Vulnerabilität verstehen, Barrieren abbauen, Teilhabe ermöglichen – ein Blick auf die strukturellen Bedingungen von Erwachsenenbildung

Die Wiener Volkshochschulen arbeiten seit Jahren an einer Aufgabe, die politisch gern beschworen, aber selten konsequent umgesetzt wird: soziale und ökonomische Teilhabe für jene zu ermöglichen, die strukturell benachteiligt sind. Was in politischen Sonntagsreden als „Chancengerechtigkeit“ erscheint, zeigt sich im Alltag der VHS als harte Realität. Menschen scheitern nicht an mangelndem Willen, sondern an Bedingungen, die soziale und wirtschaftliche Teilhabe systematisch erschweren. Wer in instabilen Wohnverhältnissen lebt, mit Armut, psychischen Belastungen, Diskriminierung oder lückenhafter Bildungsgeschichte konfrontiert ist, hat einen ungleich schwereren Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Mitgestaltung. Bildung ist in diesem Kontext niemals isolierbar; soziale Stabilisierung ist der notwendige Boden für Lernprozesse.

Vulnerabilität ist dabei kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Armut, Klassismus, Diskriminierung und brüchige Bildungsbiografien bestimmen maßgeblich, wer Zugang zu Weiterbildung und gesellschaftlicher Teilhabe erhält. Exemplarisch seien genannt: Jugendliche mit psychosozialen Belastungen, brüchigen Schulkarrieren oder Hafterfahrung, geflüchtete Menschen mit Traumabelastungen, finanzieller Abhängigkeit und unsicherem Aufenthaltsstatus, Angehörige der Rom*nja Community mit generationenübergreifenden Ausgrenzungserfahrungen, längere Zeit arbeitslose Personen mit und ohne gesundheitliche/n Einschränkungen, Menschen mit Behinderungen, (formal) geringqualifizierte Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss, Frauen in prekären Lebenslagen, „working poor“, oder Personen mit Migrations- oder Fluchthintergrund – sie alle kämpfen mit mehrfachen, oft kumulativen Barrieren. Diese Barrieren sind nicht zufällig, sondern Ergebnis struktureller Benachteiligungen, diskriminierender Praktiken und unzureichend passender Systeme. Vulnerabilität darf also nicht auf Migration verkürzt werden, vielmehr sind breite Teile der Bevölkerung betroffen. Und viele Betroffene sind geübt im Umgang mit ihren alltäglichen Schwierigkeiten, haben sich aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung in kompetenter Weise Umgehungsstrategien angeeignet.

Die Wiener Volkshochschulen begegnen im Geschäftsbereich „Öffentliche Aufträge“ diesen Realitäten mit niedrigschwelligen Angeboten, die Kontinuität, professionelle Beziehung und sichere Lernräume bieten. Diese Kurs- und Beratungsangebote sind ausschließlich von der öffentlichen Hand finanziert und somit immer auch Ausdruck politischen Willens. Umso relevanter ist es, als Auftragnehmer*in von Bundesministerien und Stadt Wien sowie deren zu- und untergeordneten Stellen, wie AMS, ÖIF, Sozialministeriumservice, Waff, FSW und Magistratsabteilungen, ein klares und gleichzeitig differenziertes Verständnis von Zielgruppen und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen zu haben, dieses zu kommunizieren, aber auch die Grenzen der eigenen Wirkungsmöglichkeiten zu kennen. Sicher ist: Es gelingt den Wiener Volkshochschulen täglich, Menschen individuell zu stärken – der Anspruch, Vulnerabilitäten strukturell zu reduzieren, kann freilich nur bedingt eingelöst werden.

Gelingensbedingungen: Stabilisierung vor Qualifizierung

Teilhabe gelingt, wenn Grundbedürfnisse gesichert sind. Wohnen, Gesundheit, psychische Stabilität, minimale finanzielle Absicherung – ohne diese Basis bleiben Bildungsversuche oft prekär. Wer nicht weiß, ob die Miete bezahlt werden kann, ob das Kind betreut ist oder ob der eigene Aufenthaltsstatus gesichert bleibt, wird sich nur schwer auf einen Kurs konzentrieren können. Die Volkshochschulen verbinden daher bewusst Bildung und Sozialarbeit in ihren Angeboten für vulnerable Zielgruppen.

