1 Studienhintergrund und Ziele der Studie
Die Bekämpfung der Langzeitbeschäftigungslosigkeit ist eine zentrale Aufgabe der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Trotz der Etablierung vielfältiger Instrumente und Betreuungsformen zeigen sich Grenzen bei den Erfolgen einer dauerhaften Integration langzeitbeschäftigungsloser Menschen in den Arbeitsmarkt. Hier setzt eine rezente, von L&R Sozialforschung im Auftrag des Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) durchgeführte Studie an, deren zentrale Ergebnisse im vorliegenden Artikel reflektiert werden (Riesenfelder et al.: 2025). Die Studie verfolgt das Ziel, die Möglichkeiten und Grenzen der erfolgreichen Arbeitsmarktintegration von langzeitbeschäftigungslosen Personen zu erforschen.
Zur Beantwortung dieser Fragestellung wurden in einem ersten Schritt Struktur- und Längsschnittanalysen von AMS-DWH-Daten und Tageskalenderdaten des Dachverbands der Sozialversicherungsträger Österreichs mit Fokus auf die Gruppe der langzeitbeschäftigungslosen Personen des Jahres 2022 vorgenommen. Darauf aufbauend wurde eine Befragung von langzeitbeschäftigungslosen Personen mittels eines repräsentativen quotengesteuerten Online-Surveys durchgeführt und durch eine fernmündliche Befragung ergänzt. Der daraus resultierende Gesamt-Datenbestand wurde zuerst einer deskriptiven Analyse der Ursachen, Hintergründe und Probleme der Arbeitslosigkeit unterzogen. Im Anschluss daran wurden die Daten mit multivariaten statistischen Modellen der logistischen Regression hinsichtlich zentraler Einflussfaktoren auf die Arbeitsmarktintegration der Langzeitbeschäftigungslosen im Nachbeobachtungszeitraum untersucht. Anschließend wurde eine differenzierte Beurteilung der Teilnahme an arbeitsmarktpolitischen Angeboten vorgenommen und eine typisierende Beschreibung langzeitbeschäftigungsloser Personen erstellt.
In der Jahresstatistik 2022 des AMS wurden durchschnittlich 89.450 langzeitbeschäftigungslose Personen gemessen. Mit einer Anzahl von 2.228 Fällen deckt die im Rahmen der Studie durchgeführte Befragung der langzeitbeschäftigungslosen Personen somit eine Stichprobe im Umfang von 2,5 Prozent des Jahresdurchschnittsbestands ab. Da die Befragung hinsichtlich der zentralen soziodemographischen Merkmale repräsentativ für diese Personengruppe ist, lassen sich aus den Ergebnissen Schlüsse ziehen, die für langzeitbeschäftigungslose Personen in Österreich insgesamt gelten.
Zusätzlich wurden die Möglichkeiten und Grenzen des (Wieder-)Einstiegs langzeitbeschäftigungsloser Personen in das Berufsleben aus der Perspektive der Betriebe beleuchtet. Dabei wurde der Beitrag der Betriebe zur Arbeitsmarktintegration langzeitbeschäftigungsloser Personen sowie zur Prävention des Übertritts in Langzeitbeschäftigungslosigkeit erforscht. Zu diesem Zweck wurde eine Befragung von Personalverantwortlichen in Betrieben mittels eines Online-Surveys durchgeführt und durch eine fernmündliche Befragung ergänzt.
2 Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit und Unterstützungsbedarfe
Zu den häufigsten individuellen Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit zählten den Angaben der Langzeitbeschäftigungslosen zufolge gesundheitliche Beschwerden (47 Prozent) sowie Pflege- und Betreuungspflichten (20 Prozent) und fehlende Qualifikationen oder Fachkenntnisse (19 Prozent). Diese Ergebnisse befinden sich im Einklang mit dem Themenpapier von Arbeit Plus (2024), welches die Erhöhung des Risikos für Langzeitbeschäftigungslosigkeit durch gesundheitliche Beeinträchtigungen und niedrige formale Bildung feststellt. Dementsprechend konnten Unterstützungsbedarfe im Bereich bedarfsorientierter Aus- und Weiterbildungsangebote (43 Prozent) identifiziert werden.
