Carolin Emcke: Respekt ist zumutbar. Texte zu unserer Gegenwart.

Carolin Emcke: Respekt ist zumutbar. Texte zu unserer Gegenwart.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2025, 368 Seiten.

„Wir sind dauernd unbeteiligt beteiligt.“ Das gilt besonders für Gewalt und Krieg, die sich schwer auf Abstand halten lassen und ständig näher rücken.

Carolin Emcke, Autorin, Journalistin, Kriegsreporterin, Sozialphilosophin, engagierte öffentliche Rednerin – also auch Erwachsenenbildnerin – stellt etwa achtzig emotional und intellektuell geschliffene Kleinode vor. Das sind Texte ihrer Kolumne, die zwischen 2014 und 2024 monatlich in der Süddeutschen Zeitung publiziert wurden. Es ist ein zeitgeschichtliches Bild, das Mitdenken und Mitsprechen anregt.

Schon im ersten Beitrag „Hinschauen“, dem auch das Zitat eingangs entstammt, macht Carolin Emcke aufmerksam (S. 18): „Es gibt keine Unschuld des Nicht-Wissens mehr.“ Wir erfahren nämlich schon zeitgleich, wo Kriegsverbrechen und Völkermord verübt werden.

Ein Jahrzehnt lang gab sie mit dieser Kolumne Stimmen eine Stimme, die u. a. beklagen, wie über Menschen und Landschaften hinweg verhandelt wird, „als zählten sie nicht“. Den zerstörten Wohnraum und die unter Schutt begrabene Lebenswelt im Nahen Osten, was sich inzwischen im Iran und umliegenden Ländern fortsetzt, in eine „Gaza-Riviera“ zu verwandeln, zeigt vielleicht, wie leise diese Stimmen noch immer sind, aber auch wie unverzichtbar. Denn diese Stimmen sollten – zumindest uns Europäer*innen – an den Kern des europäischen Projekts erinnern und woraus er bestand: „[…] aus der aufgeklärten Kritik an Dogma und Fanatismus und dem Versprechen von Inklusion und subjektiven Rechten“ (S. 68).

Die Ausgangspunkte für die Themen der Texte waren vielfältig: aktuelle Konflikte, Gespräche en passant, Festtage, Bücher, Essays, Anlässe, die es nicht mehr geben sollte, weil Menschen entmenschlicht werden.

Als Beispiel für Letztere zürnt Carolin Emcke über die noch immer notwendige Rechtfertigung, „wie man liebt“, über die Instrumentalisierung von Sexualität. Dabei wirft sie die Frage auf, warum Gleichgeschlechtliche in einer Partnerschaft nicht genau so gut für das Heranwachsen von Kindern sorgen können wie heterosexuelle Paare. Denn die Bedingungen der Erziehung waren nie so familiär eindeutig, wenn man an die Zeit im oder nach dem Krieg ohne Männer im Haushalt oder auch an gegenwärtige Arbeitsbedingungen von Eltern mit häufiger Abwesenheit von zu Hause denkt. Carolin Emcke fordert Nachdenken heraus, wenn sie im Mai 2015 feststellte: Wäre es für das Wohl von Kindern nicht „angebrachter, die schwachsinnige Verkürzung und Modularisierung der Bildung zu kritisieren, als sich mit der Sexualität von Eltern zu befassen“ (S. 60).