Sozialpädagogische Begleitung, psychosoziale Unterstützung und verlässliche Beziehungen schaffen den stabilen Rahmen, der Lernprozesse ermöglicht. Projekte wie College 25+, das Demontage- und Recy-clingzentrum (DRZ) oder die Basisbildungs- und Pflichtschulabschlussangebote im Rahmen der Initiative Level-Up zeigen, wie eng Bildungs- und Lebensrealitäten miteinander verwoben sind. Im College 25+ werden Bildungsangebote wie Deutschkurse mit Sozialberatung, Berufsorientierung und kostenloser Kinderbetreuung kombiniert. Im Sozialökonomischen Betrieb DRZ werden berufliche Qualifizierung und praktische Arbeitserfahrung durch Sozialarbeiter*innen und Outplacer*innen begleitet. In der Basisbildung und in den Lehrgängen zum erwachsenengerechten Pflichtschulabschluss werden grundlegende Kompetenzen vermittelt, gleichzeitig wird mit Unterstützung sozialpädagogischer Betreuung an Selbstvertrauen, Alltagsbewältigung und Zukunftsperspektiven gearbeitet.

Kinderbetreuung – wie im College 25+ oder bei „Mama lernt Deutsch“ – ist kein Zusatzangebot, sondern ein struktureller Hebel, der vielen Alleinerziehenden, vorwiegend Frauen, überhaupt erst die Kursteilnahme ermöglicht. Gelingende Bildungsprozesse setzen also voraus, dass Lebenslagen stabilisiert, Belastungen ernst genommen und Unterstützungsstrukturen verlässlich verfügbar sind.

Strukturelle Lücken und Barrieren: Wo das System versagt, kann die VHS einspringen?

Viele Barrieren entstehen nicht erst im Kursraum, sondern im System selbst. Die Wiener Volkshochschulen nehmen diese Barrieren wahr und versuchen im Dialog mit der öffentlichen Hand Angebote so zu gestalten, dass vulnerable Zielgruppen gut erreicht werden. Manchmal bewähren sich Angebote so gut, dass sie integraler Bestandteil und somit systemverändernd wirksam werden – das bleibt jedoch die Ausnahme.

Integrationskurse folgen oft migrationspolitischen statt bildungspolitischen Logiken. Starre Vorgaben, Sanktionen und Zugangsschwellen verhindern, dass Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund tatsächlich ankommen. Wer zu spät kommt, eine Prüfung nicht besteht oder aus familiären Gründen ausfällt, riskiert Sanktionen, statt Unterstützung zu erhalten. Niederschwellige Angebote wie College 25+, Basisbildungskurse der Initiative Level-Up oder – bis März 2026 – Deutschkurse im Rahmen von „Integration ab Tag 1“
setzen hier einen Kontrapunkt, indem sie verlässlich individuelle Bildungs- und Integrationswege ermöglichen. „Integration ab Tag 1“ bietet Asylwerbenden in der Grundversorgung nicht nur Spracherwerb, sondern Tagesstruktur, soziale Kontakte und erste Orientierung im neuen Land. Nach dem Projektende stellten die Wiener Volkshochschulen den ehemaligen Teilnehmenden kostenfreie bzw. ermäßigte Plätze im offenen Kursprogramm zur Verfügung, um Teilhabe zu sichern, Anschlussfähigkeit zu gewährleisten und einem Bruch in der Lernbiografie gerade junger asylwerbender Menschen vorzubeugen. Sie versuchten damit auf individueller Ebene eine aus Einspar-ungsnotwendigkeiten des Auftraggebers entstandene systemische Lücke zu füllen. Einige Menschen konnten dadurch sicherlich kurzfristig unterstützt werden, die Wirkung bleibt jedoch auf individueller Ebene. Menschen in österreichischen Asylverfahren durch Bildung und Beratung sinnvolle Tagesstrukturen und Perspektiven zu geben, bräuchte hingegen politischen Willen und eine längerfristige Finanzierung. 

