Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht.

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht.
München: Gütersloher Verlagshaus 2026, 218 Seiten.

Gott hat sich sein Werkzeug auf Erden gewählt. Oder anders: Menschen haben sich einen Gott erwählt, dessen Werkzeug als Kämpfer und Rächer für die christlichen Evangelikalen auftritt und ihnen Macht, Einfluss und nicht zuletzt Reichtum in dieser Welt endlich gewährt.

Arnd Henze, Theologe, Fernsehjournalist und Autor, beschreibt die jüngsten politischen Transformationen in den USA kenntnisreich und detailliert in ihren Zusammenhängen, und nicht ohne bedrohliche Nebengeräusche. Das „Werkzeug“ ist Donald Trump (geb. 1946), inszeniert als wütende Stimme, als Kämpfer und Rächer. „Eine wütende Minderheit sucht einen wütenden Anführer“ (S. 11), erklärt Arnd Henze.

Im ersten Kapitel, „Die Zeit der Rache“, wird erläutert, dass die Enttäuschungen und Niederlagen der christlichen Nationalisten schon über die letzten einhundert Jahre andauern. Gegen die bislang dominierende „offene, liberale und diverse Gesellschaft“ zeichnet sich erst seit kurzem ein zerstörerischer Triumph ab.

Arnd Henze spricht von einem „Zweckbündnis“ zwischen den christlichen Nationalisten und dem von Gott gesandten Donald Trump. Der „Verrat“ an seiner Person, die Präsidentschaftswahl von 2020, deckt sich mit dem „Verrat“ des politischen Establishments, auch durch die viele Jahre regierende Republikanische Partei.

Als Leitlinie für die hunderte vom Präsidenten in seiner zweiten Amtszeit unterzeichneten Dekrete fungiert das über 900 Seiten umfassende „Project 2025“. Es ist das Programm, „Mandate for Leadership – Mandat für Führung: Das konservative Versprechen“.1

Ziel ist, die USA von einer demokratischen in eine autokratische Gesellschaft zu verwandeln. Arnd Henze zitiert die Intention, die der gegenwärtige Präsident erfüllen soll (S. 12): „Wir sind dabei, die zweite amerikanische Revolution zu erleben, die unblutig bleiben wird, wenn die Linke es zulässt.“

Damit verbunden ist ein zweites Mandat, das im christlichen Nationalismus, in der „religiösen Rechten“ verankert ist – das „Seven Mountains Mandate“.2

Es beruht auf der Vorstellung, Gott habe die Christen beauftragt, die „sieben Berge“ der Gesellschaft zu erkämpfen und zu kontrollieren. Das sind: Religion, Familie, Bildung, Regierung, Medien, Wirtschaft sowie Kunst und Kultur. Diese Eroberung vorausgesetzt ermöglicht die Wiederkunft Christi in der gegenwärtigen Welt. Arnd Henze bezeichnet den christlichen Nationalismus, mit der Machtfülle des Weißen Hauses ausgestattet, als eine der gefährlichsten Ideologien der Welt. „Denn ein solches totalitäres Gesellschaftsbild kann nur in einer Diktatur verwirklicht werden.“ (S. 13) Im Sinne des „Dominionismus“ wird mit Bezug auf das erste Buch Moses, Genesis 1,28, „Macht euch die Erde untertan“, „die Herrschaft Jesu Christi über alle Bereiche des Lebens bereits in der gegenwärtigen Welt angestrebt“ (S. 13).

Zum Einblick in das genau geplante Vorgehen bezüglich des politischen Wandels, stellt Arnd Henze „All the President’s Men“, die Personen und ihr individuelles, strategisch koordiniertes Wirken vor. Unter anderen den Vizepräsidenten J. D. Vance oder seinen Förderer, den Tech-Milliardär und Investor Peter Thiel.

Ausführlich schildert der Autor den „Angriff gegen die öffentliche Bildung“. Dies im Zusammenhang bestimmte Inhalte, z. B. Darwins Evolutionstheorie, nicht zu lehren. Dabei zeigen sich deutlich die seit Jahrzehnten schwer zu überwindenden Differenzen in Gesinnung und in den Lebenswelten zwischen klein- und großstädtischen Regionen. Im Hinblick auf die in Generationen strategisch denkenden christlichen Nationalisten urteilt Arnd Henze (S. 79): „Die Verteidigung der öffentlichen Bildung ist deshalb ein Schlüssel, um die plurale und liberale Demokratie nachhaltig zu sichern.“

Verwiesen wird auch auf die gezielte demütigende Unterwerfung von Elite-Universitäten, des Kultursektors und der Medien. „Antiamerikanisches“ Forschen, Kommentieren, Verhalten, Publizieren wird mit Druck auf Personen und finanzielle Einschränkungen bestraft. Tatsächlich wird ein gnadenloser „Kulturkampf“ unter Leitung des „Rächers“ Donald Trump geführt.

Anhand vieler Fallbeispiele, nicht zuletzt durch das Vorgehen der Sondereinheiten der Grenzbehörde ICE, zeigt der Autor gezielte Grausamkeiten auf, die von den Spitzen der Regierung toleriert und motiviert werden. Den „Krieg im Inneren“ zeichnet ein „Sadopopulismus“ aus, der aber auch Widerstand von Zivilgesellschaft und Kirchen hervorruft.

Dieser gibt Anlass zu Hoffnung, die der Autor im letzten Kapitel, „Wie sich die Demokratie retten lässt“, zusammenfasst.

Arnd Henze plädiert keineswegs für eine „vermeintliche demokratiefreundliche politische Religion“, sondern für ein „religiöses Abrüsten“, „eine Bejahung von Staat und Politik als Raum des Säkularen“ (S. 173). Er sieht Europa noch weit entfernt von den innenpolitischen Vorgängen in den USA, aber trotzdem vor einer herausfordernden Aufgabe (S. 198): „die Institutionen der rechtsstaatlichen Demokratie so zu stärken, dass sie dem Angriff ihrer Verächter standhalten können“.

Die Lektüre macht sichtbar, wie schnell politischer Wandel vor sich gehen kann und wie wichtig ständiger Schutz unserer Demokratie und unserer liberalen Lebensformen inklusive Bildung, Kultur und Wissenschaft, für ihren Erhalt ist.

Politische Bildung, Mitbestimmung und Bemühen um soziale Gerechtigkeit sollten täglich die Lehr- und Lernpläne sowie die zwischenmenschliche Kommunikation auszeichnen – auch in Erwachsenenbildung und Weiterbildung. //

1   Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Project_2025 [19.9.2026].

2   Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Seven_Mountain_Mandate [19.9.2026].

Lenz, Werner (2026): Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst 2026, Heft 287/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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