Wie jedes Jahr versammelten sich zum Anlass der jährlichen Konferenz des EBSN zahlreiche engagierte und inspirierende Fachleute aus dem breiten Gebiet der Basisbildung unter einem Dach, dieses Jahr in den bei 35° Außentemperatur angenehm klimatisierten Räumlichkeiten des Hoek 38 in Brüssel, Belgien. Die Gruppe bestand wie üblich aus Wissenschafter*innen, Unterrichtenden bzw. Leitungspersonen aus der Praxis und politischen Entscheidungsträger*innen aus vielen europäischen Ländern und sogar aus den USA und bildete somit einen Querschnitt durch das Feld der europäischen Basisbildung. Die großartige Organisation lag diesmal in den Händen der Freien Universität Brüssel und den Basisbildungszentren Ligo, gemeinsam mit dem internationalen EBSN-Komitee. Inhaltlich lag ein großer Fokus auf den, mit einigen Ausnahmen für viele Länder verheerenden Ergebnissen der 2023 durchgeführten PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies)-Studie,1 die zu Jahresende 2024 veröffentlicht wurden, und deren Konsequenzen auf die (zukünftige) Ausgestaltung der Bildungsangebote. Alle Inhalte, Vorträge und Präsentationen können auf der Konferenzwebsite2 nachgelesen werden.
Die Perspektive des Gastgeberlandes
Die Konferenz wurde mit dem Beitrag von Ewoud De Sadeleer (Flemish Education Council) eingeleitet. Die flämische Erwachsenenbildung verfolgt drei zentrale Ziele: arbeitsmarktrelevante Qualifikationen, grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und digitale Skills sowie lebensbegleitendes Lernen. Zwei Institutionstypen – CVO und Ligo – bedienen unterschiedliche Zielgruppen mit flexiblen Lernformen und wachsendem Angebot, insbesondere im Bereich Grundkompetenzen. Die Regierung strebt eine 60-prozentige Teilnahmequote am lebenslangen Lernen bis 2030 an, sieht sich aber mit Herausforderungen wie steigenden Kursgebühren konfrontiert.
Die flämische Perspektive auf die PIAAC-Ergebnisse wurde sodann von Bram De Wever (Ghent University) präsentiert. Die PIAAC-Studie 2023 zeigt, dass Flandern im internationalen Vergleich beim Lesen solide abschneidet, aber Erwachsene mit hohem formalen Bildungsgrad deutlich besser performen als jene mit niedrigem formalen Bildungsgrad – deren Leistungen sind seit 2012 sogar gesunken. Auch die Teilnahme an lebenslangem Lernen hängt stark vom Bildungsniveau ab, erzeugt aber positive Effekte wie höhere soziale Vertrauenswerte, besseres Einkommen und größere Lebenszufriedenheit. Viele Erwachsene stoßen jedoch auf strukturelle Barrieren wie Zeitmangel, familiäre Verpflichtungen oder fehlende Informationen. Besonders Menschen mit niedriger formaler Bildung werden dadurch vom Lernen abgehalten. Hier müssen Bildungsangebote also in Zukunft stärker ansetzen.
Die europäische Perspektive
Anja Meierkord (OECD) erläuterte in ihrem Beitrag die PIAAC-Ergebnisse aus vergleichender europäischer Perspektive. Der PIAAC-Bericht 2023 zeigt gravierende Unterschiede im Kompetenzniveau zwischen Ländern und sozialen Gruppen – besonders Menschen mit niedrigem formalen Bildungsgrad schneiden europaweit schlechter ab und haben sich seit 2012 kaum verbessert. Diese Ungleichheiten wirken sich negativ auf Einkommen, Gesundheit, politische Teilhabe und die Beteiligung am lebenslangen Lernen aus, haben also direkten Einfluss auf die Gesellschaftsentwicklung. Trotz Verbesserungen in der Mathematik bleibt die Lesekompetenz vieler Erwachsener auf niedrigem Niveau, wobei die untersten Leistungsgruppen besonders betroffen sind.