Interessant ist aber, dass nur vergleichsweise wenige der befragten Betriebe unzureichende bzw. fehlende Fachkenntnisse oder Qualifikationen als eine Herausforderung bei der Beschäftigung von langzeitbeschäftigungslosen Personen (32 Prozent) wahrnahmen. Auch hinsichtlich der vorhandenen Deutschkenntnisse divergieren die Einschätzungen der Langzeitbeschäftigungslosen und der Betriebe: Während lediglich vier Prozent der Langzeitbeschäftigungslosen unzureichende Deutschkenntnisse als einen Risikofaktor für Arbeitslosigkeit betrachteten, empfand ein Drittel der Betriebe dies als herausfordernd bei der Aufnahme von Langzeitbeschäftigungslosen.
Mit Blick auf das Geschlecht zeigte sich eine Ungleichverteilung einzelner Risikofaktoren zu Ungunsten von Frauen, die sich hauptsächlich im Bereich der Pflege- und Betreuungspflichten sowie der Mobilität und der Höhe der monatlichen Transferleistungen verorten lassen.
Auf struktureller bzw. institutioneller Ebene stellten insbesondere fehlende Einladungen zu Bewerbungsgesprächen (55 Prozent) sowie fehlende Antworten auf Bewerbungsschreiben (46 Prozent) große Herausforderungen bei der Arbeitssuche dar. Demzufolge wurde die Hilfe bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen (41 Prozent) als häufiger Unterstützungsbedarf genannt sowie der Wunsch nach individuellem Bewerbungstraining (32 Prozent) geäußert. Aber auch die Verbesserung der Informationslage über offene Stellen (48 Prozent) stellt einen zentralen Wunsch Langzeitbeschäftigungsloser im Zusammenhang mit dem Bewerbungsprozess dar. Die Benachteiligung bei der Arbeitssuche aufgrund des Alters (46 Prozent) war ein weiterer hinderlicher Faktor, dem eine große Bedeutung beigemessen wurde.
Weitere zentrale Unterstützungsbedarfe für langzeitbeschäftigungslose Personen bestehen in der Bereitstellung von Unterstützungsangeboten durch zukünftige Arbeitgeber*innen (43 Prozent) sowie im Bereich Gesundheit, etwa durch Beratungsangebote bei persönlichen Schwierigkeiten (42 Prozent und durch gesundheitsfördernde Angebote (40 Prozent).
AMS-Angebote zielen darauf ab, diese Unterstützungsbedarfe möglichst umfassend zu adressieren. In weiterer Folge wird die Bewertung der AMS-Betreuung aus Sicht der Langzeitbeschäftigungslosen näher dargelegt.
3 Inanspruchnahme von und Zufriedenheit mit AMS-Angeboten und AMS-Betreuungsleistungen aus Sicht der langzeitbeschäftigungslosen Personen
In den letzten 365 Tagen vor dem Untersuchungsstichtag im Jahr 2022 hat ein Großteil (70 Prozent) der langzeitbeschäftigungslosen Personen das Angebot einer Beratungs- und Betreuungseinrichtung (BBE) in Anspruch genommen, womit diese Angebotsform auch den weitaus größten Anteil der Teil-nahmen abdeckt. Bei weiteren neun Prozent fanden sich Kurskostenförderungen, bei fünf Prozent geförderte Beschäftigungsverhältnisse des Typs SÖB (Sozialökonomischer Betriebe) und GBP (geförderte Beschäftigungsprojekte), bei weiteren vier Prozent jeweils Aus- und Weiterbildungen, Berufsorientierungen und Basisbildungen und bei drei Prozent Eingliederungsbeihilfen. Der Rest der Teilnahmen erreichte Anteilswerte von maximal einem Prozent.
Knapp ein Viertel der Langzeitbeschäftigungslosen hat im letzten Jahr an keinen AMS-Angeboten teilgenommen. Dessen ungeachtet verzeichneten die langzeitbeschäftigungslosen Personen eine relativ hohe Zufriedenheit mit den AMS-Angeboten. Insbesondere die Zufriedenheit mit der begleitenden Beratung und Betreuung durch externe Anbieter*innen (70 Prozent sehr/eher zufrieden) und mit der Betreuung durch AMS-Berater*innen (67 Prozent) fiel sehr positiv aus, aber auch die Aus- und Weiterbildung (67 Prozent) und die Eingliederungsbeihilfe (65 Prozent) trafen bei den Langzeitbeschäftigungslosen auf großen Zuspruch. Vergleichsweise kritischer wurden das Unternehmensgründungsprogramm des AMS (55 Prozent) und die SÖBs (50 Prozent) beurteilt.
