Anhand von vier „Leuchttürmen“ der österreichischen Erwachsenenbildungspolitik seit den 1990er-Jahren werden das Zusammenspiel und die Verknüpfungen von Erwachsenenbildungspraxis, Wissenschaft/Forschung und Politik/Verwaltung herausgearbeitet. Die „Leuchttürme“ sind: Weiterbildungsakademie (wba) – Professionalisierung; Ö-Cert – Qualitätsrahmen Erwachsenenbildung; Initiative Bildungsberatung und Level Up – Erwachsenenbildung (vormals „Initiative Erwachsenenbildung“) – Basisbildung. Die drei Akteurinnen wurden gewählt, weil es in diesen Leuchtturmprojekten viele Bezüge dieser drei Frauen zueinander gibt. Regina Barth war seit 1987 in der Abteilung Erwachsenenbildung tätig und leitete diese von 2012 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2021. Sie hat neben anderem das Ö-Cert und die Weiterbildungsakademie sowie die Bildungsberatung maßgeblich mitgestaltet. Elisabeth Brugger, Begründerin des ersten Projektes zur Alphabetisierung/Basisbildung, war seit 1983 bei den Wiener Volkshochschulen tätig, ab 1985 Pädagogische Referentin im Verband Wiener Volksbildung, ab 2008 Pädagogische Leiterin der Wiener VHS GmbH und in viele bundespolitische Aktivitäten eingebunden. Von 2007 bis 2014 war sie zudem Pädagogische Referentin des VÖV und regelmäßig Lehrbeauftragte an Universitäten. Elke Gruber, seit 1988 an der Universität Graz tätig, von 2002 bis 2014 Inhaberin des Lehrstuhls für Erwachsenen- und Berufsbildung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, ab 2014 Inhaberin des Lehrstuhls für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Universität Graz und Leiterin des Arbeitsbereiches Erwachsenen- und Weiterbildung sowie ab Oktober 2019 Leiterin des Instituts für Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Elke Gruber war in mehreren bildungspolitischen Maßnahmen gestaltend und forschend tätig, unter anderem: wba, Ö-Cert, LLL-Strategie 2020, etc. Weiters war sie Lehrende in der Weiterbildung von Erwachsenenbildungseinrichtungen.
Das Gespräch fand am Nachmittag des 26. August 2025 in Wien statt und wurde von Gerhard Bisovsky moderiert. Gerhard Bisovsky war Gründungsdirektor der VHS Meidling und hat diese 16 Jahre lang geleitet, anschließend war er zehn Jahre lang Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen und ist nach wie vor verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Die Österreichische Volkshochschule“. Zudem war er regelmäßig Lehrbeauftragter an Universitäten. Beim Gespräch ging es weniger darum, die Fakten zu rekonstruieren. Dazu gibt es bereits mehrere Beiträge, auf die noch verwiesen wird. Im Vordergrund stand die Erkundung der jeweiligen Bedarfe aus der Sicht der Erwachsenenbildung, die Erfassung von Stimmungen und die Rekonstruktion des Zusammenspiels der Zuständigen für diesen Bereich: Anbieter von Erwachsenenbildung, Wissenschaft und Forschung sowie Politik und Verwaltung. Das Gespräch wurde aufgenommen, einzelne Passagen zu den Maßnahmen wurden im Text verwendet. Eine Rohfassung wurde sodann den Gesprächspartnerinnen übermittelt mit der Bitte, Ergänzungen und Änderungen vorzunehmen. Die verwendete Sprache ist daher eine Mischform aus gesprochener und schriftlicher Sprache.
Die Personen werden folgendermaßen abgekürzt: Regina Barth (RB), Gerhard Bisovsky (GB), Elisabeth Brugger (EB), Elke Gruber (EG).
Zu Beginn jedes Kapitels werden die Leuchtturmprojekte kurz beschrieben. Literaturhinweise finden sich am Ende dieses Beitrages, einige auch als Fußnote, wenn sie im Gespräch erwähnt wurden.