Auch die den verpflichtenden Deutschkursen vorgelagerten Sprachstandserhebungen des ÖIF sind in ihrer Ausgestaltung eine systemische Barriere, an der integrationswillige Menschen scheitern können. Hochschwellige, digital implementierte Testverfahren liefern besonders bei digital ungeübten Personen methodenbedingt verzerrte Ergebnisse, bilden nur Momentaufnahmen ab und berücksichtigen weder Bildungsbiografien noch Belastungen. Anders das Zuweisungssystem des AMS Wien: Die BBE Deutsch Clearing der Wiener Volkshochschulen ist den Deutschkursen vorgelagert. Sie ergänzt standardisierte Tests um ausführliche Beratungsgespräche. Erst im Dialog mit den Teilnehmer*innen entsteht ein realistisches Bild, das Lernvoraussetzungen, Ziele und Lebensumstände einbezieht und so die Grundlage für passende Kurszuweisungen bildet. Auch die Erläuterung des Testergebnisses trägt zur Akzeptanz des zugewiesenen Kursplatzes bei – immerhin handelt es sich nicht um einen freiwilligen Kontext. Die BBE Deutsch Clearing ist nach mehr als 13 Jahren ein etablierter Bestandteil des AMS-Deutschkurs-Systems in Wien und trug in dieser Zeit deutlich zur Zufriedenheit der Teilnehmenden und zur Reduktion der Kursabbrüche bei – eine Erfolgsgeschichte mit größerer struktureller Wirkungstiefe.

Lange Nostrifizierungsverfahren und fehlende Anerkennung ausländischer Qualifikationen blockieren berufliche Integration. Viele Menschen verfügen über Abschlüsse und Berufserfahrung, die im österreichischen System nicht oder nur teilweise anerkannt werden. Die Wiener Volkshochschulen bieten mit Vorbereitungskursen für die Berufsreifeprüfung, Studienberechtigungsprüfung und Lehre mit Matura sowie mit BiDe (Bildungscoaching und berufsbezogenes Deutsch) konkrete Wege, um trotz bürokratischer Hürden und während längerer Wartezeiten realistische Perspektiven zu eröffnen. Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte und Vertriebene aus der Ukraine werden vor bzw. neben sprachlicher und fachlicher Qualifizierung im Kurs auch bei ihren Anerkennungsverfahren begleitet, bei der Dokumentenbeschaffung unterstützt und bei der Planung ihrer weiteren (Aus-)Bildungswege beraten. Dadurch werden Bildungsbiografien verkürzt und Chancen auf qualifikationsadäquate Beschäftigung erhöht.

Finanzielle Hürden, wie sie etwa durch Kürzungen der Wiener Mindestsicherung Anfang 2026 vermehrt für Alleinerziehende und Familien mit Kindern, Niedriglohnbeschäftigte und prekär Beschäftigte, ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen entstehen, erschweren speziell diesen sozioökonomisch schlechter gestellten Menschen den Zugang zu Bildung. Kursbeiträge, Fahrtkosten, Lernmaterialien oder fehlende technische Ausstattung können dazu führen, dass existierende Angebote für sie faktisch nicht nutzbar sind. Die Wiener Volkshochschulen begegnen dem mit Anerkennung des Mobilpasses der Stadt Wien für Ermäßigungen, sozial gestaffelten Kursbeiträgen und kostenlosen, frei zugänglichen Angeboten wie der Wiener Lernhilfe, die Kindern und Jugendlichen schulische Anschlussfähigkeit ermöglicht.