Ein näherer Blick auf die AMS-Betreuung zeigte, dass die Langzeitbeschäftigungslosen insbesondere den höflichen Umgang der AMS-Berater*innen (81 Prozent stimmen sehr/eher zu), die gut verständlichen Erklärungen (78 Prozent) und die ausreichenden Kontakte mit den Berater*innen (77 Prozent) positiv bewerteten. Gemäß der logistischen Regressionsanalyse steht eine positive Bewertung der Erklärungen seitens der AMS-Berater*innen mit einer deutlich höheren Erwerbschance in Verbindung.
Ein Großteil der befragten Betriebe hatte Erfahrungen mit AMS-Förderungen für langzeitbeschäftigungslose Personen. Insbesondere die Arbeitskräfteüberlasserbetriebe (84 Prozent) haben bereits AMS-Förderungen in Anspruch genommen. Darüber hinaus konnten vor allem Mittel- und Großbetriebe (75 Prozent) sowie Betriebe in Ostösterreich (79 Prozent) bereits Erfahrungen mit AMS-Förderungen sammeln. Diese äußerten generell eine hohe Zufriedenheit hinsichtlich der Abrechnung (88 Prozent sehr/eher zufrieden) und Beantragung (87 Prozent) der Förderungen, aber auch der verfügbaren Informationen über Fördermöglichkeiten (82 Prozent). Die Höhe der finanziellen Förderungen (72 Prozent) wurde hingegen kritischer beurteilt. Wurden AMS-Förderungen bislang nicht in Anspruch genommen, stellten das fehlende Wissen über Fördermöglichkeiten sowie keine Notwendigkeit für AMS-Förderungen (jeweils 47 Prozent trifft sehr/eher zu) die Hauptgründe dafür dar.
4 Zentrale Themenfelder und Einflussfaktoren auf die Beschäftigungsaufnahme
Nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl an gleichzeitig möglichen potenziellen Einflussfaktoren auf eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration werden rein deskriptive Analysen keine erschöpfenden und inhaltlich aussagekräftigen Erkenntnisse in dieser Sache tätigen können. Zur Vermeidung dieses Problems wurde in der Studie auf ein zentrales multivariates Modell der logistischen Regression zurückgegriffen. Mit diesem Modell wurde es möglich, die Vielzahl der potenziellen Einflussfaktoren und ihre Dimensionen gemeinsam zu untersuchen. Somit konnten allfällige Scheinkorrelationen zwischen einem potenziellen Einflussfaktor und der Zielvariable ausgeschlossen werden. Das zentrale Modell wurde um weiterführende Logit-Detailanalysen auf Angebotsebene ergänzt, die den Beitrag ausgewählter arbeitsmarktpolitischen Angebotsformen auf die Arbeitsmarktintegration näher untersuchten.
Die zu erklärende Zielvariable basiert dabei auf Erwerbskarrierenanalysen: Demnach ist für die Gruppe der langzeitbeschäftigungslosen Personen des Jahres 2022 ein Beschäftigungserfolg gegeben, wenn im sechsmonatigen Nachbeobachtungszeitraum zwischen Oktober 2023 und März 2024 zumindest 91 durchgehende Beschäftigungstage oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze vorlagen.
Die Input-Variablen speisten sich für das zentrale Logit-Modell zum einen aus der Befragung der langzeitbeschäftigungslosen Kund*innen des Jahres 2022 mit zirka 150 Items, zum anderen aus einem umfangreichen Indikatorenset basierend auf DWH- und DV-Auswertungen mit mehr als 310 Indikatoren. Nach einer Reihe von Prüf- und Abstimmungsläufen kristallisierten sich im zentralen Logit-Modell 34 Input-Variablen als jene mit signifikantem Einfluss2 auf die Erwerbsentwicklung heraus. Dabei wird ersichtlich, dass den Themen Gesundheit, Alter, Bildungsniveau, Fachkenntnisse, Geschäftsfalldauer, Wohnregion und Angebotsteilnahme ein sehr hoher Stellenwert einzuräumen ist. Zu den weiteren Themen mit signifikantem Einfluss zählen die finanzielle Situation der langzeitbeschäftigungslosen Personen, Mobilität, gesichertes Wohnen, der Status Wiedereinsteiger*in und das Alter der Kinder, sowie Beratung und Begleitung und weiters auch Einträge zum Berufswunsch und zur Branche des letzten Dienstverhältnisses.