Weiterbildungsakademie Österreich (wba) – Neuland Akkreditierung
Die wba1 wurde 2007 gegründet und ist eine Stelle, die die Kompetenzen von Erwachsenenbildner*innen anerkennt und in diesen vier Tätigkeitsfeldern zertifiziert: Unterricht, Bildungsmanagement, Beratung und Bibliothekswesen. Das „Zertifikat“ ist grundlegend und im Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) auf Stufe 4 eingeordnet, das „Diplom“ stellt eine Vertiefung dar und steht im NQR auf Stufe 5. Seit 2022 zertifiziert die wba auch für das Berufsfeld Basisbildner*in. Die wba akkreditiert weiters Bildungsangebote, die Wissen und Fertigkeiten für das jeweilige Berufsfeld vermitteln. Die Akkreditierungen werden von einem unabhängigen Akkreditierungsrat vorgenommen. Getragen wird die wba vom Kooperativen System der Erwachsenenbildung, das aus Erwachsenenbildungsorganisationen besteht, die in der KEBÖ2 vertreten sind, und aus dem Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb). Organisatorisch und administrativ wurde die wba vom Verband Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) bis 2025 geführt, ab 2026 ist sie in das bifeb eingegliedert.
GB: Wie ist es zur Entwicklung der wba gekommen? Welche Bedarfe sind seitens der Erwachsenenbildung zu nennen?
EB: In den 1980er-Jahren gab es einen großen Bedarf an hauptberuflichen Mit-arbeiter*innen in der Erwachsenenbildung. Ein Teil wurde durch die „Zilk-Lehrer-Aktion“3 abgedeckt und später durch die Aktion Pädagogische Mitarbeiter*innen für die Erwachsenenbildung.4 Im „Pädagogischen Ausschuss“ des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen wurde in den 1990er-Jahren diskutiert wieweit ein eigener Lehrgang für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt werden sollte. Auch wurde diskutiert, wie eine universitäre Anbindung sichergestellt werden könnte. Aber es gab schon sehr viele Fortbildungsveranstaltungen und Lehrgänge für Weiterbildner*innen. Es kam die Befürchtung auf, dass wir uns mit einem eigenen Lehrgang noch weiter zersplittern und dass die Konkurrenz unter den Erwachsenenbildungseinrichtungen zunimmt. Wir haben dazu heftig diskutiert. Irgendwann habe ich vorgeschlagen, übergeordnete Anerkennungssysteme anzudenken.
RB: Im Jahr 2003 wurde seitens des VÖV das Projekt „Qualitätsstandards in der Weiterbildung“ eingereicht. Das war ein dreijähriges Projekt, das aus ESF-Mitteln kofinanziert wurde und in dem alle Erwachsenenbildungsorganisationen eingebunden wurden, die in der KEBÖ organisiert waren. Grete Wallmann5 war ab 2005 als Leiterin des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung maßgeblich beteiligt. Wichtig war dem Ministerium auch, dass weitere in der Erwachsenenbildung tätige Organisationen und Vereine involviert werden.
EG: Die Akkreditierung, das war für die damalige Zeit eine geniale Idee! Wie seid Ihr auf diese Idee gekommen?
EB: Ich war ja selbst eine Betroffene, denn meine Lehramtsausbildung in Südtirol wurde in Österreich nicht anerkannt …
EG: … mir ist es seinerzeit auch so ergangen, mit meiner Ausbildung in der DDR, …
EB: Es war schon in allen Köpfen drinnen, dass man das Gleiche nicht unbedingt zwei, drei Mal machen muss. Wir haben gewusst, dass wir das nicht mehr stemmen mit einem weiteren Lehrgang, vor allem die kleineren Einrichtungen hat das stark betroffen. Für eine österreichweite Strategie war die Akkreditierung die passende Ausrichtung, damit die vielen Fortbildungen auch anerkannt werden. Wir haben es dann einfach versucht.
GB: Und wann ist die Wissenschaft hinzugekommen? Wann ist sie eingebunden worden?
EG: Werner Lenz und ich, wir haben das Buch zum Thema Professionalisierung6 gemacht. Das Thema Professionalisierung war damals weit oben auf der Agenda der Wissenschaft. Ich war von Anfang an dabei und im wissenschaftlichen Beirat vertreten. Zusammengehalten hat alles die Anneliese Heilinger7 denn das war ja alles neu. Von der Erwachsenenbildung wurde der Wissenschaft mit einer gewissen Skepsis begegnet. Und dort war es dann so, dass du das Gefühl hattest, du bist jetzt ein gleicher Partner. Die Akkreditierung war damals ein Neuland für uns. Wir haben uns auch nicht so sehr auf theoretische Grundlagen gestützt, sondern eher auf den Common Sense. Wir haben damals an diesem Thema noch nicht so systematisch gearbeitet. Außer dem Schweizer Modell war uns noch nichts bekannt. Wie das in der Schweiz funktioniert, das haben wir uns dann genauer angesehen. Unser Vorgehen folgte im Grunde genommen einem Schleifenmodell, wir haben uns immer wieder zusammengesetzt und das durchbesprochen, dann wieder ergänzt und verbessert.
