Die Narbe. Armut und soziale Ungleichheit: Verletzlichkeit in stürmischen Zeiten

Wir sitzen alle im selben Boot, heißt es. In Wirklichkeit: Wir sitzen alle im selben Sturm, aber in ganz unterschiedlichen Booten. Da gibt es robuste Schiffe, kleine Nussschalen, starke Jachten, schmale Ruderboote – die ganz unterschiedlich den hohen Wellen und dem Sturm trotzen können. Menschen sind verletzlicher, verwundbarer, je nachdem, in welchem Boot sie sich befinden.

Die kleinste finanzielle Mehrbelastung bringt bei Armutsbetroffenen stets das Gleichgewicht – sofern es überhaupt eines gibt – durcheinander. Ihre Lebensrealität besteht im Alltag darin, mit den Rechnungen und Ausgaben zu jonglieren: Wenn Geld hereinkommt, wird eines der Löcher gestopft. Es gab keine Stunde Null vor der Teuerung, in der die Haushaltsbudgets der Armutsbetroffenen ausgeglichen gewesen wären: „Ich esse schon seit längerem nur einmal am Tag, habe Kontakte eigentlich völlig abgebrochen und sitze daheim, weil das einfach das Kostengünstigste ist. Das ist aber jetzt nicht unmittelbar eine Folge der Inflation im letzten Dreivierteljahr, sondern ich hatte vorher schon kein Geld und habe dementsprechend vorher schon Maßnahmen setzen müssen“. Das sagt ein Mann, der unter der Armutsgrenze lebt. Eine groß angelegte qualitative Studie (Dawid: 2023) hat seine Stimme und die Stimmen vieler anderer hörbar gemacht. Strategien, der Entwertung des Einkommens zu begegnen, waren: mehr zu arbeiten, Ersparnisse aufbrauchen, Schulden zu machen, auf die Hilfe von Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft zu bauen, die Nothilfen von diversen Einrichtungen zu nutzen oder alternative Geldquellen zu erschließen. So haben zwei Pensionistinnen – eine armutsbetroffen, die andere aus der unteren Mittelschicht – eine geringfügige Beschäftigung angenommen, eine Alleinerzieherin hat zu ihrer Vollzeitarbeit einen Zusatzjob fürs Wochenende, und ein Teilzeitbeschäftigter ist aktuell auf der Suche nach einer
zweiten Teilzeitstelle. Für einen Armutsbetroffenen geht nicht mehr viel: „Ich habe mich halt wirklich reduziert. Viel weiter geht‘s nicht. Das Nächste ist dann […] Plasma spenden, dass halt auch von der Seite ein bisschen was reinkommt. Oder halt Medikamentenstudien.“ Was bei allen zur Sprache kommt, sowohl bei denen, die unter der Armutsgrenze leben als auch bei denen, die drohen, darunter zu fallen: „Bei Freunden, die wohlhabend sind, da rede ich nicht über meine Probleme, weil ich möchte mich nicht klein fühlen, sagen wir so.“ Und: „Da ist eine große Sorge, eine große Angst in mir drinnen. Manchmal lasse ich das raus, ich spreche darüber mit meinem Mann und mit Ihnen jetzt. […] Ich finde auch, es ist peinlich. […] Meistens behalte ich das bei mir“, sagen Befragte aus der unteren Mitte.