Die digitale Kluft führt bei Menschen mit geringer formaler Bildung, Fluchterfahrung oder Langzeitarbeitslosigkeit zu Barrieren bei Behördenwegen, AMS-Terminen und Bewerbungsprozessen. Wem Smartphone bzw. Computer, stabiles Internet oder grundlegende digitale Kompetenzen fehlen, ist von vielen Prozessen faktisch ausgeschlossen. Gleichzeitig kommt der kompetenten Nutzung von Social Media eine wachsende Bedeutung zu, da sie ein möglicher Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe sein kann, insbesondere für vulnerable Zielgruppen. Für viele von ihnen zählen soziale Netzwerke und Messenger Dienste zu den zentralen Informationsquellen für Alltagsthemen, Arbeit, Bildung oder rechtliche Fragen. Fehlende Medien  und Informationskompetenz erhöhen jedoch das Risiko, Desinformation, Verschwörungsnarrativen oder gezielten Falschmeldungen zu erliegen – insbesondere dort, wo sprachliche Barrieren, geringe institutionelle Anbindung oder ein stark eingeschränkter Zugang zu verlässlichen Informationsquellen bestehen. Digitale Exklusion bedeutet somit nicht nur den Ausschluss von formalen Prozessen, sondern auch eine erhöhte Anfälligkeit für Manipulation und gesellschaftliche Polarisierung. Die Lehrgänge zum Pflichtschulabschluss und zur Basisbildung der Initiative Level Up, das College 25+ und BiDe (Bildungscoaching und berufsbezogenes Deutsch) vermitteln daher digitale Bildung, die technische Grundkompetenzen ebenso wie kritische Medien  und Social Media Kompetenz umfasst, alltagsnah und stellen damit eine zentrale Voraussetzung für soziale Teilhabe, Selbstbestimmung und Chancengerechtigkeit dar.

Jugendliche und Erwachsene mit Justiz-erfahrung erleben oftmals harte Brüche in Bildungsbiografien. Haft, Bewährung, Auflagen und Stigmatisierung erschweren den Wiedereinstieg in Bildung und Arbeit. VHS-Jugendcoaching, BOA (Beratung, Orientierung, Arbeit) und AusbildungsFit-BOK begleiten Übergänge, bieten Beratung, Berufsorientierung, Praxiserprobung und Vermittlung in ein Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis. Wenn Volkshochschulen fokussiert mit Justiz, AMS, Sozialträgern und Betrieben zusammenarbeiten, können sie mit ihren Angeboten konkrete Perspektiven für Menschen mit Justizerfahrung schaffen.

Menschen, die außergewöhnlichen Belastungslagen wie Flucht oder Armut ausgesetzt sind, sind in besonderem Maße von Zugangshürden und Brüchen an den Schnittstellen der Systeme Arbeit, Soziales, Justiz und Migration betroffen. Politische und rechtliche Rahmenbedingungen ändern sich, Zuständigkeiten für Zielgruppen ­wechseln, Förderlogiken greifen nicht, Angebote sind nicht aufeinander abgestimmt. Die Volkshochschulen können hier eine Brückenfunktion übernehmen. Die Bildungsberatung in Wien an den Wiener Volkshochschulen fungiert als Schnittstelle zwischen Systemen und begleitet Erwachsene durch komplexe Übergänge – unabhängig von Alter, Herkunft oder formaler Qualifikation. One Stop Shop Modelle wie College 25+ oder Ausbildungsfit BOK bündeln Deutschkurse, Sozialberatung, Berufsorientierung und Vermittlung an einem Ort.

Politische Bildung erreicht vulnerable Gruppen oft nicht. Statt kritischer Partizipation stehen in vielen öffentlich finanzierten Kursen Pflichten, Wertevermittlung und Integrationsnormen der Mehrheitsgesellschaft und Forderungen der Politik im Vordergrund. Die Angebote der Wiener Volkshochschulen versuchen, in diesen Kurssettings mit Teilnehmenden institutionelle Erwartungshaltungen zu reflektieren, Machtverhältnisse zu thematisieren und konkrete Handlungsoptionen für demokratische Teilhabe zu vermitteln. Es geht nicht nur darum, „das System zu verstehen“, sondern darum, sich darin bewegen, es hinterfragen zu dürfen und mitgestalten zu können. Damit kommt gut das zugrundeliegende Verständnis der Wiener Volkshochschulen in der Förderung individueller Resilienz zum Ausdruck: Es geht nicht um das Aushaltenlernen von Belastung oder die Kompensation individueller Mankos, sondern darum, das Verständnis für strukturelle Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen von Menschen in vulnerablen Lebenssituationen zu stärken.

