Einladung zur Klassenreise! Keine „klasse“ Reise. Keine „klasse“ Gesellschaft. Keine „klasse“ Jobs. Wir durchqueren eine Klassengesellschaft. In dieser sind die Lebensbedingungen nicht gleich. Sie sind aber auch kein zufälliges Schicksal. Klassenverhältnisse beruhen auf politischen Entscheidungen. Die beiden Autorinnen beschreiben, mit sozialwissenschaftlicher Expertise und beruflicher Erfahrung in Gender- und Diversity-Forschung, in Journalismus und Erwachsenenbildung, gesellschaftliche Zustände – genauer gesagt Missstände. Diese betreffen soziale Ungleichheit und ihre Folgen in Gesundheit, Wohnen, Bildung, Erwerbsarbeit und Strafvollzug. Generallinie: Armut bleibt in Österreich oft unsichtbar. Sie ist in gesellschaftliche Strukturen „eingebettet“. Sie erfordert täglich, Mangel zu verwalten. „Armut bedeutet permanenten psychischen Stress.“ (S. 81).
Die Erkenntnisse des Buches beruhen auf tatsächlichen Reisen durch Österreich. Über 40 Experten*innen und Betroffene haben zu den Themen in Gesprächen und Interviews sowie zu eigenen Erlebnissen und Erfahrungen Auskunft gegeben. Die Situation von Frauen, als Betroffene von und Aktivistinnen gegen soziale/r Ungleichheit, wird durchgängig berücksichtigt.
Die Lektüre – lebensnah und spannend – ist allerdings auch sehr ernüchternd! Das „gute Leben“ in Österreich hat viele Bruchstellen: Wohlbefinden und Wohlstand sind kostbare Güter, die nicht allen Mitbürger*innen zuteil werden. Aufmerksamkeit für soziale Ungleichheit wird schmerzhaft geweckt.
Die „Klassenfrage Gesundheit“ steht zu Beginn des Buches im Vordergrund. Die Autorinnen kritisieren den neoliberalen Ansatz, Gesundheit und damit Leistungsfähigkeit als Gegenstand individueller Eigenverantwortung darzustellen. Im Begriff „Healthismus“ drückt sich der Wunsch nach Selbstoptimierung, die man sich erkaufen kann, aus. Am Beispiel des sozialmedizinischen Zentrums in Graz, verdeutlichen die Autorinnen, welche Anliegen weniger Begüterte an gesundheitliche Versorgung haben, z. B. regelmäßig ausreichend zu essen. Es öffnet sich ein Blick für soziale Parallelwelten und Verständnis, welche Versorgung Menschen in sozialer Randlage benötigen.
Lebensrealitäten hängen mit der Verteilung von Armut und Reichtum zusammen. Dieser Thematik widmen sich die Autorinnen im folgenden Kapitel. So viel über Armut bereits bekannt und erforscht ist, so sehr bleiben Reichtum und „Überreichtum“ im Dunkeln.
Hingewiesen wird auf die Funktion von Steuern als Instrumente, Einkommen und Vermögen umzuverteilen. Erst vor relativ kurzer Zeit wurde die Vermögenssteuer (1994) und die Erbschaftsteuer (2008) abgeschafft. Die Politik folgte dem neoliberalen Grundsatz „mehr privat – weniger Staat“. Diskussionen über die Wiedereinführung werden im Zusammenhang mit der Sanierung des Budgets, aber auch mit der Absicht, soziale Ungleichheiten zu verringern, aktuell geführt.
Für Bildung und Weiterbildung ist der Hinweis auf „Zeitarmut“ und „Zeitwohlstand“ von Interesse. Zeit wird als soziale Ressource erkennbar. Über freie Zeit verfügen zu können oder eben nicht, ermöglicht oder behindert die Chancen, sich an Bildung oder Gemeinwesen zu beteiligen, oder für Erholung, soziale Kontakte und die eigene Gesundheit zu sorgen. Die Autorinnen sprechen von einem „Teufelskreis“, weil Zeitarmut Bildung, Weiterbildung, die Teilhabe an der Gesellschaft und letztlich sozialen Aufstieg behindert. Sie beklagen deshalb, dass soziale Ungleichheit vorschnell als individuelles Versagen gedeutet wird.
Auf ebenso kritische Weise analysieren die Autorinnen die Bildungspolitik in Österreich; sie nennen sie eine für die Mittelschicht, wobei „Bildungsvererbung einzementiert“ wird. Gesellschaftlich problematisch finden die Autorinnen, dass die soziale Spaltung in der Gesellschaft durch Schulpolitik nicht gebremst, sondern sogar verstärkt wird.
Als Klassenfrage, also bedingt durch soziale Ungleichheit, erörtern die Autorinnen die weiteren großen Themen ihres Buches: Wohnen, Erwerbsarbeit und den Strafvollzug. Überzeugend vermitteln die Autorinnen, dass soziale Ungleichheit bereits beginnt, wenn Menschen weniger Würde, Sicherheit und Hoffnung auf Zukunft zugestanden werden. Sie wollen mit ihrer Publikation über den „Klassismus“ dazu beitragen, gemeinsame Erfahrungen sozialer Ungleichheit sichtbar zu machen. Das setzen sie voraus, um gemeinsames Handeln und soziale Veränderungen zu ermöglichen.
Die Autorinnen bieten in den angesprochenen gesellschaftlichen Sektoren viel profundes Material und tragfähige Hinweise auf schwierige Lebensrealitäten. Die besondere Betroffenheit von Frauen durch die „Klassenverhältnisse“ findet entsprechende Aufmerksamkeit.
Das Buch kann Veranstaltungen, Seminare oder Diskussionen um gut recherchierte Grundlagen bereichern. Es warnt davor, die Gesellschaft weiterhin zu spalten oder die sozialen Ungleichheiten stillschweigend zu ignorieren.
Das Buch klärt über negative Folgen von sozialen Ungleichheiten in der Gegenwartsgesellschaft auf, die auch den sich vordergründig „Wohlbefindenden“ Anlässe zu denken und zu handeln geben sollten. //












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