*innen vertreten wird. Die Ergebnisse sind im Konzept wie folgt gefasst: Acting differently (sich anders verhalten); Having a deeper self-awareness (ein tieferes Ich-Bewusstsein entwickeln); Having more open perspectives (offenere Sichtweisen erlangen); Experiencing a deep shift in worldview (eine tiefgreifende Veränderung der Weltsicht erleben). Der Anspruch auf emanzipatorische Bildung ist in einer der prozessbezogenen Dimensionen – Social critique, also Gesellschaftskritik – aufgehoben und umfasst folgende Aspekte: Ideology critique (Ideologiekritik); Unveiling oppression (Unterdrückung aufdecken); Empowerment (Selbstermächtigung); Social action (soziales Handeln).
(2) Die von Hoggan auf Basis einer Auswertung von Forschungsbefunden erarbeitete und 2016 veröffentlichte Typologie ist eine Klassifikation, mit der reale Erscheinungen – in diesem Fall transformative Lernprozesse und Lernergebnisse – geordnet und überschaubar gemacht werden können. Diese Typologie umfasst sechs Kategorien: Worldview (Weltsicht); Self (Selbst/Persönlichkeit); Epistemology (Wissen/Denken); Ontology (Sein); Behavior (Handeln/Verhalten); Capacity (Fähigkeiten).
Des Weiteren waren für das PROFUND-Projekt Überlegungen und Prozesse zur Validierung von nicht-formalem und informellem Lernen handlungsleitend. Ziel einer Validierung ist es, die vielfältigen und umfangreichen Lernerfahrungen von Erwachsenen sichtbar zu machen. Hierbei stehen die Lernenden im Mittelpunkt (Villalba-García, 2021; Cedefop, 2016, 2023). Validierung kann benachteiligte Erwachsene stärken und steht im Einklang mit dem andragogischen Grundprinzip, erwachsene Lernende als aktive Akteur*innen anzuerkennen. Als Heuristik für das PROFUND-Projekt diente ein Klärungsvorschlag: Wir wollten „summative recognition“, also die anforderungsbezogene Dimension von Anerkennung, von „formative“ und „transformative recognition“ unterscheiden. Die formative Dimension wurde definiert als Entwicklung einer zuversichtlichen Lernidentität, als Ermittlung weiterer Lernbedürfnisse und Klärung von Bildungs- oder Berufswegen. Die transformative Dimension wurde definiert als erhöhtes Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Motivation der Lernenden, sich auf weiteres Lernen und die eigene Weiterentwicklung einzulassen (Pokorny & Whittaker: 2014, S. 259–261). Wir kommen später noch einmal auf Überlegungen und Prozesse zur Validierung zurück.
Partizipative Wirkungsforschung im PROFUND-Projekt
Erwachsene entscheiden selbst über ihre Teilnahme an einem Basisbildungsangebot und ihre Lernziele. Sie gestalten Lernprozesse gemeinsam mit der Lehrperson. Daher ist es in unseren Augen nur folgerichtig, Lernende und Lehrende in die Frage nach der Dokumentation und Bewertung von Lernprozessen und Lernergebnissen sowie in die Wirkungsforschung in der Erwachsenenbildung einzubeziehen. Aus diesem Grund bildete das Kernstück im PROFUND-Projekt das Zusammenwirken von erwachsenenpädagogischen Fachkräften2 und Lernenden3 aus Basisbildungskursen in partizipativ angelegten Forschungsgruppen. In der ersten Projekthälfte handelte es sich dabei um Fachkräfte und Lernende, die in den drei beteiligten Volkshochschulen angesiedelt waren. Partizipativ bedeutete, dass die Mitglieder einer Community signifikante Kontrolle über einige, wenn nicht sogar alle Teile des Forschungsprozesses haben (Etmanski, Dawson & Hall: 2014, S. 8).
Wie im Projektantrag formuliert, wurden in den Forschungsgruppen folgende zwei Aufgaben von den erwachsenenpädagogischen Fachkräften und Lernenden eigenständig umgesetzt: (1) Sie reflektierten und analysierten, zu welchen tiefgreifenden Veränderungen in den Grundvoraussetzungen des Denkens, Fühlens und Handelns Lernprozesse in der Basisbildung führen können und wie solche Lernergebnisse aussehen; und (2) sie analysierten und bewerteten bestehende Unterlagen zur Feststellung von Lernergebnissen in der Basisbildung. Diese Projektaktivität schuf die empirischen Grundlagen für die Entwicklungsarbeit und ist der Wirkungsforschung zuzuordnen. Konkret wurden hierfür folgende acht Schritte unternommen.
