Die Rhizosphäre – das „Wurzelreich“ (rhizo, griechisch: Wurzel) – ist schwer zu erforschen. Sobald man in den Boden vordringt, stört man die dort existierenden Organismen, Bakterien und verzweigten Pilzfäden. Doch das Wissen um das Wurzelmikrobiom scheint von ähnlicher Bedeutung wie das der menschlichen Darmflora für mentales und körperliches Wohlbefinden.
Pflanzen investieren viel in Kommunikation, gestalten aktiv ihre ökologischen Nischen, entwickeln Ökosysteme, kultivieren den Einsatz von Mikroben, kooperieren als Teamplayer oder verdrängen wenig willkommene Nachbarn. Das geht in jedem Boden vor sich, und zwar seit Beginn pflanzlicher Existenz. Dies war vor etwa 470 Millionen Jahren, als eine an Land geschwemmte Alge, sich an die Lebensbedingungen auf der damals durchwegs felsigen Erde anzupassen begann.
In der Evolutionsgeschichte der Pflanzen finden sich viele Analogien zu der des Menschen. Allerdings ist dabei nicht zu vergessen, dass die der Menschen wesentlich kürzer ist – die Hominiden eingeschlossen umfasst die Ära menschlicher Lebewesen etwa drei Millionen Jahre, die des Homo sapiens nach bisherigen Funden bis zu 300.000 Jahren.
Es ist verführerisch, im Buch zu schmökern, die Geschichte und Existenzformen unserer „krautigen Mitbewohnerinnen“ an beliebiger Stelle aufzugreifen und neugierig, erstaunt dem sich „verzweigt entfaltenden“ Wissen zu folgen, ohne dass Stamm und Wurzeln der Erkenntnisse außer Sicht geraten.
David Spencer, Pflanzenbiologe, Science-Slammer, engagierter Umweltnetzwerker, hat sein Buch mit erwachsenenbildnerisch-didaktischem Geschick attraktiv strukturiert. Die sieben Kapitel des Buches entsprechen dem Wachstum einer Pflanze: Keimung, Wurzeln schlagen, der Sonne entgegen, miteinander wachsen, Gedeih und Verderb, Blütezeit, Saat setzen.
Im ersten Kapitel erklärt David Spencer, inklusive biologischem Basiswissen, wie es den Pflanzen gelang, die anfangs noch sehr unwirtliche felsige Welt zu besiedeln. Mit der erworbenen Fähigkeit, durch Fotosynthese eigene Energie zu produzieren, und dem Geschick, sich mit Pilzen zu verbünden, konnten die ersten Pflanzen, das waren Moose, „landen“.
Um sesshaft zu werden, benötigten sie eine weitere Erfindung: unterirdische Anker – Wurzeln. In den dazu begleitenden notwendig vollzogenen Entwicklungen sieht David Spencer einen Ruf der Pflanzen bestätigt: Sie sind Meisterinnen der Anpassung. Besonders drei Fähigkeiten, die den Pflanzen halfen, die Welt zu erkunden und sich auf ihr auszubreiten, betont der Biologe: (chemische) Kommunikation, Wahrnehmung von Zeit und eine Form von „Gedächtnis“. Letzteres ist an der Sonnenblume zu beobachten, deren Blütenkopf tagsüber der Sonne folgt und sich über Nacht wieder nach Osten ausrichtet.
David Spencer fragt im Zusammenhang mit den vielen unterschiedlichen Fähigkeiten von Pflanzen, ob man bei ihnen die Begriffe „Lernen“, „Entscheiden“, „Intelligenz“ anwenden darf oder ob diese nur in Bezug auf Menschen vorbehalten bleiben. In diesem Sinn überlegt er, ob der Ausdruck „Kulturpflanzen“ angebracht ist. Leben wir nicht eher in einer „Pflanzenkultur“, wenn wir bedenken, in welcher Abhängigkeit wir von Pflanzen unter anderem in Medizin und Nahrung sind? Von Kaffee bis Schokolade, erinnert der Autor (S. 129), „empfangen wir tagtäglich die psychoaktiven Pflanzenstoffe mit offenen Armen“.
Bemerkenswert findet David Spencer auch die Fähigkeit unserer „krautigen Freunde“, bis zu 90 % Verlust ihres Körpers zu überleben, sich zu regenerieren und wieder auszutreiben. Ihr modularer Aufbau ermöglicht Flexibilität und Resilienz. Aber sie brauchen das Leben in Gemeinschaft, in der sie ihre „molekularen Gespräche“ führen, um allfällige Krisen zu bewältigen. Sie haben kein „Gehirn“ oder Steuerzentrum, sie werden von den Wurzeln aus geleitet. Das hat Biologen schon veranlasst, von „umgekehrten Tieren“ zu sprechen.
Im Kapitel „Gedeih und Verderb“ gibt der Autor Einblick in die ständigen Konflikte im Leben von Pflanzen. Konflikte entstehen um einen Platz an der Sonne, um Nährstoffe, Wasser, optimale Stellung für Bestäubung oder um die Samenverbreitung. Auch bei ihrer „Kriegsführung“ setzen Pflanzen ihr Geschick zu kommunizieren ein. Forschungen haben nachgewiesen, referiert David Spencer, wehrhaft zu sein, ist in den Pflanzen genetisch verankert. Die diversen Abwehr- und Botenstoffe zu entschlüsseln, könnte auch zu einer umweltfreundlichen und nachhaltigen Landwirtschaft beitragen.
Wie begeistert David Spencer seine Forschungen betreibt und seine Erkenntnisse vermittelt, ist durchwegs im ganzen Buch zu spüren. Seine engagierte Haltung Pflanzen als „krautige Mitbewohnerinnen“ dieser Erde zu verstehen und zu akzeptieren, drückt sich gegen Ende des Buches in einem „Wunschzettel“ aus. Er meint, einige seiner Anregungen könnten wir ganz leicht im Alltag erproben und in diesen integrieren:
- Eigenheime, Terrassen, Balkone bepflanzen und sich zusätzlich an den dann einfindenden Insekten erfreuen;
- beim Einkaufen und Kochen fröhlich experimentieren, des Öfteren neue Gemüsesorten erproben;
- wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht unkritisch, aber etwas vertrauensvoller begegnen und selbst in diversen Initiativen – Citizen-Science – durch dokumentierte Beobachtungen beitragen.
Nicht zuletzt: Da uns Pflanzen als Grundlage unserer Ernährung in der gemeinsamen Zeit der Evolution beigestanden sind, empfiehlt David Spencer (S. 237): „Gebt euren Kindern also Pflanzen! Sie halten eine Menge Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit bereit.“
Das engagiert und wissenschaftlich fundiert verfasste Buch eignet sich für die Volkshochschulen in den Kategorien Gesundheit, Naturwissenschaft, Kinder und Eltern. Es erfreut sicherlich in der Professionalisierung nicht nur Biolog*innen, sondern alle Lehrenden und Interessierte, die zu klimafreundlicher Lebensführung ermutigen und Wissen vermitteln wollen. //












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