Daniela Piegler begann ihre Karriere bei der Stadt Wien als Lehrling und studierte nach einer HAK-Matura im zweiten Bildungsweg Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien. Sie war in der Stabsstelle EU-Angelegenheiten der Stadt Wien tätig und ist in der Folge zum Fachbereich Erwachsenenbildung gekommen, dessen Leitung sie übernommen hat. 2023 hat Wien die Leitung des Ländernetzwerks übernommen. Daniela Piegler hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass Wien wieder der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung beigetreten ist.
Daniela, der Ausgangspunkt war ein Interview, das du der steirischen Erwachsenenbildung1 gegeben hast. Darin hast du gemeint, dass die Erwachsenenbildung in Zukunft wohl anders gedacht werden müsse und dem Bereich andere Aufgaben und Zielgruppen zugeschrieben werden. Und dieser Satz war dann der Impuls für dieses Interview. Was meinst du mit „anders gedacht“ und um welche Zielgruppen könnte es gehen?
In Zeiten finanzieller und personeller Engpässe könnten neue Wege beschritten werden, die vielleicht nicht gleich der Erwachsenenbildung zugeschrieben werden. Beim Programm ‚Level-up Erwachsenenbildung‘, beim Pflichtschulabschluss ist es so, dass der Kurs bereits im Alter von 15 Jahren begonnen werden kann, die Prüfung kann erst mit der Vollendung des 16. Lebensjahres abgelegt werden. Da sind wir schon in der Jugend. Ich kann mir auch vorstellen, dass Angebote der Erwachsenenbildung in andere Bereiche skaliert werden. Vielleicht eher Richtung Kinder und Jugendliche. Ich denke an Sprachvermittlung. Aufgrund dieser allumfassenden Ressourcenknappheit – Mangel an qualifizierten Mitarbeiter*innen für Kindergärten – wären auch neue Wege vorstellbar. In der Erwachsenenbildung haben wir gute Ideen zur Sprachvermittlung und viele Erfahrungen, die Umsetzung könnte beispielsweise auch im Kindergarten erfolgen.
Würde das in Richtung des Konzepts der Volksbildung gehen?
Ja, genau. Wenn wir die Herausforderungen betrachten, die sich in den Lebensphasen stellen, könnte es sinnvoll sein, Know-how und Erfahrungen aus der Erwachsenenbildung in allen Lebensphasen einzusetzen. Ich denke, dass die Erwachsenenbildung überall Aufgaben übernehmen und bestimmte Funktionen erfüllen kann. Sicherlich wird es auch so sein, wenn wir jetzt auf dem Kontinuum der Lebensphasen nach vorne schauen, dass sich für ältere Menschen, für Pensionistinnen und Pensionisten, die bereits mehrere Jahre mit Computern und Smartphones gearbeitet haben, andere Bedarfe ergeben, um ihre Digitalisierungskompetenz zu verbessern.
Vor Kurzem haben wir in der Steuerungsgruppe zum Qualifikationsplan 20302 über den Zugang zur „ID Austria“ gesprochen, die grundsätzlich für alle zugänglich ist, auch für Menschen mit Migrationshintergrund und einer anderen als der österreichischen Staatsbürgerschaft. Nur ist es so, dass diese nicht über das Magistratische Bezirksamt Zugang erhalten, sondern zur Polizei gehen müssen. Hier stellt sich die Frage, ob nicht andere niederschwellige Zugänge geschaffen werden können, wo auch die Erwachsenenbildung unterstützen kann.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Elternbildung. Die Initiative ‚Bildschirmfrei von Null bis Drei‘3 thematisiert, wie wichtig für Kinder Blickkontakt, Nähe und die Zeit sind, die sich die Eltern für sie nehmen. Hier ist Elternbildung gefordert, und in wenigen Fällen kennen Eltern Grundlegendes der Entwicklungspsychologie und wissen, wie sie es im Erziehungsalltag am besten anwenden können. Hier besteht
sicherlich noch viel Handlungsbedarf in der Erwachsenenbildung.
Ein aktuelles Thema ist der Fachkräftemangel, auch hier könnte die Erwachsenenbildung wichtige Aufgaben übernehmen.
Hier sehe ich die Erwachsenenbildung und die Wirtschaft, aber auch die Wissenschaft gleichermaßen gefordert. Für besonders wichtig halte ich, dass sich die entsprechenden Stakeholder zusammensetzen und gemeinsam überlegen, mit der Erwachsenenbildung und der Wissenschaft, in Wien mit dem WAFF und dem AMS, was in Bezug auf den Fachkräftemangel getan werden könnte. Ich habe das Gefühl, dass das viel zu wenig geschieht, dass Einzelne oft versuchen, Lösungen zu finden, aber kooperativ auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, das wäre wichtiger denn je.