GB: Wie war die Akzeptanz in der KEBÖ, waren da von Anfang alle dabei?
EB: Wir haben uns gleich zu Beginn mit einigen Vertreter*innen, z. B. mit Michael Sturm8 abgesprochen, er hat das Projekt von Anfang an unterstützt und war sehr förderlich. Auch das LFI, vertreten durch Bernhard Keiler9, war bald dabei. Nach der prinzipiellen Zustimmung der Partner wurde ein Curriculum mit Akkreditierung und aufbauenden Bausteinen entwickelt, das auch durch ECTS ausgewiesen war. Wie immer brauchte man eine kritische Masse von vier bis fünf Unterstützer*innen und die hatten wir dann bald zusammen. Das war schon etwas, da konnte man gar nicht Nein sagen. In der Entwicklung ist ein richtiger Zug entstanden, alle haben gewusst, dass hier etwas Neues und Innovatives entstehen wird.
GB: Wie ist dieses Projekt in der Verwaltung und in der Politik aufgenommen worden? Hat es Diskussionen gegeben? Schließlich ging es ja auch um die Finanzierung.
RB: Ein Vorteil war, dass wir die Mittel des ESF heranziehen konnten. Ohne diese Mittel wäre es nicht möglich gewesen, ein Projekt wie die wba zu entwickeln und umzusetzen. Es war klar, dass im Bereich der Professionalisierung etwas getan werden musste, das stand auch auf der EB-Agenda. Dann war die Frage, wer verantwortet ein ESF-Projekt. Der VÖV hat sich dazu bereit erklärt und Jutta Löderer10 übernahm die aufwändige finanzielle Administration und Dokumentation. 2007 wurde dann Claudia Schmied Unterrichtsministerin.11 Das Projekt war fertig und nun ging es um die Umsetzung, die aus nationalen Mitteln und auch weiterhin aus ESF-Mitteln finanziert werden sollte. Das war damals eines der ersten Projekte in der Ära Claudia Schmied. Die Ministerin hat sich sofort dafür eingesetzt. Eine wichtige Rolle hatte auch Grete Wallmann als Direktorin des bifeb, sie war in die Vorbereitung integriert und konnte auch gut mit allen Institutionen kommunizieren und kooperieren.
EG: Sehr wichtig war bei der wba auch die Anbindung an die Universität. In der Folge gab es drei Universitätslehrgänge und so ist es auch möglich geworden, dass Personen ohne Matura in die Universität reingeholt werden konnten. Heute ist das nur mehr über Zusatzlehrgänge zum Erwerb der Studienberechtigung möglich.
Ö-Cert – der Qualitätsrahmen für die Erwachsenenbildung
Ö-Cert12 wurde 2011 verfassungsmäßig mit gleichlautenden Vereinbarungen zwischen den Ländern und dem Bund im Rahmen einer §15a-Vereinbarunge eingeführt und stellt einen Qualitätsrahmen für die Erwachsenenbildung dar. Ö-Cert anerkennt bestehende Zertifizierungen zur Qualitätssicherung und bewirkt die wechselseitige Anerkennung der individuellen Weiterbildungsförderungen der Bundesländer. Die Anerkennung des Ö-Cert für Bildungseinrichtungen erfolgt durch eine unabhängige Akkreditierungsgruppe. Basis für die Anerkennung sind die „Grundvoraussetzungen für Ö-Cert“, die im Leitfaden beschrieben sind.13 Die Lenkungsgruppe ist das oberste Entscheidungsgremium, es setzt sich aus Vertreter*innen der Länder und des Bundes zusammen.14
GB: Die Debatten zum Thema Qualität in der Erwachsenenbildung und Qualitätssicherung in der Erwachsenenbildung haben relativ früh in den 1990er Jahren begonnen. Es gab die ersten Zertifizierungen, insbesondere bei den berufsbildenden Einrichtungen. Es gab Gerüchte, dass staatliche Förderungen oder Projektförderungen in Zukunft eine Zertifizierung erfordern würden und dann kam die Diskussion nach einem österreichweiten Zertifikat auf. Mit Ö-Cert wurde schließlich ein Modell geschaffen, das verschiedene Zertifikate der Qualitätssicherung integriert und das vor allem eine Harmonisierung in puncto Einlösbarkeit der Weiterbildungsgutscheine der Bundesländer beinhaltete.