AMARO DROM: Rom*nja als elaboriertes Beispiel für vulnerable Zielgruppen

AMARO DROM ist ein Projekt, das auf den europäischen und nationalen Strategien zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma basiert – eine Gruppe, die gleich mehrfach von strukturellen Benachteiligungen betroffen ist. Durch den breiten Konsens auf EU-Ebene sind die Strategien elaboriert: Sie sind intersektional angelegt und benennen die Grenzen früherer individualisierter Integrationsansätze. Sie machen deutlich, dass individuelle sozioökonomische Inklusion mit Maßnahmen zur Gleichstellung und Partizipation kombiniert werden muss, um erfolgreich zu sein.

Rom*nja erfahren überdurchschnittlich häufig, dass Bildungsanstrengungen nicht automatisch zu Beschäftigung führen, insbesondere in einem Arbeitsmarkt, der nach wie vor von Diskriminierung geprägt ist. Sprachbarrieren und fehlende Bildungsabschlüsse erschweren den Zugang, bestehende (Aus-)Bildungsangebote zur Qualifizierung gehen jedoch häufig an der Lebensrealität dieser Zielgruppe vorbei: Starre Kurszeiten, komplexe Anmeldeverfahren, fehlende Sprachmittlung führen dazu, dass Rom*nja sie erst gar nicht in Anspruch nehmen.

Durch niederschwellige, kostenlose und kultursensible Bildungs  und Berufsberatung, Bewerbungscoaching und individuelle Perspektivenplanung schafft AMARO DROM konkrete Zugangsmöglichkeiten. Die mehrsprachige, lebensweltorientierte Beratung basiert auf Vertrauen statt auf Kontrolle. Aufsuchende Beratung und Unterstützung bei sozialen Problemlagen wie Wohnen, finanzieller Unsicherheit oder Behördenkontakten vermitteln Wissen und ermöglichen Teilhabe.

Das Projekt verfolgt auch die strategisch benannten Gleichstellungs- und Partizipationsziele: Durch Informations- und Sensibilisierungsarbeit zur Sichtbarmachung von Lebensrealitäten von Rom*nja trägt AMARO DROM dazu bei, Vorurteile abzubauen, ein Verständnis für sozioökonomische Ausschlussmechanismen und den Dialog zwischen Mehrheitsgesellschaft und vulnerabler Zielgruppe zu fördern. Dies ist besonders relevant vor dem Hintergrund eines tief verankerten Antiziganismus, der sich auf Bildungschancen, Erwerbsbiografien und das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum auswirkt.

AMARO DROM wirkt somit einerseits auf individueller Ebene im Sinne eines Empowerment-Ansatzes: Menschen werden ermutigt und befähigt, ihre eigenen Bildungs- bzw. Berufsbiografien aktiv zu gestalten. Andererseits wirkt AMARO DROM auf struktureller Ebene durch Sensibilisierung institutioneller Akteur*innen, Vernetzung von Communities und Sichtbarmachung von Diskriminierung von Rom*nja. Das Projekt steht exemplarisch für eine erwachsenenbildnerische Praxis, die soziale Ungleichheit nicht naturalisiert, sondern als Ergebnis veränderbarer gesellschaftlicher Strukturen begreift und bearbeitet. Das ist besonders in Zeiten mannigfaltiger Krisen wesentlich, um gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratiepolitische Festigung zu fördern.

Fazit: Die Rolle der Volkshochschulen für vulnerable Zielgruppen

Die Projekte und öffentlichen Aufträge der Wiener Volkshochschulen zeigen, dass Erwachsenenbildung – gerade im urbanen Kontext – eine tragende Säule sozialer Infrastruktur ist. Menschen, die aufgrund struktureller Benachteiligungen, Diskriminierung, Armut, instabiler Lebenslagen oder traumatischer Erfahrungen als vulnerabel gelten, begegnet die VHS mit einem tiefen Verständnis für ihre Lebensrealitäten. Vulnerabilität entsteht nicht aus individuellen Defiziten, sondern aus gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Teilhabe erschweren oder verhindern.