Brot und Rosen

Einen Korb voller Brot brachte Elisabeth die Stiegen hinunter. Heimlich. Es war ihr von der Herrschaft verboten worden, Leuten in sozialer Not Essen zu bringen. Sie trat in den Hof der Wartburg, blickte vorsichtig nach allen Seiten und wollte durch das Tor rasch ins Freie entschwinden. Da sprangen zwei Wachen aus der Dunkelheit hervor und hielten sie auf. Die Soldaten zwangen Elisabeth, das Tuch über dem Brot zu lüften, um zu kontrollieren, was die junge Frau da verdächtig mit sich trug. Doch der Korb war voller Rosen. Elisabeth durfte weitergehen. Das Brot kam zu denen, die es benötigten. Seit dieser Geschichte aus der mittelalterlichen Grafschaft Thüringens sind Brot und Rosen miteinander verbunden. In den USA organisierten sich vor 100 Jahren Näherinnen mit dem Ruf: „Wir brauchen Brot, aber wir brauchen die Rosen dazu.“ 20.000 Textilarbeiterinnen kämpften in Massachusetts für ein Einkommen, von dem sie und ihre Kinder auch leben konnten. Brot steht für die existenziellen Lebensmittel, für Materielles, für Existenzsicherung, Einkommen, leistbares Wohnen, Arbeit. Die Rosen weisen auf Lebensmittel, die man nicht essen kann, aber trotzdem zum Leben braucht – wie Anerkennung, Musik, Freundschaften oder Vertrauen. Um das geht es auch heute. Hunderttausende machen sich Sorgen um den Job, Hunderttausende kommen mit dem schlechten Lohn nicht über die Runden, Wohnen ist unleistbar und das soziale Netz der Mindestsicherung wurde zerschnitten. Die aktuellen Krisen machen sichtbar, unter welchen Folgen Menschen am meisten leiden, wenn sie der Rosen beraubt sind: Einsamkeit, Schlafprobleme, Ohnmacht, Erschöpfung, Beschämung. Die Rosen machen die Welt lebendig (Schenk: 2024).

Die sozialen und ökonomischen Verhältnisse gestalten unseren Alltag der Weltbeziehungen. Sie ermöglichen lebendige Resonanzen (Rosa: 2016) zwischen mir und der Welt – oder eben nicht. Erstens: Einsamkeit bedeutet, sich von der Welt getrennt fühlen. Die Welt gibt es da draußen, aber ich gehöre nicht mehr dazu. Die Welt mag tönend, farbig, warm und frisch sein. Meine Welt ist es nicht. Die Welt ist fremd geworden zu einem selbst. Wer sich von allen guten Geistern verlassen fühlt, verliert auch das Vertrauen in die Welt rundum. Zweitens: Vertrauen heißt, sich der Welt zugewandt fühlen. „Den meisten kann man vertrauen. Stimmt das?“ Am wenigsten „Ja“ darauf sagen können diejenigen, die schlechte Jobs haben, die unter der Armutsgrenze leben, die am sozialen Rand stehen. Drittens: Einander zu erleben als Menschen, die Einfluss haben, deren Handeln sinnvoll erscheint, wird als „Selbstwirksamkeit“ bezeichnet. Die Welt bekommt einen Sinn. Mit Ohnmacht vergeht dieser „Weltsinn“ (Antonovsky: 1997). Auch hier sind die stärkenden Faktoren nicht gleich verteilt. Je geringer der soziale Status, desto eher erleben die Betroffenen Situationen der Ohnmacht, der Einsamkeit und der Beschämung. Und viertens: Achtung und Wertschätzung bedeuten, in der Welt gesehen zu werden. Um diese Gefühle der Respektabilität wurden in der Geschichte des Sozialstaats stets die zentralen Auseinandersetzungen geführt.

„Die Welt dreht sich halt weiter und ich komme irgendwie nicht nach.“ Das sagt ein junges Mädchen, das in einer Familie mit wenig Geld lebt (Dawid: 2021). Armutsbetroffene und Armutsgefährdete, Leiharbeiter*innen und Ich-AGs, prekäre Künstler, Leute mit Sozialhilfe und Notstandshilfe, Alleinerziehende und sozial benachteiligte Jugendliche haben über ihr Leben in der Krise gesprochen. Ein Fünfzehnjähriger wollte sein Sparschwein opfern, als er hörte, es geht schlecht und die Mama hat kein Geld. Die Jugendlichen hatten unter den finanziellen Problemen ihrer Eltern psychisch mitzuleiden und kämpften mit Gefühlen der Ohnmacht.