EB: Das Thema Zertifikate wurde in der freien Erwachsenenbildung immer kontrovers diskutiert. Die einen haben die Frage gestellt, wozu wir uns hier verpflichten, die anderen haben das sehr pragmatisch gesehen.
GB: Zertifizierungen standen auch unter einem neoliberalen Ideologieverdacht …
EG: Ja, das ist zweifelsohne ein Instrument des New Public Managements, es ist eindeutig ein Steuerungsinstrument, von der staatlichen Steuerung weg zu einer Steuerung über diese neuen Governance-Strukturen. Das kann man jetzt für gut befinden oder kritisieren.
EB: Aber vielen Leuten hilft das. In diesen damals noch sehr paternalistisch geführten Einrichtungen der Erwachsenenbildung war das eine Hilfe gegen die vielfach vorherrschende Freunderlwirtschaft. Die Zertifizierungen erforderten Regelwerke und Kontrollmöglichkeiten für den Ablauf von Prozessen. Das haben wir sehr geschätzt, weil sie uns mehr Transparenz gebracht haben. Das hat die Position der Pädagogik innerhalb der Organisation sehr aufgewertet.
GB: Diese Steuerungsmechanismen haben schließlich zu einem Bedeutungszuwachs der Erwachsenenbildung geführt. Die Erwachsenenbildung hat sich von einer freien zu einer integrierten entwickelt, wie Wilhelm Filla im gleichnamigen Titel seines Buches sagt.15 Wie stellt sich das Thema aus der Sicht der Bundespolitik und der Verwaltung dar?
RB: Die Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung in der Erwachsenenbildung wurde schon lange gefordert. Ende der 1990er-Jahre wurden viele Tagungen durchgeführt, um alle Player in der Erwachsenenbildung zusammenzubringen und von Anfang an einzubinden.
EB: Österreichweit gab es schon einige Volkshochschulen, die hatten bereits ein Qualitätssicherungs-Zertifikat, zum Beispiel in Vorarlberg oder in Südtirol. In Wien haben fünf Volkshochschulen den Prozess der ISO-Zertifizierung gemacht, eine hat sich für das Schweizer Modell EDUQUA entschieden.
GB: Mit der VHS Meidling waren wir damals eine dieser fünf ISO-Volkshochschulen …
EB: … Als klar war, dass es ohne Zertifizierungen nicht gehen wird, haben wir Weiterbildungs-Veranstaltungen gemacht und Referent*innen zu den verschiedenen Modellen eingeladen. Kurzum: wir haben einfach die Systeme vorgestellt. In Folge ist die Stimmung gegenüber Zertifizierungen auch immer positiver geworden. Schließlich haben wir uns in den Wiener Volkshochschulen für LQW entschieden, das auch österreichweit eine große Zustimmung gefunden hat, weil es damals das einzige QS-System war, das explizit auf die Erwachsenenbildung zugeschnitten war – abgesehen von EDUQUA, das doch sehr proprietär für die Schweiz war. Und dann hat der VÖV auch eine Beratungsstelle eingerichtet, nur selbst hat er sich damals nicht zertifizieren lassen.
GB: Das ist dann erst 2013 geschehen und im Gefolge der Zertifizierung erhielt der VÖV dann auch die Akkreditierung von Ö-Cert.
RB: Seitens des Ministeriums wurde dann das Projekt INSIQUEB, Instrumente zur Sicherung von Qualität in der Erwachsenenbildung, finanziert.
EG: Das haben der Peter Schlögl16 vom ÖIBF und ich gemacht, es war eine fruchtbare Zusammenarbeit von außeruniversitärer und universitärer Forschung. Wir haben damals eine systematische internationale Analyse gemacht.
GB: Ab 1995 sind sukzessive in allen Bundesländern Weiterbildungsgutscheine entstanden. Den Anfang hat Oberösterreich gemacht. Es war dann die Situation, dass ein Gutschein aus einem anderen Bundesland nur dann in einer Wiener Volkshochschule eingelöst werden konnte, wenn man sich dafür eigens akkreditieren ließ. Und jede Akkreditierung war mit Kosten verbunden. Die Harmonisierung durch Ö-Cert war schließlich eine große Hilfestellung sowohl für die Organisationen wie auch für die Lernenden.
