Jenseits statischer Konzepte: Bildungstheorie unter Bedingungen von Kontingenz und flüssiger Moderne

Bildung steht gegenwärtig vor fundamentalen Herausforderungen, die weit über curriculare Reformen oder digitale Transformation hinausgehen. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gewissheiten sich verflüssigen und universelle Wahrheitsansprüche brüchig werden, müssen wir die Grundlagen unseres Bildungsverständnisses neu überdenken. Der vorliegende Beitrag, der hier erstmals in deutscher Sprache in komprimierter Form vorliegt, erschien im Sommer 2025 unter dem Titel „Beyond static frameworks: Adapting educational theory to the challenges of contingency and liquid modernity“ open access in der Zeitschrift Educational Philosophy and Theory (DOI: 10.1080/00131857.2025.2503803).

Das Ende universeller Rationalität

In einer sich rapide wandelnden Welt stehen traditionelle Bildungskonzepte, die auf der Annahme einer universellen Rationalität basieren, zunehmend unter Druck. Die Analyse entwickelt sich entlang zweier zentraler theoretischer Perspektiven: Zygmunt Baumans Konzept der „flüssigen Moderne“, wie er es in „Liquid Modernity“ (2000) entfaltet, und Richard Rortys Philosophie der Kontingenz aus „Contingency, Irony, and Solidarity“ (1989). Beide Ansätze stellen die seit der Aufklärung vorherrschende Vorstellung in Frage, dass Bildung primär auf die Kultivierung rationaler Fähigkeiten ausgerichtet sein sollte.

Die bildungstheoretische Brisanz liegt darin, dass diese Überlegungen die Grundannahmen moderner Pädagogik erschüttern. Wenn Rationalität nicht mehr als überhistorische Konstante verstanden werden kann, sondern als plural und kontextuell gebunden begriffen werden muss, dann müssen auch Ziele, Methoden und Legitimationsgrundlagen von Bildung neu durchdacht werden.

Der Gesellschaftsvertrag und seine bildungstheoretischen Implikationen

Die fundamentale Frage lautet: Wie vollzieht sich der Übergang vom Naturzustand zur vertraglich konstituierten Gesellschaft, und welche Rolle spielt dabei Bildung? In der klassischen Vertragstheorie fungierte die Rationalität als Brückenelement zwischen dem vorgesellschaftlichen Naturzustand und der zivilisierten Ordnung. Rationalität wurde als anthropologische Konstante verstanden, die es durch Bildung zu entwickeln galt. Kant etablierte dementsprechend den Gesellschaftsvertrag als „Vernunftidee“.

Die deutsche idealistische Tradition etablierte ein Bildungsverständnis, das auf die Stärkung der formativen Kräfte des Geistes zielte. Diese Orientierung wurzelte in der Überzeugung, dass die Entwicklung rationaler Fähigkeiten für individuelles Gedeihen und gesellschaftlichen Fortschritt essentiell sei. Doch genau diese Prämisse wird von Bauman und Rorty grundlegend in Frage gestellt. Beide verlassen die metaphysisch begründete Rationalitätskonzeption und erkennen an, dass Rationalitäten im Plural gedacht werden müssen. Dieses zeitgenössische Verständnis anerkennt multiple Rationalitäten, die pfadabhängig und kontextuell gebunden sind.

Baumans flüssige Moderne: Bildung im Zeitalter der Unsicherheit

Baumans soziologische Zeitdiagnose skizziert gesellschaftliche Perspektiven vor dem Hintergrund der Doppelbödigkeit des modernen Freiheitsbegriffs. In „Retrotopia“ (2017) diagnostiziert er eine „Rehabilitation des tribalen Gemeinschaftsmodells“, in dem politische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen mit gezielt gewählten Streitpunkten geführt werden.