Mittels der Detailanalysen wurden für sechs ausgewählte Angebotsformen, die im Zeitraum von drei Monaten rund um den Untersuchungsstichtag eine Mindestanzahl von 70 Teilnahmen verzeichneten, weiterführende deskriptive Analysen durchgeführt sowie vereinfachte Logit-Teilmodelle bestehend aus zentralen Variablen in den Bereichen Sozialcharakteristika sowie Informationen zum Gesundheitszustand und zur Geschäftsfalldauer erstellt.
Aus dem Zusammenspiel der Befunde aus den deskriptiven Analysen und der logistischen Regressionsanalysen konnten letztlich nachfolgende vier zentrale Themenfelder isoliert werden.
4.1 Themenfeld „gesundheitliche Situation“
Die gesundheitliche Situation langzeitbeschäftigungsloser Personen erwies sich als besonders entscheidend für die (Wieder-)Aufnahme einer Berufstätigkeit. Gesundheitliche Beschwerden wurden als der häufigste individuelle Risikofaktor für Arbeits-losigkeit genannt – wie auch die Fachliteratur zeigt (bspw. Paul & Zechmann: 2018; Paul et al.:2016, Reidl et al.: 2017). So umfasst der Typ der gesundheitlich belasteten Personen die größte Personengruppe mit einem Anteilswert von rund 29 Prozent. Die logistische Regressionsanalyse zeigte zudem, dass mehrfache gesundheitliche Beschwerden sich stark negativ auf die Erfolgschancen langzeitbeschäftigungsloser Personen hinsichtlich ihrer (Wieder-)Beschäftigung im Nachbeobachtungszeitraum auswirken – ein hochsignifikantes Ergebnis.
Detailanalysen auf Angebotsebene zeigen allerdings, dass manche arbeitsmarktpolitische Angebote eine Hebelwirkung für mehrfach gesundheitlich belasteten Langzeitbeschäftigungslose haben können. So wiesen beispielsweise die Kurskostenförderungen positive Effekte bei Personen dieser Teilgruppe aus, ebenso wie die Beratungs- und Betreuungsangebote und das insgesamt sehr wirksame Angebot der Eingliederungsbeihilfe.
Auch aus Sicht der befragten Betriebe stellten gesundheitsbedingte Einschränkungen im Arbeitsalltag (55 Prozent) sowie Ausfälle aufgrund von gesundheitlichen Beschwerden und häufigen Krankenständen (54 Prozent) zentrale Herausforderungen bei der Beschäftigung von Langzeitbeschäftigungslosen dar.
4.2 Themenfelder „höheres Lebensalter und Altersdiskriminierung“
Mit höherem Alter erwies sich die (Wieder-)Eingliederung langzeitbeschäftigungsloser Personen in den Arbeitsmarkt als zunehmend schwierig, was auf ein Zusammenspiel von sich häufenden Risikofaktoren und Formen von Altersdiskriminierung zurückzuführen ist. In der Folge umfasst die Typologie der älteren, bei der Arbeitssuche benachteiligten Langzeitbeschäftigungslosen die zweitgrößte Personengruppe mit rund 18 Prozent.
Mit höherem Alter steigen auch die mehrfachen gesundheitlichen Belastungen in der Untersuchungsgruppe sukzessive. Darüber hinaus nahmen ältere Langzeitbeschäftigungslose ab 55 Jahren generell in geringerem Ausmaß Beratungs- und Betreuungsangebote in Anspruch. Ebenso sinkt die Inanspruchnahme von externen Kursförderungen und Eingliederungsbeihilfen. Vor dem Hintergrund, dass sich Eingliederungsbeihilfen gemäß der logistischen Regressionsanalyse besonders positiv auf die Beschäftigungschancen niederschlagen, stellt dies einen weiteren Hinderungsgrund für die (Wieder-)Beschäftigung älterer langzeitbeschäftigungsloser Personen dar.
Aber auch unabhängig von diesen Einflussfaktoren hat ein Lebensalter ab 55 Jahren selbst eine höchst signifikante negative Auswirkung auf die Erfolgschancen Langzeitbeschäftigungsloser, wie den Befunden der logistischen Regressionsanalyse zu entnehmen ist. Dies deutet direkt auf die Evidenz von Altersdiskriminierung hin – und zwar unabhängig von Fachqualifikation oder gesundheitlichen Lagen. Dass ältere Personen schlechtere Chancen haben, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, konnten auch eine SORA-Studie (Schönherr & Bohrn 2023) nachweisen, und ein Themenpapier von Arbeit Plus (2024) identifiziert ein höheres Alter als zentralen Risikofaktor für Langzeitbeschäftigungslosigkeit.