„Ich hab`mich voll geniert, wir haben uns total zurückgezogen“. Armut macht einsam. Die Alleinerzieherin und ihre Kinder verschwanden in dieser „beengten Welt“, sie rangen um den Gestaltungsraum, den sie zum Überleben brauchen. Jetzt geht es ihr und ihren drei Kindern wieder besser, rückblickend sagt sie: „Am schlimmsten ist, dass einem die Kraft ausgeht. Hilfreich waren damals alle jene, die uns stärkten.“

Diese Erhebungen „von unten“ zeigen, wie wichtig ein existenzsicherndes und gutes Arbeitslosengeld ist, wie massiv sich beengtes Wohnen auf Bildung und Gesundheit der Kinder auswirkt, welch zerstörerische Folgen eine schlechte Sozialhilfe zeitigt, wie stark Depressionen und Einsamkeit mit Existenzangst verbunden sind.

Die finanziellen Einbußen durch die höheren Preise, der Verlust an Lebensqualität sowie das Wegbrechen von Zukunftsplänen und -träumen lassen das Gefühl von Ohnmacht entstehen. Die untere Mitte ist in ihrer Empörung über die Teuerung, die ihre Situation so verschlechtert hat, lauter als die Armutsbetroffenen, die wiederum laut werden, wenn es um die Faktoren geht, die sie einst – das heißt schon vor Einsetzen der Teuerung – in Armut gebracht haben. „Die Strategien der beiden befragten Gruppen unterscheiden sich insofern, als die Armutsbetroffenen die Schritte nach unten, die die Mittelschicht jetzt gerade machen muss, häufig schon in dem Augenblick hinter sich gebracht haben, als sie in Armut geraten sind“, analysiert Dawid. So erzählen auch Armutsbetroffene, dass sie früher Bio-Lebensmittel gekauft haben, allerdings bezieht sich dieses „früher“ nicht auf die Zeit vor der Teuerung, sondern vor den Ereignissen, die sie in Armut geführt haben: z. B. eine Erkrankung, die Pensionierung nach einem Erwerbsleben als Ein-Personen-Unternehmerin oder die Geburt eines behinderten Kindes.

Die untere Mittelschicht macht in Folge der Teuerung gerade große Schritte zurück, die insbesondere die Lebensqualität betreffen, während die Armutsbetroffenen so sehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, dass ihnen kaum noch Normalität bleibt: Im Supermarkt sind für sie z. B. nur noch die abgelaufenen Lebensmittel leistbar, ansonsten heißt es im Sozialmarkt einkaufen. Die untere Mitte hingegen schränkt Freizeit und soziale Kontakte massiv ein: „Früher bin ich jedes Wochenende in irgendein Lokal, zwei, drei Bier und so weiter und so fort. Das mach‘ ich nicht mehr, das kann ich mir nicht mehr leisten“, erzählt ein Mann aus der unteren Mittelschicht.

Der Verzicht, den Armutsbetroffene leisten mussten, ist oft objektiv winzig, aber subjektiv riesig. Wer von einem öffentlichen Kaffeeautomaten zu einem anderen, um wenige Cent billigeren wechselt, bewegt sich in so engem Rahmen, dass das statistisch schwer zu erfassen ist, empfindet aber eine massive Einschränkung der Lebensqualität. Die Erhebung bringt Einblicke, wie sich die soziale Lage im Frühjahr 2023 „von unten gesehen“ anfühlte. „Einen Kaffee trinken ist Luxus geworden“, erzählt eine armutsbetroffene Frau. „Sie fangen beim Automatenkaffee in der Klinik an, der kostet jetzt 1,10 oder 1,20 Euro. Sie fangen an zu sparen, sie suchen sich einen Automaten, wo sie ihn noch billiger finden. Sie setzen sich an die Universität, sie setzen sich da hin, weil sie wissen, da sind noch Automaten, da kriegn S‘ um 50 Cent noch einen Kaffee, da können sie sich zwei gönnen, da können sie sich zwei Luxuskaffee gönnen.“

Wenn wir die Inflation abgelten, dann ist alles wieder ok, meinten manche. Das stimmt dort, wo vorher alles ok war. Dort aber, wo schon seit jeher massive Lücken und Fehlentwicklungen aufgetreten sind, kommt die Teuerung dazu. Die Krise offenbart die Lücken und Fehlentwicklungen von vorher umso schmerzlicher – auch für diejenigen, die jetzt neu betroffen sind: Mangel an leistbarem Wohnen, funktionierender Sozialhilfe, verfügbaren Therapieplätzen oder guten Schulen für jeden. Auf die untere Mittelschicht sollte dabei im Sinne der Armutsvermeidung besonderes Augenmerk gelegt werden.