- Die drei Forschungsgruppen arbeiteten von März 2024 bis Januar 2025 an den beiden genannten Aufgaben. Die Gruppen trafen sich zu acht, neun bzw. zehn Arbeitstreffen. Die Gruppen bestanden aus fünf bis neun Forscher*innen und waren während des gesamten Zeitraums stabil.
- Alle Ko-Forscher*innen, Lerner*innen wie Basisbildnerinnen, wurden aus Projektmitteln für ihre Forschungsleistungen in gleicher Höhe vergütet.
- Die Forschungsgruppe an der VHS Kärnten nahm als erste die Arbeit auf und erarbeitete Vorschläge und stellte Erfahrungen mit der Umsetzung zur Verfügung, die an die beiden anderen Forschungsgruppen weitergegeben wurden.
- Sämtliche Arbeitsschritte, Ergebnisse und Erkenntnisse wurden von den Forschungsgruppen genauestens protokolliert und in angemessener Weise dokumentiert, insbesondere mittels Fotos, Video- und Audioaufzeichnungen.
- Diese Daten wurden von der Universität Klagenfurt in Form von zwei Excel-Tabellen aufbereitet. Eine Excel-Tabelle beinhaltet sämtliche Daten aus allen drei Forschungsgruppen zu den Dimensionen des Lernens. Die zweite Excel-Tabelle beinhaltet ebenfalls sämtliche Daten aus allen drei Forschungsgruppen zur Frage der Feststellung von Lernergebnissen in der Basisbildung, geordnet nach Hinweisen auf Design und Nutzung.
- Für die Auswertung der Daten wurde die inhaltlich-strukturierende und evaluativ qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) verwendet. Dieses Verfahren kombiniert induktives und deduktives Vorgehen.
Kategorien können sowohl aus den Daten heraus entwickelt als auch aus der Literatur abgeleitet und anschließend bewertet werden. Dies ist ein Verfahren, das dem Community-basierten Ansatz des Projekts Rechnung trägt. - Insgesamt fanden zwischen März 2024 und Juni 2025 zwölf zweistündige Treffen der Projektsteuerungsgruppe statt. In diesen Treffen berichteten die Basisbildnerinnen kontinuierlich von den Forschungsaktivitäten und brachten ihre Beobachtungen und Erfahrungen und ihr Wissen in die Entwicklungsaufgaben und -schritte ein. Zudem erfolgte in diesem Rahmen die gemeinschaftliche Interpretation der Daten auf Basis der beiden Excel-Tabellen, und es wurden gemeinsam Schlussfolgerungen für die weitere Arbeit im Projekt gezogen.
- Diese Form der prozessorientierten und kollektiven Reflexion und Bewertung der Ergebnisse der inhaltsanalytischen Auswertung der Daten sowie der gemeinsamen Gestaltung von Entscheidungsprozessen folgte dem partizipativen Ansatz. Sie lässt sich als gemeinsame Sinngebung – „making meaning“, die mit der Sammlung und Bewertung von Daten einhergeht, beschreiben (Call-Cummings, Dazzo & Hauber-Özer: 2024, S. 121–190).
Entwicklungsschritte im PROFUND-Projekt
Auf der Grundlage der Forschungsergebnisse zur Frage der Feststellung von Lernergebnissen in der Basisbildung, die uns Hinweise zu Design und Nutzung gaben, entwickelten wir in der zweiten Hälfte des Projekts einen innovativen Bewertungsrahmen für die Basisbildung. Dabei griffen wir auch auf Überlegungen und Prozesse zur Validierung von nicht-formalem und informellem Lernen, insbesondere auf die Portfolioarbeit, zurück. Ein Validierungsverfahren besteht aus vier Phasen: (1) Identifizierung und (2) Dokumentation von Lernergebnissen, die eine Person erzielt hat, sowie (3) Bewertung und (4) Zertifizierung dieser Lernleistungen (Cedefop: 2016, 2023). Mit Blick auf die transformativen Dimensionen des Lernens in der Basisbildung sind die ersten beiden Phasen eines Validierungsverfahrens – die Identifizierung und Dokumentation – von besonderer Bedeutung. Durch Reflexion und Analyse können tiefgreifende Lernerfahrungen im Sinne der persönlichen Weiterentwicklung und Selbstentfaltung sichtbar werden. In der Erwachsenenbildung ist ein Portfolio eine Sammlung von Dokumenten, die den Lernprozess einer Person abbilden. Portfolios zählen zu den alternativen Bewertungsmethoden von Lernprozessen und -ergebnissen (MacIsaac & Jackson: 1994, S. 63). Diese alternativen Bewertungsmethoden berücksichtigen einen ganzheitlichen Ansatz und stützen sich auf jahrzehntelange kritische Theoriebildung zu den Themen Erwachsenenbildung und soziale Gerechtigkeit (Looney & Santibañez: 2021, S. 442). Dadurch können die Lernenden selbst sowie andere Akteur*innen eine differenziertere und zugleich erweiterte Sichtweise auf das Gelernte entwickeln (MacIsaac & Jackson: 1994, S. 63). Eine pädagogisch konzipierte Identifizierung und Dokumentation von Lernprozessen und Lernergebnissen kann das Lernen fördern, insbesondere bei tiefgreifenden Lernerfahrungen (Acheson & Dirkx: 2021, S. 300).