In der Betriebsbefragung finden sich indirekte Hinweise auf mögliche altersspezifische Ungleichheiten in der Behandlung von langzeitbeschäftigungslosen Personen. So wurde beispielsweise von mehr als die Hälfte der befragten Betriebe eine hohe Ausfallquote aufgrund häufiger Krankenstände als Herausforderung gesehen – ein Aspekt, welcher häufig altersspezifisch konnotiert ist.
4.3 Themenfeld „Pflege- und Betreuungspflichten“
Pflege- und Betreuungspflichten spielen eine ebenso wichtige Rolle für die (Wieder-)Aufnahme einer Berufstätigkeit, indem sie zu den häufigsten Risikofaktoren zählen. Rund ein Drittel der befragten Betriebe stimmte dem zu und beurteile die eingeschränkte zeitliche Verfügbarkeit, etwa aufgrund von Kinderbetreuung oder Pflegetätigkeiten, als eine zentrale Herausforderung bei der Beschäftigung Langzeitbeschäftigungsloser.
Im Bereich der Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen lassen sich wesentliche geschlechtsspezifische Unterschiede zu Ungunsten der Frauen aufzeigen: Insbesondere, wenn Pflichten für die Pflege und/oder Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Erwachsenen nicht mit anderen geteilt wurden, lagen diese hauptsächlich in der Verantwortung von Frauen (22 Prozent zu acht Prozent der Männer). Demzufolge haben Frauen häufiger mit Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von familiärem und beruflichem Leben sowie mit Benachteiligungen aufgrund ihrer Elternschaft zu kämpfen.
So umfasst die Typologie der Personen mit Vereinbarkeitskonflikten aufgrund von Pflege- oder Betreuungspflichten rund elf Prozent der Langzeitbeschäftigungslosen. Die logistische Regressionsanalyse zeigt in diesem Zusammenhang, dass der Wiedereinsteiger*innen-Status sich hemmend auf die Beschäftigungschancen langzeitbeschäftigungsloser Personen auswirkt, wenngleich die Chancen auf Erwerbsübergänge mit Zunahme des Alters des jüngsten Kindes wieder deutlich steigen. Ergänzend sei anzumerken, dass auch der Wiedereinsteiger*innen-Status Frauen wesentlich häufiger als Männern erteilt wird (26 Prozent zu drei Prozent). Ähnliche Tendenzen konnten auch in der Fachliteratur aufgefunden werden: So verzeichnen in Österreich lebende Frauen mit einem oder mehreren jungen Kindern im Kindergartenalter eine deutlich niedrigere Beschäftigungsquote als Frauen ohne Kinder, oder sind deutlich stärker von einem Teilzeiteffekt betroffen (Grand et al.: 2021).
4.4 Themenfelder „niedriger Bildungsgrad und fehlende Qualifikationen“
Ein niedriges Bildungsniveau sowie mangelnde Qualifikationen und unzureichendes Fachwissen stellen für einen erheblichen Anteil der Langzeitbeschäftigungslosen wesentliche Herausforderungen bei der (Wieder-)Aufnahme einer Beschäftigung dar, wie die typisierende Analyse zeigte. Auch das zentrale Logit-Modell bestätigt, dass das Fehlen notwendiger Qualifikationen und Fachkenntnisse sich negativ auf die Beschäftigungschancen Langzeitbeschäftigungsloser auswirkt. Ebenso geht aus den Analysen hervor, dass Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit generell überdurchschnittlich oft niedriger gebildete Personen betreffen sowie, dass der Beschäftigungserfolg mit höherem Bildungsgrad tendenziell zunimmt.
Hinsichtlich der in Anspruch genommenen AMS-Angebote zeigte sich, dass Personen mit niedrigerem Bildungsgrad tendenziell häufiger eine geförderte Beschäftigung am zweiten Arbeitsmarkt (SÖB, GBP) ausübten und vergleichsweise seltener externe Kurskostenförderungen erhielten oder an Aus- und Weiterbildungen des AMS teilnahmen.