Schmerz

Eine blitzförmige Narbe steht auf Harry Potters Stirn. Die Verletzung wurde ihm als Baby zugefügt, als Voldemort, der böse und mächtige dunkle Lord, ihn zu töten versuchte. Diese Narbe schmerzt Harry noch immer, und sie erinnert ihn beständig an seine Mutter, die starb, als sie sich schützend vor ihr Baby warf. Die Narbe sagt, du bist verletzlich. Kein unverwundbarer Held, kein Panzer auf zwei Beinen. „Du brauchst dich für das, was du fühlst nicht zu schämen, Harry, im Gegenteil, die Tatsache, dass du Schmerz wie diesen empfindest, ist deine größte Stärke“. So versucht der Leiter der Schule in Hogwarts, Professor Dumbledore, Harry zu ermutigen, seinen Schmerz zuzulassen. Harry ist kein unverwundbarer Superheld, sondern verletzlich. Und was er schafft, erringt er mit der Hilfe anderer. Da sind seine Freunde Ron und Hermine, da ist Professor Dumbledore, der in letzter Minute Unterstützung bringt, da ist der tiefe Gedanke an seinen Vater, der ihm einen Beschützer gegen die lebendig-todbringenden Dementoren schickt, da ist Harrys Mutter, die ihn vor Voldemort bewahrt und deren liebendes Vermächtnis Harry stark macht. Es ist die Qualität von Harrys persönlichen Beziehungen, denen er seine Fähigkeiten verdankt.

„Jeder kann gewinnen, wenn er nur will“ oder „jeder ist seines Glückes Schmied“ – das sind die Parolen der vermeintlich unverwundbaren Superhelden. In den letzten Jahren haben sich zwei ideologische Stränge miteinander verwoben. Die Sündenbockgeschichte mit ihrer Kernaussage „Wenn die nicht wären, wäre alles besser“ und die Ideologie der Gewinner: „Jeder kann gewinnen, wenn er nur will.“ Zum Gewinner blickt man nach oben, beim Sündenbock blickt man nach unten. Mit dem Gewinner ist man eins, den Sündenbock schmeißt man raus. „Wenn die nicht wären, wäre alles besser“, Eine Gruppe finden, die an allem und jedem schuld ist. Schuld an dem, was schief läuft in einem Gemeinwesen. Und sich dann vorstellen, dass alles besser wäre, wenn die nicht mehr da wären. Daran schließt die Ideologie der Gewinner unmittelbar an. Umgekehrt ausgedrückt: selber schuld, wer es nicht schafft. Diese Ideologie ist besonders wirkungsvoll, weil sie „Verlierer“ beschämt und „Gewinner“ bestätigt. Sie stützt die, die es geschafft haben, und hält die, die am Boden sind, still. An die „Verlierer“ ergeht die Aufforderung, fair zu bleiben, die Niederlage mit einer Gratulation an den „Gewinner“ ­hinzunehmen, sich schlussendlich mit diesem zu identifizieren. Das Leben – ein olympischer Gedanke. „Dabei sein ist alles“, aber bitte in der unteren Etage. Und bitte immer weiter lächeln! Die großen Enttäuschungen, die Niederlagen, die Risse, dürfen dann gar nicht wahrgenommen werden, da überhaupt keine Enttäuschung wirklich respektiert wird. Alle Enttäuschungen werden beschwichtigt oder zu verlogenen Heldenstories umgebogen.

„Du bist verletzlich“, sagen aber die großen Menschheitsgeschichten. Die Achillesferse erinnerte den griechischen Kämpfer Achilles daran, und trotz Bad im Drachenblut fiel Siegfried das Lindenblatt auf die verletzliche Schulter. Oder die Geschichte vom Baby in einem Stall – stark und zerbrechlich zugleich.