Der Kern von Baumans These liegt in der Beobachtung, dass Staaten zunehmend Funktionen an Marktkräfte abgeben. Er beschreibt den Übergang von einer „festen“ Moderne, symbolisiert durch organisierte Fabrikarbeit, zu einer „flüssigen Moderne“, in der soziale Strukturen so schnell zerfallen, dass sie bereits während ihrer Entstehung zu schmelzen beginnen. Die paradoxe Freiheit zeigt sich darin, dass größere Flexibilität von einem Verlust an Stabilität und Sicherheit begleitet wird.

Der Nationalstaat kann seine Kernaufgabe, Bürgern Sicherheit zu vermitteln, nicht mehr zuverlässig erfüllen. Stattdessen setzt er Menschen existenziell bedrohlichen Unsicherheiten aus, die der global entfesselte Kapitalismus mit sich bringt. Eine staatlich garantierte Freiheit wird durch eine wettbewerbsorientierte Markt-Kunden-Logik ersetzt. Wohlfahrtsstaatliche Leistungen werden durch ein Verständnis des Lebens als Einkaufstour souveräner Kunden ersetzt.

Retrotopia und ihre bildungstheoretischen Konsequenzen

Als Reaktion auf wachsende Unsicherheit wird eine vermeintliche, idealisierte Vergangenheit zur Tradition stilisiert und als kollektives Erbe ausgegeben. Die Angst vor der Zukunft verstärkt den Wunsch, sich an diese konstruierte Stabilität zu klammern. Unter Retrotopia versteht Bauman eine kollektive Mentalität, die sich Verbesserung durch gesellschaftliche Organisationsprinzipien aus einer idealisierten Vergangenheit erhofft. Es sind nicht mehr zukunftsorientierte Utopien, sondern rückwärtsgewandte Nostalgien, an denen sich politische Konzepte orientieren. Dies etabliert ein Ausschlussprinzip, da ein historisiertes Selbstverständnis von Neuankömmlingen nur durch Assimilation angenommen werden kann, ohne dass diese jemals wirklich Teil davon werden können.

Bauman zeigt sich skeptisch, ob individuelle moralische Orientierung auf struktureller Ebene Wirksamkeit entfalten kann. Unter den Bedingungen einer kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft sieht er einen schwindenden Wirkungskontext für ethisches Handeln. Supranationale Unternehmen operieren innerhalb formaler Rechtsregeln zur Profitmaximierung. Soziale und rechtliche Normen werden nicht mehr als geteiltes gesellschaftliches Mandat erfahren, sondern als manageriale Herausforderung behandelt. Durch sprachliche Strategien wird ein Prozess der Adiaphorisierung vorangetrieben, bei dem soziale Phänomene als moralisch neutral dargestellt werden.

Rortys Kontingenz und Ironie: Eine alternative Bildungsperspektive

Richard Rorty wendet sich ebenfalls gegen das Verständnis ahistorischer Rationalität. In „Contingency, Irony, and Solidarity“ bietet er ein alternatives Modell, das nicht auf anthropologischen Konstanten, sondern auf empirischen, aber kontingenten Bedingungen beruht. Zentral ist dabei die Erfahrung als Scharnier zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Er übernimmt Judith Shklars Verständnis, dass „Grausamkeit das Schlimmste ist, was wir tun“. Dies führt zu einem eigenständig konzipierten Begriff von Solidarität als historisch auffindbarer, aber kontingenter Sinn für Zusammenhalt konkreter Menschen, nicht der Menschheit im Allgemeinen.

Nach Rorty kann Sprache weder als Referenz zur Welt noch als Erkenntnismittel fungieren. Menschen verwenden „abschließende Vokabulare“ – Wortsammlungen zur Rechtfertigung ihrer Handlungen und Überzeugungen. Diese Vokabulare sind kontingent und historisch bedingt. Verbindliche moralische Prinzipien können nicht aus metaphysischen Konzepten abgeleitet werden, sondern präsentieren sich nur in bestimmten Vokabularen als relevant. Keines dieser Vokabulare hat per se einen höheren Geltungsanspruch.