Auch der Beitrag von Andreea Diana Spiridon (Europäische Kommission) befasste sich mit der Förderung von Kompetenzen Erwachsener in Europa. Sie stellte die Strategie „Union of Skills“ vor, ein Konzept, das darauf abzielt, durch gezielte Förderung von Erwachsenenbildung und hier vor allem Grundkompetenzen, soziale Inklusion und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu stärken. Dies geschieht durch eine Vielzahl koordinierter Maßnahmen auf europäischer und nationaler Ebene, die maßgeschneiderte Lernangebote vor allem für marginalisierte Zielgruppen vorsehen, unter Einsatz innovativer Methoden und Materialien.
In der darauffolgenden Podiumsdiskussion warfen die Diskutant*innen ihre unterschiedlichen Perspektiven in Bezug auf neue Entwicklungen bei der Förderung von Grundkompetenzen bei Erwachsenen ein.
Zukünftige Projekte und Entwicklungen
Prof. Dr. Maurice de Greef (Vrije Universiteit Brussel) stellte das gerade erst gestartete Projekt „RESCALE“3 vor, das darauf abzielt, marginalisierte Erwachsene durch maßgeschneiderte Bildungsmaßnahmen und sektorübergreifende Kooperationen besser auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Es setzt auf sogenannte „Reskilling Labs“, digitale Kompetenz-Assessments und Coaching-Modelle sowie Materialien, um Kompetenzen zu erfassen und weiterzuentwickeln – mit belegten positiven Effekten auf soziale Integration, Beschäftigung und Gesundheit. Eine Kosten-Nutzen-Analyse zeigt hohe Effizienz für politische Entscheidungsträger*innen: Für jeden investierten Euro ergibt sich ein gesellschaftlicher Nutzen von durchschnittlich 2,56 € – ein starkes Argument für gezielte Bildungsinvestitionen.
Die Vortragende Lonneke Boels (HU University of Applied Sciences Utrecht) sprang kurzfristig per Video-Zuschaltung für den geschätzten Kollegen Kees Hoogland ein, der leider – und für alle Anwesenden schockierend – kurz vor der Konferenz verstarb. Für ihn und seine Familie wurde ein Moment des Gedenkens abgehalten. Er wird dem europäischen Basisbildungsnetzwerk als Mensch, aber auch als herausragender Wissenschaftler nie in Vergessenheit geraten!
Boels widmete ihren Beitrag den aktuellen Entwicklungen der Förderung von mathematischen Kompetenzen in Europa. Sie präsentierte das Projekt „Numeracy in Practice“4, das praktische Lehrmaterialien, Lehrkräftefortbildungen und Awareness-Kampagnen bietet, um die Lücke zwischen Politik, Praxis und öffentlicher Wahrnehmung zu schließen. In mehreren europäischen Ländern wird der Begriff „Numeracy“ zunehmend als eigene Grundkompetenz anerkannt, wobei erfolgreiche nationale Strategien wie in Irland, UK und Skandinavien zeigen, wie gezielte Förderung und Abbau struktureller Barrieren lebenslanges Lernen auch im Bereich mathematischer Kompetenzen erleichtern können. In ihrem Ausblick betont Lonneke Boels, dass für eine nachhaltige Förderung von Mathematikkompetenzen ein besseres Assessmentsystem, mehr Fokus auf benachteiligte Gruppen und verbindliche politische Umsetzung notwendig sind. Gleichzeitig warnt sie davor, dass „Numeracy“ im Schatten der Alphabetisierung verschwinden könnte, obwohl auch gute Rechenfähigkeiten eng mit Gesundheit, Einkommen und Beschäftigungsfähigkeit verknüpft sind.
Die Workshops
Insgesamt gab es drei Runden paralleler Workshop-Sessions zu je vier inhaltlichen Themen:
- Building Policies and Systems for Upskilling Pathways;
- Inclusive Approaches for Vulnerable Groups;
- Innovative Pedagogy and Digital Solutions;
- Data, Evidence, and Communication.