Unverwundbarkeit ist gar nicht möglich, und zu wünschen ist sie auch nicht. Unverletzlichkeit birgt die Gefahr der Gnadenlosigkeit in sich. Und gebiert gepanzerte Körper auf zwei Beinen in Politik und Gesellschaft. Denn nur wer selbst verletzlich ist, kann auch die Verwundbarkeit des anderen wahrnehmen. Der große Songwriter Leonard Cohen hätte beim Blick auf Harry Potters Narbe wohl mit seinen berühmten Liedzeilen geantwortet: „Forget your perfect offering/There is a crack in everything/That‘s how the light gets in.“ (Vergesst euer perfektes Opfer. Da ist ein Riss, ein Riss in allem. So kommt das Licht herein). Es sind die Risse, durch die das Leben hereindringt.

Krisen sind Einschnitte und Übergänge, besonders aber sind sie Abschiede. Es sind Trennungen, Verletzungen, es sind Verluste. Wo aber ist Platz für den Schmerz darüber? Wo können wir die Bitterkeit schmecken? In Krisengesellschaften wird Tag für Tag, Stunde für Stunde über Abschiede verhandelt, ohne sie zu begreifen.

Hier liegt die Mutter begraben. Daneben die Bitterkeit. Anderswo liegt das Meer. Mit diesen dreien, der Mutter, dem Meer und der Bitterkeit, führt die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury in den Untergrund des Ressentiments. La mere, l`amer, la mer – im Französischen klingen Mutter, Bitterkeit und Meer zusammen. Die elterliche Trennung, die das Erwachsenwerden umfängt, der Schmerz, dessen Bitterkeit sich nicht von selbst löst, das Meer, das uns die weite See eröffnet. Im Ressentiment sind sie alle drei begraben. Fleury argumentiert für einen „Umgang mit der Bitterkeit, bei dem man sich nicht der Illusion der Reinheit oder Absolutheit unterwirft.“ Die Bitterkeit beeinträchtigt den Geschmack. Das ist nicht so einfach. Dieser Geschmack ist aber auch gleichzeitig eine Form der Heilung vom Ressentiment. Denn es kann schnell gehen, dass Nachbarn zu Feinden werden. Wir haben nebeneinander und miteinander gelebt, erzählen Freunde aus dem ehemaligen Jugoslawien. Im selben Dorf, in derselben Straße. Plötzlich gab es kein Gespräch mehr, nur mehr Misstrauen, Ressentiments und Hass. Ressentiments wirken wie Drogen. Die Gewöhnung an einen Wirkstoff, wobei dessen Wirkung durch wiederholte Einnahme abnimmt, bezeichnet die Suchthilfe als „Toleranzentwicklung“. Um dieselbe Wirkung wie vorher zu erzielen, muss die Dosis erhöht werden. Das Ressentiment bestätigen, heißt es anzufeuern. Nietzsche erwähnte bereits des Ressentiments schädliche Wirkung als Vergiftung, Scheler sprach gar von Selbstvergiftung. Es verlangt nach ständiger Steigerung, schwächt aber zugleich den Organismus, den es beherrscht. „Man kann das Ressentiment durchmachen, aber ihm zu erliegen, auf unbegrenzte Zeit in ihm stecken zu bleiben, bedeutet, sich zum Sklaven zu machen, sich der tödlichen Leidenschaft zu unterwerfen“, schreibt Fleury. Das erinnert an Martin Luther Kings Rede in Washington, als er zu Beginn das Unrecht und die Diskriminierung abruft, derer sich die Schwarzen ausgesetzt wissen. Hier wird der Schmerz und die Bitterkeit verhandelt. Doch dann, wenn die Vergeltung kommen müsste, wechselt King: „Lasst uns nicht den Kelch des Ressentiments und des Hasses trinken, um unseren Durst nach Freiheit zu stillen“. Dann folgt der Blick aufs Meer: „I have a dream.“ Ich habe einen Traum. Dem Ressentiment zu begegnen, heißt auf die See zu schauen, „umherreisen, auf den Horizont zugehen, ein Anderswo finden, um wieder in der Lage zu sein, im Hier und Jetzt zu leben“ (Fleury). Das Ressentiment aber dreht alles allein um sich selbst, vergiftet jeden Fortschritt. So wird der Schmerz zu einem Akt der Selbstunterwerfung, wird die Wut zu einer sich selbst zerfressenden Einübung ins Gehorchen. Versucht ja nicht, mich zu überlisten, sagt der in sein Ressentiment verliebte Mensch, der sein Netz spinnt, um sich darin besser zu verfangen. Wir alle haben mit Verletzungen in unserem Leben zu kämpfen. Von Kindheit an. Von Mutter- und Vatertagen an. Verletzungen können durch Ressentiments weitergetragen werden, wodurch sie noch mehr Schaden verursachen. Sie können unterdrückt werden und so den Fluss des Lebens zum Stillstand bringen.
Hier liegt die Mutter begraben. Oder sie können angenommen werden und so für die Herausforderungen des Lebens frei machen. Im Kern geht es hier auch um die Zukunft der Demokratie: die Bitterkeit schmecken und das offene Meer sehen.