Julia Bock-Schappelwein vom WIFO hat davon gesprochen, dass in nächster Zukunft an die 40.000 Arbeitskräfte fehlen werden.4 Und sie hat den Vorschlag gemacht, dass viele junge Menschen mit Migrationshintergrund und junge Geflüchtete zu Fachkräften ausgebildet werden könnten.
Da könnte man sich viele Leerläufe ersparen, wenn man gleich investieren würde. Ich orte noch ein sehr schematisches Denken, was Bildung und Qualifizierung für Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund betrifft. Das ‚Language-first-Prinzip‘ steht allzu oft im Vordergrund. Zuerst müsse Deutsch gelernt werden und dann komme alles andere. Auch von den Wirtschaftsvertreter*innen ist immer wieder zu hören, dass die Betriebe nur Mitarbeiter benötigen, die ausreichend Deutsch sprechen. Ich denke, hier müsste mehr kombiniert werden. Es sollte so rasch wie möglich gelingen, die Menschen in Arbeit zu bringen und gleichzeitig Deutsch zu lernen. Es ist keine Frage, dass die Kenntnis der deutschen Sprache sehr wichtig ist, aber das Deutschlernen muss nicht immer am Anfang stehen.
Das ist ein wichtiger Punkt und betrifft die Flexibilität sowohl bei der betrieblichen Integration als auch bei der Aneignung von Sprachkompetenz. Sowohl der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft als auch die Bildung sind hier gefordert. In Vorarlberg schult die Volkshochschule Götzis die Mitarbeiter*innen der Bäckerei Ölz während der Arbeitszeit in Deutsch.5
Das ist ein gutes Beispiel. Und hier geht es in weiterer Folge auch ganz stark um Ermächtigung, weil wir viele Menschen haben, die keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen und von vielen Formen der Teilhabe ausgeschlossen sind. Das muss nicht unbedingt die Wahlkabine sein; die Ermächtigung soll dazu führen, dass die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Das Empowerment ist doch ein zentrales Thema der Erwachsenenbildung. Welche neuen Ansätze siehst du hier?
Vor Kurzem wurde im 10. Bezirk die Bücherei Neues Landgut der Stadt Wien eröffnet.6 Sie ist als Erweiterung der eigenen vier Wände konzipiert. In Ruhe kann gelernt oder mit einer Zeitung auch gechillt werden. Es gibt viele Internetarbeitsplätze, und die Bücherei versteht sich auch als ‚Maker-Space‘. Sie verfügt über einen 3D-Drucker und Alltagsgegenstände, Werkzeuge, Haushaltshelfer können ausgeborgt werden. Die Büchereien sind zu einem ‚dritten Ort‘ geworden, die Freiflächen laden zum Verweilen ein – niederschwellig und ohne Konsumzwang.
Die Stadt Wien hat das Projekt ‚Coole Zonen‘ im Rahmen des Hitzeaktionsplans gemeinsam mit Urban Innovation Vienna und lokalen Partnern für vulnerable Menschen im Grätzl entwickelt. Diese coolen Zonen bieten im Sommer angenehme Temperaturen und sie sind für alle Menschen kostenfrei zugänglich, ohne etwas konsumieren zu müssen.7 Die Büchereien sind Partner und möglicherweise auch einzelne Volkshochschulen.
Wird deiner Meinung nach die Erwachsenenbildung gut wahrgenommen oder muss sie mehr auf sich aufmerksam machen? Wie steht es deiner Einschätzung nach um die Finanzierung der Erwachsenenbildung?
Ich glaube schon, dass die Erwachsenenbildung gesehen und als wichtig erachtet wird. Bei vielen Herausforderungen denkt die Politik an die Erwachsenenbildung. Es wird zwar der Unterschied gemacht zwischen der allgemeinen und der beruflichen Erwachsenenbildung, aber in dem Moment, wo es heißt, dass etwas gebraucht wird, kommt die Erwachsenenbildung ins Spiel. Das steht außer Frage.
Es wird notwendig sein, dass die Erwachsenenbildung eine Grundfinanzierung erhält, damit die Strukturen erhalten bleiben. Und vieles wird in weiterer Folge projektförmig abgewickelt. Aber die Grundstruktur muss erhalten bleiben, denn auf die Dauer wird es teurer, wenn sie zerstört und wieder aufgebaut werden muss.
Der Europäische Sozialfonds (ESF) bereitet uns aktuell große Sorgen, da man nicht weiß, wie es weitergeht. Wie wird der ESF nach 2027 aussehen und welche Förderungen sind für die Erwachsenenbildung zu erwarten?
Wenn es um Förderungen geht, ist immer wieder die Rede von Wirksamkeit und vom Messen von Wirkungen. Das wird wahrscheinlich auch auf die Erwachsenenbildung zukommen. Aber nicht in allen Bereichen ist alles messbar. Es wird jedenfalls eine Herausforderung für die Erwachsenenbildung, zu definieren, welche Wirkungen mit welchen Indikatoren gemessen werden können.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg! //











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