Für uns als Projektsteuerungsgruppe war die Art und Weise handlungsleitend, wie die drei Forschungsgruppen den transformativen Lernprozessen und Lernergebnissen auf die Spur gekommen sind. Auf Basis der dokumentierten Arbeitsschritte, Ergebnisse und Erkenntnisse der Forschungsgruppen haben wir insgesamt 26 Übungen für die Reflexion und Analyse von transformativen Lernprozessen und -ergebnissen in der Basisbildung entwickelt. Wir haben also die Reflexions- und Analyseprozesse der drei Forschungsgruppen in Materialien zur Reflexion und Analyse von Lernprozessen und Lernergebnissen umgearbeitet. Maßgeblich für diese gemeinsame Entscheidung war folgende Einschätzung einer Ko-Forscherin zu ihrer Beteiligung am PROFUND-Projekt gewesen: „Das Nachdenken und die Gespräche darüber, was sich durch den Kursbesuch alles verändert hat, machen mich noch stärker.“
Die Materialien können, wie in der Basisbildung üblich, an Menschen, Gruppen und Situationen angepasst werden. Lehrpersonen und Teilnehmer*innen können sie nach Bedarf umgestalten oder ergänzen. Wenn die Teilnehmer*innen es möchten, können sie ein Portfolio anlegen. Darin können sie die bearbeiteten Materialien, die gewonnenen Einsichten sowie weitere Materialien aus dem Lernprozess sammeln. So können sie ihre Lernwege reflektieren, ihre Lernfortschritte dokumentieren und ihre Lernerfolge feiern. Das Portfolio kann als Grundlage für Lernfortschrittsgespräche dienen und zu einem späteren Zeitpunkt Anlass für Reflexion bieten. Wer möchte, kann das Portfolio auch nach Ende eines Kurses weiterführen. Das Einüben von Reflexion und Analyse von Lernprozessen und -ergebnissen mit Hilfe der PROFUND-Materialien schafft die Voraussetzungen hierfür.
Produkte des PROFUND-Projekts und Ausblick
Mit Projektende im Februar 2026 werden alle Produkte auf der PROFUND-Website „profund.cloud“ verfügbar sein. Dabei handelt es sich um Materialien zur Reflexion und zur Analyse von transformativen Lernprozessen und -ergebnissen in der Basisbildung, die in Form eines Koffers angeboten werden, sowie um einen Leitfaden für die Arbeit mit diesen Materialien, u. a. mit Hinweisen zur Portfolioarbeit in der Erwachsenenbildung. Auf der Website werden zudem Kurzvideos mit Tutorials und Botschaften zum Projekt selbst zu finden sein. Aufgrund der Community-basierten und partizipativen Ausrichtung der Forschungsaktivitäten und der damit einhergehenden prozessorientierten Arbeitsweise war die PROFUND-Partnerschaft rein deutschsprachig. Übersetzungen in andere Sprachen wären im Arbeitsprozess zu zeitaufwändig gewesen und hätten viele Nuancen verloren gehen lassen. Um die Produkte einem nicht-deutschsprachigen Kreis zugänglich zu machen, werden sie auf der Website in englischer Übersetzung bereitgestellt.
Die eingangs erwähnte bildungswissenschaftliche Dimension des PROFUND-Projekts wird in weiteren Veröffentlichungen ausführlich behandelt werden. Geplant ist unter anderem ein Beitrag zur Community-basierten Datenerhebung und -auswertung. Daten aus dem PROFUND-Projekt werden nicht zuletzt von Ricarda Motschilnig in ihrer Dissertation an der Universität Klagenfurt zum Thema „Transformatives Lernen in der Basisbildung“ verwendet. //











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