EG: Ich habe die Genese von Ö-Cert so erlebt. Es gab die Diskussion zum Thema Qualität und Qualitätssicherung, dann waren die Einrichtungen, die sich zertifizieren ließen und dann ist die Wissenschaft ins Spiel gekommen. Wir, der Peter Schlögl und ich, wollten zuerst ein österreichisches Zertifikat und dann kam auch der Auftrag aus dem Ministerium, ein österreichisches Qualitätssiegel zu entwickeln. Wir haben uns angesehen, was es alles gibt und haben uns für ein österreichisches Siegel entschieden. Dann haben wir realisiert, dass die Einrichtungen sich in der Zwischenzeit alle haben zertifizieren lassen und da war dann klar, dass wir uns etwas Anderes überlegen mussten. Es war dann klar, dass ein Modell entwickelt werden musste, dass die bereits bestehenden Zertifizierungen anerkennt. Und gleichzeitig hatten wir in unserem Vorschlag auch den Nachweis einer pädagogischen Kompetenz drinnen, und zwar dezidiert eine erwachsenenpädagogische Kompetenz.
GB: Ich kann mich noch gut erinnern, dass es dazu in der EB Widerstand gegeben hat …
EG: … Die erwachsenenpädagogische Kompetenz wurde uns dann im Beirat auch regelrecht abgeräumt. Das wäre eigentlich das Sahnehäubchen des Ö-Cert gewesen ….
RB: … Das ist mit den Institutionen damals nicht möglich gewesen.
EG: Die pädagogische Kompetenz ist auch heute immer wieder ein Thema im Ö-Cert-Akkreditierungsrat, dessen Vorsitzende ich bin.
GB: Schließlich wurde eine Vielzahl an Ausbildungen als pädagogische Kompetenz anerkannt.
EG: Das Ö-Cert hat wesentlich zu einer Systematisierung der Erwachsenenbildung beigetragen, wir haben Erwachsenenbildung definiert, wir haben das Thema Esoterik aufgegriffen, das von den Volkshochschulen gekommen ist …
EB: … In den Wiener Volkshochschulen haben wir die Esoterik-Richtlinie entwickelt, die dann später vom VÖV übernommen wurde.
EG: Das wäre Thema für eine weitere Vertiefung …
RB: Für die Weiterentwicklung des Europäischen Sozialfonds waren die Standards der wba und Ö-Cert sehr wichtig. Ohne diese Maßnahmen der Professionalisierung und der Qualitätssicherung hätten wir nicht so viele Mittel bekommen. Mit diesen strukturierenden Maßnahmen haben wir gut in die Programmplanungsdokumente zum ESF gepasst.
GB: Es wird von der Europäischen Kommission ein Register für die Erwachsenenbildung gefordert und Ö-Cert ist ein solches.
Initiative Bildungsberatung
Die „Initiative Bildungsberatung“17 wurde im Jahr 2011 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) lanciert und kontinuierlich ausgebaut. In einem flächendeckenden, leistungsfähigen und anbieterneutralen Bildungsinformations- und Beratungssystem wird kostenlose Beratung für Erwachsene angeboten. Diese Leistungen werden in allen Bundesländern angeboten, in denen sich Projektnetzwerke gebildet haben, in denen beratungsaktive Partner und strategische Partner und Institute tätig sind (mit Stand 2020 waren es über 30 beratungsaktive Institutionen).
GB: Diskurse zur Bildungsberatung finden sich in den 1950er- und 1960er-Jahren, allerdings hauptsächlich unter dem Aspekt der Bildungs- und Berufsberatung. Dann kam der Aspekt der Erwachsenenbildung hinzu, in den 1970er-Jahren und verstärkt mit der Entwicklungsplanung in den 1980er Jahren wurde die Bildungsberatung diskutiert und erste Modellprojekte wurden durchgeführt, die schließlich in Salzburg zur Gründung von BIBER führten.
RB: Bereits 1987, als ich in die Abteilung Erwachsenenbildung gekommen bin, haben wir gemeinsam das Thema „Bildungsinformation“ entwickelt, aus dem in Folge dann das Projekt EBIS18 wurde. Gegen Ende der 1990-er Jahre habe ich mit Grete Wallmann zusammen die Förderungsstellen in allen Bundesländern besucht und wir haben die Idee einer Bildungsberatung vorgebracht, sind aber auf keine Gegenliebe gestoßen. Grete Wallmann hat sodann mit Werner Lenz ein Pilotprojekt im Burgenland gemacht. Die Ergebnisse wurden 2001 in den „Materialien zur Erwachsenenbildung“ veröffentlicht .19
EB: Im Projekt EBIS war ich im Beirat tätig.