Die Figur der Ironikerin als Bildungsideal

Die Figur der „Ironikerin“ ist durch drei Merkmale charakterisiert: radikale Zweifel am eigenen Vokabular, wie Welt gesehen und beschrieben wird, das Bewusstsein, dass Argumente im eigenen Vokabular diese Zweifel weder untermauern noch auflösen können, und die Einsicht, dass das eigene Vokabular der Realität nicht näher ist als andere. Die Ironikerin steht im Gegensatz zum „Common Sense“, der glaubt, alle Rechtfertigungen aus sich selbst heraus leisten zu können.

Rorty unterscheidet strikt zwischen öffentlicher Verantwortung und individuellen Projekten der Selbstvervollkommnung. Die Verbindung zwischen diesen Sphären bildet die Bildung. Für ihn sind es vor allem Romane und Ethnographien, nicht politische Traktate, die zur Humanisierung des Anderen beitragen. Lektüre im weitesten Sinne erweitert die Grenzen dessen, was als Schmerz und Demütigung wahrgenommen wird.

Die besondere Rolle der Erwachsenenbildung in der flüssigen Moderne

Ein zentraler, bisher zu wenig beachteter Aspekt meiner Analyse ist die herausragende Bedeutung der Erwachsenenbildung gegenüber der schulischen Bildung in der flüssigen Moderne. Während die Schule als Institution in beiden theoretischen Ansätzen – bei Bauman wie bei Rorty – eine auffallend untergeordnete Rolle spielt, eröffnen sich für die Erwachsenenbildung neue, bedeutsame Handlungsräume.

Die Erwachsenenbildung verfügt über strukturelle Vorteile, die sie für die Herausforderungen der flüssigen Moderne prädestinieren. Sie ist von vornherein weniger hierarchisch organisiert als die Schule, arbeitet mit freiwilligen Lernenden, die bereits über Lebenserfahrung verfügen, und kann flexibler auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Während die Schule in ihrer traditionellen Form an standardisierten Curricula, Altersstufen und nationalstaatlichen Vorgaben gebunden bleibt, kann die Erwachsenenbildung experimentelle Räume schaffen, in denen neue Formen des Lernens und der Solidaritätsbildung erprobt werden.

Besonders bedeutsam ist, dass Erwachsenenbildung direkt an den Bruchstellen der flüssigen Moderne ansetzen kann. Menschen, die von Prekarisierung, beruflicher Unsicherheit oder gesellschaftlichem Wandel betroffen sind, suchen nicht primär nach formaler Qualifikation, sondern nach Orientierung, Neuinterpretation ihrer Lebenssituation und kollektiven Handlungsmöglichkeiten. Hier kann Erwachsenenbildung ihre emanzipatorische Tradition aktivieren, ohne den Begriff „Emanzipation“ explizit verwenden zu müssen – was in gegenwärtigen politischen Diskursen oft als ideologisch belastet wahrgenommen wird.

Emanzipatorische Bildung: Strategien für die Gegenwart

Die historische Arbeiterbildung bietet wichtige Anknüpfungspunkte, muss aber für die Gegenwart übersetzt werden. Marx und Engels kritisierten in „Die Deutsche Ideologie“ (1845), dass nur die Klasse, die über die Mittel der materiellen Produktion verfügt, auch die Mittel der geistigen Produktion besitzt. Diese strukturelle Analyse bleibt in Baumans flüssiger Moderne hochaktuell, verschärft sich sogar, da Bildung zunehmend zur Ware wird.

Die Herausforderung besteht darin, emanzipatorische Bildungsziele zu verfolgen, ohne in die Rhetorik vergangener Epochen zu verfallen. Statt von „Klassenkampf“ zu sprechen, können wir von „Empowerment“ und „Resilienz“ reden. Statt „Bewusstseinsbildung“ zu fordern, sprechen wir von „kritischem Denken“ und „Reflexionsfähigkeit“. Diese begriffliche Verschiebung ist keine bloße Kosmetik, sondern ermöglicht es, emanzipatorische Anliegen in zeitgemäßer Form zu artikulieren und damit anschlussfähig für breitere gesellschaftliche Gruppen zu machen.