Den Ergebnissen der Typenbildung zufolge beläuft sich der Umfang der Personen mit fehlenden Qualifikationen/Fachkenntnissen auf rund 17 Prozent – diese ist somit die drittgrößte Personengruppe.
4.5 Beschäftigungseffekte der Teilnahmen an ausgewählten AMS-Angeboten
Die Wirksamkeit ausgewählter AMS-Angebote auf die Erwerbskarriere der teilnehmenden Langzeitbeschäftigungslosen wurde mittels deskriptiver Analysen und multivariater Logit-Modelle näher untersucht. Insbesondere die Eingliederungsbeihilfe verzeichnete den Ergebnissen zufolge starke positive Beschäftigungseffekte. So beläuft sich der Beschäftigungserfolg unter den Teilnehmenden im Nachbeobachtungszeitraum auf rund 48 Prozent, unter den Nicht-Teilnehmenden hingegen auf rund 16 Prozent bei einem hochsignifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen im Ergebnis. Als bemerkenswert erscheint der Umstand, dass die Teilnahme an Eingliederungsbeihilfen auch bei Langzeitbeschäftigungslosen mit mehrfachen gesundheitlichen Beschwerden oder langer Geschäftsfalldauer signifikante positive Erfolge auf Ebene der Beschäftigung erbringt. Auch die befragten Betriebe hoben die Wirksamkeit der Eingliederungsbeihilfen und ihren Beitrag zur Erhöhung der Einstellungschancen langzeitbeschäftigungsloser Personen mehrfach hervor.
Ebenso hatten auch Teilnahmen an Kurskostenförderungen im Zeitraum von drei Monaten rund um den Untersuchungsstichtag starke positive Einflüsse auf die Beschäftigungssituation Langzeitbeschäftigungsloser im Nachbeobachtungszeitraum mit einem Beschäftigungserfolg von rund 32 Prozent im Gegensatz zu rund 16 Prozent ohne Teilnahme an Kurskostenförderungen. Allerdings gilt diese positive Wirkung nur bei Langzeitbeschäftigungslosen mit einer Geschäftsfalldauer unter 24 Monaten. Eine zeitgerechte Anwendung erscheint daher ratsam.
Weiters kann bei Beratungs- und Betreuungsangeboten eine etwas weniger stark ausgeprägte, aber dennoch eindeutig positive Beschäftigungswirkung mit einem Beschäftigungserfolg unter den Teil-nehmenden von rund 21 Prozent nachgewiesen werden. Was die Geschäftsfalldauer betrifft, empfiehlt sich auch bei Teilnahmen an BBE-Angeboten eine möglichst frühe Unterstützung – jedenfalls innerhalb von 24 Monaten.
Eindeutig positiv fällt nach statistischer Prüfung durch ein Logit-Modell der Effekt geförderter Beschäftigungsangebote am zweiten Arbeitsmarkt (SÖB, GBP) auf die Beschäftigungssituation aus. Auch in diesem Fall zeigt die Teilnehmendengruppe eine höhere Beschäftigungschance mit einem Beschäftigungserfolg von rund 21 Prozent im Nachbeobachtungszeitraum gegenüber 16 Prozent Beschäftigung bei der Vergleichsgruppe. Allerdings ergeben auch hier weiterführende Analysen, dass bei einer Geschäftsfalldauer ab 24 Monaten keine statistisch nachweisbaren positiven Effekte mehr vorliegen.
Für die Angebotsformen der Aus- und Weiterbildung und der Basisbildung können auf Basis des mittelfristigen Untersuchungsdesigns keine statistisch nachweisbaren Effekte auf die Beschäftigung nachgewiesen werden. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass längerfristige Verlaufsbeobachtungen davon abweichende Ergebnisse zutage bringen.
5 Typologie der langzeitbeschäftigungslosen Personen im Überblick
Die Typisierung der langzeitbeschäftigungslosen Personen verdichtet die Befunde aus den einzelnen Themenschwerpunkten zu einem Gesamtbild. Die einzelnen Problematiken und Ressourcen weisen unterschiedlichste und einander in wesentlichen Teilen überlagernde Ursachen und Hintergründe auf. Um wichtige Informationen nicht zu überdecken, ist eine Überschneidung der einzelnen Typen daher möglich.