„Ich vermute, einer der Gründe, warum Menschen so hartnäckig an ihrem Hass festhalten, ist, weil sie spüren: Wenn der Hass einmal verschwunden ist, werden sie gezwungen sein, sich mit Schmerz zu beschäftigen“, sagt Schriftsteller James Baldwin. Das gilt für Hassprediger, aber das gilt umgekehrt auch für uns alle in anderer Form. Es ist zurzeit keine leichte Situation. Viel Erschöpfung jetzt nach so vielen Monaten Krise. Dazu die nahen Kriege und die neue Unübersichtlichkeit mit den Teuerungen. Für autoritäre Politiken ein fatal fruchtbarer Boden. In diesen Augenblicken sind Dinge politisch durchsetzbar, die sonst bei Verstand, Abwägung und Verhältnismäßigkeit nie gingen. Weil der Schmerz so groß ist.

Gute Praxis für die Erwachsenenbildung

Zum einen kann Erwachsenenbildung in ihren Angeboten Brot und Rosen anbieten. Das heißt Kopf, Hand, Fuß und Herz sind gefragt. Der Kopf mit Denken oder Sprachen lernen, die Hand mit praktischem Tun und Werken, der Fuß mit Bewegung und Begehungen und nicht zuletzt das Herz, das Gemeinschaft erlebt und an Begegnungen wächst. All das braucht es fürs gute Lernen. Das gilt auch für eine gute Erwachsenenbildung: Kopf, Hand, Fuß und Herz. Sie soll das Leben in seiner Fülle im Blick haben. Leben ist mehr als Überleben.

Zum anderen ist der Beitrag mit all den Initiativen in Basisbildung, Alphabetisierung, Deutschkursen oder Orientierungshilfen im Alltag nicht zu unterschätzen. Das stärkt in den Stürmen des Lebens. Auch Wirtschafts- und Finanzbildung sind wichtig. Achten muss die Erwachsenenbildung aber darauf, wirtschaftliches Handeln in soziale, politische und ökologische Verhältnisse einzubetten. Zusammenhänge sehen, Kontext herstellen – das wäre beispielsweise eine gute Finanzbildung; eine schlechte aber ist es, soziale und ökonomische Risken zu individualisieren, noch dazu auf dem Rücken einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen. Altersarmut von Frauen ist nicht auf deren mangelndes Finanzwissen zurückzuführen, wie manche dieser Kurse behaupten. Hier werden nicht nur Zusammenhänge falsch dargestellt, sondern auch die tatsächlichen Ursachen von Frauenarmut verschwiegen. Diese Spielart von Finanzbildung ist verhaltensversessen und verhältnisvergessen. Heraus kommt eine Ideologie „Jeder kann es schaffen, wenn er nur Finanzbildung macht“, nach dem Motto „wer arm ist, ist selber schuld“. Die Armutskonferenz hat hilfreiche Materialien mit vielseitigen Modulen, ausgearbeiteten Stundenmodellen und inspirierenden Ideen erarbeitet. Die Angebote für die Sekundarstufe II können in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden, weitere Ideen finden sich im Buch „Wir alle machen Wirtschaft“ (2025). Die Unterrichtsmaterialien setzen sich mit zentralen Fragestellungen im Themenfeld Armut und Ungleichheit auseinander: Was ist Armut? Wie wirkt sich Kinderarmut aus? Welche Dimensionen der Armut gibt es? Wie funktioniert der Sozialstaat? Was sind soziale Transferleistungen? Was bedeutet soziale Ausgrenzung? Wie hängen Armut und Krankheit zusammen? Wie wirken sich Klimabelastungen aus? Frisst Armut Demokratie? Welche Wechselwirkungen gibt es mit Bildung, Wohnen oder Arbeit?

