„Die Dosis macht das Gift.“ Dieses Zitat vom Schweizer Arzt und Naturphilosophen Paracelsus (1493–1541) könnte auf die „Ideologie der Achtsamkeit“ zutreffen. Zuviel an Achtsamkeit lässt nur an das Selbst denken und darauf vergessen, die Welt, mit der es nicht zum Besten steht, zu verändern.
Kathrin Fischer, Redakteurin beim Rundfunk, Moderatorin und Podcasterin, tritt engagiert gegen zu viel achtsame Selbstbeschau auf. Ausgangspunkt für ihr Buch war ein von ihr 2022 gestarteter Podcast, „Erschöpfung statt Gelassenheit“. Die daraus hervorgegangene Fragestellung lautet: Warum sind wir so bedürftig nach Achtsamkeit?
Einleitend deklariert die Autorin ihr politisches Selbstverständnis. Achtsamkeit ist zu einer Strategie der Anpassung geworden, wodurch nur mehr das Selbst, nicht aber das gesellschaftliche Unbehagen und seine Ursachen verändert werden können.
Nicht ohne Situationskomik erzählt die Autorin über ihre Sehnsucht nach Gelassenheit und ihre Bemühungen mit Gleichgesinnten – vorwiegend Frauen – bei Zen-Meditationen und Yoga-Sitzungen. Auch über ihre Zweifel, jemals zu ihrem Selbst vordringen zu können. Sie schildert ihre tapferen Versuche, entspannende Praktiken zu üben, die Schmerzen langen Sitzens, geduldige Meditation und die Sehnsucht, dadurch gelassene Unverwundbarkeit gegen Einflüsse der Welt zu erreichen. Sie wollte gegenüber dem nicht kontrollierbaren Außen lernen, ihr Inneres zu kontrollieren.
Im Scheitern ihres Anliegens findet sie zu ihrer Problemstellung: Der Achtsamkeits-Hype ist ein Symptom, mit dem Menschen darauf antworten, dass sich ihnen die Welt „ungestaltbar“ zeigt. Daher die Intention ihres Buches: Nicht im Inneren das Heil der Welt suchen, sondern sich der Welt zuwenden und politische Lösungen suchen.
Kathrin Fischer zeichnet die Geschichte der Achtsamkeit vom Buddhismus (sie hat allerdings im Yoga einen mehrere tausend Jahre älteren historischen Ursprung) bis in ihre Vermarktung in der Gegenwart nach. Wichtig wird für die Autorin der Begriff „Selbst-Welt-Verhältnis“, um zu erfassen, worauf mit Praktiken der Achtsamkeit gesellschaftlich reagiert wird. Kurz geantwortet – auf eine anstrengende Welt, in der einfache Lösungen gesucht werden und die Erschöpfung auslöst.
Bestätigt fand sie das z. B. in Yoga-Kursen, in denen erschöpfte, überforderte und belastete Mittelschicht-Frauen Trost erwarteten. Ihre größten Sorgen: Angst vor Krieg und vor der Klimakatastrophe. Befeuert durch den Neoliberalismus, der alle gesellschaftlichen Ebenen und menschlichen Beziehungen seit den 1970er-Jahren mit Marktlogik durchzieht.
Die damit einhergehende Individualisierung, „jede/r hat selbst an seinem Schicksal Schuld“, erhöht den Druck auf Eigenverantwortung und Selbstoptimierung. Gefolgert wird, mehr Achtsamkeit nach „innen“.
Entgegen diesem Trend hält die Autorin für wichtig, sich der Realität zu stellen, sie nicht auszublenden und nicht in Zukunftsträume zu flüchten. Sie analysiert die reale „Vielfaltkrise“ und erklärt, warum die Welt bedrohlicher und unsicherer wurde sowie parallel seit den 1990er-Jahren Achtsamkeit in Mode kam. Erläutert wird die Entwicklung von Kapitalismus und Neoliberalismus bis zum aktuellen Tech-Kapitalismus. Es entsteht ein umfassendes Bild, wie sich die wirtschaftlichen Kräfte gegen demokratische durchgesetzt haben. Eine „Refeudalisierung“, eine Vererbung von Privilegien, Macht und Ressourcen, hat stattgefunden.
Kathrin Fischer warnt, mit Blick auf „Yoga-Frauen“, vor einer „Weltvergessenheit“, die übersieht, „dass es vor allem der Sieg der wirtschaftlichen Kräfte über die soziale Demokratie ist, der unser Leben so anstrengend macht“ (S. 127). Kritisch zusammenfassend listet sie „Glaubenssätze“ der Achtsamkeits-Ideologie auf, die dem Finanzkapitalismus und neoliberalen Positionen in die Hände spielen. Besorgt resümiert die Autorin, dass sich die neue Mittelklasse, hauptsächlich Menschen, die davon leben, anderen in Wort und Schrift die „richtige“ Lebensführung zu empfehlen, nur um sich selbst kümmert. Sie hält sich für individuell und einzigartig, aber entfaltet kein Bewusstsein, wer vom Wandel der letzten Jahre profitiert.
Was dagegen tun? Gibt es Alternativen? Darauf geht die Autorin im letzten Kapitel ein, indem sie an Formen der Gemeinwohl-Wirtschaft erinnert. Die damit verbundene Fähigkeit zu teilen, sieht sie als einen „Schlüssel menschlichen Erfolges“. Außerdem empfiehlt sie, Orte des Gemeinsamen zu kultivieren, um ein gemeinschaftliches Verständnis der Welt, soziales Engagement mit vielen Kontakten und Abkehr von ständiger Selbstverbesserung zu pflegen.
Mit ihrer Streitschrift gelingt Kathrin Fischer eine klare und stringente Anklage gegen die wirtschaftlichen Kräfte in den Diensten kapitalistischer-neoliberaler Ideologie als Ursachen von Erschöpfung und Stress. Praktiken der Achtsamkeit, die nach innen führen und nicht Ursachen im Außen erkennen lassen, lehnt Kathrin Fischer ab.
Zu bedenken bleibt, wo und wie sich die „Erschöpften“, die Autorin zählt besonders Frauen der Mittelschicht mit Meditationstechniken dazu, erholen – bevor sie sich gestärkt und aufgeklärt dem „Außen“ zuwenden. Das völlige Ausblenden der „Unterschicht“ bleibt ein eigener kritischer Diskussionspunkt!
Nicht zu vergessen, Achtsamkeit hat schon eine soziale Dimension. Achtsam zu sein, als eine zu übende und zu praktizierende pädagogische Tugend, bedeutet, jugendliche und erwachsene Lernende und Studierende in ihrer Individuallage, in ihren Vorerfahrungen mit Lernen, in ihrem jeweiligen Wissensstand aber auch bezüglich ihrer Emotionalität, was ihre Motivation, Interessen und Denkweisen betrifft, zu achten. Pädagogische Achtsamkeit will positive soziale Beziehungen und respektvolle Aufmerksamkeit füreinander bewirken.
So gesehen ist das Buch im Rahmen politischer Bildung aber auch in der Professionalisierung sehr geeignet, um zu ergründen, wie gesellschaftliche Belastungen im politischen und pädagogischen Denken und Handeln bearbeitet werden können – und welche „Dosis“ Achtsamkeit dafür angemessen ist. //












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