RB: Es wurde immer deutlicher, dass eine Vernetzung der im Bereich Bildungsberatung tätigen Personen wichtig ist. Grete Wallmann und ich haben dann BIB-Infonet20 initiiert und sind draufgekommen, dass sich der Großteil der in diesem Feld Tätigen nicht als Bildungsberater*innen bezeichnet hätten. Zu Beginn forderten sie klare Kriterien vom Ministerium. Das wollten wir aber nicht. Wir haben begonnen, das Berufsbild etc. gemeinsam zu entwickeln. In der Aus- und Weiterbildung für Bildungsberater*innen spielte das bifeb die wichtigste Rolle.
GB: Wo wäre aus der Sicht der EB-Einrichtung der Bedarf zu orten?
EB: Gegen Mitte der 1980er-Jahre habe ich an einer Studie für die Akademie der Wissenschaften mitgearbeitet. In dieser Studie ging es um den Bedarf an Bildungsberatung in Österreich und wie dafür auch Lehrer*innen eingesetzt werden können.
RB: Ab den 2000er-Jahren hatten wir bereits Bildungsberatungsprojekte in einigen Bundesländern, zum Beispiel in der Steiermark und in Vorarlberg. Diese Projekte wurden alle aus ESF-Mitteln kofinanziert.
EB: Und dann kam das Wiener Projekt. Die Volkshochschulen waren damals bereits eine GmbH. Unterstützt wurden wir in der Stadt Wien vor allem von Daniela Piegler, die schon Anfang der 2000er-Jahre in der Magistratsabteilung 13 arbeitete. Uns ging es darum, möglichst viele relevante Player zusammenzubringen. Daniela Piegler hat uns damals viele Einrichtungen genannt, die anzusprechen wären. Dazu führte ich ein Vorprojekt21 durch, das von der Abteilung Erwachsenenbildung im Bildungsministerium finanziert wurde. Im Rahmen dieses Projektes haben wir an rund 70 Wiener Einrichtungen Fragebögen zur Bedarfsfeststellung geschickt und uns mehrere Modelle angesehen: Beratungsmodell Slowenien, Cité des Métiers in Frankreich und die Lernläden in Berlin. Auf der Grundlage dieses Projektes wurde dann das Netzwerk „Bildungsberatung in Wien“ geschaffen, das die großen EB-Organisationen BFI, WIFI, Ring und VHS zusammenbrachte, aber auch WAFF, AMS, die Sozialpartner, die Industriellenvereinigung und Organisationen wie das WUK, das aus den sozialen Bewegungen heraus entstanden ist, das ABZ*AUSTRIA und BIV Integrativ, der sich mit Behindertenarbeit befasst hat.
RB: Die „Bildungsberatung in Wien“ wurde sodann zum Leitprojekt für die Bildungsberatungsprojekte in allen Bundesländern. Denn es war noch wenig Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen da und über die EU-Projekte sind wir auf das Thema „Netzwerke“ gekommen. Und Wien war ein solches Netzwerkprojekt, das in Folge dann österreichweit ausgerollt wurde.
EB: Nachdem das Projekt konzipiert war, ging es um die operative Umsetzung, die ab 2008 von Gerhard an der VHS Meidling erfolgte.
GB: Der Netzwerkgedanke wurde in den Projekten zu den „lernenden Regionen“ sehr früh umgesetzt, die auch aus EU-Geldern finanziert wurden.
RB: Wir haben das dann aufgegriffen und schon in den ersten Projekten zur Basisbildung, die Regina Rosc22 koordiniert hat, umgesetzt. In den EQUAL-Projekten wurden auch seitens der EU-Projektnetzwerke vorgegeben.
GB: Die Bildungsberatung in Wien zeichnet sich dadurch aus, dass – nach dem Modell von Cité des Métiers – auf bestehende Personalressourcen der beteiligten Organisationen zurückgegriffen wurde. Wir haben damals gemeinsam mit dem ÖIBF überlegt, wie kann man die Unabhängigkeit der Bildungsberater*innen sicherstellen, die teilweise aus Organisationen kamen, die in Konkurrenz zueinanderstanden. Peter Schlögl entwickelte dann die Idee einer Charta, die von den Leitungen aller EB-Organisationen unterzeichnet wurde.
RB: 2015 gab es dann die Netzwerke in allen Bundesländern und die „Initiative Bildungsberatung“ war geboren. Das ÖIBF hat dann einige Zeit das österreichweite Netzwerk koordiniert.
GB: … und auch erste Analysen zu den Wirkungen von Bildungsberatung durchgeführt.
EB: Im Ministerium habt Ihr das aufgegriffen, pragmatisch runtergebrochen und sehr engagiert und rasch umgesetzt.