Letztlich konnten sechs primäre Haupttypen und drei ergänzende Sekundärtypen von langzeitbeschäftigungslosen Personen extrahiert werden, welche insgesamt 68 Prozent der Langzeitbeschäftigungslosen erfassen. Die verbleibenden rund 32 Prozent der Zielgruppe bilden eine Restkategorie, welche keine Auffälligkeiten entlang der festgelegten Kriterien aufweist. Die neun Typen lassen sich wie folgt charakterisieren:3
Typisierung der langzeitbeschäftigungslosen Personen
Primäre Haupttypen
Typ 1: Gesundheitlich belastete Personen (Anteil: 29,3 Prozent, Anzahl: 26.200 Personen)
Typ 2: Ältere, bei der Arbeitssuche benachteiligte Personen (Anteil: 17,9 Prozent, Anzahl: 16.000 Personen)
Typ 3: Personen mit fehlenden Qualifikationen/Fachkenntnissen (Anteil: 17,0 Prozent, Anzahl: 15.200 Personen)
Typ 4: Finanziell belastete Personen (Anteil: 10,8 Prozent, Anzahl: 9.650 Personen)
Typ 5: Personen mit Vereinbarkeitskonflikten aufgrund von Pflege- oder Betreuungspflichten (Anteil: 10,8 Prozent, Anzahl: 9.650 Personen)
Typ 6: Personen mit reduzierter regionaler Mobilität (Anteil: 8,5 Prozent, Anzahl: 7.600 Personen)
Ergänzende Sekundärtypen
Typ 7: Gering belastete Personen mit höherem Ausbildungs- oder Tätigkeitsniveau
(Anteil: 6,0 Prozent, Anzahl: 5.400 Personen)
Typ 8: Schwer vermittelbare Personen/Zielgruppe dritter Arbeitsmarkt (Anteil: 5,6 Prozent, Anzahl: 5.000 Personen)
Typ 9: Personen mit unzureichenden Deutschkenntnissen oder nicht anerkannten ausländischen Qualifikationen (Anteil: 3,5 Prozent, Anzahl: 3.100 Personen)
Kein Typ: Nicht zuordenbare Personen (Anteil: 32,2 Prozent, Anzahl: 28.800 Personen)
Wie nicht zuletzt auch aus dieser Typologie hervorgeht, stellen gesundheitliche Belastungen, Hinweise auf Altersdiskriminierung, fehlende bzw. veraltete Qualifikationen und Fachkenntnisse, finanzielle Schwierigkeiten sowie Probleme der Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung oder Pflege und reduzierte regionale Mobilität die zentralen limitierenden Faktoren für den Beschäftigungserfolg im Nachbeobachtungszeitraum dar. Unzureichende Deutschkenntnisse und mangelnde Anerkennung ausländischer Qualifikationen betreffen hingegen nur einen kleinen Personenkreis.
Relativ große Differenzen ergibt eine Gegenüberstellung des Beschäftigungserfolgs bei den einzelnen Typen: Rund sechs Prozent der Langzeitbeschäftigungslosen wurden als jener Personenkreis identifiziert, welcher aufgrund sehr hoher Belastungen mit hoher Wahrscheinlichkeit als Zielgruppe für dauerhafte Beschäftigung am Dritten Arbeitsmarkt infrage kommt (Typ 8). Eher gering fällt auch der Beschäftigungserfolg bei Typ 1, den gesundheitlich belasteten Personen mit rund 13 Prozent aus. Ebenso bei Typ 2, den älteren, bei der Arbeitssuche benachteiligten Personen mit rund 17 Prozent. Demgegenüber sticht der Typ 7, die gering belasteten Personen mit höherem Ausbildungs- oder Tätigkeitsniveau, mit rund 39 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt von 22 Prozent durch hohe Beschäftigungserfolge heraus.
6 Resümee und mögliche Handlungsansätze
Aus den Studienergebnissen geht hervor, dass gesundheitliche Belastungen eine wesentliche Hürde für die (Wieder-)Eingliederung langzeitbeschäftigungsloser Personen darstellen. Dem Thema Gesundheit kommt insofern ein hoher Stellenwert zu, als nicht nur viele Langzeitbeschäftigungslose von gesundheitlichen Problemen betroffen sind, sondern auch die Beschäftigungschancen dieser Teilgruppe gering ausfallen. Als Vorstufe des Übertritts in Beschäftigung wird es daher notwendig sein, sich zuerst den gesundheitlichen Belastungen in Form von begleitenden Gesundheitsmaßnahmen zu widmen. Darüber hinaus wäre auch anzudenken, in jenen Fällen, in denen Personen mit gesundheitlicher Belastung eine Beschäftigung aufnehmen, auf betrieblicher Ebene spezifische gesundheitsfördernde Maßnahmen zur Verfügung zu stellen, um allfällige Drehtüreffekte zu vermeiden. Darüber hinaus zeigen die Detailanalysen auf Angebotsebene, dass manche Angebote eine Hebelwirkung für mehrfach gesundheitlich belasteten Langzeitbeschäftigungslosen haben können. So weisen beispielsweise Kurskostenförderungen positive Effekte für diese Teilgruppe aus, ebenso wie die Beratungs- und Betreuungsangebote und die Eingliederungsbeihilfen.
