Midden-Drenthe ist eine niederländische Landgemeinde mit 21 Dörfern und etwa 34.000 Einwohnern. Es ist eine flache, ruhige Landschaft mit einer bodenständigen Kultur, alten landwirtschaftlichen Bauwerken und prähistorischen Spuren. Die Nachbarschaftsakademie in Midden-Drenthe existiert seit zwanzig Jahren. Was als kleine Initiative begann, um den Dorfbewohnern das Lernen im eigenen Dorf zu ermöglichen, ist zu einem festen Bestandteil der Gemeinde geworden.
Das Modell kurz gesagt
Die Nachbarschaftsakademie ist eine zugängliche, von Freiwilligen unterstützte Form des gemeindebasierten Lernens, bei der das Kursangebot lokal festgelegt wird und das Lernen mit Begegnung und Bedeutung verknüpft ist. Das Angebot wird nicht von oben auferlegt, sondern entsteht aus Fragen der Bewohner*innen selbst. Lokale Arbeitsgruppen bestimmen, was in ihrem Dorf benötigt wird, unterstützt von der lokalen Wohlfahrtseinrichtung. Dadurch bleibt Lernen klein, nah und erschwinglich – für alle.
Das Angebot ist vielfältig: von Computerunterricht und kreativen Aktivitäten bis hin zu praktischen Kursen und Thementreffen. Kompetenzkurse – Sprache, Verwaltung – werden von der Gemeinde bezahlt und unter anderem vom Regionalen Ausbildungszentrum (ROC) durchgeführt. Zusätzlich organisieren Arbeitsgruppen Freizeitkurse: Drenthe-Dialekt, Bridge, digitale Fotobearbeitung, Kochen für Männer. Diese werden nicht nur von Lehrer*innen vermittelt, sondern auch von den Bewohner*innen selbst, weil sie gerne ihr Wissen weitergeben.
Die Nachbarschaftsakademie ist daher auch ein Treffpunkt. Die Leute kommen wegen eines Kurses, aber bleiben wegen der Kontakte. Die Organisation arbeitet vollständig mit Freiwilligen, die das Programm koordinieren und ausführen.
Das Land als Brutstätte
Nachbarschaftsakademien florieren in Regionen, in denen formale Strukturen abnehmen: Schulen schließen, Einrichtungen verschwinden, Dörfer schrumpfen. Sie schließen nicht nur eine Bildungslücke, sondern auch eine symbolische: Sie zeigen, dass ein Dorf immer noch ein Ort ist, an dem Menschen gemeinsam etwas aufbauen können.
Sechzehn Dörfer haben heute Arbeitsgruppen, die Kurse unter dem Namen der Nachbarschaftsakademie organisieren. Ein Frühlingsspaziergang in der Broekstreek, Computerunterricht in Nieuw-Balinge, ein Kräuterspaziergang in Drijber – solche Aktivitäten stärken die lokale Identität und den Stolz. Es gibt Raum für den Austausch zwischen Jung und Alt sowie für eine Neubewertung lokaler Kenntnisse und Traditionen.
Zielgruppen und Reichweite
Die Nachbarschaftsakademie konzentriert sich auf alle Dorfbewohner*innen, unabhängig von Alter, Bildung oder Hintergrund. In der Praxis erreicht sie vor allem Menschen, die keinen Platz in der diplomorientierten Ausbildung gefunden haben – Menschen, für die die Aussage „Du kannst nicht lernen, geh arbeiten“ eine alte Wunde ist. Darüber hinaus erreicht sie ältere Bewohner*innen, für die die Nachbarschaftsakademie wie eine Heimat ist, jüngere Dorfbewohner*innen, die ihre Fähigkeiten erweitern möchten, und zunehmend Neuankömmlinge, die einen Zugang zur Gemeinschaft suchen.
Ein Punkt der Aufmerksamkeit bleibt für Menschen, die nicht von selbst zu einem Kurs kommen. Die Erfahrung zeigt, dass eine persönliche Einladung durch Freiwillige dafür entscheidend ist.