In der Steiermark haben einige Dutzend einkommensarme Menschen gemeinsam mit Schauspieler*innen der Theaterwerkstatt InterACT (2011) im Rahmen eines einwöchigen Workshops ein Forumtheaterstück zur Armut und Überschuldung erarbeitet. „Kein Kies zum Kurven kratzen“, so der Name von Stück und Projekt, wurde in über dreißig Orten quer durch die Steiermark und in ganz Österreich aufgeführt. Weit mehr als 1.000 Menschen haben sich im Zuge der Aufführungen an der Suche nach Lösungen zur Vermeidung und Bekämpfung von Armut beteiligt, die schließlich im Rahmen einer Aufführung im österreichischen Parlament mit verantwortlichen Politiker*innen diskutiert wurden. In einem Folgeprojekt entwickelten Jugendliche, die Sozialwissenschafter*innen der NEET-Gruppe (No education, employment or training) zuordnen, Szenen aus ihren Erfahrungen zum Stück „Jung, pleite, abgestempelt“. Die Szenen zeigen ihr Leben auf der Straße, in der Familie, am Arbeitsamt, in der Schule und in psychiatrischer Behandlung. Im Rahmen der interaktiven Aufführungen wurden gemeinsam mit dem Publikum Lösungsansätze – auch unkonventioneller Art – entwickelt und schließlich von den Jugendlichen selbst ein Forderungspaket zusammengestellt, das sie inzwischen auch persönlich mit Politiker*innen und Entscheidungsträger*innen auf regionaler und nationaler Ebene diskutiert haben (InterACT: 2013). Andere Themen und Stücke folgten.

Auf diese Weise entstehen Orte, von denen Ausgeschlossene zu sprechen und zu handeln beginnen. Dabei geht es um Formen kollektiven Handelns, die sich konkret in den Lebenslagen der Betroffenen verorten. Wohnungslose Frauen und Männer und deren Freund*innen sammeln sich um eine Straßenzeitung, an der sie mitarbeiten und die sie verkaufen, arbeitslose Jugendliche stellen sich im Videofilm dar, Alleinerzieherinnen organisieren untereinander Kinderbetreuung, Armutsbetroffene gestalten ein Straßentheater vor dem Parlament. Es ist eine „Inventur der verborgenen Talente“, all die ökonomisch entwerteten Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen zu heben. Da geht es um handwerkliche, soziale und künstlerische Ressourcen. Da werden Orte erobert und interpretiert. Öffentliche Räume werden als Bühnen beleuchtet und gemeinsam „bespielt“.

Oft gerät außer Blick, dass Personen mit der Bezeichnung „bildungsfern“ als Menschen ohne Bildung abgestempelt werden und deren lebensweltlicher Wissensschatz unberücksichtigt bleibt. So wird formales Wissen mit Bildung verwechselt und finanziell ärmere Menschen als „ungebildet“ gebrandmarkt. Dagegen gibt es wunderbare Lehrgänge zu Erfahrungsexpert*innen oder Peers. In multiprofessionellen Teams dürfen Peers und Betroffene nicht fehlen. Das sind Menschen, die beispielsweise wissen, was Krankheit heißt, und aus der eigenen Erfahrung als Genesungsbegleiter*innen mithelfen können. Dafür sollte es österreichweit eine für die Betroffenen kostenlose Ausbildung geben und Peers einen selbstverständlichen Platz in der Gesundheitsversorgung bekommen.

