Bildung wird vererbt (natürlich ohne Erbschaftsteuer) – schon mehr als ein geflügeltes Wort, um das österreichische Bildungswesen zu charakterisieren. Sabine Weiß, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Forschungsschwerpunkt Inklusive Pädagogik, nimmt dies, wissenschaftlich formuliert, zum Ausgangspunkt ihrer Studie (S. 11): „Kinder von Arbeiterinnen und Arbeitern nehmen seltener und zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben ein Studium auf als Kinder, deren Eltern selbst einen Studienabschluss besitzen.“
Mit besonderem Augenmerk auf das Zugehörigkeitsgefühl („sense of belonging“) von Studierenden aus der „working-class“ untersuchte sie:
- wie sich dieses an der Universität entwickelt,
- welche Rolle öffentliche Universitäten dabei einnehmen,
- wie die soziale Herkunft der Studierenden ihre Einstellungen gegenüber dem Studium beeinflusst.
Nachdruck auf ihren Forschungsschwerpunkt Zugehörigkeitsgefühl legt die Autorin deshalb, um Institutionen im tertiären Sektor anzuregen, entsprechende integrative Konzepte zu entwickeln und zu erproben. Dieser Aspekt wird nämlich in Forschung und Praxis zu wenig beachtet.
Den ersten Hauptbegriff ihrer Studie, Zugehörigkeitsgefühl, definiert die Autorin mit Bezug auf bildungssoziologische Studien von Pierre Bourdieu (1930–2002) als Produkt der Unterstützung von u. a. Studien-kollegen*innen, Tutoren*innen, Vortragenden, wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen. Darunter subsumiert sie auch (S. 17) „das Verständnis der Spielregeln im universitären Feld und das Passungsgefühl“.
Den zweiten Hauptbegriff, Working-class-Studierende, so in der internationalen Fachliteratur verwendet, definiert sie als „Kind einer Arbeiterfamilie“. Impliziert werden Bildungsstand, berufliche Stellung und (meist niederes) Einkommen der Eltern sowie auch die Bezeichnung „Studierende der ersten Generation/first generation“.
Nach den Begriffsbestimmungen folgt der Aufbau des Buches, es handelt sich um eine leicht überarbeitete, 2024 an der Wirtschaftsuniversität eingereichte und schon ausgezeichnete Dissertation, dem für Abschlussarbeiten bewährten wissenschaftlichen Drehbuch. Das folgende dritte Kapitel schildert den „Stand der Forschung“. Zugehörigkeitsgefühl wird als wichtige Komponente für akademische Leistung, für Motivation und Erfolg bestätigt. Als Forschungslücke registriert die Autorin, wie die Rolle der Institution mit der Entfaltung von Zugehörigkeitsgefühl zu verbinden ist.
Im vierten Kapitel, „Theoretische Konzepte der Studie“, wird der Beitrag von Pierre Bourdieu zur Ungleichheitsforschung sowie die Bedeutung der von ihm formulierten Kapitalarten (ökonomisch, kulturell, sozial) für die Analyse sozialer Reproduktion diskutiert. Als Ergebnis hebt die Autorin hervor, dass das Zugehörigkeitsgefühl Folge der Interaktion zwischen Habitus und Institutionen ist, nicht nur Resultat von spontanem zwischenmenschlichem Austausch.
„Methodologie – Design der Studie“ werden im folgenden Kapitel dargestellt. Die prozessorientierte Grounded Theory wurde für das Forschungsvorhaben gewählt, neunzehn problemzentrierte Interviews wurden ausgewertet. Bei den Interviewten handelt es sich durchwegs um Studierende aus der „working-class“. Bis auf eine Person mit deutscher Staatsangehörigkeit haben alle anderen Interviewten österreichische Staatsbürgerschaft. Sample, Methode und Auswertung der Erhebung werden detailliert und nachvollziehbar beschrieben.
Im letzten Kapitel beantwortet Sabine Weiß übersichtlich ihre Forschungsfragen und stellt Zusammenhänge zwischen ihren Erkenntnissen und Konsequenzen für eine veränderte Praxis in Hochschulen her, um Studienerfolge zu erhöhen.
Die Autorin betont zum Abschluss, dass Working-class-Studierende aus ihrer sozialen Herkunft für ein Studium sehr wichtige Kompetenzen, z. B. hartes Arbeiten, Selbstmanagement, Fleiß, Konsequenz, Flexibilität, mitbringen. Die soziale Herkunft aus der „working-class“ ist deshalb „auch als Ressource zu betrachten“ (S. 141).
Im übergreifenden Sinn bringen die Erkenntnisse der Studie für die Erwachsenen- und Weiterbildung – speziell im zweiten Bildungsweg oder in den wissenschaftsorientierten Angeboten – interessante Anregungen. Z. B.: Lehren ist mehr, als Wissen zu vermitteln. Lehrende sollten Lernende in ihrer jeweils speziellen Individualität, in ihrer Lern- und Lebensgeschichte, in ihrem sozialen Beziehungsfeld achten. Es empfiehlt sich ein situatives Lehren. Das heißt: Lehrende stehen nicht Empfänger*innen gegenüber, sondern betrachten sich in teilnehmerorientierten Lehr-Lernsituationen, in denen Lehrende gemeinsam mit Lernenden in kreativen Prozessen interagieren, um Erkenntnisse und Wissen zu schaffen.
Das Buch eignet sich besonders für die Professionalisierung, aber auch als positives Beispiel, wie Forschung im Bildungsbereich geplant und durchgeführt werden kann. //












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