Ein weiteres Thema mit hohem Stellenwert ist jenes der Altersdiskriminierung. Diese Befunde zur Altersdiskriminierung sind insofern von beachtlichem Wert, als für den Untersuchungszeitraum 2022 und den Nachbeobachtungszeitraum 2024 zumindest für einige Branchen ein Fachkräftemangel konstatiert wurde und hier auch bessere Jobchancen für ältere Langzeitbeschäftigungslose zu erwarten gewesen wären. Auf pragmatischer Ebene wird das Förderwesen des AMS hier einen Ausgleich für die auf betrieblicher Seite erwarteten Nachteile bei der Einstellung Älterer leisten können, wenngleich den in dieser Studie erarbeiteten Befunden zufolge im Grunde nur direkte Lohnförderungen, wie die Eingliederungsbeihilfen nachweisbar positive Effekte erzielen. Darüber hinaus müssten für spezifische Teilgruppen Älterer mit mehrfachen gesundheitlichen Belastungen, niedriger Ausbildung und überlanger Geschäftsfalldauer Angebote zur dauerhaften Beschäftigung am dritten Arbeitsmarkt diskutiert werden.
Pflege- und Betreuungspflichten und in diesem Zusammenhang die damit verbundene Vereinbarkeitsproblematik erschweren ebenfalls die Arbeitsmarktintegration Langzeitbeschäftigungsloser und schränken zusätzlich ihre Möglichkeiten, eine Erwerbstätigkeit nachzugehen, ein. Auch der Umgang mit der Vereinbarkeitsthematik wird eines integrierten Ansatzes bedürfen. Hierbei können etwa frauenspezifische Fördermaßnahmen des AMS einen Beitrag leisten. Weiters wären vereinbarkeitsfördernde Maßnahmen auf Seite der Betriebe, wie die Möglichkeit für mobiles Arbeiten oder flexible Arbeitszeitgestaltung, zu diskutieren, aber auch eine Unterstützung bei der Kinderbetreuung – etwa in Form von Betriebskindergärten oder Eltern-Kind-Arbeitszimmern.
Eine weitere Grenze der Arbeitsmarktintegration langzeitbeschäftigungsloser Personen besteht in der bedingten Wirksamkeit von Maßnahmen mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit. Die Ergebnisse zeigen, dass mit Ausnahme der Eingliederungsbeihilfe Maßnahmen bei längerer Geschäftsfalldauer nicht mehr in signifikantem Ausmaß greifen. So zeigen Logit-Detailanalysen etwa bei Kurskostenförderungen sowie geförderten Beschäftigungsangeboten am zweiten Arbeitsmarkt keine signifikanten Effekte auf die nachfolgende Beschäftigung ab einer Geschäftsfalldauer von 24 Monaten. Dieser Befund wird auch von Eppel et al. (2017) untermauert: Maßnahmen haben stärkere Wirkung bei einer Teilnahme relativ früh im Laufe der Arbeitslosigkeit. Daher wäre als Ziel zu verfolgen, den Übertritt in Beschäftigung möglichst frühzeitig zu fördern. Auch bedarfsorientierte Ausbildungsangebote werden die Erfolgschancen für die Aufnahme einer Beschäftigung verbessern, allerdings werden hier sehr spezifische Angebote notwendig sein.
Weiters wird es ratsam sein, spezifische Unterstützung im Bewerbungsprozess anzubieten. Eine Möglichkeit dafür stellt ein individuelles Bewerbungstraining dar, für welches sich viele Langzeitbeschäftigungslose ausgesprochen haben und das sich auch im Zuge der Regressionsanalyse als besonders wirksam herausgestellt hat. //











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