„Vermögen“ drückt unser aller Leistung in der Gesellschaft aus. „Überreichtum“ drückt bestehende Ungleichheiten zum Vorteil weniger Menschen aus. Ungeschminkt erklärt Martyna Linartas, Politikwissenschafterin, Forscherin und Hochschuldozentin, die „Erbengesellschaft“ zu einer der größten Feinde der Demokratie. Doch sie meint: Die durch das ungleiche Verteilen von Vermögen entstandene Ungleichheit ist ein politisches Phänomen – daher auch politisch zu lösen. Klar und selbstbewusst formuliert Martyna Linartas, warum sie dieses Buch verfasst hat:
- um die bestehende Ungleichheit als eine der größten Herausforderungen unserer Zeit „be-/greifbar“ zu machen;
- um zur Erkenntnis beizutragen, „dass die Lösungen gegen Ungleichheit in unserer Hand liegen“ (S. 17).
Ergänzend zu ihren langjährigen Forschungen bezieht die Autorin ihre Erkenntnisse
aus Interviews mit hochrangigen Akteur*innen aus Politik und Wirtschaft. Was die Datenlage betrifft, bezieht sich das Buch auf die Verhältnisse in Deutschland.
Zu Beginn bringt die Autorin Ungleichheit mit Hilfe von Zahlenrelationen nahe, z. B. referiert sie, dass etwa 40 Prozent der deutschen Haushalte keine Ersparnisse haben, sind also bei plötzlich notwendigen Anschaffungen größerer Haushaltsgeräte in gewissen Schwierigkeiten. Ungleichheit betrifft aber weniger die Einkommen, diese werden u. a. durch Steuern ausgeglichen, sondern die Verteilung von Vermögen. Deshalb versucht die Autorin das Vermögen von „Superreichen“ – sie bevorzugt allerdings den Ausdruck „Überreiche“ – in ein Verhältnis zu dem Vermögen der Gesamtbevölkerung zu bringen. Etwa mit dem Hinweis: Die zwei reichsten Familien Deutschlands besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung, das sind etwa 42 Millionen Menschen. Analoges findet sich in Österreich: https://www.derstandard.at/story/3000000275155/bcg-superreiche-halten-37-prozent-des-finanzverm246gens-in-214sterreich
Etwa 80 Prozent des bestehenden Milliardenvermögens in Deutschland, zum Teil stammen große Zugewinne aus der Zeit des Nationalsozialismus, wurden vererbt. Problematisch erachtet die Autorin die Ungleichheit von Vermögen in den Auswirkungen auf Klimawandel und Demokratie. Klare Konsequenzen ergeben sich auch im Bildungsbereich. Weniger als ein Drittel der Kinder von Nichtakademiker*innen studieren, aber 80 Prozent von Eltern mit akademischem Abschluss. Bezüglich sich daraus ergebender Lebenschancen folgert die Politologin: „Wer arm geboren wird, bleibt arm; wer mit einem goldenen Löffel im Mund groß wurde, wird fortan mit diesem speisen“ (S. 72). Generell hat sich die soziale Mobilität gegenüber den 1970er Jahren wieder verringert.
Steuern erklärt Martyna Linartas zu „einem der wichtigsten Werkzeuge der Demokratie“. Sie dienen u. a. der Infrastruktur, der Sicherheit, der Wohlfahrt. Deshalb spricht die Autorin bewusst nicht von „Steuerlast“. Niedere Steuern, weiß sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung in anderen Ländern, beschränken dort eine zivilisierte, moderne und gerechte soziale Lebensform. In Hinblick auf Einkommen gelingt es in Deutschland durch Steuern und Transferleistungen (z. B. Familienbeihilfe, Arbeitslosengeld) Ungleichheiten zu reduzieren. Das ist beim Vermögen nicht der Fall.
Im umfangreichsten Kapitel des Buches erörtert Martyna Linartas daher „Eine kurze Geschichte der deutschen Erbschaftssteuer“ ab Ende des Ersten Weltkriegs (1918), von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart. Das Resümee: Das „Schwert der Demokratie“, die Erbschaftssteuer, hat ihre Fürsprache eingebüßt und verloren. Unter den Bedingungen des Neoliberalismus ist es zu einem „hölzernen Kochlöffel“ geworden. Doch die Kritik am Neoliberalismus ist, wenn auch noch nicht von der Politik aufgegriffen, lauter geworden, die Diskussion um die Erbschaftssteuer wieder aufgeflammt.
In einem eigenen Kapitel, „Die Wirtschaftselite über Staat, Steuern und Ungleichheit“, stellt die Autorin die Ergebnisse ihrer zwischen 2020 und 2022 durchgeführten Interviews mit achtzehn deutschen Wirtschaftsbossen (darunter zwei Frauen) – Manager von DAX-Unternehmen – vor. Die Frage, ob Ungleichheit als problematisch empfunden wird, beantworten 80 Prozent der Interviewten eindeutig mit „Ja“. Große Bedeutung, um Ungleichheit zu verringern, kommt nach Meinung der Wirtschaftselite der Bildung zu. Oft in Verbindung mit „Leistung“ und dem Hinweis auf den eigenen erbrachten Arbeitsaufwand. Das gilt erklärt die Autorin, allerdings nicht mehr für die junge Generation, sondern für Erfolgreiche im Alter von über fünfzig Jahren. Zudem beruht heute die Hälfte aller Vermögen auf Erbschaften und Schenkungen. Daher spricht Martyna Linartas von einer „Erbengesellschaft“ und verlangt ein Ende der steuerlich schonenden „Sonderbehandlung“.
Die Autorin fragt kritisch, warum Vermögen nicht wie Einkommen behandelt und progressiv besteuert wird. U. a. stellt sie zur Diskussion, ob nicht eine Deckelung von Erbe sowie eine „Nachlasssteuer auf das gesamte Vermögen“ sinnvoll wären. Dadurch würde die Größe der Erbschaftssumme überhaupt erst bekannt werden. Abschließend plädiert die Autorin für ein in der Diskussion kurz erwähntes aber schnell wieder von der öffentlichen Bühne verschwindendes Instrument gegen Ungleichheit: Grunderbe. Gemeint ist, „dass junge Menschen mit Erreichen der Volljährigkeit (oder kurz darauf) ein bestimmtes Vermögen erhalten würden“ (S. 249). Die Auszahlung in der Jugend würde Ungleichheit reduzieren, indem Türen zu Bildung und Eigeninitiativen besonders für die 50 Prozent des ärmeren Teils der Gesellschaft geöffnet würden.
Martyna Linartas ist überzeugt: „Wie können eine gerechte Gesellschaft gestalten“ (S. 277). Ihr Buch liest sich als engagierte Aufforderung an die Zivilgesellschaft und an die Verantwortlichen in der Politik, Änderungen der Ursachen bestehender gesellschaftlicher Ungleichheit ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Das wissenschaftlich fundiert und mit überlegten Argumenten verfasste Buch eignet sich für Politische Bildung sowie für die Programmbereiche Gesellschaft und Kultur.
Mehr Informationen zum Thema Ungleichheit unter: https://ungleichheit.info/de //












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