Weitere gute Beispiele für alternative Bildungsarbeit sind Projekte zwischen Kultur- und Sozialeinrichtungen bei Hunger auf Kunst und Kultur (Panzenböck & Wagner: 2018), oder stille Begleiter*innen auf Ämter über die Initiative „Mitgehn“. In Dialogforen kommen die Betroffenen mit AMS, Sozialamt oder Pensionsversicherung ins Gespräch, lernen über ihre Rechte und geben den Behörden Feedback zu ihrer Bürgerfreundlichkeit. Im Projekt Kulturtransfair, das mit dem Kulturpass verknüpft ist, findet sich jährlich ein Tandem von Kultur- und Sozialeinrichtungen zusammen, um etwas gemeinsam zu entwickeln. Zum Beispiel die günstige „Wiener Kuchl“ zum ­selber Bauen für Wohnungslose oder Videos benachteiligter Jugendlicher von „ihren Orten“ in der Stadt.

Wir sitzen alle im selben Sturm, aber eben in ganz unterschiedlichen Booten. Wir verfügen über ungleiche Ressourcen, um das schwankende Schiff über Wasser zu halten. In diesem stürmischen Umfeld kann sich die Erwachsenenbildung bewähren. //

Unterrichtsmaterialien für die Verwendung in der Erwachsenenbildung

Sekundarstufe II: Armut und Arbeit; Armut – Definition und Messung; Armut und Demokratie; Armut und Migration; Armut und Mythen; Armut und Reichtum.

https://www.armutskonferenz.at/unterrichtsmaterialien

Literatur

Antonovsky, Aaron (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung von Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag.

Armutskonferenz et al. (Hrsg.) (2025): Wir alle machen Wirtschaft. Für eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Finanzbildung. Wien: Mandelbaum.

Dawid, Evelyn (2023): Die Teuerung und das untere Einkommensdrittel: Wirkungen und Strategien. Eine Erhebung zur sozialen Lage aus Sicht von Betroffenen. Die Armutskonferenz. Wien: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz.

Dawid, Evelyn (2021): Armutsbetroffene und die Corona-Krise 2.0. Eine zweite Erhebung zur sozialen Lage aus der Sicht von Betroffenen. Die Armutskonferenz. Wien: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz.

Dimmel, Nikolaus, Heitzmann, Karin, Schenk, Martin & Stelzer-Orthofer, Christine (2024): Armut in der Krisengesellschaft. Wien: Löcker.

Fleury, Cynthia (2023): Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

INTERACT (2011): Kein Kies zum Kurven kratzen. Reloaded. Endbericht. Graz. Verfügbar unter: https://www.interact-online.org/archiv/gruppen-und-communities/armutserfahrene-menschen/6-interact/archiv/308-kein-kies-zum-kurven-kratzen–reloaded [25.4.2026.]

INTERACT (2013): Stopp: Jetzt reden wir! Vorschläge, Anliegen und Forderungen aus der Sicht der Projektmitwirkenden und des Publikums. Graz. Verfügbar unter: https://www.armutskonferenz.at/media/interact_stopp_jetzt_reden_wir_forderungen-2013.pdf [25.4.2026.]

Panzenböck, Stefanie & Wagner, Monika (2018): Von der Würde der Wellen und den Grenzen des Gugelhupfs. 15 Jahre Hunger auf Kunst und Kultur. Weitra: Bibliothek der Provinz.

Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: Suhrkamp Verlag.

Schenk, Martin (2024): Brot und Rosen. Über Armut; oder den Unterschied zwischen Hungern und Fasten macht die Freiheit. Wien: Edition Konturen.

Schenk, Martin (2026): Die Narbe. Armut und soziale Ungleichheit: Verletzlichkeit in stürmischen Zeiten In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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