RB: Mir war es wichtig, mich in den Prozess zu involvieren und bei den Veranstaltungen der Bildungsberatung und auch beim BIB-Infonet dabei zu sein. Weil ich wissen wollte, welche Bedürfnisse und Vorstellungen die Berater*innen und andere in diesem Bereich Tätigen haben.
Level Up – Erwachsenenbildung (vormals: Initiative Erwachsenenbildung)
Level Up – Erwachsenenbildung24 startete im Jahr 2012 unter dem Namen „Initiative Erwachsenenbildung“ und ist verfassungsmäßig über eine 15a-Vereinbarung zwischen den Ländern und dem Bund abgesichert. Level Up – Erwachsenenbildung umfasst die beiden Programmbereiche Basisbildung und Pflichtschulabschluss und basiert auf einem Programmplanungsdokument, das die Qualitätsrichtlinien für Bildungsträger, Unterrichtende und Berater*innen beinhaltet. Die aktuelle Programmplanungsperiode gilt von 2024 bis 2028. Eine Akkreditierungsgruppe25 ist für die Anerkennung von Bildungskonzepten zuständig. Das Aufsichts- und Steuerungsorgan ist die Steuerungsgruppe, in der die Länder und der Bund vertreten sind und die Sozialpartner beratend involviert sind.
RB: Dass die Basisbildung in die „Initiative Erwachsenenbildung“ gekommen ist, das war auch ein Ergebnis von rund 20 Jahren von Regina Rosc koordinierter Projektarbeit, die aus ESF-Mitteln finanziert wurde.
EB: Ich habe im Jahr 1990 das erste Projekt zur Alphabetisierung und Basisbildung entwickelt, das von der Abteilung Erwachsenenbildung finanziert wurde. Umgesetzt wurde es in der VHS Floridsdorf.
RB: In den 1990er-Jahren, da sind dann im Gefolge des EU-Beitrittes viele Projekte finanziert worden. „Mathe Online“ war eines, mehrere Projekte aus dem Bereich der Berufsreifeprüfung, deren aktuelle Form 1997 durch ein eigenes Gesetz eingeführt wurde. Die Projekte zum Nachholen von Bildungsabschlüssen wurden von Gabriela Khannoussi-Gangoly26 koordiniert.
EB: Basisbildung war damals noch ein Tabuthema, ich musste viel Energie aufwenden, um eine Förderung zu bekommen. Als wir dann die Begleitforschung als Buch in der „Edition Volkshochschule“27 herausgebracht haben, da kam viel Kritik auf.
GB: Laute Gegenreden kamen aus dem Schulwesen. Das kann es doch gar nicht geben, wir haben ja ein funktionierendes Schulwesen. Bis der Kurt Scholz, damals Präsident des Wiener Stadtschulrates, gemeint hat, da wird schon was dran sein, wenn die Brugger das sagt.
EB: Ich war Ende der 1980er-Jahre in den USA und hatte im Rahmen meiner Tätigkeit als Teaching Assistant an der Columbia University die Gelegenheit, Victoria Marsick28 und Jack Mezirow29 kennenzulernen. Mezirow war sehr interessiert an den kritischen europäischen Traditionen und an emanzipatorischen Ansätzen, Victoria Marsick hat mir das Kennenlernen mehrerer Alphabetisierungskurse ermöglicht. So habe ich ein Curriculum entwickelt, das nicht nur aus Lesen und Schreiben bestand, sondern auch aus Mathematik, und schon damals wurde der Computer eingesetzt, um den oft unleserlichen Handschriften entgegenzuwirken. Grundsätzlich war mir wichtig und das ist auch ein Merkmal der Volkshochschule, dass die Lebenswelt von Erwachsenen Ausgangspunkt für den Unterricht in der Alphabetisierung und Basisbildung sind.
GB: Wie wurden die Bedarfe festgestellt?
EB: Bereits während meiner Tätigkeit als Pädagogische Assistentin in der VHS Ottakring ist mir aufgefallen, dass Kurse wie „Richtiges Deutsch“ oder „Deutsch lesen und schreiben“ sehr gut besucht waren. Die wurden auch kostenlos angeboten, weil sie von der Arbeiterkammer gefördert wurden. Und gleichzeitig wurde die Rechtschreibung leicht reformiert. Im Rahmen der Kurse stellte sich heraus, dass es viele Teilnehmer*innen gab, die Mühen beim Lesen und Schreiben hatten.