Auswirkungen auf vier Ebenen
Der Einfluss von Nachbarschaftsakademien ist oft um ein Vielfaches größer als die Summe der angebotenen Kurse:
- Sozial: Einsamkeit verringern, informelle Netzwerke stärken, sichere Treffpunkte schaffen.
- Kulturell: Generationenübergreifender Austausch, Neubewertung lokalen Wissens und lokaler Traditionen.
- Wirtschaftlich: Steigerung der Selbstständigkeit und grundlegender Fähigkeiten, Unterstützung lokaler Initiativen.
- Psychologisch: Selbstvertrauen steigern, den Glauben „Ich kann nicht lernen“ durchbrechen.
Vom Zweifel zum Kuchen
In einem der Dörfer meldete sich eine Frau für den Kuchenbackkurs an. Sie hatte in der Schule gelernt, dass sie nicht lernen konnte, und war seitdem nie wieder in ein Klassenzimmer gegangen. Am ersten Abend sagte sie, dass sie tatsächlich allein zuschauen wollte. Am Ende hatte sie ihren ersten Kuchen gebacken. Eine Woche später brachte sie diesen Kuchen zu einem kranken Nachbarn. Innerhalb von sechs Monaten gab sie eine Werkstatt, in der sie selbst Gebäck herstellte.
Die Nachbarschaftsakademie bot kein Diplom an, bot aber eine positive Lernerfahrung, die begann, einen alten Glauben zu zerstören. Diese Wende – von „Ich kann nicht lernen“ zu „Ich kann etwas beitragen“ – ist genau der Schritt, den die lebenslange Entwicklung für Menschen braucht, die sich vom Lernen distanziert haben.
Kein isoliertes Drenthe-Phänomen
Nachbarschaftsakademien fügen sich in eine breitere europäische Tradition gemeinschaftsbasierten Lernens ein: Volkshochschulen, Bildungseinrichtungen und Gemeindezentren. Lernen als Gemeinschaftsfunktion, nicht nur als Bildung. Midden-Drenthe ist eines der frühesten und beständigsten Beispiele. Neben Initiativen, die sich Nachbarschaftsakademien nennen, gibt es in den Niederlanden Hunderte ähnlicher Formen: Bibliotheks-Lernpunkte, Dorfzentren und Wohlfahrtsorganisationen mit Lernprogrammen. Was sie verbindet, ist die Kombination aus Lernen, Treffen und Gemeinschaftsbildung.
Vorschläge für die Zukunft
Das lokal gesteuerte Modell funktioniert gerade deshalb so gut, weil es flexibel ist: Arbeitsgruppen reagieren schnell auf die Bedürfnisse eines Dorfes zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das macht es in wandelnden Zeiten robust. Es sollte nicht nur auf digitale oder sprachliche Fähigkeiten geachtet werden, sondern auch auf Selbststeuerung und die Erfahrung, dass Lernen möglich und angenehm ist. Wer Geschmack fürs Kuchenbacken hat, wagt sich vielleicht, den nächsten Schritt in Richtung eines Sprachkurses zu machen.
Die Zusammenarbeit mit dem ROC und der Wohlfahrtsorganisation zeigt, dass eine leichte Verbindung zum formalen System möglich ist, ohne dass die Nachbarschaftsakademie darin integriert wird. Eine vollständige Integration würde die Stärke untergraben. Die Herausforderung besteht darin, die Verbindung zu finden, in der beide Welten einander brauchen – im Übergang vom informellen zum formellen Lernen. Die Verringerung der Einrichtungen in ländlichen Gebieten und die voranschreitende Digitalisierung machen diese Verbindung nur noch dringlicher.
Abschließend
Zwanzig Jahre Nachbarschaftsakademie Midden-Drenthe zeigen, dass Lernen nicht nur darin besteht, Wissen zu erwerben, sondern auch darum, dass Menschen sich treffen, Erfahrungen teilen und gemeinsam wachsen. In Dörfern, in denen Einrichtungen verschwinden, gibt es dank der Nachbarschaftsakademie weiterhin Orte, an denen Neugier, Engagement und Initiative Raum finden. Lernen klein zu halten, es näher zu bringen und es für alle zugänglich zu machen – genau dort liegt ihre bleibende Stärke. //











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