Lernen ist ein oft verwendetes Wort in den Texten. In einer Kolumne mit „Lernen“ im Titel findet sich ein auch in Österreich wohlbekannter empirischer Befund. In Deutschland beruht er, auch schon lange und mehrfach durch Studien belegt, auf dem Jahresgutachten 2014/2015 der Wirtschaftsweisen: niedere soziale Herkunft beeinträchtigt Bildungszugang, Bildungsverlauf und Bildungserfolg, behindert soziale Mobilität. Womit sich Kenner*innen des Bildungssystems – auch in Österreich – resigniert abfinden, lässt Carolin Emcke nicht kalt. In bildgebender Sprache erinnert sie: Eltern mit niederem, instabilem Einkommen, Eltern, die ihr Leben lang schwer gearbeitet haben, Eltern, geflüchtet auch in der Hoffnung, ihren Kindern bessere soziale Chancen zu bieten, finden ihre Erwartungen vom Bildungssystem enttäuscht. Carolin Emcke fordert Investitionen, „damit Schulen wieder zu Orten der Hoffnung werden, in denen Kinder individueller und furchtloser lernen und wachsen können“ (S. 149). Schulen sollten mit inspirierenden Aktivitäten beitragen, individuelle Potenziale und eine offene, demokratische Gesellschaft zu entfalten.

Im Hinblick auf die Fluchtbewegung 2015/16 in Europa moniert sie tätliche und verbale Angriffe gegen Geflüchtete und gegen Heimstätten für Asylwerber. Sie diskutiert die damalige und – heute noch nicht verstummte – Art zu bestimmen, wer zur Gesellschaft gehört. Sie bemerkt, dass durch die Flüchtenden eigentlich auf die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft hingewiesen wurde, und wendet sich gegen diverse kleinliche Marker rechter Populisten, z. B. „Weihnachtslieder singen“ oder „Schweinefleisch auf den Grill legen“. Ob Carolin Emcke den aktuellen österreichischen Vorschlag, „Flüchtlinge sollen Dialekt lernen“1, heute kommentieren oder nur auf ihren damaligen Text verweisen würde – zur Gesellschaft gehört (S. 65), „wer das Grundgesetz respektiert, den säkularen, demokratischen Rechtsstaat anerkennt und wer auch die Würde derer verteidigt, die anders aussehen, anders glauben oder anders lieben“.

Carolin Emcke wendet sich in ihren Beiträgen, und auch in ihren beiden Reden auf Demonstrationen, die am Ende des Buches abgedruckt sind, gegen den rechtsradikalen, „völkischen Diskurs“. Sie äußert ihre Besorgnis, wie sehr „rassistisches Product-Placement“ schon in den Mainstream eingebracht wurde. Um Demokratie zu stärken, meint sie, verlangt es auch nach politischen Hoffnungen, Sehnsüchten und Erzählungen vom Glück. Demokratie braucht Lust und Mut, sich zu verändern und ständiges Einüben, auf ein freieres, nachhaltigeres und gerechteres Leben zu hoffen.

In diesem Sinn bietet das Buch ein Mosaik – jeder Beitrag kann unabhängig von der Reihenfolge gelesen werden, in Häppchen oder in größeren Abschnitten. Der rote Faden ist wohl die Intention, unser demokratisches Gemeinwesen, unsere demokratische Gegenwartsgesellschaft, unseren Rechtsstaat nicht als fertig geordnet zu begreifen, sondern als „etwas Verletzbares, das immer wieder neu begründet und erfochten werden muss“ (S. 275).

Das Buch gibt sicherlich für die Professionalisierung von Erwachsenenbildner*innen, für Veranstaltungen der Politischen Bildung und der Demokratiebildung didaktisch sowie inhaltlich Ideen und Ermutigung! Wenn Carolin Emcke auch keine regelmäßigen Kolumnen mehr verfasst, ist sie doch noch öffentlich wirksam. Sie moderiert gesellschaftliche Debatten2 und kuratiert Streitgespräche.3 //

1  Vgl. https://www.derstandard.at/story/3000000313408/dialekt-fuer-fluechtlinge [25.4.2026].

2   Vgl. https://www.sueddeutsche.de/thema/In_aller_Ruhe [25.4.2026].

Vgl. https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/streitraum.html [25.4.2026].

Lenz, Werner (2026): Carolin Emcke: Respekt ist zumutbar. Texte zu unserer Gegenwart. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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