Volkshochschulen können strukturelle Lücken nicht kompensieren, aber sie können gleich einem soziologischen Seismographen durch Zielgruppennähe und Blick auf Übergänge sowie Barrieren wahrnehmen, mit gezieltem Lobbying bei relevanten Stellen zur Sprache bringen und – so Finanzierung und politischer Wille vorhanden sind –mit Angeboten sensibel reagieren. Zu kritisieren bleibt, dass Bildungsangebote für vulnerable Gruppen vorwiegend in eben jener Form zeitlich befristeter Projekte organisiert sind, wie sie hier dargestellt wurde. Mit verlässlicher, langfristiger Finanzierung, abgesichert durch gesetzliche Verankerung von Bildungsprogrammen, könnten Volkshochschulen ihre Rolle für vulnerable Zielgruppen nachhaltig erfüllen.

Die Wiener Volkshochschulen fungieren als Brückenbauerinnen zwischen Systemen, sie stellen keine Defizitdiagnosen, sondern sind Orte der Stabilisierung, Schutzräume, in denen Bildung ohne Beschämung möglich ist, und Motoren sozialer und wirtschaftlicher Teilhabe. Sie verbinden Bildung mit sozialer Arbeit, Arbeitsmarktintegration mit Empowerment, individuelle Unterstützung mit Reflexion struktureller Gegebenheiten. In einer Zeit wachsender Ungleichheiten und zunehmender politischer Polarisierung ist der Umgang mit vulnerablen Gruppen von zentraler demokratiepolitischer Bedeutung.

Erwachsenenbildung in diesem Sinne ist somit ein demokratisches Versprechen an Menschen, die als vulnerabel gelten. Ein Versprechen, dass Teilhabe möglich ist, wenn Barrieren abgebaut, Lebensrealitäten ernst genommen und Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Die Wiener Volkshochschulen erfüllen dieses Versprechen täglich, indem sie durch Bildung und Beratung einen unverzichtbaren Beitrag zu einer demokratischen, solidarischen und chancengerechten Stadtgesellschaft – heute und in Zukunft. //

Literatur

Amtswege Stadt Wien. Ausstellung eines Mobilpasses – Ansuchen. Verfügbar unter:  https://www.wien.gv.at/amtswege/ausstellung-mobilpass [7.4.2026].

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Die Wiener Volkshochschulen (2026): Die Projekte der Wiener Volkshochschulen. Die Wiener Volkshochschulen als Partnerin öffentlicher Auftraggeber*innen. Verfügbar unter: https://www.vhs.at/de/ueber-die-vhs/projekte [30.3.2026].

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Evers, John (2023): „Bildung ist Gemeinschaftsaufgabe“. Interview mit Heinz Fischer (2022). In: Rudolf Egger & Gerhard Bisovsky (Hrsg.), Die Volkshochschule im 21. Jahrhundert. Gemeinsam lernend (Aus-)Wege finden. Wien: Springer VS.

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Schlögl, Peter (2022): Basisbildung in Österreich: Bildungstheoretische und didaktische Grundlagen. Wien: Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung (öibf).

Stadt Wien – Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht (MA 40) (2026): Monatsbericht der Wiener Mindestsicherung (März 2026). Verfügbar unter:  https://www.wien.gv.at/spezial/mindestsicherung-monatsbericht/ [7.4.2026].

Steiner, Maria, Pessl Falkensteiner, Gabriele, Köpping, Maria, Juen, Isabella & Spoljaric, Katarina (2023): Evaluation der Initiative Erwachsenenbildung. Endbericht. Wien: Institut für Höhere Studien (IHS).

VÖV (2026): Klassismus in Österreich: Was die neue Studie zeigt und warum es Erwachsenenbildung braucht. Siehe: https://www.vhs.or.at/themen/aktuelles-wissenswertes/klassismus-in-oesterreich-was-die-neue-studie-zeigt-und-warum-es-die [7.4.2026].

Novacek-Luger, Bettina/Marco Schnell, Marco (2026): Vulnerabilität verstehen, Barrieren abbauen, Teilhabe ermöglichen – ein Blick auf die strukturellen Bedingungen von Erwachsenenbildung. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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