Aufgrund der persönlichen Auswahl kann hier nur kurz zum zweiten Thema („Inklusive Ansätze für vulnerable Gruppen“) berichtet werden. Die Zugänge waren sehr divers:
- Die Vorstellung eines Pilotprojekts zur digitalen Bibliotherapie5, das zeigt, wie gemeinsames Lesen, digitale Werkzeuge und kreative Ansätze zur Förderung von Wohlbefinden und sozialer Verbundenheit bei Erwachsenen beitragen können.
- Die Analyse anhand aktueller PIAAC-Daten, wie Erwachsene in wirtschaftlich angespannten Situationen mit alltäglichen Finanzentscheidungen umgehen und weshalb finanzielle Bildung allein nicht genügt, um soziale Ungleichheiten wirksam zu bekämpfen.6
- Eine Präsentation, wie das flämische Grundbildungsnetzwerk Ligo mit einem praxisnahen Reflexionstool seine pädagogische Vision lebendig werden lässt und Lehrkräfte bei der Balance zwischen funktionalem Lernen und expliziter Instruktion unterstützt.
- Das Erasmus+-Projekt PROMOTE,7 das mithilfe von Co-Design-Ansätzen und europäischen Kooperationspartner*innen maßgeschneiderte Weiterbildungsprogramme für Fachkräfte im Justizvollzug entwickelt, um die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Inhaftierten durch berufliche Bildung zu stärken.
- Eine flexible, lernendenzentrierte Methode zum Unterricht von Niederländisch als Zweitsprache, die sich durch modulare Materialien, Mindmaps und praxisorientierte Ansätze besonders für gering literalisierte Erwachsene eignet.
- Das Projekt MOVE-UP, das mit gender-sensiblen Upskilling-Pfaden und sozialpädagogischer Begleitung arbeitsmarktferne Mütter stärkt, indem es informelle Kompetenzen aus der Elternschaft sichtbar und beruflich nutzbar macht
- Eine Vorstellung davon, wie lokale Bildungsprojekte in Deutschland gezielt Mütter mit Migrationshintergrund unterstützen, um durch alltagsintegriertes Lernen, Community-Netzwerke und datenbasiertes Bildungsmanagement Bildungsbarrieren abzubauen und soziale Teilhabe zu fördern
Im Anschluss an die Workshops gab es gegen Konferenzende noch eine Podiumsdiskussion, bei der die wichtigsten Aspekte aus allen Workshopreihen reflektiert wurden.
Ausblick
Der letzte Programmpunkt der Konferenz sollte nun die Brücke zur Praxis und zu zukünftigen Vorhaben schlagen. In länderspezifischen Kleingruppen, aber auch in Selbstreflexion und später dann im Plenum, wurden Ideen gesammelt, die ganz konkret in die Praxis umgesetzt werden sollen. Auch wurde erarbeitet, was das EBSN tun kann bzw. wie es die nationalen Anstrengungen unterstützen kann: mit mehr Lobbyarbeit auf europäischer Ebene, die auch eine stärkere Präsenz in Social Media umfasst, und weiterführende Forschung ausgehend von den PIAAC-Ergebnissen. Für fast alle europäischen Länder und auch für Österreich ist auf jeden Fall eine der zentralen Feststellungen der Konferenz, dass die (z. T. katastrophalen) PIAAC-Ergebnisse medial unterrepräsentiert sind und es somit auch in der Verantwortung von uns allen, die wir in unterschiedlichen Funktionen in der Basisbildung tätig sind, liegt, auf die verheerenden Konsequenzen der Studienergebnisse hinzuweisen. Wir können uns keine Gesellschaft erlauben, in der die Lesekompetenzen von Erwachsenen ab- statt zunehmen, vor allem auch aufgrund der bereits erwähnten negativen Folgen für Partizipation, gesellschaftlicher Verantwortung und Verarmung. //











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