Paul Collier: Aufstieg der Abgehängten. Wie vernachlässigte Regionen wieder erfolgreich werden können.
München, Siedler Verlag, 2024, 399 Seiten.

paul-collier-aufstieg-der-abgehaengten_w

In seinem Buch „Aufstieg der Abgehängten“ („Left Behind“ im englischen Original) stützt sich der international renommierte Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier auf mehrere Beispiele aus der ganzen Welt. Von positiven Veränderungen wie auch von Misserfolgen soll gelernt werden und wird gelernt. Manche Schule der Wirtschaftswissenschaft wird sehr kritisch beleuchtet. Denn anstelle der oft gleichen Vorgehensweisen ist es notwendig, Strategien zu entwickeln, die auf dem lokalen Kontext aufbauen. Bei der Entwicklung von Regionen sind Marktkräfte keine tauglichen Instrumente, denn es geht darum, dass Entscheidungen zwischen Politik, Zivilgesellschaft, Finanziers, Unternehmen und privaten Haushalten zu koordinieren sind und dazu sind Preise nicht in der Lage, wie das von den Monetaristen behauptet wird. Aber auch die Wirtschaftswissenschaften, konzediert Collier, haben sich in der Regionalökonomik weiterentwickelt und können erklären, „warum die von ­Friedman1 als positiv dargestellten Marktkräfte in Wirklichkeit schädlich sind und wirtschaftliche Abwärtsdynamiken noch verschärfen“ (S. 13). Hingegen bestätige die Sozialpsychologie, die er in seine Ausführungen stark einbezieht, dass die Menschen prosoziale Lebewesen sind. 

Sir Paul Collier ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Public Policy an der Blavatnik School of Government der Universität Oxford, die Führungskräfte ausbildet. Weiters ist er akademischer Direktor des International Growth Centre in Oxford, einer Kooperation zwischen der London School of Economics (LSE) und der Universität Oxford. Collier ist außerdem Mitglied des Vorstands des Natural Resource Governance Institute und er berät lokale und nationale Regierungen zur regionalen Erneuerung.2

Eine nachhaltige Welt benötigt drei Dinge: „Gemeinschaften, Staaten und moralische Grenzen“ (ebd.). Mit diesen drei Elementen kann es gelingen, „Gesellschaften zu erneuern und in prosperierende und inklusive Gemeinwesen zu verwandeln (S. 366). Es steht in unserer Macht, diese aufzubauen. Sie sind deshalb so wichtig, weil eines der Prinzipien der Evolution bedeutet, dass der Mensch zu Gemeinschaften gehört. Gemeinschaften sind der „Klebstoff, der uns dazu veranlasst uns gut gegenüber anderen zu benehmen“ (ebd.). 

Jede Gesellschaft benötigt einen Staat, damit sie prosperieren kann. Der Staat erfüllt bestimmte Aufgaben, die nicht von der Privatwirtschaft erfüllt werden können. Sie können auch nicht importiert werden oder beispielsweise von NGOs bereitgestellt werden. Zu diesen „tragenden Säulen“ zählt Collier neben anderen die „Fähigkeit zur Besteuerung“, denn ohne eigene Einnahmen ist ein Staat in seiner Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. Als ein zweites zentrales Thema nennt er die Sicherheit, durch dieses „Gewaltmonopol“ werden die in einem Staat lebenden Menschen geschützt (S. 283 ff.). 

Wichtig sind „moralische Normen“ und ein starker Bezug auf das Gemeinwohl. Collier bezieht sich auf die Veröffentlichung von John Rawls‘ „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ im Jahre 1970. Demnach sei es als gerecht anzusehen, wenn der Lebensstandard einer Bevölkerungsgruppe, die am schlechtesten gestellt sei, auf das höchste erreichbare Niveau gehoben werde. In weiterer Folge bezieht sich Collier auf Michael Sandels Konzept der „kontributiven Gerechtigkeit“ (Beteiligungsgerechtigkeit): Jeder Mensch hat die Pflicht, das ihm Mögliche zum Gemeinwohl beizutragen, was auch darin bestehen kann, dass die eigene Stimme in einen Dialog eingebracht wird oder die Lebenserfahrungen mit anderen geteilt werden. Die Mächtigen haben auch dafür zu sorgen, dass die Menschen Einkommen in ausreichender Höhe erhalten (S. 40f.). 

Die Menschen sollen sich mit anderen zusammentun um „nach einer besseren Zukunft für unsere Gemeinschaft und unsere Gesellschaft zu streben“ (S. 312). Dazu sind eine gemeinsame Orientierung und ein geteilter Optimismus wichtig, führt Collier mit Bezug auf die Wirtschaftswissenschaftlerin und Public-Policy-Expertin Diane Coyle aus (ebd.). 

Anhand vieler Beispiele aus allen Kontinenten und zuletzt am Beispiel seiner Heimatgemeinde Sheffield, zeigt Collier, dass es sich lohnt die Stimme zu erheben: Auch gegen die „offiziellen Bemühungen, Untätigkeit (in Gremien) als Tätigkeit auszugeben“ (S. 377), neue Personen haben neue Dynamiken eingebracht und schließlich wurden mehr Kompetenzen und Finanzmittel in die betroffene Region transferiert. Verzweiflung sei daher nicht angebracht, meint Collier und es ist Zeit, „dass jeder von uns die Ärmel hochkrempelt und loslegt“ (S. 378). 

Empfohlen sei dieses Buch all jenen, die im Bereich der Wirtschafts- und Regionalpolitik aber auch der internationalen Politik tätig sind, als Akteure und/oder als Lehrende in der Erwachsenenbildung. //

1   Milton Friedman war einer der führenden Monetaristen, der unter anderem Ronald Reagan und Margret Thatcher beraten hat und von einer ‚natürlichen Arbeitslosenquote‘ gesprochen hat. 

2   https://www.bsg.ox.ac.uk/people/paul-collier [29.3.2025]

Bisovsky, Gerhard (2025): Paul Collier: Aufstieg der Abgehängten. Wie vernachlässigte Regionen wieder erfolgreich werden können. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2025, Heft 284/76. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zurück nach oben