Die Erwachsenenbildung kann hier Vorreiterin sein, indem sie Bildungsformate entwickelt, die Menschen befähigen, ihre Situation zu analysieren, ohne dabei in deterministische Denkmuster zu verfallen. Sie kann Räume schaffen, in denen unterschiedliche „abschließende Vokabulare“ im Sinne Rortys aufeinandertreffen und produktiv gemacht werden. Sie kann die von Bauman diagnostizierte Nostalgie aufgreifen und in kritische Geschichtsarbeit transformieren.

Soziale Bewegungen als Bildungsräume

Soziale Bewegungen fungieren so als informelle Bildungsräume, in denen kritisches Bewusstsein entwickelt und praktische Solidarität eingeübt wird. Die Geschichte zeigt, dass transformative Bildung oft außerhalb etablierter Institutionen stattfand. Gewerkschaften, Frauenbewegungen und andere soziale Bewegungen waren und sind wichtige Orte emanzipatorischer Bildung.

Die Erwachsenenbildung steht dabei in einer besonderen Vermittlungsposition zwischen sozialen Bewegungen und etablierten Bildungsinstitutionen. Sie kann die Energie und Innovation sozialer Bewegungen aufgreifen und in strukturierte Lernprozesse überführen, ohne dabei deren kritisches Potenzial zu neutralisieren. Gleichzeitig kann sie Brücken zur formalen Bildung schlagen und damit zur Durchlässigkeit des Bildungssystems beitragen.

Bildung in Zeiten der Kontingenz

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Bildung unter den Bedingungen der flüssigen Moderne keine ‚pädagogische Produktion‘ mehr sein kann, sondern als pädagogisch gestaltete Ermöglichungsstruktur für eine unvorhersehbare Zukunft verstanden werden muss. Dies gilt für die Erwachsenenbildung noch mehr als für die Schule, da sie mit der zunehmenden Unvorhersehbarkeit individueller Bildungsbiographien direkter konfrontiert ist.

Beide Perspektiven – Baumans dystopische Analyse und Rortys vorsichtiger Optimismus – bieten Hoffnung, dass Interkulturalität und persönliche Begegnungen einen Unterschied machen können. Die Erwachsenenbildung kann hier als Labor fungieren, in dem neue Formen der Solidaritätsbildung erprobt werden. Sie kann Menschen zusammenbringen, die in der fragmentierten Gesellschaft der flüssigen Moderne sonst nie in Kontakt kämen.

Die Analyse zeigt, dass die Herausforderungen der flüssigen Moderne nicht durch Rückkehr zu traditionellen Bildungskonzepten bewältigt werden können. Unsere Zeit erfordert eine lebendige Konzeption von Bildung, die Unsicherheit als Normalzustand akzeptiert, Vielfalt als Ressource begreift und Emanzipation als kontinuierlichen Prozess versteht – auch wenn wir dafür neue Begriffe finden müssen. Die Erwachsenenbildung kann hier Vorreiterin sein, aber auch Schulen und Hochschulen müssen sich dieser Transformation stellen. Nur durch das Zusammenspiel verschiedener Bildungsbereiche kann Bildung Menschen befähigen, in einer fluiden Welt nicht nur zu überleben, sondern diese aktiv und solidarisch zu gestalten. //

Hintergrundlektüre:

Bauman, Zygmunt (1989): Modernity and the Holocaust. Cambridge: Polity Press.

Bauman, Zygmunt (2000): Liquid modernity. Cambridge: Polity Press.

Bauman, Zygmunt (2017): Retrotopia. Cambridge: Polity Press.

Rorty, Richard (1989): Contingency, irony, and solidarity. Cambridge: Cambridge University Press.

Rorty, Richard (1999): Philosophy and social hope. London: Penguin Books.

Schlögl, Peter (2025): Jenseits statischer Konzepte: Bildungstheorie unter Bedingungen von Kontingenz und flüssiger Moderne. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2025, Heft 285/76. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zurück nach oben