GB: Es gab damals ja auch Schätzungen von etwa 300 000 Analphabeten in Österreich.
EB: Ich war ab 1985 im Centro Europeo in Frascati30 tätig. Da wurde eine Erhebung über Alphabetisierungsprojekte in Europa durchgeführt, an denen sich neben mir Personen aus Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Belgien beteiligten. So ist für Österreich aufgrund von Schätzungen die Zahl 300 000 entstanden, runtergebrochen von Zahlen der UNESCO.
GB: Die Basisbildung ist dann in die „Initiative Erwachsenenbildung“ reingekommen.
RB: Sie war auch nicht mehr wegzudenken, nach den vielen Erfahrungen, die in den Projekten gemacht wurden. Der Pflichtschulabschluss war ja auch enthalten. Ursprünglich sollte auch die BRP in die Initiative integriert werden, das wurde dann aber aus finanziellen Gründen nicht weiterverfolgt.
GB: Bald nach der Einführung der „Initiative Erwachsenenbildung“ erschien die erste PIAAC-Studie. Im vertiefenden Bericht von Statistik Austria wurden mehrere Analysen aus der Sicht der Erwachsenenbildungswissenschaft publiziert. Zum Beispiel von Peter Schlögl, Carola Iller und dir, Elke. Oder von Monika Kastner und Peter Schlögl zum Thema gesellschaftliche Teilhabe. Monika Kastner hat ihre Habil über Basisbildung geschrieben. Dies sind nur einige wenige Beispiele für viele wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema Basisbildung, dazu kommen noch zahlreiche Hochschulschriften von Studierenden und von forschenden Praktiker*innen, die von den Genannten und anderen betreut wurden. Weiters wurden viele wissenschaftsbasierte Beiträge in Buchform und in Fachzeitschriften veröffentlicht, nicht zuletzt auch in der ÖVH.
Fazit: Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Dialog fördern die Innovation
Die hier besprochenen „Leuchttürme“ der österreichischen Erwachsenenbildung zeichnen sich durch ein Zusammenspiel von erwachsenenbildnerischer Praxis mit Wissenschaft und Forschung sowie Verwaltung und Politik aus. Die Maßnahmen entstanden aus erwachsenenbildnerischen Bedarfen, die in der Bildungsarbeit sichtbar wurden. Diese Bedarfe spiegeln gesellschaftliche Schwachstellen wider, denen mit pädagogischen und bildungspolitischen Interventionen begegnet wurde und die schließlich Lösungen hervorgebracht haben, die national und international anerkannt wurden.
Ausschlaggebend für die nachvollziehbaren Konzeptionen der Maßnahmen war die Wissenschaftsbasierung und das forschungsgeleitete Handeln. Die Nachhaltigkeit und der Erfolg wurden durch die umsichtige und konsequente bildungspolitische Umsetzung gewährleistet. Die positive Wirkung schließlich zeigt sich in den guten Ergebnissen der Erwachsenenbildungs-Institutionen, die von verantwortlichen Pädagog*innen vorangetrieben werden. Die „Leuchttürme“ stehen auch für zeitgemäße Entwicklungsprozesse in der österreichischen Erwachsenenbildung. Pädagog*innen, Programmplaner*innen, Lehrende, Berater*innen, die forschen und auch in der Wissenschaft tätig sind, stehen für eine gesellschaftsorientierte Erwachsenenbildung.
Die hier besprochenen Beispiele zeigen, welches Potenzial forschungsgeleitetes Handeln und Wissenschaftsbasierung hat.
Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union hat viel zu diesen Entwicklungen beigetragen. Wichtige Strategiepapiere sind erschienen und wurden breit in der Erwachsenenbildung diskutiert und Stellungnahmen wurden verfasst. Projekte, die von der Europäischen Union kofinanziert wurden, gaben einen Rahmen für Experimente und Entwicklungsarbeit ab.
Forschende Praktiker*innen treffen sich auf Augenhöhe mit „praktizierenden For-scher*innen“ und mit Personen in Verwaltung und Politik, die für Entwicklungen offen sind, Ideen aufgreifen und gemeinsam mit den Akteur*innen an der Umsetzung arbeiten. Dieses Zusammenspiel, in dem der Dialog im Vordergrund steht, ermöglicht schließlich die Entwicklung und die erfolgreiche Implementierung von Innovationen. Es wurden wichtige Beiträge zu einer professionell aufgestellten Erwachsenenbildung geleistet und in Folge konnten neue Berufsfelder entwickelt werden. //











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