Friederike Otto: Klimaungerechtigkeit. Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat.

Friederike Otto: Klimaungerechtigkeit. Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat.
Berlin: Ullstein, 2023, 333 Seiten.

„Naturkatastrophe“ ist ein falscher Terminus. Denn ob Wetter zur Katastrophe wird, hängt vom sozialen Kontext ab. Bezeichnungen wie „Klimawandel“ oder „Extremwetter“ verschleiern die sozialen Ursachen, wie z. B. die fehlende schützende Infrastruktur oder das negative Erbe des Kolonialismus. Deshalb spricht Friederike Otto, Klimaforscherin, Physikerin und Philosophin, lieber von einem „kolonialfossilem Narrativ“. Dieses erklärt die „Klimakrise“ als Konsequenz von sozialer Ungleichheit sowie von patriarchalen und kolonialen Strukturen. Die Forscherin konstatiert nämlich eine „Gerechtigkeitskrise“. Wie Klima, Wetter und gesellschaftlichen Strukturen interagieren, zeigt ihr Buch.

Sie will – deshalb ist das Buch für die Erwachsenenbildung attraktiv – offenlegen, worüber sich nachzudenken lohnt. Friederike Otto interpretiert besondere Wetterereignisse als „teachable moments“. Das sind Ereignisse, zu deren Zeitpunkt des Auftretens wir besonders aufgeschlossen sind, zu lernen. Bei der Erwachsenenbildung setzt das voraus, ihre professionelle Flexibilität zu nutzen und bei gegebenen Anlässen entsprechende Bildungs-/Lernprogramme anzubieten. Das Buch selbst liefert solche Lernanlässe, da in den einzelnen Fallvignetten Katastrophen  in Verbindung mit Klimawandel dargestellt werden.

Die Klimaforscherin gliedert ihr Buch in vier Teile, die jeweils zwei Länderstudien umfassen: „Hitze“ in USA/Kanada und Gambia; „Dürre“ in Südafrika und Madagaskar; „Feuer“ in Brasilien und Australien; „Flut“ in Deutschland und Pakistan.

Am Beispiel von Hitzewellen und Bränden warnt die Autorin, um wie viel mehr sich Regionen, z. B. die USA und Kanada, auf klimabedingte Veränderungen der Umwelt vorbereiten sollten. Besonders zu spüren bekommen die negativen Auswirkungen die Bewohner*innen ärmerer Lagen. Im Falle Gambia belegt die Autorin u. a. die Nachteile der mangelnden Anbindung des „Globalen Südens“ an den Wissenschaftsbetrieb der nördlichen Hemisphäre: Es fehlt eine klare Datenlage über die Wetterereignisse. Doch auch im „Norden“ fehlen Strukturen. Zudem herrscht hier die „Erzählung“, Klimawandel werde durch individuellen Konsum, nicht aber auch durch große Konzerne verursacht.

Die Autorin ist überzeugt: Das globale Wirtschaftssystem, Lobbyismus und der Einfluss weniger zulasten vieler müsse sich ändern, wenn Klimawandel positiv beeinflusst werden soll. Denn der Klimawandel ist nach Auffassung der Autorin eben kein naturwissenschaftliches Phänomen, das allein durch technologische Lösungen zu beheben ist.

In den einzelnen Länderberichten – stellt die Autorin Bezüge zu betroffenen Menschen und Gruppen her. Das Buch wirkt durch die personalen Bezüge emotional berührend, ohne dass es ihm an Faktenwissen und wissenschaftlichen Grundlagen mangelt. Es vermittelt die mit den Ereignissen einhergehenden Schäden und Verluste „hautnah“. Der wissenschaftliche Duktus distanziert nicht, sondern bietet den ­Hintergrund für erlebtes Leid.

Durchgehend klar kommt die Ansicht der Autorin zum Ausdruck: Die sogenannten „Naturkatastrophen“ hängen mit langfristig währenden politischen Entscheidungen, mit sozialen Konfigurationen und Machtverhältnissen, mit den Konsequenzen jahrhundertelanger Kolonialherrschaft oder neokolonialer Wirtschafts- und Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten zusammen. Klimawandel, als Teil der globalen Ungerechtigkeit, verletzt die Menschenrechte vieler!

Was sollten wir dringend tun? Friederike Otto empfiehlt, neue Narrative zu (er)finden! Konstruktive, mächtige Narrative sollen dabei helfen, Ungleichheit abzubauen. Bloß die negativen Folgen des Klimawandels aufzuzeigen und auf sie dramatisch hinzuweisen, scheint strukturelle Ungleichheiten noch zu verstärken. Keine Panik verbreiten, schlägt die Autorin vor, sondern sich der eigenen Handlungsfähigkeit und Handlungsmacht bewusstwerden und auf sie vertrauen! Die Forscherin urteilt (S. 295): „Der Klimawandel ist keine Katastrophe, wegen der wir den Kopf in den Sand stecken müssen, sondern Anlass gemeinsam Dinge zu ändern.“

Ein Buch für politische Bildung und für am gesellschaftlichen und „natürlichen“ Wandel Interessierte. Ein Buch für Erwachsenenbildner*innen, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern beitragen wollen, Wissen in Erzählungen – Narrativen – einzubauen, um über eine lebenswerte Zukunft und Gegenwart zu lehren, zu lernen und diese zu gestalten. //

Lenz, Werner (2024): Friederike Otto: Klimaungerechtigkeit. Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Winter 2023/24, Heft 281/74. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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