Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen. „Diagnose-Enthusiasmus“, „gesellschaftliche Pathologisierungsprozesse“, „Mental-Health-Influencer*in“, „Healing“ sind einige der auffälligen Begriffe, wenn die Darstellung von psychischer Gesundheit auf Social-Media-Plattformen diskutiert und soziologisch analysiert wird. Dies unternimmt Laura Wiesböck, Soziologin am Institut für Höhere Studien in Wien. Absicht ihres Buches ist es, „die gegenwärtige Entschlossenheit, hinderliche und unangenehme Gefühlslagen, Handlungsweisen, Erfahrungen oder auch Personen krankhaft zu deuten“ (S. 11).
Die Autorin konstatiert und beschreibt, welche Vielfalt an Diagnosen über die psychische Verfasstheit, welche psychologischen Themen und medizinische Terminologie nicht zuletzt mit Hilfe von Social-Media öffentlich in Gebrauch sind. „Sad Girl Culture“ oder die „Romantisierung von Depression“, nur als zwei Beispiele genannt, sind aber auch Basis für erfolgreiche Kommerzialisierung durch Influencer*innen und Psychofirmen. Medikamente, therapeutische Dienstleistungen, aber auch stylische Produkte, z. B. „Anxiety“-beschriftete Haarspangen, werden vermarktet.
Wie inflationär Begriffe gebraucht werden, verdeutlicht Laura Wiesböck an „toxisch“ „Trauma“ und „triggern“. Die Autorin erklärt dies mit dem Bedürfnis, dass die eigenen Verletzungen anerkannt und individuelle Vulnerabilität aufgezeigt werden. Vermehrt wird der Wunsch nach eindeutiger Erklärung eines psychischen Zustandes vorgebracht. Mehrdeutigkeit irritiert. Die virtuelle Plattform gibt einen engen Rahmen vor, urteilt die Soziologin, wodurch die Ambivalenz menschlichen Verhaltens ausgeblendet wird – ein „eindeutiges“ Krankheitsbild wird konstruiert.
Die Autorin weist darauf hin, dass sich mittels Social-Media, eine „Laienexpertise“ – als Expert*innen agieren meist selbst Betroffene – etabliert hat. Sie üben besonders bezüglich psychischer Krankheiten eine hohe „Deutungsautorität“ aus. Gleichzeitig erhöht sich die Erwartung der Ratsuchenden, aus dem Internet vertrauenswürdige Information zur Hilfe bei Krisen zu erhalten. Die auskunfts- und beispielgebenden Influencer*innen und „Content Creators“ werden zu Autoritäten von Wissen. Durch ihre pädagogische Funktion, Wissen und Verhalten anderen, hauptsächlich (aber nicht nur) Erwachsenen zu vermitteln, praktizieren sie die Rolle von Weiterbildner*innen. Ohne dass es im Buch genannt wird, ist die Thematik plötzlich als ein Feld nicht institutionell organisierter Weiterbildung zu erkennen. Sind hier nicht viele „Selbsthilfegruppen“ im Netz aktiv? Ergeben sich dadurch für Forschende neue, spannende, herausfordernde Fragen – von der Qualität der Vermittlung bis zur fachlichen Legitimation der Vermittelnden?
Laura Wiesböck sieht in dieser „Hochstilisierung von Betroffenen zu Erfahrungsexpert*innen“ die gleiche Logik, wie wenn Influencer*innen ihren Follower*innen Probleme erklären und Rat geben. Wenn Letztere diese annehmen, sich damit identifizieren und selbst weitergeben, entsteht ein digital erzeugter „Modus der Nachahmung“. Laura Wiesböck erinnert, dass im digitalen Kapitalismus Inhalte Aufmerksamkeit durch starke Reize erzeugen wollen, um finanziellen Profit zu lukrieren. Differenzierte Aussagen haben auch bei gutem Willen und guten Absichten keine Priorität.
Im Weiteren diskutiert die Autorin „Pathologisierung als Entlastungsstrategie“. Auf psychische Probleme zu verweisen, dient oft, z. B. bei männlicher Gewalt gegen Frauen, um sich als Täter vor Verantwortung zu schützen. Außerdem ist es einfacher, als Opfer auszuhalten, von psychisch Belasteten als von Täter*innen bewusst und berechnend getäuscht oder beschädigt zu werden.
„Pathologisierung“ dient letztlich, um zugrunde liegende patriarchale Strukturen zu verschleiern. Gesellschaftliche Probleme werden dadurch individualisiert, ein Einzeltäter statt der gesellschaftlichen Verfasstheit in den Vordergrund gehoben. So werden rassistische Übergriffe oder Hassausbrüche nicht als gesellschaftlich mitbedingt verfolgt, sondern als individuelle Taten verharmlost.
Soziale Medien mit ihren verkürzten, knappen, oft fragmentarischen Informationen wirken dabei als Katalysatoren einer eindimensionalen Betrachtungsweise und einseitigen Be- und Verurteilung.
Auch im Kapitel „Mental Health und Selfcare als Wohlstandsphänomen“ argumentiert die Autorin gesellschaftsorientiert. Sie sieht im dominierenden Konzept des Neoliberalismus den Grund, warum Gesundheit, Ausgeglichenheit, positive Gestimmtheit, Belastbarkeit und Selbstsorge angestrebt werden. Mit Selfcare, mit Selbstsorgearbeit soll dem neuen neoliberalen Gesundheitsbewusstsein – „Healthism“ – entsprochen werden.
Kritisch betrachtet die Autorin eine in den sozialen Medien zunehmende neoliberale Spiritualität und spirituelle Industrie, die Menschen bewusst von ihren materiellen und politischen Realitäten fernhalten will. In diesen kritischen Fokus stellt die Autorin aktuelle Formen von „Healing“, die teilweise außerhalb therapeutischer und medizinischer Settings erfolgen.
Das letzte Kapitel plädiert für „zwischenmenschliche Ambivalenz und Trost“. Laura Wiesböck resümiert, dass die sozialen Medien, dem gesellschaftlichen Trend folgend, die individuelle Verantwortung für Gesundheit überbetonen. Zum anderen dominiert das „Prinzip der Eindeutigkeit“, wodurch weder intellektuelle noch emotionale Widersprüche oder Ungewissheiten Platz haben. Anstatt Menschen mit Problemen pathologisch zu kategorisieren oder „wegzuoptimieren“, fordert die Autorin soziale gemeinschaftliche Räume. Dort sollten „Menschen sich und andere in ihrem Erholungsbedürfnis, ihren Krisenphasen oder ihrer Traurigkeit annehmen können, ohne den Anspruch, daraus etwas Optimierendes oder Wachstumsförderndes zu ziehen“ (S. 158).
Mit wissenschaftlicher Diktion aber durchaus lesefreundlich und mit vielen Beispielen verfasst, warnt das Buch vor dem Einfluss der Social-Media-Szene speziell im Bereich psychischer Gesundheit. Aber es macht auch aufmerksam, welche neuen Formen in der Suche nach Beratung und in der Weitergabe von Wissen entstehen. Verantwortliche, Forschende, Lehrende im Bildungsbereich – besonders in der Erwachsenenbildung – erleben vielleicht gerade, wie ihre bislang auf gesicherte Qualität gestützte Autorität gründlich in Frage gestellt wird. //












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