Der Titel signalisiert die inhaltliche Linie: Im österreichischen Bildungswesen könnten und sollten noch viele innovative Änderungen vorgenommen werden. Sicherlich nicht unbekannt sind die seit vielen Jahren in den Medien kolportierten Berichte über stets neue statistisch, empirisch abgesicherte Studien – soziale Herkunft beeinflusse überdurchschnittlich stark Bildungsverlauf und Höhe der Bildungsabschlüsse. Der Eindruck hat sich stabilisiert: Das Bildungswesen hierzulande gleicht einer „Festung“. Ihre traditionellen sozialen Schranken wollen sich für die notwendigen gesellschaftlichen Transformationen und individuellen Bildungs- und Lernbedürfnisse nicht öffnen.
Christian Dorninger hat als langjähriger Verwaltungsbeamter im Bildungsministerium sowie als Lehrer und universitärer Lehrbeauftragter Kenntnisse und Erfahrungen erworben, wie Bildung in den letzten Jahrzehnten „funktionierte“.
Der Autor, von 2013 bis 2018 schließlich als Sektionsleiter für Berufs- und Erwachsenenbildung im Ministerium tätig, setzt sein Insiderwissen durchwegs sachlich-informativ, argumentierend-verbindlich und Zusammenhänge erklärend ein. Auch wenn er vom „Kümmerdasein“ der Erwachsenenbildung schreibt, kann man ihm das nicht verübeln. Zum einen, Erwachsenenbildung „kümmert“ sich ja wirklich mit relativ geringen öffentlichen Ressourcen um wichtige soziale Aufgaben in der Gesellschaft. Zum anderen ist das ständige Bitten und Betteln der Verantwortlichen für Erwachsenenbildung um angemessene und ausreichende Finanzierung durch die öffentliche Hand, genauso wie die vorhin erwähnten Berichte über „soziale Herkunft“, zum Standardrepertoire bei Konferenzen, Tagungen oder Zukunftsplanungen geworden.
Christian Dorningers einleitender Abriss der Bildungsgeschichte Österreichs umfasst die Epoche vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs (1945). In den darauffolgenden Zeitraum bis zur Jahrtausendwende fällt die Neuorganisation der Schule mit den Schulgesetzen von 1962 und 1974. Dies betrifft auch die Bildungsexpansion in den 1970er-Jahren, neue Leistungsbeurteilung und die Einsetzung einer „Schulreformkommission“.
In der Erwachsenenbildung kam es in den ersten Nachkriegsjahren zu Neugründungen. Von Anfang an war die Finanzierung problematisch, weswegen die Institutionen der beruflichen Weiterbildung, WIFI und BFI, bei Wirtschafts- und Arbeiterkammern angesiedelt wurden. Als spezielle Einrichtungen für sich weiterbildende, höherqualifizierende Erwachsene werden „Arbeitermittelschule“ und „Berufsreifeprüfung“ genannt.
Anfang der 1970er-Jahre, der sozioökonomische Bedarf an „education permanente“ war gestiegen, kam es im Bereich Erwachsenenbildung zu sichtbaren, teilweise nachhaltigen Innovationen: Gründung der Volkshochschule für politische Bildung im Burgenland (1971), die Etablierung der „KEBÖ – Konferenz der Erwachsenenbildung Österreich“ (1972), das „Erwachsenenbildungsförderungsgesetz“ (1973). Genau dokumentiert wird zudem die Forcierung des Zweiten Bildungswegs, speziell die „neue Berufsreifeprüfung“ (1997), wodurch die Kooperation zwischen Schule und Erwachsenenbildung verstärkt wurde.
In das letzte Dezennium des Jahrtausends fallen intensivierte Bildungskooperationen innerhalb Europas (Österreich wurde 1995 Mitglied der EU). Schüleraustausch, Teilnahme an EU-Förderungsprogrammen wurden erweitert und ab 1993 – von struktureller Bedeutung – eine gesetzliche Basis für die Gründung von Fachhochschulstudiengängen beziehungsweise Fachhochschulen geschaffen.
In einem eigenen Kapitel nimmt Christian Dorninger eine „Standortbestimmung des österreichischen Schulwesens um die Jahrtausendwende“ vor. Hervorgehoben und diskutiert werden u. a. empirische Schulforschung, Koedukation, Schulentwicklung, Sonderpädagogik und inklusive Bildung, Berufsbildung und das Kooperative System der Erwachsenenbildung. Letzteres intendiert, Professionalisierung und Qualität auszubauen und zu sichern.
In den 1990er-Jahren wurde die Veränderung in der Population der Schüler*innen immer auffälliger – Gastarbeiterkinder, Migrant*innen, Flüchtlinge. Die Orientierung an Kompetenzen und Qualität, Akzeptanz der PISA-Forschung sowie Wandel durch die Digitalisierung sind weitere Aspekte. Bildungsreformen um und nach 2000 sieht der Autor in einer „Restauration“ seit 2017 wieder in Frage gestellt. Mit diesen Ausführungen öffnet er Zugang zu Themen und Ursachen der aktuellen bildungspolitischen Diskussion.
Die übersichtliche Darstellung, immer ergänzt um entsprechende Zeitdokumente, um Interviews und eigene Erfahrungen des Autors sowie um wissenschaftliche Expertisen, erhellen den Horizont des Bildungswesens. Problemlagen im Bildungssektor werden in ihrem bildungspolitischen Kontext sichtbar. Die Lektüre trägt zu einem klaren Verständnis bei, wie sich das Bildungswesen entwickelt hat und wie es weiterentwickelt werden könnte.
Für die Erwachsenenbildung stellt sich als drängende Herausforderung, neu zu bewerten, in welcher „bildungspolitischen Randlage“ sie sich befindet und wie dieser Situation gegenzusteuern ist, damit sie ihre wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben optimal erfüllen kann.
Es ist wohl nicht mehr zu übersehen: Die zunehmende Lebenserwartung jüngerer Generationen – „longevity“ – verlangt im Allgemeinen nach einer Neuorientierung, welche Konsequenzen qualitätvolle Langlebigkeit für Bildungsplanung und -angebote mit sich bringt. Im Besonderen stellt sich die Frage nach Konzepten, Modellen und Organisationsformen, wie die Transformation zu lebensbegleitender und lebensintegrierter Bildung unter sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen in Gegenwart und Zukunft erfolgen soll. //












Danke für die Rezension. Möglicherwiese lässt sich in Richtung Erwachsenenbildung, deren Geschichte nicht zuletzt durch die „österreichische Volkshochschule“ gut dokumentiert ist, in einer Art Zusammenstellung von historischen Beiträgen in Buchform eine initiative setzen. Aus der angesprochenen „Randlage“ herauszukommen, ist sicher ein gemeinsames Anliegen!